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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1893-03-03 · 9 (3.3.1893) · page 16

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
10 (1893)
Issue
9 (3.3.1893)
Date
1893-03-03
Page
– (sequence 16)
Language
German
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Seite 166 Orsterreichiphr Wochenschrift Nr. 9 aber das war man schon bei ihm gewöhnt, daß er sich just nicht strenge an das Alte und Herkömmliche hielt, man entschuldigte ihn, indem man sich sagte: andere Länder, andere Minhagim. — Auch an dem darauffolgenden Samstag hielt er, wie gewöhnlich, vor dem Gottesdienste einen Bortrag und zwar über dieTendenz des Buches Esther. Er führte aus, der Grundgedanke des Buches sei, daß Haß und Verfolgungssucht nicht nur den Gehaßten und Verfolgten treffen, sondern — wie Geschichte und alltägliche Erfahrung beweisen — dem Hasser, Verfolger selbst gar oft zum Verderben gereichen. Diese Wahrheit werde in der heil. Schrift oft verkündet — hier in parabolischer Anschaulichkeit und dort mit rhetorischem Schwünge; „denn aus der Wurzel der Schlange geht eine Natter hervor und ihre Frucht ist ein fliegend e r Drache" ruft mahnend und warnend Jesaja (14, 29) in seiner hinreißenden Beredsamkeit den Menschenkindern zu. — Während der nun folgenden Andachtsstunde konnte man eine sonst ungewöhnliche Erregung der Versammlung wahrnehmen; denn aller bemächtigte sich eine dunkle Ahnung, ein unbestimmtes Vorgefühl, daß ein ganz außerordentliches Ereigniß bevorstehe.- Es war ein prächtiger Borfrühlingstag; die Sonne sandte ihre erquickenden Strahlen nieder und die ganze Natur schien nach langem Winterschlafe zu neuem Schaffen und Wirken und Leben zu erwachen. — Nach beendeter Liturgie begab sich alles ins Freie. Draußen aber harrte der Herr Pfarrer mit etlichen uniformirten Männern — es waren Organe des Patrimonialgerichtes — und als der Vorbeter zum Vorschein kam, trat der geistliche Herr an ihn mit der barschen Frage heran: „Was sind Sie?" — „Was Sie sind" lautete die lakonische Antwort. Nach diesem kurzen Dialoge wurde der Franzose genöthigt, die Herren zu begleiten. Seine Habseligkeiten wurden aus dem Hause des Cultusvorstehers geholt und nie hat man über sein ferneres Schicksal oder über seine Persönlichkeit etwas näheres erfahren. Es hieß nur, er wäre ein aus Frankreich geflüchteter Abbe gewesen. Andere hielten ihn, weil er insbesondere mit den orientalischen Sprachen sehr vertraut war, für einen Missionär. . . . Was ihn veranlaßt hat, jene Stelle anzunehmen und in einem jüdischen Kreise als Jude gehalten zu werden; ob er alles das als pikantes Abenteuer aufgefaßt, oder ob er in der Folge und gelegentlich als Missionär seine Thätigkeit zu entfalten vorhatte, entzieht sich selbstverständlich unserer Beurtheilung. Der vielvermögende Dialect aber hat aus dem Abbe einen Rabbi gemacht. Natürlich bildete dieser lange Zeit den Gesprächsstoff und nach vielen Jahren noch erzählten Väter und Großeltern ihren Kindern und Enkeln „die Geschichte von dem unbekannte n Rabbi". Wien, Monat Adar 5653. Adolf Sternfeld. Ein jüdisches Prochtariertvrib. Eine Skizze aus dem Leben. Jetzt ist sie alt und abgetragene Kleider umhängen ihre lange, hagere Gestalt, aber sie hat sich das Lächeln und die Zähne der Jugend bewahrt. Als Mädchen war sie eine gefeierte Schönheit der Gasse, und es machte ihren Eltern, die in tiefster Armuth lebten, die schwersten Sorgen, das Kind vor Verlockungen zu bewahren. Sie war schon zwanzig Jahre alt und noch nicht in der Stadt oder auf der Promenade gewesen, wo alte und junge Roues ihre Netze auswarfen, und als einmal ihr Vater wegen irgend eines grundlosen Verdachtes in einer langwierigen Untersuchungshaft saß, und sie mit Thränen die Mutter bat, den Gerichtsherren sich vorstellen zu dürfen, um eine Beschleunigung der Angelegenheit zu erflehen, antwortete ihr die Mutter: „Lieber würde Dein Vater im Kerker verfaulen, als Dir seine Befreiung verdanken." Sie nähete für aristokratische Damen, aber die Mutter brachte die Arbeit und lieferte sie ab, sie selbst war nur in der Gasse zu sehen, wenn sie für ihre Arbeiten Einkäufe zu machen hatte, und dann lächelte ihr Jeder zu, wie sie im einfachen Kleide, voll natürlicher Anmuth die lange Reihe der Laden entlang dem Laden zuschritt, wo sie das Gewünschte zu bekommen glaubte; doch eine Gefahr für ein armes schönes Mädchen, war in der Gaffe nicht. Einen ernsten Antrag hätten die Eltern mit Freuden entgegengenommen und mehrere jnnge Männer der Gasse faßten schon den Gedanken dazu. Da kam eines Tages aus der Hauptstadt ein Student nach Hause, der verhänqnißvoll in das Schicksal dieses Mädchens eingriff. Willi war auch nur armer Leute Kind, die im Hinterhofe .eines und desselben Hauses fast Thür an Thür mit den Eltern Hanna's wohnten. Er war um zwei, drei Jahre älter als das Mädchen, mit dem er wie Geschwister aufgewachsen. Seine Eltern brachten die möglichsten Opfer, ihn studieren zu lassen, aber zu ihrem größten Kummer mußten sie sehen, daß der Junge die religiösen Uebungen vernachlässigte, und um der ewigen Vorwürfe los zu werden, verschwand er plötzlich und die Eltern hörten lange nichts von ihm. Nach fünf Jahren schrieb er den ersten Brief, in welchem er in geschäftsmäßigem Style seine Anwesenheit in der Hauptstadt und seinen guten Fortgang in den Rechtsstudien anzeigte. Ebenso kalt antworteten ihm die Eltern. Aber das Eis war doch gebrochen und der Briefwechsel zwischen ihnen wurde fortgesetzt. — Nach drei Jahren berichtete er, daß er nun seine Studien glücklich beendigt habe, und in einigen Wochen darauf, traf er nach fast achtjähriger Abwesenheit auf Besuch im Elternhause ein. Er war ein großer, schöner Mann, dem Geist und Energie aus dem Gesichte zu lesen waren. Alles war überrascht, daß das aus dem Kinde geworden ist. Mehr aber noch war er überrascht, als er gleich in der ersten Stunde seines Daheimseins seine Jugendgespielin, das arme Mädchen sah. Die hohe ebenmäßige Gestalt, die unendliche Güte, welche aus ihrem schönen Gesichte sprach, entzündeten seine Phantasie und nach wenigen Tagen schon eröffnete er Hanna seine Liebe und warb bei ihren Eltern um ihre Hand, nur müsse die eheliche Verbindung noch hinausgeschoben werden, bis er sich als Advokat selbstständig machen könne. Hanna war nun die Braut Willi's, der bald darauf in die Hauptstadt zurückkehrte und dort in der Kanzlei eines renommirten Advokaten Beschäftigung fand. Der Brautstand Hanna's ' dauerte schon drei Jahre; während dieser Zeit athm-ten Willi's Briefe die glühendste Liebe und Hoffnungsfreudigkeit; er besuchte auch einige Mal im Jahre seine Braut und wußte immer durch seine persönliche Liebenswürdigkeit sie und ihre Eltern mit der Heirath zu vertrösten. Im vierten Jahre wurden die Briefe etwas seltener, weniger glühend und fand gar kein persönlicher Besuch statt. Auf Vorwürfe kamen inimer Ausreden. Daun blieben die Briefe ganz aus und endlich verlautete, daß Willi sich getauft und eine reiche Heirath eingegangen sei.--— Hanna war schon achtundzwanzig Jahre 'alt, und die Eltern fühlten sich überglücklich, daß sich doch noch Jemand um sie bewarb. Es war dies ein etwas älterer Privatlehrer, der sich vom Stundengeben ernährte. Sie heiratete ihn nach kurzem Brautstande. Ihr erstes Kind war ein Mädchen, ein kränkliches Wesen, um dessen Leben man von Tag zu Tag zittern mußte. Das zweite Kind war wieder ein Mädchen, ganz das Ebenbild der Mutter, an Schönheit und Lieblichkeit. Und ihr jüngstes war ein Knabe, der des Vaters Art geerbt, als Kind schon ernst war, als hätten die Götter ihn schon in der Wiege verflucht Lehrer zu werden. Es war bei Hanna oft die Noth zu Hause, aber kein Mensch erfuhr aus ihrem Munde, wie es ihr gehe, sie lächelte nur, wenn sie hoheitsvoll durch die Gasse ging. Ihr Mann gab bis spät in die Nacht hinein Lectionen und legte sich die schwersten Entbehrungen auf, um nur für Weib und Kinder das Nöthigste herbeizuschaffen, dadurch rieb er sich aber physisch auf, erkrankte und Hanna stand bald mit drei unversorgten Kindern als arme Witwe da. Hätte sie, um diese erhalten zu können, am frühen Morgen das Haus verlassen sollen, um als Aushilfsmagd da und dort ein paar Kreuzer aufzuschnappen und ein Papier voll Speiseabfälle für ihre Kinder heimzutragen, wie arme Witwen auf anderen Bolksgebieten, wobei ein Geschlecht von Parias und Feinde der Gesellschaft großgezogen werden? Der Jüdin ist es nur - um die Zukunft der Kinder zu thun. Es blieb Hanna nichts übrig, als Hausierers zu werden. Sie wollte aber keine Kunden aus Mitleid, wie sie sie in der Heimat anfangs bekommen hätte, und sie entschloß sich, nach der Hauptstadt zu übersiedeln, wo sie ganz fremd war.-

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