Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 11 (17.3.1893)
- Date
- 1893-03-17
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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%• Jahrs««- Kr. ll itti, 17. Märi lSstii. Central organ für die gefammten Interessen des Iudenthums. L. k. Postsxkuvalfrnsmt Clearingverkehr Nr. 810.076. Lrdsrtion mib Administralkon: Wien I. Franr Jofefs-Dnai Ar. S. Telephon-Nr. 6535. -#—- EigenLhüinrr: Rerchsraths-Adgeordneter Dr. Ktoch. -- Erscheint jeden eitag. Man adonnirl bet allen Postanstatte» des In- und Auslandes. Bezugspreis: Halbjährig t k. Einzelexemplare 2» kr. | Anzeigen: Die 4mal gespaltete I Petttzeile 12 kr. gj .. =~-- 7T-=-*t Inhalt: Seit nrti fei: Arische Privatbecunte. — Der Kronzeuge von Tisza-Esztar. — Na^ida Rciny. — Babylonische und hebräische Literatur. — Lesefrüchte. — Cori ei'p indenzen: Wien, Prag, Brünn, Retz, Budapest, Berlin, Jssoire, Lübeck, Karlsruhe, London' Westminster, Petersburg..— Bermischtes: Wien, Wagstadt, Tetschen a. E., Kaschau, Libvchowitz, Berlin, Amsterdam. — Feuilleton: Das Jndenschloß. — Wochen kalende r. — Brieflast n. — Inserate. Arische Privatbeamte. Seit dem Tage, wo das Thauwetter plötzlich umgestaltend in die Verhältnisse eingrifs und die gelbgranen Schneehaufen in schwarze Bäche verwandelte, haben wir im Abgevrdnetenhause eine Reihe von interessanten Reden gehört, wobei die vortrefflichen Schilderungen von Weißwäschhandlungen und die Anklagen gegen die Südbahn sich von selber als besonders anziehend empfehlen. Ohne daß unsere Wochenschrift sich rühmen könnte, zu Eisenbahnen und sonstigen Unternehmungen irgendwie in intimen Beziehungen zu stehen, müssen wir die Angriffe auf die Südbahn dennoch auf das Lebhafteste bedauern. Die Verwaltung der Südbahn ist seit Jahren bemüht, sich des Wohlwollens der Antisemiten würdig zu erweisen. Seit Jahren wüd an der Südbahn kein Jude als Beamter angesrellt und seit Jahren wird auch darauf gesehen, daß die Beamten, welche Juden sind und welche noch aus der Toleranzzeit her sich im Dienste der Südbahn befinden, von der Wohlthat des Avancements ausgeschlossen bleiben. Die Südbahn thut also in ihrer Sphäie das Mögliche, um den Forderungen des Antisemitismus Genüge zu leisten. Aber sie macht schmerzliche Erfahrungen. Der Dieb im Hause ist schlimm, aber nicht so schlimm, wie der Verräther im Hause, wie der Spion, der das Vertrauen seines Brodherrn mißbraucht, um die Geheimnisse' des Hauses auszukundschaften und sie dem Gegner auszuliefern. Es ist merkwürdig, daß der Antisemitismus, der gegenüber den Weißwäschhandlungen und sonstigen Modewarengeschäften den moralischen Standpunkt mit solcher - Strenge hervorkehrt, es nicht unreinlich findet, den Verrath und die Spionage für seine Zwecke auszunützen. Anti- " semitische Beamte der Südbahn, obwohl man die Judenconcurrenz zurückdrängt, sind undankbar genug, die Gesellschaft zu verrathen, die Interessen des Unternehmens preiszugeben, auf das sie angewiesen sind mit ihren Daseinsbedingungen für die Gegenwart und mit ihren Hoffnungen für die Zukunft. Und die brave Süvbahn, brav in antisemitischem Sinne, empfängt den Lohn, den sie verdient durch Vermittlung der antisemitischen Beamten, aus ^den Händen der antisemitischen Häuptlinge. Die arische Beamtenschaft an den Privatunternehmungen, wo man sie derart favorisirt hat, daß man ihretwegen dem Juden den Eintritt verwehrte, erweist sich als eine schlimme Gefahr; sie sind die verbissensten Feinde und heimtückische Verräther ihrer Wohlthat er und Vrodgcber. Ein jüdischer Beamter ist nie so tief gesunken. Für uns handelt es sich jedoch nicht um die elektrische Beleuchtung der Südbahn — und der Südbahnhof hat in Wahrheit ein sehr schlechtes Licht — sondern um einen hervorstechenden Zug unseres parlamentarischen Lebens. Eine tiefe Sehnsucht erfüllt die antisemitischen Herzen, die Sehnsucht nach einem österreichischen Panama. Man braucht ein Panama und man kann keines finden. Früher konnte man sich nstt kleinen Skandalen begnügen, mit feinen Scherzen, wie die Gärtner von Simmering sie verstehen. Aber jetzt nach den Pariser Vorgängen kann nur das G.ößte noch eine sensationelle Wirkung haben. Leeres Sehnen, vergebliches Hoffen; wir werden in Oesterreich niemals einen Skandal haben von der Natur und den Dimensionen des Panamascandals. Hängt sie doch aus, die riesengroßen Fahnen eurergerechten, moralischen Entrüstung; beim ersten Luftzuge hat auch der Wind schon das schlechte baunrwollene Zeug in Fetzen zerrissen. Die Idee, das atlantische Meer mit dem Stillen Ocean zu verbinden, konnte in Frankreich den Enthusiasmus wecken. Frankreich konnte den Ehrgeiz haben, auf amerikanischem Boden einen Kanal zu bauen, wie es dies auf egyptischer Erde vollbracht hatte. Es war eine verwegene Idee, vielleicht ist sie undurchführbar und jedenfalls müßte man eine lange Zeit warten, bevor man auf die Kosten käme. Bei uns aber wird schon die Regulirung des Wienflusses als gigantisches Unternehmen betrachtet und bei uns sind nur jene Parteien populär, welche jedes neue Unternehmen hassen und welche Wien am Tiefsten herunter zu bringen suchen. Eine quartalslange Budgetdebatte, gekennzeichnet durch die Jagd nach einem Panamascandal, wurde noch ernsthaft angehört und ernsthaft besprochen. Und da man kein Panama hatte, sollte die Südbahn Ersatz bieten. Man brauchte Informationen und man fand sie bei verrätherischen spionir enden Beamten. Die Freiheit der Tribüne in Oesterreich hat die Bedeutung, daß Jeder vogelsrei den Verleumdungen preisgegeben ist, die unter dem Schutze der Immunität gegen ihn ausgesprochen werden. Vergeblich ist der Appell an die moralischen Empfindungen, vergeblich der Appell an die Wahrheitsliebe. Eher wird die Südbahn noch, und das will viel sagen, einen neuen Waggon anschaffen oder einen Juden in ihrem Beamtenkörperaufnehmen, bevor ein antisemitischer Abgeordneter sich zu einem Widerrufe entschließt. Die Südbahn und ihre Gebrechen; bedarf es da erst der Erfindung, der Verleumdung, der Auskundschaftung? Aber so stehen die Dinge denn doch nicht, daß es gefährlich wäre, das philosemitische Mödling auszusuchen oder mit Dr. Lueger Schwefelbäder in dem philosemitischen Baden zu nehmen, oder die Schächterdebatten im Graz--r Gemeinderath anzuhören