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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1893-03-10 · 10 (10.3.1893) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
10 (1893)
Issue
10 (10.3.1893)
Date
1893-03-10
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 172 Oesterreichifche Wochenschrift Nr. 10 In einer Berliner socialdemocratischen Versammlung vom 5. März 1892 erklärte. ein Redner: „Durch den Antisemitismus will eine Anzahl christlicher Ausbeut er ihre jüdischen Concurrenten los werden". In einer Rede vom 17. Juni 1891 begründete Prinz Liechtenstein die Nothwendigkeit der antisemitischen Agitation und der Judeuhetze wörtlich mit der angeblichen Thatsache, daß „überall dort, wo es viele Juden gibt, werden unter der Herrschaft dieser Gesetze Mitglieder dieses Volksstammes krast ihrer überlegenen Begabung für Speculation, kraft ihrer wirthschaftlichen und nationalen Solidarität sehr bald alle ihre christlichen Concurrenten bei der Ausbeutung productiver Arbeit aus dem Felde schlagen." Die Aufgabe Sr. Durchlaucht ist es somit, den „christlichen Concurrenten bei der Ausbeutung productiver Arbeit" gegenüber dem jüdischen Ausbeuter Hilfe zu leisten. Und er nimmt es mit seiner Aufgabe furchtbar ernst. Schon die berüchtigte Frauenversammlung in der Volkshalle im December 1892 hatte keinen anderen Zweck, als dem Herrn Fabrikanten Zuleger gegenüber seinen jüdischen Concurrenten Beistand zu bietm, um den jüdischen Concurrenten Zulegers die Ehre abzuschneiden, weil die Commune Wien nicht ihm die Lieferung der Badewäsche übertragen hatte. Er erhob gegen einen jüdischen Confectionar in der Kärntnerstraße den Vorwurf, daß er mit geringerem, billigerem Material arbeite und seine Kunden durch coulantes, liebenswürdiges Benehmen zu gewinnen suche. - Besagter Confectionär hat die Ausstattung für die Erzherzogin Marie Valerie geliefert und ist durch Verleihung des Hoftitels ausgezeichnet worden. Das illustrirt zur Genüge die Verleumdung, daß er „mit geringerem Material" arbeite. Herr Zuleger zählt zu den ärgsten Ausbeutern produktiver Arbeit und Prinz Liechtenstein steht ihm getreulich zur Seite, die jüdischen Concurrenten zu beseitigen. In der Frauenversammlung in der Volkshalle erzählte der prinzliche Redner den weiblichen Zuhörern wörtlich: „Schlachthaus und Mühle, Viehhandel und Getreidegeschäft, Holz und Kohle, Tuch und Leinwand, Kleider und Schuhe, Luxus und Mode, sowie die unentbehrlichsten Lebensmittel, kurz Alles, womit sich die christliche Bevölkerung rührt, kleidet und einrichtet, empfängt sie aus den Händen der Fremden" — das heißt der Juden. Wir hatten uns die Mühe genommen, all' die oben angeführten Branchen durchzugehen. Das Schlachthaus ist in den Händen der Commune. Unter den 12 Wiener Mühlenbesitzern sind nur 3 Juden. Von den 124 Viehhändlern Wiens sind 62, also genau die Hälfte, Christen. Unter den 328 Holz- und Kohlenhändlern gibt es ckaum ein Drittel Juden. Die großen Tuch- und Leinwandfabriken stnd fast ausschließlich in Händen der Christen. Wir nennen nur die Namen: Demuth, Liebig, Trenkler, Förster, Schöller, Siegmund, Leitenberger, Schmitt, Schroll, Ganahl,. Hämmerte, Kubo, Solcher rc. Die großen Etablissements für Damen-Modewaaren sind gleichfalls fast ausschließlich in christlichen Händen, Die Firmen Hansal, Francini, Alexandrini, Drecoll, Elstnger, Stehlik, Jungmann, heben wir nur aus der Unzahl christlicher Geschäfte hervor. Und alle diese Unwahrheiten hatten keinen anderen Zweck, als die Weißwaarenkäuferinnen in das Geschäft des Herrn Zu leg er zu locken, der mit jüdischem Gelde sein Geschäft unternommen hat und ohne jüdische Unterstützung nie in der Lage gewesen wäre, als selbstständiger Kaufmann aufzutreten. In seiner Rede vom 3. März 1893 setzte der Prinz diese Arbeit fort mit einer unerhörten Beleidigung und Verleumdung jüdischer Kausteute. Er sagte wörtlich: „Nun mache ich aber die Regierung darauf aufmerksam, daß genau derselbe Plan auf Umwegen schon wieder in Scene gesetzt werden soll. Commanditirt durch eine Frankfurter Bank, wie mir scheint, jedenfalls aber durch ausländisches Geld, entstehen und entstanden jüngst der Reihe nach mehrere große, mit außerordentlicher Ausstattung ausgerüstete Geschäfte in der Weißwaarenbranche, sowohl auf dem Graben als auch eines in Mariahilf — die Mariahilfer Firma hat schon eine gewisse Berühmtheit durch einen sensationellen Betrugsproceß, durch eine Zolldefraudation erlangt (Rufe seitens der Parteigenossen: Gerngroß!), ja, Gerngroß — und haben zusammen ein Consortium gebildet und errichten überall eine Menge Filialen. Der Zweck dieser Conspiration ist zwessellos der, die gesammte Branche allerchristlichen Geschäfte in Wien im Weißwaarengeschäfte zugrunde zu richten, — denn das muß ich hier hinzusetzen, die Firmen, um die es sich hanoelt, sind ausschließlich jüdische. Daß es sich um einen enormen Schaden handelt, das ist ganz zweifellos meine Herren, denn/ die Ausstattung und die Führung dieser Geschäfte ist eine, so luxuriöse, daß beispielsweise in dem einen allein die Tageskosten 700 fl. betragen, während die Einnahmen im Maximum 200 fl. betragen. (Hört! seitens der Parteigenossen.) Die commanditirende Bank wird zweifellos außerordentliche Verluste erleiden, ebenso große Verluste erleidet jedenfalls die gesammte Branche der christlichen Geschäfte. Ob die betreffenden Juden, welche die Conspiration angezettelt haben, Verluste erleiden, das weiß ich nicht — ich glaube, sie hatten nichts, sie können nichts verlieren, sie können nur gewinnen für sich persönlich, und dem Publicum großen Schaden anthun." Die Firma Gerngroß publicirte hierauf in allen Wiener Blättern nachstehende Erklärung: „In der Sitzung vom 3. März 1893 hat der Herr Abgeordnete Prinz Liechtenstein im Parlament unsere Firma zum Gegenstände seiner Besprechung genommen und sich hiebei rücksichtlich nachfolgender Umstände offenbar geirrt, daher wir um die Aufnahme folgender thatsächlicher Richtigstellung ersuchen: 1. Unser Seiden- und Manusacturwaarengeschäft besteht schon seit 15 Jahren, istdaher nicht erst „jüngst" entstanden. 2. Unser Geschäft hat sich mit der „Weißw aarenbr an che" n i e befaßt. 3. Die Firma hat nie und zu keiner Zeit „ein Consortium gegründet. 4. Dieselbe hat nie, weder hier in Wien, noch in der Provinz eine „Filiale" errichtet. 5. Dieselbe ist von Niemand und am allerwenigsten von der Frankfurter Bank oder durch ausländisches Geld commanditirt! Hochachtungsvoll A. Gerngroß." Wien, den 4. März 1893. Prinz Liechtenstein, der Cavalier und Officier, hat sich bis heute nicht veranlaßt gesehen, die Verleumdung zu widerrufen. Sr. Durchlaucht war es blos darum zu thun, Herrn Zuleger Zutreiberdienste zu leisten. Prinz Liechtenstein ist mit Verläumdungen nicht sparsam. In derselben Rede vom 3. März 1893 erlaubte sich der prinzliche Hetzer noch folgende horrende „Enthüllung": „In den Siebziger- und Achtziger-Jahren hat mir einer teuflischen Arglist jener Vorfftoß des Großcapitales auf dem Gebiete des Handwerkes stattgefundeu. welcher mit dem Siege des großen Capitales endcce. Damals ist die Socialdemokratie in ganz unbewußter Weise der Handlanger des großen Capitales geworden; die Strikes, welche damals organisirt wurden gegen die Gewerbetreibenden, wurden bezahlt durch die Großcapitalisten. Dann, nachdem das Handwerk zu Grunde gerichtet worden, nachdem ihm der Credit und das kleine Vermögen entzogen war, dann wurden die Arbeiter, welche jetzt nicht mehr in der Lage waren, bei dem einen oder anderen zu dienen, umso härter behandelt von den Capitalisten, von denselben Capitalisten, welche die Strikes organisirt und bezahlt haben." In der folgenden Sitzung hat ihn Abgeordneter Hofrath Exner aufgefordert, Namen zu nennen, seine Angaben näher zu präcisiren und zu beweisen, allein der'prinzliche Cavalier und Officier — blieb die Antwort schuldig. In der Rede vom 3. März 1893 kommt aber noch folgender Passus vor: „Die schrankenlose und unehrliche Concurrenz in der Form von gesetzlichen, unanfechtbaren, aber doch vollständig betrügerischen Concursen und Ausverkäufen, von scheinbar zufälligen, aber doch zweifellos gelegten Bränden, welche sich täglich mehren und schon davurch allein als gelegte Brände erscheinen, weil Tags darauf schon gefüllte Filialen in der Nähe des abgebrannten Gewölbes entst hen, alles das raubt dem ehrlichen Kaufmaunsstande seine Kundschaft." Prinz Liechtenstein hütete sich in diesem Passus das Wort „Jude" einzustechten, aber er lie; es seinen Zuhörern gegenüber als selbstverständlich gelten. Er that, als. ob es noch keinen arischen Brandstifter je gegeben hätte. Man halte nur diesbezüglich Umfrage bei den Versicherungsgesellschaften. Nicht ganz ein Percent der Brandstifter entfällt auf Juden. Die. Gerichtsverhandlungen, der letzten Zeit allein haben eine ganze Reihe von Fällen zu Tage gefördert, in welchem biedere Arier sich Brände bestellt oder selbst angelegt, um die Versicherungsgesellschaften zu betrügen. Und was soll man erst zu dem biedern Arier Sura in Kömggrätz sagen, der seine eigene Gattin in ein mit Petroleum getränktes und angezündetes

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