Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 10 (10.3.1893)
- Date
- 1893-03-10
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
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Seite 186 Oestrrreützisrtze Wochrnschrist Nr: 10 die Verpflegskosten per Kopf und Tag 2'29 fl. betragen. An 4 Mitglieder wurden an Curbeiträgen für die Dauer von 120 Tagen der Betrag von 84 fl. geleistet. Der Bericht gedenkt der erhebenden Feier anläßlich des hundertjährigen Jubiläums und des besonders ausgegebenen Jubiläumsberichtes. Den Verfassern desselben, dem Herrn Jur. Dr. Schneider, Landesadvocaten in Prag und dem Herrn Elias Wahle sei hiemit für die unermüdliche Ausdauerdie sie anläßlich der gediegenen Ausarbeitung desselben an den Tag legten, der gebührende Dank ausgesprochen. Im Hinblick auf die Möglichkeit einer Cholerainvasion in Prag, gedenkt der Bericht der Thätigkeit des Vereines im Cholerajahr 1831, wo eine besondere Cholerakranken-Wärteraustalt gegründet wurde, die unter sanitätsbehördlicher Aufsicht stand und in der Zeit vom 29. November 1831 bis 9. März 1832 unausgesetzt thätig war. Von derselben wurden 61 Cholerakranke ohne Unterschied der Confession in ihren Behausungen durch beigestellte Wärter gepflegt und ihnen der nothwendige Bedarf an Holz, Licht und Thee zu jeder Tages- und Nachtzeit verabfolgt, was einen Kostenaufwand von 3439.20 fl. erforderte. Nach Genehmigung des Geschäftsberichtes verlas der Cassier Herr W. Heller den Cassabericht, demzufolge die Einnahmen 2631 fl., die Ausgaben 2612 fl. betrugen und der Stand des Vereinsvermögens mit Schluß des Jahres 1892 mit 28.289°86 fl. sichergestellt wurden. An Spenden sind der Vereinscassa zugeflossen 260 fl. Den edlen Gönnern des Vereines wurde der Dank ausgedrückt. Nach Verlesung des Revisionsberichtes wurde dem Vorstande das Absolutorium ertheilt und wurden die Wahlen vorgenommen. Der frühere Vorstand wurde mit großer Majorität wieder gewählt, ebenso die früheren Rechnungsrevisoren. 9tikolsbrrrg. Der von unserem Rabbiner, Herrn Dr. Feuchtwang gegründete „Verein Zion" zur Pflege jüdischer Wissenschaft'- hielt gestern die constituirende Generalversammlung ab vor welcher die genehmigten Statuten verlesen wurden. Der Verein zählt bis heute 68 Mitglieder und die in demselben gehaltenen Vorträge erfreuen sich eines überaus zahlreichen Besuches. Herr Rabbiner Dr. Feuchtwang sprach bis jetzt über folgende Themata. 1. Sintfluth und Weltschöpfung. 2. Die poetischen Biebelabschnitte; das Meereslied. 3. Raschi's Leben und Werke. 4. D?r sittliche Werth der Berachot. 5 und 6. Die Makkabäer. 7. Die Jüdin der Gegenwart und Vergangenheit. 8. Ueber Andacht. 9. Das Kaddisch-Gebet. 10. Maimonides. In der ersten Generalversammlung wurde Herr Rabb. Dr. Feuchtwang zum Ehrenmitglied des Vereines ernannt. Besonders erfreulich ist es, daß die junge Generation mit großem Jnteresie die Bestrebungen des Vereines fördert und wir können hoffen, daß derselbe zu immer größerer Blüte kommen werde. Da Jedermann, auch Nichtmitglieder, Zutritt zu den Vereinsabenden hat, ist eine stets jahlreiche Betheiligung zu erwarten. Die Belehrung kommt Alt und Jung zu gute. Kassel, 22. Februar. Eine bemerkenswerlhe Entscheidung lvurde vom Schöffengericht zu Burghaun im Kreise Hünfeld kürzlich getroffen. Die Juden hatten auf ihrem Friedhof am Somrtog ein Grab gemacht und gegen die deshalb erhobene Anklage mit der Einrede sich zu schützen gesucht, daß es ihnen verboten sei, am Sabbath zu arbeiten, sowie ein Grab über Nacht offen zu lasten. Die Verwesung der Leiche sei bereits stark vorgeschritten und letztere nicht länger im Hause aufzubewahren gewesen; demnach müßten auch die Anfertiger des Grabes straflos bleiben. Das Gericht erkannte jedoch einen die Strafe ausschließenden Nothstand (§ 54 Str.-G.-B.) nicht an und bestrafte die Angeklagten. Neutz, 18. Februar. Die „Neußer Ztg." (amtliches Kreisblatt) schreibt: „In der Nacht von Sonntag auf Montag wurden die Häuser verschiedener in der Friedrichstraße wohnenden Israeliten mit Mennig beschmiert. Bis jetzt ist es leider noch nichl gelungen, die Verüber des Bubenstreiches ausfindig zu machen." Stuttgart, 26. Februar. Aus Anlaß des Geburtsfestes Sr. Majestät des Königs von Württemberg wurden der israelitische Oberkirchenvorsteher Neumann mit dem Ritterkreuz I. Classe des Friedrichsordens, der zweite Etadt- und Polizelarzt Dr. Steiner mit dem Sanitätsraths-Titel und der Kaufmann S. Weller durch Ernennung zum Hof-Lieferanten ausgezeichnet. Athen, 16. Februar. Ein Theil der Bevölkerung von Zante hatte vor einiger Zeit gegen die in der jetzt durch Erdbeben zerstörten Stadt wohnhaft gewesenen Juden Ausschreitungen begangen. Die Angelegenheit hatte vorige Woche vor dem hiesigen Strafgericht ihr Nachspiel. Vier Angeklagte wurden zu je 40 Monaten Gefängniß, einer zu sechs Jahren Zuchthaus, mehrere andere zu Gefängnißstrafen zwischen drei und vier Jahreti verurtheilt. Feuilleton Die große Glocke;u Argentan. Eine historische Erzählung. Die Stadt Argentan, die heute nur noch wegen ihrer Spitzen-Jndustrie einige Bedeutung hat, nahm im späten Mittelalter eine hervorragende Stellung unter den Städten der Normandie ein. Besonders berühmt waren ihre Messen. Selbstverständlich, daß ihr zu dieser Stellung auch Juden mitgeholfen haben. Denn bei allen Bedrückungen der Juden in Frankreich, die fast noch härter als in Deutschland waren und namentlich von Ludwig' dem Heiligen bis Philipp den Schönen immer grausamer wurden, haben die Juden doch den Handel in ihren Händen gehabt, der nach ihrer Austreibung durch den letztgenannten König ins Stocken gerieth, so mußte endlich die Geldcirculation unterbrochen werden, denn der König saß sich genöthigt, den Clerus zu besteuern und die Reichthümer des Tempi lordens zu consisciren, um seine Geldgier befriedigen zu können, wenn er auch dadurch den Bann des Papstes Bonifacius Vitt auf sich lud und den Stuhl Petri von Rom nach Avignon versetzen mußte, daß er dabei bald in Trümmer gegangen wäre. Aber auch diese officielle Austreibung durch Philipp den Schönen hatte noch nicht den letzten Juden von Frankreichs Boden weggefegr. Die Basallen ftagten nicht viel nach der Krone und experimentirten fort mit ihren Juden. So wurden die letzten Juden der Grafschaft Alen^on erst zu Anfang des letzten Viertels des XVI. Jahrhunderts vertrieben, nachdem die ftomme Gräfin Maria von Spanien es vergebens versucht hatte, sie durch die Schrecken der Scheiterhaufen zu bekehren. Ein solches Schauspiel hatten die Bürger von Argentan im Jahre 1367. Die Inden bildeten in der Stadt eine ansehnliche Gemeinde, wohlhabender und gebildeter, als es sonst die französischen Juden waren, weil sie in Handelsverbindung mit ihren Glaubensgenossen Kastiliens und Aragoniens stand. Wie gewöhnlich wurde gegen den Reichsten in der Gemeinde eine Beschuldigung erhoben, durch die Folter ein Geständniß erpreßt und über ihn und seine Familie der Feuertod verhängt. Nur einer Tochter wurde diesmal die Seligkeit des gemeinsamen Märtyrertodes mit ihren Eltern und Geschwistern nicht gegönnt, um sie wegen ihrer Schönheit für die Kirche und ihre Diener zurückzubehalten. Das Mädchen vereitelte jedoch durch ihre Flucht diesen menschenfreundlichen Plan der Henker' ihrer Eltern. Diese Flucht wurde aber wieder zu einer neuen Anklage geger die ganze Judengemeinde, daß sie derselben Vorschub' leistete und damit die Taufe des Mädchens verhinderte. Und so wurde bald darauf die Austreibung sämmtlicher Juden Argentans und der ganzen Graffchaft Alen^ons ins Werk gesetzt, natürlich nach bewährtem Muster von Philipp des Schönen, daß man sie vorerst alles Vermögens und selbst der Kleider beraubte. Am Sonntag nach Ostern des Jahres 1377 ritt Meister Jaques Gaulthier, Sohn des Prevots der Kaufmannschaft der guten Stadt Paris, heiter auf einer kräftigen normannischen Stute seines Weges- Ihrer Kraft ungeachtet, schien die Stute sehr ermüdet zu sein, und Gaulthier hielt von Zeit zu Zeit an, um sie verschnaufen zu lassen. Er hatte weder einen sehr weiten Weg znrückgelegt, noch war die Hitze sehr drückend gewesen, aber hinter dem Sattel lag ein Mantelsack mit vielem gemünzten Golde, denn Meister Jaques wollte zur Messe nach Argentan und dort bedeutende Einkäufe machen, weil muthmaßlich die Artikel seines Geschäftes einer steigenden Tendenz entgegsngehen, nachdem durch die jüngst erfolgte Austreibungder Juden eine gefährliche Concurrenz aus dem Wege geschafft wurde. Gaulthier war der Grenze von Porche nahe, als es zum Dunkeln begann. Er hatte bis Argentan noch vier Stunden. Er wagte nicht, sein Pferd stärker anzutreiben, und fürchtete, auf dem ganzen Wege kein einziges Wirthshäus zu finden, in welchem er ruhen könnte. Diese Verzögerung war ihm um so unangenehmer, als er wußte, daß andere Kaufleute schon voraus waren, 'die ihm leicht die. besten Sacken vorwegkanfen konnten, obgleich die Messe erst am nächsten Tage eröffnet wurde.