Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 10 (10.3.1893)
- Date
- 1893-03-10
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seile 178 Orstrrreichiflixe Fanatismus, die crasse Ignoranz und überhaupt die „ganz andere Weltanschauung" der Juden wird künftighin am wirksamsten dadurch geheilt, daß wir sie aus unseren Schulen gänzlich for-tjagen, und ihnen alle Mittel zur Aneignung der europäischen Zivilisation vollständig wegnehmen. Probatum est! 3.) Sintemal die Juden seit Jahrhunderten, am „morbus mercurialis“ *) d. h. Handels- oder Schacherkrankhcit leiden, so muß diesem Uebel dadurch abgeholfen werden, daß man ihnen jede anständige Profession verbietet, sie zu keinen Staats- oder Communalamte zuläßt und ihnen untersagt, das zu betreiben was einen Menschen auf anständige und ehrliche Weise ernähren kann. 4.) Um den Juden die Liebe zum Ackerbau und zur Landwirthschaft beizubringen, muß man den wenigen jüdischen Colonisten, die wir in Südrußland haben, alle Privilegien abnehmen, ihre Landparcellen verkleinern undihnen überhaupt das Leben ungemein sauer machen. Das sind in großen Zügen die homöopathischen Mittel, welche die, unter der gegenwärtigen Regierung fast unaufhörlich tagenden „Judencommissionen" zur Lösung der sogen. „Judenfrage" ausfindig gemacht haben. Und diese Mittel wurden und werden in Form von Ukasen und ministeriellen Lerfügungcn, in rapider Reihenfolge, aus der Theorie in die Praxis übertragen. Das Bildungsverbot für die Juden ist im vorigen Artikel näher beleuchtet worden. Und was die Freizügigkeit der Juden betrifft, so werden gegenwärtig die grausamsten Maßregeln ergriffen, um den ohnehin zusammengedrückten Juden buchstäblich den Boden unter den Füßen zu entziehen. In letzter Zeit wurden gegen siebzig Städte und Marktflecken des „Ansiedelungsrayons in Dörfer „runbenannt", um die Juden aus denselben ausweisen zu können. Zwar haben die christlichen Einwohner jener Ortschaften gegen die willkürliche „Umbenennung", die einen bedeuteuden Schaden dem Handel und Gewerbe zufügt, heftig chrotestirt, -und manche „umbenannte" Stadt (z. B. der ziemlich bedeutende Handelsort Kachowka im Taurischen Gouvernement), die durch diese Maßregel vollständig ruinirt wird, schickte sogar Deputationen zum Minister um die „Verdorfung" rückgängig zu machen, — aber man kennt ja die Antwort die unsere Regierung bei ähnlichen Vorstellungen zu ertheilen pflegt; Ja ne kupez, d. h.: Ich bin kein Kaufmann. Und diese Antwort wird auch thatsächlich denjenigen russ. Blättern ertheitt, die die Regierung auf den Schaden aufmerksam machen, welchen der Fiscus durch die „Umbenennung" erleidet, da die Handelssteuern und sonstigen Kronabgaben in den Dörfern bedeutend medriger nominirt sind als in den Städten. Aber die Regierung ist kein Kaufmann, was scheert sie die Einnahmen, was scheert sie Handel und Gewerbe, wenn sie nur die s ep a r a t i st i s ch e n Juden durch ein engeres Zusammendrücken.gründlich auscuriren kann. Ebenso gründlich homöopathisch curirt unsere neueste Gesetzgebung die angebliche Antipathie der Juden gegen den Ackerbau. Im vorigen September besuchte bekanntlich der Domänenminister Ostrowsky die jüdischen Colonien in Südrußland und nachdem er sich von der Tüchtigkeit und Arbeitsliebe der jüdischen Ackerbauer persönlich überzeugt und seine Befriedigung darüber in beredten Worten öffentlich zum Ausdruck gebracht hat, versprach er den durch Landmangel sehr gedrückten Colonisten, für sie zu sorgen, ihren Landbesitz' zu vergrößern u. s. w. (worüber auch in diesem Blatte Nr. 46 a. p. ausführlich berichtet war.) Unterdessen ist dieser „liberale" Minister von seinem Posten zurückgetreten (die Ursache zu seiner Demiffion ist nicht schwer zu ergründen —) und gegenwärtig bringen halbofficielle Blätter die Nachricht, das Domänenministerium habe ein neues Gesetz für die jüd. Colonisten ausgearbeitet, nach welchen ihnen alle „Privilegien" genommen, ihre Die Herren Mediciner mögen mir dieses Wortspiel verzeihen Den Nichtmedicinern sei hiermit erklärt, daß es in der Medicin thatsächlich einen „morbus mercuriolis“ (b. h. Quecksilberkrankheit) giebt; da aber bekanntlich „Merkur" der Gott des Handels ist, so läßt sich dieser Terminus auch als „Handelskrankheit" deuten. Wochenschrift Nr. 10 Rechte geschmälert werden und ihnen die Existenz so schwer als möglich gemacht wird. — Ist das nicht ein wirksames Mittel die Juden zum Ackerbau anzuspornen?! Uebrigens bewährt sich an den ruff. Juden der talmm dische Spruch: Durch neues Unglück vergißt man das alte. Seit Beginn dieses Jahres .vergeht fast kein Tag, „dessen Fluch nicht größer ist, als der vorhergehende." Nicht umsonst soll sich der gegenwärtige Finanzminister Witte schon im vorigen December geäußert haben: Wenn die Juden das Jahr 1893 überleben, wexde ich selbst Jude. — Das neueste Proskriptionsdecret (dessen Wortlaut auch in der „Oesterr. Wochenschrift" Nr. 8 reproducirt ist,) welches sämmtliche Juden die auf Grund früherer Circuläre sich in den inneren Gouvernements angesiedelt hatten, in den berüchtigten „Ansiedelungsrayon" zurückgedrängt, — ist von derselben Tragweite und von denselben fürchterlichen Folgen für die russ. Jüdenschaft, wie das Ausweisungsdecret von anno 1492 für die spanische Judenheit. M e h r a ls eine halbe Million Menschen — pardon, wollte sagen Juden — werden durch die neueste russ. Maßregel „zlir Förderung der Assimilation der Juden", direct vollständig ruinirt, und wie viele werden erst im engen „Ansiedlungsrayon" durch diesen plötzlichen Zuschub von 500.000 Ruinirten, indirect ruinirt werden?! — Fast in jeder Stadt außerhalb des Ansiedelungsrayons gibt's sogenannte „A ch t z i g er",-) die im Bewußtsein ihres Wohnrechts sich dorl ziemlich behaglich einlcbten, ziemlich bedeutende Geschäfte eröffneten und sogar Immobilien ankauften und plötzlich ruft man ihnen zu: Marsch! Binnen 4—8 Monaten soll von Euch keine Spur nachbleiben! Daß darunter auch die russ. Bevölkerung stark leiden wird, daß manche Stadt durch den Exodus der Juden vollständig ruinirt wird — das geht die v o l k st h ü m e l n de autocratisch - orthodoxe Regierung nichts an. Z. B. besteht die Bevölkerung der bedeutenden Hafenstadt L i b a u (Curland) zum größten Theil aus Juden, die zu den proskribirten „Achtzigern" gehören; sie haben dieses vorher ganz unbedeutende Städtchen, in den letzten zwanzig Jahren zu einem Getreide-Exportplatze gemacht, der die zweite Stelle unter den russ. Getreide-Exporthäfen einnimmt imb diese wahren „M ehr er des Reiches" werden jetzt ausgewiesen, trotzdein dadurch die blühende Handelsstadt zu Grunde gerichtet wird.Dasselbe gilt auch von der Gouvernementsstadt Riga. Dort leben circa, dreitausend jüdische Familien (etwa 15.000 Seelen), die als „Achtziger" exilirt werden müssen und gerade diese sind es, die den Cy-porthandel Riga's in Schwung gebracht haben; ohne diese emsigen und unternehmenden. Händler und Commissionäre, wird der bedeutende Getreide-, Flachs- und Holzhandel jener Stadt ganz in Verfall gerathen. (Der schlagendste Beweis dafür ist, daß die baltischen Deutschen, die sich so oft solidarisch mit den Antisemiten Deutschlands erklärt haben, jetzt so „judenfreundlich" geworden sind, daß die Börsencomites von Riga und Libau Petitionen an den Minister einznschicken beschlossen haben, um „ihre Judchen" behalten zu dürfen. Ebenso verhält cs sich in den innerruffischen Gouvernements: Orel,, Kursk, Tambow, Charkow rc., wo der Handel ohne die Juden geradezu undenkbar ist. — Aber, wie gesagt, es handelt sich um eine homöopathische Radicalcur des verdammten jüd. „Separatismus" und da treten alle „kleinlichen" Interessen in den Hintergrund. .. Die Grausamkeit, Unsinnigkeit und Zweischneid i gkeit dieser neuesten Maßregel, darf natürlich in der russ. Presse nicht erörtert werden. Und doch fand sich Einer, der es gewagt hat dieses Ministerialdecret scharf zu kritisirem Und dieser Eineist— hört und starinet! —der antisemitische ultrareactionäre Fürst Metschtschersky, Redacteur des berüchtigten Grashdanin!! In der letzten Nummer dieses Blattes zieht . ") Im Jahre 1881 erließ der selige Minister Laris-Melikow ein Girculär, nach welchem diejenigen Inden, die sich in den „nichtjüdischen" Gouvelnements bis znmJahre 1880 (aber nicht die später gekommen) vorfinden, auch weiter dort zu belassen sind. Daher die Bezeichnung „Achtziger" für die gegenwärtig Nuszuweisenden. H'lMprirr umnimpnr