Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 10 (10.3.1893)
- Date
- 1893-03-10
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Är. 10 X, Jahrgang i Wie«. 10. Marx 1893 '♦ Crnlralvrgan für die gesammten Interessen des Iudenthums. K. k. Postspm)nlstnsmt Clraringvrrkrhr Ltr. 810.1)76. Dedarlion Md Administration: S)itn I. Franr Josrss-Quai Ar. 8. Telephon-Nr. 6535. X-.-. ■ =g -#- Eigrnthümer: Reichsraths-Akgeordneler Dr. Htoch. -- Erscheint jeden Freitag. PofisnstaHrn drs 2n- und Auslandes. Bezugspreis: Halbjährig 4 fl Einzelexemplare 25 kr. «Anzeigen: Die 4mal gespalte £ Petttzeile 12 kr. Inhalt. Leitartikel: Zu den jüngste,i Parlamentsverhandluiigeu. — Arische Waareu-Veifälschung. — feierliche Grundsteinlegung zum polnisch-jüdischen Tempel in Wien. — Aus dem Muster lande des Antisemitismus. — Unparteiische Briefe aus Rußland. — Das erste Religionsparlament. — Israelitische ferien-Colonie. — Die Inschriften des alten Prager Judenfriedhofes. — Correspondenzen: Wien, Troppau, Graz, Friedeck, Bielip, Meran, Berlin, Hamburg, Düsseldorf, Bern, New-Aork. — Vermischtes: Wien, Baden, Jungbunzlau, Leiuberg, Ung.-Brod, Prag, Nikolsburg, Cassel, Reust, Stuttgart, Athen. — Feuilleton: Die grotze Glocke zu Argentan. — Wochenkalender. — Briefkasten. — Inserate. Zu den jüngsten Parlaments- Verhandlungen. Mit jener erstaunlichen Virtuosität der Lüge, welche unter den hervorragenden Geistesfähigkeiten des Prinzen Liechtenstein die hervorragendste ist und nur noch vom Ritter Stampiglius übertroffen wird, hat der durchlauchtigste „Retter des kleinen Mannes" in seiner letzten Parlamentsrede neuerdings das Thema von der Ausbeutung der christlichen Arbeiter durch die Juden variirt. Die Antisemiten im Reichsrathe scheinen bei der gegenwärtigen Budgetdebatte ihre ganze Stoßkraft auf diese haßbrütende Emanation ihres Führers concentrirt zu haben. Sie schwiegen, als die großen politischen und nationalen Fragen zur Erörterung gelangten: sie schwiegen, als die Justizreform den Gegenstand eingehender Discussionen bildete; sie schwiegen, als der große Complex der Steuerreform aufgerollt wurde; erst als die Berathung des Handelsetats Gelegenheit zu einem Gimpelfang unter den „kleinen Leuten" bot, als man über den täglichen Handel und Wandel in Wien eine schmutzige Fluth von Lügen verbreiten und die Juden verläumden konnte, erst da öffneten sich die Schleußen ihrer Beredsamkeit. Wieder wurde das christlich-sociale Programm als die Panacee gegen den geschäftlichen Niedergang und gegen die angebliche blutsaugerische uud ausbrütende Thätigkeit, gegen die unreelle Concurrenz und grausame Rücksichtslosigkeit der Juden gepriesen. Wir müßten oft Gesagtes wiederholen/; wollten wir auf die Lohnverhältnisse der landwirthschaftlichen Arbeiter auf den unermeßlichen Gütern der Liechtensteine u. Schwarzenbecge, auf die Zustände in zahlreichen Fabriken christlicher oder gar „christlichsocialer" Firmen hindeuten. Das sind ja auch Dinge, die unserer Auffassung nach immer nur für die Einzelnen, nie aber für die Gesammtheit eines Volkes und den ihr innewohnenden Geist etwas beweisen. Würde gegen die antisemitischenHetzer und deren fanatisirten Anhang mit der Wahrheit überhaupt anzukämpfen sein, so würden wir denselben empfehlen, einerseits die „Arbeiter-Zeitung", andererseits die officiellen Publikationen der österreichischen Gewerbeinspectoren aufmerksam zu lesen. Sie würden finden, daß jene Fälle krassester Ausbeutung und unmenschlicher Behandlung, welche die „Arbeiter-Zeitung" zu Hunderten aufführt, zumeist arische Fabriksfirmen betreffen, und daß jene Wohlfahrts-Einrichtungen, welche die gewerbliche Statistik mit großem Fleiße feststellt, weil sie in denselben mit Recht die Grnndlehre für die friedliche Lösung der socialen Frage erblickt, nirgends in solcher Zahl und in solcher Vollkommenheit ausgebildet wird, als in den Fabriken jüdischer Unternehmer. Bezüglich der letzten Behauptung steht uns ein klassischer Zeuge in der Person des Central-Gewerbe-Jnspectors Hofraths Dr. F. Migerka, eines reinen und unverfälschten Ariers zu Gebote. In Nummer 28 der „Mittheilungen" des hiesigen gewerbe-hygienischen Museums behandelte Hofrath Migerka die Frage der Altersunterstützung, die er als die wichtigste und tiefeingreifendste von allen socialen Einzelsragen bezeichnet. Er spricht von der Schwierigkeit, das fruchtbringende Princip der Versicherung durchzuführen und betont, daß selbst der bescheidenste Versuch des Einzelnen, innerhalb eines kleineren Kreises eine Lösung zu versuchen, dankbar begrüßt werden müsse. Als einziges und nachahmenswerthes Muster nun, wie der Arbeitgeber für dienstuntauglich gewordene Arbeiter sorgen könne und sorgen soll, stellt Hofrath Migerka die jüdische Firma „D. K. P o l l a k u. S ö h n e" in Wien hin. Diese Firma beschäftigt 252 durchwegs christliche Arbeiter. Der mittlere Wochenlohn, beziehungsweise Verdienst, beträgt bei den 53 männlichen Arbeitern je fl. 16'21, bei den weiblichen Arbeitern je fl. 7 26; eine Lohnhöhe, welche unter den derzeitigen Arbeitsverhältnissen wohlals eine außerordentliche bezeichnet werden darf. Auf den im Nachfolgenden angeführten Zeitraum der Dienstdauer entfallen: auf die Dauer von 1 bis 5 Jahren 131 Arbeiter, n tf tt tt 6 ,, 10 ,, 15 „ tt tt tt tt H tt l 5 „ 25 ,, n n tt n 16 ,, 25 „ 21 „ das sind Ziffern, die mit überzeugender Beredsamkeit von der humanen Behandlung des Arbeiters durch den Arbeitgeber sprechen. Die Firma leistet nach den zur Einsicht vorgelegten Büchern an 13 Arbeiter einen Vierteljahrsbeitrag zur Wohnungsmiethe in der Höhe von fl. 230. Ferner sind dermalen von der Firma 50 Arbeiter bei einer Versicherungsanstalt in Wien für den Erlebens- und Ablebensfall mit dem Betrage - von je fl. 500 versichert, während für 11 nicht versicherungsfähige Arbeiter seitens der Firma bei der Ersten österreichischen Sparkaffe in Wien erste Einzahlungen geleistet find in der Höhe von je fl. 25 bis fl. 100, und jährliche Nachzahlungen im Betrage von je fl. 25 bis fl. 50 geleistet werden. Da haben wir einmal ein flagrantes Beispiel von der angeblichen Ausbeutung der christlichen Bevölkerung durch jüdische Geschäftsleute. Wir ,ordern den Prinzen Liechtenstein und seine Genossen, sowie den Fabrikanten Zuleger auf, uns ihre Bücher aufzuschlagen und uns zu zeigen, ob sie für ihre Arbeiter auch nur mit dem hundertsten Theile jenes Betrages gesorgt haben, welchen die jüdische Firma D. K. Pollak's Söhne aufgewendet hat, um ihre arischen Arbeiter vor der Noth und den Entbehrungen des Alters zu schützen. Und solcher Fälle find unter den jüdischen Firmen nicht wenige. — Prinz Liechtenstein mag einmal in Unseren großen Jndustriebezirken, in Brünn, Reichenberg, Teplitz rc. Umschau halten, er wird merkwürdige Unterscheidungen zwischen arischer und semitischer Nächstenliebe finden. Solche Thatsachen sprechen lauter als hundert Hetzreden unserer reichsräthlichen Antisemiten und die Wahrheit wird sich schließlich durchringen trotz des Wustes von Lüge, der rings um sie angehäuft ist.