Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 10 (10.3.1893)
- Date
- 1893-03-10
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 180 Velterreichisrtze Wochenfürrist ’Jlv. 10 Ist. Ferien-Colonie. Edel fei der Mensch, Hilfreich und gul- Denu das allein Unterscheidet ihn Bon. allen Wesen. Die wir kennen. Göthe. Die Lcituilg dieser wahrhaft Humanitären Institution versendet den ersten Jahresbericht ihrer segensreichen Wirksamkeit. Wir entnehmen demselben folgende intereffante Daten: Am 19. März 1892 wurde in einer Versammlung des Vereines „Oesterreichisch-Jsraelitische Union" die dringende Nothwendigkeit hervorgehoben, jenen Kindern armer jüdischer Familien, welche Landlnft bcnöthlgcn und in religiösen Häusern erzogen sind, die Möglichkeit zu bieten, einen Landaufenthalt ohne Verletzung der religiösen Satzungen zu gewähren. Da der Vorstand des genannten Vereines nach den Statuten zur Gründung eines derartigen Vereines nicht berechtigt ist, wurde in jener Versammlung Frau Dr. G r ü n f e l d eingeladen, die Gründung einer solchen jüdischen Ferien-Colonie in die Hand zu nehmen. Die Anregung wurde von der Versammlung mit Acclamation begrüßt und anwesende Vereins-Mitglieder zeichneten sofort namhafte Beträge. In Folge dieser mit Beifall aufgenomulenen Idee und der sich vielfach kundgegebenen Bereitwilligkeit zur materiellen Unterstützung derselben erschien in der „Oesterreichischen Wochenschrift" vom 1. April 1892ein Aufruf und das Ergebniß dieses Appells an unsere edelgesinnten Glaubensgenossen war ein so günstiges, das; nun an die Verwirklichung dieser Idee geschritten werden konnte. 45 arme, meist kränkliche Kinder genossen die unschätzbare Wohlthat des Landaufenthaltes und kamen, wie die bei jedem Einzelnen genau constatirte Gewichtszunahme bewies, neu gestärkt und gekräftigt wieder hier an. — Die Namen aller, die dazu beigetragen haben, die Ferien-Colonie in's Leben zu rufen, hier anzufübren, ist nicht leicht möglich. Mögen sie in dem beseligenden Bewußtsein, eine große Wohlthat ausgeübt zu haben, ihren Lohn finden! — Aus dem „Bericht über die isr. Ferien- Colonie in Wien im Jahre 1892" führen wir hier noch an das Schlußwort: Am 14. Dccember 1892 fand über Anregung eines rührigen Comites eine für unseren Zweck veranstaltete Academie im Ball-- saale Ronacher statt, welche unter Mitwirkung hervorragender Kunstkräste, der Damen Frau Auguste W ilb r and t - B a ud ius, Fräulein Leopoldine Augustin, Josefine Glöckner, Irma G o l z, Ella Pancera, Bianca P a n t e o, der Herren M. A l s i e r i, Eduard K orna u, Emil Steg er, ein glänzendes Resultat lieferte. Ein von Moriz v. G u t m a n n verfaßter Prolog wurde von Herrn Victor Kutschers wirksamst vorgetragen. Die Betheiligung war großartig und ergab die Academie ein Reinerträgniß von 1900 fl. Sowohl der erfreuliche Erfolg der Geldspenden als auch das günstige Ergebniß des Ferien-Aufenthaltes, sowie weiters das Vertrauen, welches in dem glänzenden Resultate der Academie zum Ausdrucke kam, veraulaffen die Leitung, sich die Ausgabe der Ferieu-Colonieu wesentlich zu erweitern und im Jahre 1893 mindestens 100 Kindern die Wohlthat eines Ferien-Aufenthaltes angedeihen zu lassen. Die Gesundheit ist das kostbarste Gut der Menschen; sie erhalten ist Pflicht, sie kräftigen ist Vernunft. Verhüten, daß das Leiden eines Kindes mit demselben großwächst, heißt ein Capital aus Zinsen anlegeu, denn Kinder sind heilige, uns v.on Gott anvertrautc Pfänder, über die wir dereinst Rechenschaft ablegen müssen. Unsere eigenen Kinder kräftigen wir mit Lust und Liebe rrnd sollen auch helfen, wenn es sich bietet, armen, kranken Kindern die Wohlthat von Landlust und guter Nahrung zu gewähren. Findet eine Mutter von gesunden Kindern nicht Befriedigung, wenn sie andern armen und kranken Kindern durch eine bescheidene Gabe deren Leiden lindern hilft? Kann es was Süßeres geben als auf blassen Kinderwangen die Morgenröthe der Gesundheit hervorzulocken? Im abgelausenen Jahre haben wir durch die Güte der Wohlthäter eine Schaar von Kindern in's Freie geschickt, der Versuch gelang, und planen wir diese im Vorjahr entsendete Anzahl mindestens um das Doppelte zu vergrößern, wenn unsere Wohlthäter uns fürderhin ihr Wohlwollen schenken uud dadurch unsere Ziele fördern. Die bisherige Sympathie» die unserer Gründung entgcgengebracht wird, läßt auf ein weiteres Gedeihen schließen und bitten wir edle Menschenfreunde, uus auch im heurigen Jahre mit Spenden gütigst versehen zu wollen. Wien, am 1. März 1893. Sofie Griinfeld, (I., Lchottenring Nr. 2.) Dir Inschristen des alten Prager Iudenfriedhofes. Saxa loquuutur. Steine sprechen. Ein hohes Interesse gewinnt insbesondere die Sprache der Steine auf den Gräbern unserer Vorfahren und wir sind Herrn Moritz Pop p e r zu Dank verpflichtet, daß er durch culturhistorische und historische Bearbeitung der zum erstenmal vollständig von Leopold M. Popper entzifferten „Inschriften des alten Prager Judenfriedhofes" (Frankfurt a. Main, Verlag von I. Kaufmann, erstes Heft) eine Arbeit geliefert hat, zum ewigen Gedächtniß fi'ir die spätesten Generationen. Was das Werk Popper's für den Moment doppelt werthvoll und actuell macht, ist der Umstand, daß es uns im ersten Hefte einen Einblick gewährt in die Art des Erwerbes und des Erwerbsleben der Judengemeinde Prags bis Anfangs des sechzehnten Jahrhunderts, die ältesten Grabsteine tragen nämlich die Jahreszahl 1530. Freilich ist anzunehmen, daß Grabsteine älteren Datums, weil vermorscht und verlvittert, als Schotter verwendet worden sein dürften, allein auch aus den noch erhaltenen läßt sich ein ziemlich getreues Bild construiren. Und da finden wir die hochbedeutsame Thatsache, daß in der Judengemeinde Prags alle Handwerke, deren sie bedurfte, vertreten waren, der Anwurf der Antisemiten, daß sich die Juden von den Handwerken, insbesondere von solchen, die schwere manuelle Thätigkeit erfordern, abwenden, erweist sich demnach, auch lvas die Vergangenheit betrifft, als erlogen. Gehen wir nun an die Aufzählung der Gewerbe, so finden wir, daß in der Prager Judengemeinde thätig waren: Schneider (1650*), S ch u st e r (1632), Gerb er (1680), Färber (1637), K ü r s ch n e r (l 641), H u t m a ch e r (1682), H a n d s ch u h m a ch e r (1745), Niemer (1680), Sattler (1771), Fleischer (1586), Zimmermänuer (1665), Aextenwacher (1708), Nagelschmiede (1770), Eisendreher (1721), Glaser (1620), Töpfer (1710), M a tra tz e nm a ch e r (1719), Tapezierer (1769), L i cli tzieh er *(1779), Kohlenbrenner (1671), Architekte (1625), Male r (1726), Goldschmiede (1601), P e r lh e f t e r (1594), S ch n ü r m a ch e r (1581), Graveure (1727), Optiker (1725), Schleifer (1679), Barbiere (1657), Apotheker (1640), Buch d r u ck e r (1530), B n «fitz in d er (1629), W a gn er (1689). Was die Namen der in den Grabsteinen verewigten Handwerker betrifft, so -finden wir die Altschul, Gans, Fanta, Hirsch, Fröschels, Beer, Wehli, Jeittzles, Gvtz, Klaber, Benzion, Mislag, Osers, Aschkenas, Pick, Katz, Goldschmid, Herz, Brandeis, Poria, Pfefferkorn, Doctor, Leon, Mair, Epstein, Bondi, Fürth, Horwitz, Popper, Gerson, Basch, Back, Wolf, Leipen, Freund u. s. w., wie sie jetzt noch geläufig sind und die wenigsten der Träger haben das Bewußtsein, daß ihr Stammbaum bis tief ins Mittelalter reicht und daß sie Ahnen besitzen, die sich durch ihrer Hände Arbeit ehrlich und redlich ernährt und nicht durch Raubritterthum bereichert haben. Ein zweiter Abschnitt gibt uns ein Bild der socialen Stellung und Einrichtungen des alten Prager Ghetto, wie sie ans den Inschriften der denkwürdigen Grabsteine überliefert werden, und da erfahren wir, daß es außer rabbinischen, auch Richter aus dem Laieustande gegeben, welche ihre Sentenz nach mündlichen Verfahren fällten und, was besonders hervorgehoben zu werden verdient, nicht nur in Streitsachen zwischen Juden, sondern auch in Processen zwischen Juden und 9t ichtjude n. Der älteste Grabstein eines Laienrichters datirt aus dem Jahre 1609. Ferner gab es einen eigenen Stand der Schreiber und Secretäre — exclusive der Schreiber der Ritualien Es finden sich zehn Grabsteine von Moses, Gemeindesecretär von Wien (1657), Simon Leipen, Schreiber der Provinz Böhmen (1671) u. s. w. Weiters werden angeführt Inschriften der Grabsteine von Krankenwärter und Wärterinnen (1635), Trager *) Diecingellaininerte Ziffer bedeut.! die Jahreszahl der ältesten . Grabsteine. .