Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 10 (10.3.1893)
- Date
- 1893-03-10
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 10 Oesterrerchische Wochenschrift Seite 177 Aus dem Mustsrlsndr des Antisemitismus. Welche Wirkungen die antisemitische Hetze für die Dauer erziM, kann man in Sachsen beobachten. Sachsen, dessen Regierungsmänner seit Jahren den Antisemitismus sich in die Arme geworfen haben, zeigt zum ersten Male in Deutschland die Species „bäuerlicher Socialdemokratie". Die „Kölnische Zeitung", also ein gewiß unbefangenes Blatt meldet in einer Nummer aus den letzten Tagen des Februars: „Die Söciäldemokraten sind unablässig und trotz häufiger Niederlagen immer wieder bemüht, sich in den ländlichen Bezirken festzusetzen. Es ist ihnen dies wohl in keinem Lande mehr als in Sachsen gelungen, wo man heute auch in rein bäuerlichen Gegenden zahlreiche Socialdemocraten findet. Dörfer, in denen früher kein Socialdemocrat öffentlich reden durfte, sind heute vollständig in den Besitz dieser Partei übergegangen. Bei den letzten Gemeinderathswahlen auf dem flachen Lande ist es ihr gelungen, in 51 ländlichen Ortschaften der Dresdener und Chemnitzer Gegend nicht weniger als 124 ihrer entschiedensten Gesinnungsgenossen in die Gemeindevertretungen zu bringen. Die Zahl der socialdemocratischen „Gemeinderäthe" ist damit in diesen Gegenden jedoch noch keineswegs erschöpft, da nur Ergänzungswahlen stattfanden und in manchen Gemeindevertretungen sich bereits von früher ein socialdemocratischer „Stamm" befindet. In 10 Dörfern wurden die socialdemocratischen Candidaten sämmtlich und mit großer Mehrheit gewählt. Niemals sind in Sachsen die Gemeinderathswahlen für die Socialdemocraten so günstig ausgefallen. Zwar beziehen sich unsere Feststellungen auf ländliche Gegenden, die vorwiegend industriell sind oder doch von den Industrie-Arbeitern der benachbarten größeren Städte bewohnt weiden; doch sind unter den Ortschaften auch rein bäuerliche. Man befindet sich im Jrrthum, wenn man glaubt, daß die b ä u e r l i ch e Bevölkerung gegen die Lehre der Socialdemocratie gefeit sei. Wir haben bäuerliche Besitzer und bäuerliches Gesinde als ausgesprochene Socialdemocräten kennen gelernt. Zwar sind diese Bauern-Socialdemocraten auch heute noch vereinzelt, aber die Socialdemokratie ist eifrig am Werke, deren Zahl zu erhöhen. Wo sie in einem Bauerndorf auch nur einen „Genossen" hat, da werden ihrer bald mehr. Die socialdemocratische Presse, der früher auch in Sachsen das Land so ziemlich verschlossen war, ist dort jetzt durchaus heimisch geworden.Auch in den Untersuchungen, die der „Verein für Socialpolitik" über die Verhältnisse der Landarbeiter in Sachsen veranlaßt und jüngst veröffentlicht hat, wird festgestellt, daß die socialdemocratische Agitation auf dem Lande seit Jahresfrist zusehends an Boden gewinnt und daß von ländlichen Arbeitern socialdemocratische Zeitungen gehalten werden. Die neugewählten Gesinnungsgenossen sollen jetzt Fragebogen über Gemeindeverhältnisse zur höheren Ehre der Partei anfertigen. Nach einem vor einiger Zeit erlassenen Aufruf will man „für die ärmeren Genossen, wie Land-, Forst- und Straßenarbeiter, gelesene Broschüren und Arbeiterblätter unentgeltlich versenden". Groß ist die Sorge, Versammlungslocale, Versammlungseinberufer zu erhalten, aber man läßt sich keine Mühe verdrießen. Wo auf einem entlegenen Dorfe auch nur ein Socialdemocrat vereinzelt wohnt, da krallt sich die Partei an. Und, wie die letzten Gemeinderathswahlen bewiesen, mit Erfolg. Die anderen Parteien sind in Sachsen bei der Bekämpfung des socialdemocratischen Einflusses auf dem Lande meistens über eine gelegentliche schöne Rede noch nicht hinausgekommen". Wir lesen in den „D e u t°s ch s o c i a l e n B lät tern": „Selbstmorde kommen am häufigsten im Königreich Sachsen vor. ' Der Jahresdurchschnitt von 1887 bis 1889 beträgt in Sachsen im Alter bis zu 14 Jahren 9 Selbstmörder; von 14 bis 21 116; von 22 bis 60 731; von 60 bis 70 143; von 70 bis 80 61 von 80 und mehr Jahren 11 Selbstmörder. Berechnet man nach dreien Durchschnittsziffern die Zahl der Selbstmörder, die in den verschiedenen Altersclassen auf 100.000 Lebende kommt, so ergibt sich, daß in Sachsen auf diese Zahl im Alter bis zu 14 Jahren 3 (in Preußen 1*8, von 14 bis zu 21 Jahren 23 1 (13*3), von 22 bis 60 Jahren 201 7 (126'7), von 60 bis 70 Jahren 87 7 (51'7), von 70 bis 80 Jahren 89 7 (53'3), von 80 Jahren und mehr 110 (60’1) Selbstmörder entfallen. Hieraus ergibt sich ein Durchschnitt von 70 Percent, um den die Zahl der sächsischen Selbstmörder die der preußischen überragt; diese Zahl wird in der höchsten Altersclaffe und im Alter zwischen 14 und 21 Jahren noch überstiegen, in den übrigen Altersclassen nicht erreicht." Das Leipziger Antisemitenblatt fühlt sich bewogen, dieses Ergebniß statistischer Aufzeichnungen zu erläutern und schreibt: „Wahrscheinlich dürfte diese befremdliche Erscheinung des sonst so mustergiltigen sächsischen Volkslebens in den gesteigerten seelischen Aufregungen, die die in Sachsen besonders hoch entwickelte industrielle Thätigkeit mit sich bringt, ihre Erklärung finden." Werden in Sachsen die „seelischen Aufregungen" nicht auch durch den dort besonders hoch entwickelten Antisemitismus, gesteigert? * * Ein Hexenproceß hat nach einander in letzter Zeit verschiedene sächsische Gerichte und auch das Reichsgericht beschäftigt. In der Gegend von Freiberg ist in dem Volke der Glaube an Hexerei und Zauberei, wie ein von dort stammender Ortsvorstand dem Richter versicherte, noch sehr stark verbreitet. Besonders in dem an einer belebten Eisenbahn liegenden Orte Müdisdorf gerieth ein Schuhmacher in den Verdacht, Hühner und Kuh seines Nachbars, eines jungen Bergmannes, „verhext" zu haben und damit die Fähigkeit dieser nützlichen Hausthiere, Eier zu legen und Milch zu geben, diesen genommen und doppelt auf die eigenen Thiere übertragen zu haben. In diesem Verdachte wurde der Bergmann durch die Thatsache bestärkt, daß der Schuhmacher oft am Tage Licht brannte und Tdüren und Fenster schloß. Zwischen den beiden Nachbarn kam es zu heftigen Auseinandersetzungen. Der Schuhmacher wurde von der abergläubischen Bevölkerung gemieden, sein Geschäft durch die fortbleibende Kundschaft geschädigt und er verklagte den Bergmann als Urheber der Hexengeschichten. Das Landgericht in Freiberg verurtheilte denselben auch wegen versuchter Nöthigung. Der Bergmann beantragte jedoch die Revision, und das Landgericht überwies den merkwürdigen Proceß dem Reichsgerichte in Dresden. Dieses sprach neulich den abergläubischen Bergmann frei. In dem Erkenntniß heißt es, der Bergmann habe fest geglaubt, daß der Schuhmacher „hexen" könne und ihm dadurch in rechtswidriger Absicht Schaden bereite. In diesem Aberglauben befangen, habe er auch geglaubt, zur Abwehr berechtigt zu sein. Es ist bezeichnend, daß der Schuhmacher dem Gerichte versicherte, daß sich nach dieser Freisprechung die Kundschaft von ihm völlig zurückziehen werde, da man nunmehr im Volke fest annehme, daß er „hexen" könne. — Sachsen ist bekanntlich die Domäne des Antisemitismus, und der Stadtrath eines Dresdener Vorortes hat erst vor wenigen Wochen eine Straße nach dem berüchtigten Ahlwardt getauft. Unparteiische Briefe aus RnUand. in. Die grausamen Maßregeln, welche die russische Regierung feit zwölf Jahren gegen ihre jüdischen Unterthanen anwendet, werden von der officiellen Presse gewöhnlich als „Heilmittel gegen die Schäden und Krankheiten des Judenthums", rhetorisch beschönigt. Nun, das ist ja recht nett, daß die Leiter unseres gewaltigen Reiches, einen großen, ja einen allzugro ß en Theil ihrer so kostbaren Zeit, zu Humanitären Zwecken, zum Auscuriren der armen, kranken Juden verwenden. Aber wie schade, daß diese „eingebildeten Aerzte" bei der Behandlung ihrer „eingebildeten Kranken" ausschließlich nach der Heilmethode der Homöopathie verfahren, und den obersten Grundsatz dieses medicinischen Systems: „Similia similibus curantur“, blindlings befolgen. Ja, es ist traurig aber wahr: „unsere heilkünstlerischen" Gesetzgeber sagen mit den Homöopathen, daß die Arzneien nur insofern Krankheiten zu heilen vermögen, als sie selbst Gesunde krank zu machen im Stande sind. Und also ward auf dem großen Concilium medicum (vulgo Judencommission) folgendes beschlossen: 1.) Die Hauptkrankheiten des Judenthums, welche wir, medicinisch-legislatorisch als: Separatismus, Solidarität, „Staat im Staat" rc. diagnosticirt haben, können nur durch ein engeres Zusammenpferchen der Juden, durch die strengste Einschränkung ihrer Freizügigkeit und durch sonstige gewaltsame Absonderung von ihren christlichen Mitbürgern gründlich curirt werden. 3.) Der