Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 9 (3.3.1893)
- Date
- 1893-03-03
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 9 Oeflerreichische Wochenschrift Seite 167 Die schöne Hausiererin war eine bekannte Caffeehausfigur in mehreren Bezirken der Hauptstadt, aber trotz ihres ewigen Lächelns auf dem Gesichte lag eine Würde in ihrem ganzen Wesen, die jede Vertraulichkeit zurückschreckte, und ein Menschenkenner mußte herausfinden, daß in dem Herzen dieser schönen Jüdin scywerer Kummer nage. Die Kinder wuchsen heran. Die Aelteste, Maria, hatte Vieles gelernt; aber sie konnte nichts ausbeuten, denn sie war fast immer krank, und sie fühlte, daß ihr Los Entsagung sei. Die Zweite, Adele, lernte das Kleidermachen. Als sie siebzehn Jahre alt war, verliebte sich ein Commis von dem Confectionsgeschäfte, wohin sie arbeitete, in sie, und die Mutter, eingedenk der Wunden ihres eigenen Herzens, gab dem Wunsche des Kindes nach. Adele heiratete den Commis. Bald darauf verlor der junge Ehemann seinen Posten, weil er den Kundinnen gegenüber nicht mehr so liebenswürdig war, wie es das Geschäft erfordert. Er war lange vacirend und entschloß sich endlich, Agent zu werden, zu welchem Gewerbe man die vollste Resignation auf Lebensglück mitbringen muß. Der Sohn Hanna's besuchte eine Mittelschule, er war die Hoffnung Aller; vorderhand aber noch der empfangendste Theil der ganzen Familie, für welche die arme Mutter zu sorgen hatte. Eines schönen Nachmittages, als Hanna mit ihrem Kram in den Restaurationen, die in den Parkanlagen außerhalb der Stadt zerstreut lagen, hausierte und gerade um die Ecke einer Seitenallee bog, blieb ein älterer, elegant gekleideter Herr vor ihr stehen, der sie eine Weile überrascht betrachtete. Auch sie blickte ihn an und erblaßte, wollte aber weitergehen. Da ergriff er ihre Hand und sagte in wehmüthigem Tone: „Hanna, erkennst Du mich nicht mehr?" Sie riß ihre Hand von der seinigen los. „O, daß ich Sie niemals gekannt hätte!" „Ich will Dir mit einigen hundert, mit einigen tausend Gulden helfen, verzeih', vergiß, das Schicksal hat es gewollt." „Elender!", schrie sie, am ganzen Körper bebend, „diese neue Niedertracht ist Deiner würdig; behalte Dein Geld, welches Du durch Verrath an Gott und mir erworben". Sie raffte alle ihre Kräfte zusammen und ging ihres Weges weiter. Aber auf der nächsten Bank mußte sie sich doch niedersetzen. Ein Thränenstrom brachte ihrem empörten Herzen einige Beruhigung. Dem Geschäfte nachzugehen war für sie heute jedoch nicht mehr möglich. Sie ging nach Hause und bei all' ihrer Seelenqual vergaß sie nicht, auf dem Wege einige Süßigkeiten für Avele's Kinder zu kaufen. Das Maß des Unglückes dieses Tages war noch nicht voll. Zu Hause angekommen und zu der Wiege des kleinen Kindes hintretend, vernahm sie das bedeutungsvolle Röcheln desselben und sah die flammende Röthe seines Gesichtchens. Mit Entsetzen lief sie um den Arzt, der beim Anblicke des Kindes sofort die Gefahr erkannte und die schnelle Transferirung desselben in ein Kinderspital befahl. Hanna selbst mußte es dahin tragen. Denn der Vater war über Land und die Mutter nähte für Taglohn in einem ftemden Hause und konnte erst gegen sieben Uhr nach Hause kommen. Als sie das Kind im Spitale abgegeben hatte, eilte sie wieder heim, von schweren Ahnungen gemartert, daß Adele bei ihrer Nachhausekunft in Verzweiflung wegen des Kindes sich etwas anthun könnte. , Adele war noch nicht zu Hause.' Hanna setzte sich stumm an den Tisch neben die kranke Tochter und den Knaben. Ihre Herzen Pochten vor Angst. Bald hörte man Tritte. Die nur zugelehnte Thüre wurde aufgerissen, und Adele stürzte mit einem „guten Abend" herein und schritt sofort zur Wiege ihres Kindes hin. „Wo ist das Kind?" schrie die Mutter. Mit engelhaftem Ruhe berichtete Hanna den Vorfall. „Mein Kind will ich!" schrie Adele, und wollte wieder zur Thüre hinausstürzen. Aber Hanna vertrat ihr den Weg. In Verzweiflung stürzte sie gegen das geschlossene Fenster und mit der Hand mitten durch das Glas. Ein gellender Schrei! — Sie taumelt zurück, die Hand war mit Blut überströmt. Die Mutter riß sie dom Fenster zurück. „Um Gottes willen! Laß uns in die Apotheke eilen!" Und sie zerrte zitternd und bleich die Bewußtlose zur Thür hinaus. Das Blut strömte immer heftiger aus der zerschnittenen Ader. Der Apotheker klebte eine Wachsleinwand darauf und hieß ohne Verzug mit ihr in's Spital gehen. Hanna stützte die Tochter und so wankten sie, immer wieder stehen bleibend, um Kraft zu sammeln, dem Spitale zu. Die Mutter übergab ihre noch immer bewußtlose Tochter den Aerzten. Sie bat um . Auskunft. „Morgen, morgen", hieß es, „jedenfalls ist die Sache bedenklich, es sitzt Glas darin, Ader durchschnitten." Die Kranke war wieder zu sich gekommen, sie litt furchtbar und stöhnte: „Mein Kind — mein Kind will ich haben!" Dießmal trat Hanna gesenkten Hauptes den Rückweg in ihre Wohnung an, das gewohnte Lächeln war von den Lippen geschwunden. Sie beschwichtigte die Ihrigen, nahnr ihren Kram und hausirte wieder in einigen Gast- und Kaffeehäusern. Von da aus kehrte sie in das Spital zurück und blieb aus der Steinbank davor sitzen, bis es Tag wurde und der erste Wärter heraustrat. Er kannte sie von gestern Abend her und brachte ihr Nachricht von der Kranken. „Schlin m steht es, wird aber wieder gut werden." Ihr altes Lächeln trat noch einmal auf die Lippeu. Hungernd und ftierend und zu Tode erschöpft, schleppte sie sich nach Hause. Alles schlief noch, weil sie in Kummer die Nacht durchwachten. Sie trank ein Bischen kalte Milch, die von gestern zurückgeblieben war, und knusperte ein Stück Brot dazu. Nach einer Stunde peinigender Ungeduld raffte sie sich wieder auf und trat neuerdings ihre Wanderung von Kaffeeschänke zu Kaffeeschänke an, wo des Morgens die meisten Gäste sind. Um zehn Uhr eilte sie in's Spital. Sie konnte zu der Kranken noch nicht Vorkommen, aber die Auskunft, die sie erhielt, war weniger tröstlich als heute Morgens. Nun mußte sie wieder nach Hause rennen, um den Ihrigen etwas zu Mittag zuzubereiten. Aber kaum hatte sie sich mit der Familie zu Tische gesetzt, kam ein Commissionär, dem sie auf seinem Standplatz beim Spital den Auftrag gab, ihr in einer Stunde Nachricht von dem Befinden der Kranken zu bringen, mit der Hiobsbotschaft, sie sei vor einer Viertelstunde aus dem Leben geschieden. Hanna kam von dem Schlage wieder schnell zu sich. Das Bewußtsein, daß ihrer Pflichten nun noch mehr geworden, gab ihr neue Stärke. Nach wenigen Tagen sehen wir sie wieder mit ihrem Kästchen in^der Hand in den öffentlichen Localen von Tisch zu Tisch hausiren. Sie hat wieder das Lächeln der Jugend, wenn ihr auch die Thränen näher stehen, denen sie aber nur freien Lauf läßt in den kummervoll durchwachten Nächten. Wochenkalender. Adar 6653. — Feber-März 1893. Freitag 15 Schuschan Purim 3! E. d. N. 6>» 23 4»»! Samstag 16 i 4 Sonntag 17 I 5 Montag 18 avn'D 6 Dienstag 19 7 Mittwoch 20 8 Donnerstag 21 9 1 Freitag 22 10 | Briefkasten. Max Stößl, Klagenfurt. Wir bestätigen Ihnen auf Ihr Verlangen, daß die Corrcspondenz Klagenfurt in Nuwmer 7 der „Oesterreichischen Wochenschrift" nicht von Ihnen herrührt und Sie derselben vollständig ferne stehen. Ignaz Eisinger, Poisdorf. Bei Lebensgefahr ist am Sabbath alles erlaubt. B. L. in K. Das Gesuch ist an den Vorstand des Hospitalvereines für Gleichenberg zu richten, in der Kanzlei des Cultnsvorstandes und Landesschulrathes Herrn Dr. Gustav K o h n, Wien, I., Salzgries 9, abzugeben und mit einem Armuths- und Krankheitszeugnisse zu belegen. Sehildermalerei JOKL prämiirt mit goldener Medaille Wien, VII., Mariaöilferstr. 42 liefert billigst und geschmakvoll alle Arten Aufschriften auf Glas, Holz, Blech und Leinwand. Hofwappen, Adler und Buchstaben in Email, Glas and Holz.