Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 9 (3.3.1893)
- Date
- 1893-03-03
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 9 Oesterreichischr Wvrszeusrlrrift öcitc 165 neben manch' anderem Odium, seitens ihrer Nachbarn einen Haß auf sich geladen, der nicht der schwächste war, den Haß des Schuldners, und dieser wuchs schon dadurch allein, daß in der neuen, von Arbeit und Production eingeschlagenen Richtung sich der Nerv des Gelingens, das Geld wenn auch nicht ganz, so doch größtentheils, in ihrer Hand befand. Warum sollte eine Nation diese Concurrenten, die nicht durch Abstammung zu ihr gehörten und die andererseits am besten dazu ausgerüstet erschienen, den Sieg davon zu tragen, in ihrer Mitte dulden, sie ernähren und durch das gemeine Recht in Schutz nehmen? Nicht eine neue Empfindung ist es, welche die Juden als Leute, die .in ein fremdes Netz gefallen sind, zurückweist und vertreibt, sondern ein Interesse, ebenso klug und argwöhnisch, wie jenes Gefühl lebendig ist. Was ist denn eigentlich dieses Judenthum, welches, wie man die Sache auch drehen und wenden möge, des Nebels Grund bleibt. Hierauf war die Wissenschaft sofort mit einer Antwort zur Hand. „Die Juden sind Semiten!" — Der Jude ist kein reiner Semit. Wir haben in unserer Sinnesart etwas so tief eingewurzeltes Semitisches, daß niemand es auszurotten vermöchte. Wer kann behaupten, daß der größte Theil der Juden, die jetzt existieren, nicht von jenen Proselyten abstammen, die sie schon vor Christi Geburt unter jeder Nation machten und nach seinem Tode zu machen fortfuhren? Wer kann sagen, wie viel jüdisches Blut in arischen Adern fließt und wie viel arisches in jüdischen? Um eine solche Vermischung zu verhindern, wurden kirchlicher- und staatlicherseits wiederholt zahlreiche Gesetze erlassen; aber gerade die Menge und das wiederholte Erlassen derselben beweist, daß es beim Alten blieb. Das kirchliche Verbot ist noch heute, wo das bürgerliche abgeschafft ist, in Geltung. Allein wer weiß nicht, daß Heirathen zwischen Juden und Christen, vor allem in den höheren Classen, wenn auch nichts allgemeines, so doch nichts ungewohntes sind? Aber wäre es auch anders und wären die Juden auch reine Semiten geblieben — was dann? Was will es heißen, Semit sein? Ich weiß, daß eine oberflächliche Wissenschaft den Senriten in Bezug auf sein Aussehen, seine Sprache, seinen moralischen Charakter, sein religiöses Gewissen u. s. w. als einen in bestimmten Zügen gehaltenen, starren Typus hiugestettt. Allein ich weiß auch, daß dieses Bild vor einer genauen und umfassenden Geschichtskenntniß nicht Stand hält. Wenn der Jude von altersher einen eigenartigen Typus entwickelte, so that er es zum Unterschiede von den zu seiner Rechten und Linken befindlichen Semiten; er war ein Semit sui generis, welcher nachdem er einen ihm eigenthümlichen religiösen und moralischen Gedanken in sich entstehen gelassen hatte, diesen Gedanken auf einen fremden Stamm pfropfte. Uebrigens sind Semiten und Arier kaukasischer Rasse und wie die beiden erstgenannten nur Verallgemeinerungen einiger Factoren einer Raffe sind, so ist die dritte die Verallgemeinerung anderer. — Die Rassenunterschiede sind leere Finten, die keine wissenschaftliche Geltung beanspruchen können und darum dem Rechte und der Wahrheit nicht hindernd in den Weg treten dürfen. — Den Antisemitismus niederzutreten, ihn zu bekämpfen und auszurotten, ist für uns Arier eine unabweisbare Pflicht; es ist das eine was Noth thut: xorrsuunw ueoe88ariam es ist die unerläßliche Vorbedingung des Fortschrittes und der Zukunft der europäischen Cultur, das einzige Mittel sie gesund 51t machen und wieder in Gang zu bringen. Minister R. Bonghi. Drr unbekannte Rabbi. Jeder ist ein Kind seiner Zeit und selten bleibt einer von der allgemeinen Strömung unberührt. Demgemäß ward auch ich von der grassirenden Epidemie der Sportlust befallen und mich ergriff ein längstentwöhntes Sehnen, hinauszueilen in die weite Welt. Da es aber meine Mittel nicht gestatten, kostspieligen Passionen zu huldigen, so versuchte ich wenigstens im Geiste und in der Phantasie auszuführen, was mir in Wirklichkeit durch des Schicksals Ungunst versagt war. — So suchte ich denn nach vielen, vielen Jahren wieder einmal die alte Reichsstraße auf, um eine Fußtour nach der hundertthürmigen Moldaustadt zu machen. Ich gelangte — Ausdauer und Beharrlichkeit führen ja stets zum Ziele — nach Stockerau, Znaim, Jglau, Tabor. Wie sehr haben alle diese Städte während der kurzen Zeit eines Menschenalters ihre Physiognomie verändert! Dem Beobachter dringt sich die Ueberzeugung auf, daß nur die kleinen Ortschaften und Dörfer conservativ sind und sich ewig gleich zu bleiben scheinen, während alles, was Anspruch macht, als Stadt zu gelten, in steter Umwandlung und Veränderung begriffen ist. In T a b 0 r ist noch ein geflügeltes Wort unvergessen, welches der sel. Rabbiner Dr. Klemperer zur rechten Zeit und am rechten Orte gesprochen hat. An dem dortigen Strafhause war nämlich eine Renovirung oder Adaptirung vorgenommen worden und unter den ersten Häftlingen, die daselbst untergebracht wurden, befand sich zufällig auch ein Jude. „Bedenken Sie, Herr Doctor, mit einem Juden ist das Gefängniß eingeweiht worden", hänselte man den Rabbiner. „Gewiß berührt es mich schmerzlich, einen Genoffen meines Stammes dort zu wissen", war die schlagfertige Antwort, „aber, erlauben Sie mir, hat denn der Staat das Kriminalgebäude ausschließlich und nur für Nichtjuden Herstellen lassen?" — Unsere Tour indeß fortsetzend, gelangen wir nach Beneschau, wohin im Jahre 1866 die Redactionen der Prager Blätter auf kurze Zeit ihren Sitz verlegt hatten. — Von hier ans ist Prag von einem emsigen Fußgänger an einem Tage erreichbar. Also, auf die Beine! .... Beiläufig der halbe Weg ist zurückgelegt und wir befinden uns in dem etwa 70—80 Nummern zählenden Neuwirtshaus. Die Häuser, nett gebaut und reinlich gehalten, bilden respeetvoll rechts und links je eine Front. Beim letzten Häuschen links, bemerken wir einen schnurgeraden Landweg. Wir schlagen ihn ein und in fünfzehn bis zwanzig Minuten sind wir in Kreuz Kosteletz. Hier wollen wir von unserer Wanderung ausruhen; denn hier hat mir vor mehr als dreißig Jahren ein hochbetagter Mann ein Erlebniß mitgetheilt, daß mich so interessirte, daß ich es bis auf den heutigen Tag nicht vergessen habe und das ich nun, soweit es in meiner Erinnerung haftet, dem geduldigen Leser, der mich bisher begleitet hat, mittheilen will. Kreuz-Kosteletz ist kein großes Dorf und es haben selten oder nie mehr als vier oder fünf jüdische Familien daselbst gewohnt. Aber es bildet den Mittelpunkt der in den umliegenden Ortschaften wohnenden Glaubensgenossen, die dort eine alte kleine Synagoge und einen gemeinschaftlichen Friedhof besitzen. Am Beginne unseres Jahrhunderts lebte in Kreuz-Kosteletz, ein Mann als herrschaftlicher Pächter, der — wenn mein Gedächtnlß mich nicht täuscht, nannte er sich Rosenberg — ob seiner Intelligenz und Humanität allgemein geachtet, viele Jahre als Cultus-Vorsteher fungirte. Nach den Herbstfeiertagen begab er sich einst nach Prag, um daselbst einen Erzieher für seine Kinder zu besorgen. Ein junger Franzose, der ihm empfohlen und vorgestellt ward, wurde nach kurzer Verhandlung engagirt. Dieser hatte nebst der Erziehung und dem Unterrichte der Kinder, auch an den Sabbat- und Festtagen den Gottesdienst in der Synagoge zu besorgen. Der neue Hofmeister wußte sich bald die Zuneigung und Achtung seines Prinzipals und der kleinen Gemeinde zu erringen. Zwar beobachtete er die religiösen Bräuche und Zeremonien gerade nicht aufs genaueste; aber er hatte gewinnende Umgangsformen, eine ganz andere Unterrichtsmethode als feine Vorgänger, die er auch an Bildung und Wissen weit überragte. Vor dem Gottesdienste pflegte er, anknüpfend an den Wochenabschnitt, wissenschaftliche Vorträge zu halten, welche von Alt und Jung, insbesondere aber von den Hauslehrern der benachbarten Dörfer gerne angehört und sorgfältig excerpirt wurden, weil sie, wenn auch ganz und gar neu- und fremdartig scheinend, doch eine willkommene Gelegenheit boten, das Wissen zu bereichern und den geistigen Horizont zu erweitern. Nach bekannter Definition ist der Mensch ein geselliges Wesen. Jedermann, namentlich der gebildete, hat daher das Bedürfniß, mindestens von Zeit zu Zeit mit seinesgleichen zu verkehren und einen anregenden Gedankenaustausch zu unterhalten. Recht innig und finnig bezeichnet der P s a l m i st (55. 15) einen solchen intimen Verkehr gleichgesinnter Geister mit: rjachdov namtik ssod — süße Zwiesprach pflegen." — Da unser Franzose weit und breit keine Seele fand, die ihm ebenbürtig getvesen wäre, so suchte er fick bei dem Ortsgeistlichen einzuführen, der ihn auch gern empfing und Gefallen an seiner Unterhaltung hatte. - Eines Tages jedoch kam der Hofmeister sehr aufgeregt von einem solchen Besuche heim. Niemand erfuhr, was eigentlich vorgefallen; nur so viel entnahm man aus seinen Andeutungen, daß es zwischen ihm und dem geistlichen Herrn zu einer heftigen Auseinandersetzung gekommen sei. — Das war kurz vor dem Purimfiste, das damals auf einen Freitag fiel. Am Purim las der Hofmeister das Buch Esther vor, freilich sehr abweichend von der herkömmlichen Weise;