Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 10 (10.3.1893)
- Date
- 1893-03-10
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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Nr. 10 Oeflrrreichische Wochenschrift 'Seite 187 Mit solchen Gedanken beschäftigt, bemerkte Gaulthier - einen Bauern, den er fragte, ob links durch den Wald von Gonferne ein Weg nach Argentan führe. „Freilich," sagte der Bauer, „er ist viel näher und nicht zu fehlen, aber— — —" „Was für aber? Ist es nicht geheuer durch den Wald zu reisen?" Das ist es. Allerlei versprengtes Volk von weit unten im Süden, jenseits der Berge, besonders maurische Ungläubige, machen unsere Gegend unsicher. Sie rauben nicht nur, sondern tobten auch ihre Opfer, denn sie hassen uns Christen, und sie sind bis an die Zehen bewaffnet, daß es nicht möglich ist, mit heiler Haut von ihnen loszukommen. „Hat man auch in den letzten Tagen von solchen Ueberfällen gehört? Seit Kurzen! ist kein Mord vorgekommen, und man schreibt dies allgemein der Macht eines Judenmädchens über den Führer dieser Mäurenbande zu. Dieses Mädchen soll ein Ueberrest der vertriebenen Juden aus. Argentan sein. Sie ist . überall und nirgends zu finden. Sie erscheint, wenn irgendwo Hilfe nöthig ist, und verschwindet ebenso plötzlich, wenn die Gefahr vorüber ist. Eine Hexe ist sie unstreitig, aber eine von guter Art, die dem Teufel entgegenarbeitet. Es wär' schade, wenn diese den Gerichten in die Hände fiele." Als ob er sich dem Bauern gegenüber der Feigheit schämte, oder als ob das junge Pariser Blut sich nach einem Abenteuer mit der jungen Hexe" sehnte, setzte Gaulthier seine Stute in Galopp dem Walde zu. Die Sonne gieng eben unter, doch die Abenddämmerung verbreitete noch ein sanftes Licht. Als er jedoch tiefer in den Wald hineinkam, wurde es bald sehr dunkel, und Ganlthier sehnte sich, das Ziel seiner Reise noch vor dem gänzlichen Einbrüche der Nacht zu erreichen. Er fühlte sich allmälig von Furcht beschlichen, als plötzlich sein Pferd stutzte, und dann einen Schritt zurückwich. Er bemerkte in geringer Entfernung vor sich einen menschlichen Schatten, aber den Schatten eines Weibes, das halb nackt und mit fliegenden Haaren zu fliehen schien. Er bekreuzigte sich und faßte wieder Muth, indem er sich zu überreden suchte, es sei nur eine Vision. Dann setzte er sein Pferd wieder in Galopp, doch der Schatten blieb immer in gleicher Entfernung von ihm. Hielt er an, so stand auch der,Schatten still. So folgte er dem durch den Wald führenden Pfade wenigstens eine Stunde lang, und er meinte, daß er schon seit einer halben Stunde hätte im Freien sein können. Er fieng daher an zu glauben, daß ein böser Geist ihn necke, da sah er, vor Angst zitternd, drei Männer aus dem dichten Gebüsch hervortreten und im Begriff, seinem Pferde in die Zügel zu fallen. In diesem Augenblicke jedoch war schon die zauberhafte Frauengestalt hart an einem dieser drei Männer, der bereits den braunen Mantel zurückschlug und aus dem Gürtel einen Dolch zog, dessen Griff von edlen Steinen funkelte. „Beflecke deine Hand nicht mit Blut, Abdulla, "sonst schrecke ich vor ihrer Berührung zurück/' sagte in kastilischer Sprache, die auch Gaulthier verstand, das junge Mädchen, denn Gaulthier sah jetzt, daß die Erscheinung ein junges Mädchen in frischer Jugendblüthe war- „Lass diesen Christ ruhig seines Weges ziehen." Wie von einem Zauber gebannt, blieb der Maure stehen, und Gaulthier jagte in wilder Flucht fort, so.schnell die Finsterniß und das dichte Gehölz es gestatteten. In seiner Angst that er das Gelübde, wenn er glücklich entkomme, wolle er der Kirche von Saint-Germain-d'Argentan eine große Summe widmen. Bald kam er auf einen gebahnten Weg, und hörte schon von der Ferne, eine Glocke. Es war die Feierabendglocke in Argentan. Wie fühlte er sich da erleichtert! Wie freudig folgte er der Richtung, aus der die Glockentöne erschallten! U id noch vor zehn Uhr hatte er die Stadt erreicht. Gaulthier ließ sich nach dem besten Wirthshause zeigen, und als er dessen Thor erreichte, stürzte seine schöne normanische Stute tobt nieder, er selbst mußte aber in ein Zimmer getragen werden, wo ein Arzt die ganze Nacht bei ihm wachte. — . Am nächsten Tage wurde die Messe durch das schönste Frühlingswetter begünstigt; aber es fehlte ihr jede Lebhaftigkeit -des Verkehrs. Gaulthier fühlte sich zwar noch sehr unwohl, konnte aber doch leicht seine Einkäufe machen. Nur durck einen fremden Händler wurde der Preis etwas gesteigert. Es war dies ein 'Mann in kastilianischer Kleidung, aber mit dem maurischen Character in den Zügen. Dieser Fremde traf mit Gaulthier öfters zusammen, und immer erblaßte letzterer. Es war ihm, als ob er ihn irgendwo in einem ängstlichen Traume gesehen hätte. Er wagte nicht zu glauben, daß er einer jener drei Männer im Walde war. Einmal begegnete ihm Gaulthier in einer öden Gasse, die früher das Judenquartier war. Der Maure trat mit einer jungen Dame aus einem der verfallenen Häuser und Gaulthier erkannte sofort das Mädchen, das ihm im Walde das Leben gerettet. Im Marktgewoge und unter dem S.l.mye des tollkühnen Mauren wagte sich das flüchtige Judenkind wieder in ihre Geburtsstadt, in ihr verödetes Elternhaus, wohin die Sehnsuch' sie trieb, um einmal mit Wollust in ihren schmerzlichen Erinnerungen zu wühlen und sich recht auszuweinen in der Stätte, wo all ihr Jugendglück begraben ist. Mit dem Bilde des Mädchens im Herzen trat Gaulthier, nachdem er seine Geschäfte beendigt hatte, die Rückreise nach Paris an. Er ging sofort an die Erfüllung seines Gelübdes, ließ Glockengießer aus Lothringen kommen und verhandelte mit ihnen über den Guß einer Glocke zu f>00 Pfund Schwere. Die Einweihung dieser Glocke fand zu Argentan, am r>. Mai i:>78 statt. Sie wurde mit dem Namen Marie von Spanien, Gräfin von Aleneon, Etampes und Porches getauft. Die Gräfin selbst wurde dazu nach Argentan geladen. Der Bischof von Saute war Taufpathe. Es war ein Tag des Festes und der Frömmigkeit, den das Schauspiel der Hinrichtung, einer Hexe beschließen sollte. Das Opfer sollte ein junges Judemnädchen sein, das sich seit fast zwei Jahren in dieser Gegend herumtrieb, durch Zauberkünste das Landvolk verführe und vom Glauben abspenstig machte, und ihre Wohnung in dem verfallenen Lager Cäsars aufgeschlagen hatte, dem niemand zu nahen wagte. Endlich aber war es den Reitern der Marechaussee doch gelungen sich der Zauberin zu bemächtigen, und seit einem Monate sah sie in einem Gefängnisse der Stadt ihrer Hinrichtung entgegen. Sie schien über das ihr bestimmte Los nicht erschrocken zu sein; wenigstens sprach sie keine Klage ans, und überhaupt hatte man ihr seit ihrer Gefangenschaft kein Wort zu entreißen vermocht. Am Tage ihrer Verhaftung war sie durch einen Mann von herkulischer Kraft vertheidigt worden, der bei ihrer Bertheidigung fiel, nachdem er drei Reiter gelobtet hatte. Der Scheiterhaufen stand bereit. Gaulthier wollte in düsterer Ahnung das Autodafe nicht mit ansehen. Aber die Gräfin Maria von Spanien bat ihn, bei ihr wenigstens im Stadthause, wo sie einquartiert war, zu bleiben, um das junge Mädchen vorüberkommen zu sehen. Gaulthier gehorchte, und als die Verurtheilte, die von einem Dominikaner begleitet wurde, unter den Fenstern des Stadthauses vorüberkam und Gaulthier ihrer ansichtig wurde, erbleichte er, und zurückweichend stieß er den Schrei ans: „Sie ist's!" Sogleich sank er der Gräfin zu Füßen und rief: „Gnade, Gnade für die Unglückliche!" Die Gräfin sah zwar nicht ein, welches Interesse Gaulthier an der Verurteilten nehmen konnte, aber sie war ihm zugethan, und schob vor der Hand die Hinrichtung auf. Noch an demselben Abende erhielt Gaulthier die Erlanbniß, sich in den Kerker der Zauberin begeben zu dürfen. Auf die ersten Worte, die er an sie richtete, erhob sie den Kopf und antwortete: „Wenn Ihr es seid, der mich vom Tode errettete, oder meine Hinrichtung verzögerte, so sage ich Euch auch dafür keinen Dank. Ich war zu dem Opfer bereit. Ich gehöre dem Stamme an, der des To^es von Christenhänden spottet." „Erkennst du mich nicht? frug Gaulthier. Sie heftete ihre Blicke auf ihn und gab ihm durch ein Zeichen zu verstehen, daß sie sich seiner nicht erinnere. „Besinn' dich ausi die Nacht eines Frühlingssonntags vor zwei Jahren im Walde von Gouferun. „Eine finstere Nacht," entgegnete sie, „ich rettete einem Christen das Leben." „Und der bin ich!" , Ihr? Und weshalb habt Ihr dann nicht mit eigenen Händen den Scheiterhaufen augezündet, der mich verbrennen sollte? Das wäre echt christlich gewesen! „Unser Evangelium' gebietet uns Liebe und Barmherzigkeit." „Ihr zeigt es an uns Juden", lachte sie wild auf. „Wir wollen Eure Seelen retten! Werde Christin und auch dein Leib ist gerettet!"