Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 9 (3.3.1893)
- Date
- 1893-03-03
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Seite 164 Orsterreichischr Wochenschrift Nr. 9 Juden von allen politischen Parteien als Renegaten verachtet, in Deutschland werden diese durch die Taufe erst salon- und anstellungsfähig! Paris. Herr George Ben ist einstimmig zum Mitglied des „Theatre frangais“ gewählt worden. Dieser hervorragende Bühnenkünstler hat das 30. Lebensjahr noch nicht erreicht. London. Der Baron v. Hirsch hat verschiedenen hiesigen Wohlthätigkeitsvereinen 6400 Sterling (etwa 160.000 Franken) geschenkt. Amsterdam. Herr Professor Dr. B. I. Stocvis von der hiesigen Universität wurde durch königliches Decret zum Vertreter unseres Landes auf dem im Dezember d. I. in Rom tagenden internationalen medicinischen Congreß ernannt. Rom. Der berühmte Philologe, Herr Professor Grazio Ascoli, hat auf Antrag dreier Minister den höchsten italienischen Orden, nämlich den Großcordon der italienischen Krone erhalten. Rom. Herr Enrico Rava wurde zum General-Director der Generalbank von Rom ernannt. Bor dieser Ernennung hatte er eine Audienz beim Könige, welcher mit ihm die Angelegenheiten der Bank, sowie die in Verbindung mit derselben stehenden Scandale besprach, welche in Italien eine so große Sensation hervorgerusen hatten. Petersburg, 24. Februar. Dem „Regierungsboten" zufolge erinnerte der Minister des Innern die ihm unterstehenden Behörden an die gesetzlichen Bestimmungen, nach welchen die jüdische Secte der Karaim nicht denjenigen Rechtsbeschränkungen unterliegt, welche hinsichtlich der übrigen Juden festgesetzt sind. Petersburg. Die Akademie der Wissenschaften hat von Herrn Friedmann, einem jüdischen Kaufmann 1. Gilde, eine kostbare Bibliothek, als Geschenk erhalten. Diese enthält 300 Manuscripte in hebräischer Sprache. 320 alte Drucke und 10.000 Bände aus dem 16. und 17. Jahrhundert. Die Sammlung wird unter dem Namen Bibliotheca Friedmandiaua in einem besonderen Local Aufstellung finden. Das ist jüdische Rache. Moskau. Bezeichnend für die Stellung, die die Behörden den Juden gegenüber einnehmen, ist der Umstand, daß der Polizeichef sämmtliche jüdische Schächter unserer Stadt ausgewiescn hat, so daß es den Juden unmöglich ist, koscheres Fleisch herzustellen. Bukarest. Die rumänische Kammer hat 60 Gesuche christlicher Bewohner verschiedener Nationalität um Naturalisation genehmigt, beantwortete dagegen die Gesuche von zwei angesehenen Juden abschlägig. Einer derselben, Herr Glückmann, ist ein beliebter bedeutender Arzt, dessen Ansuchen durch General Mono, Präsident der Deputirtenkammer, aufs Wärmste unterstützt wurde. General Mano hebt hervor, daß Glückmann im Kriege 1877—78 unter ihm als Militärarzt gedient, daß er sein Leben eingesetzt für Kranke und Verwundete und mit bewunderungswürdiger Aufopferung mit den ansteckendsten Krankheiten Behaftete gepflegt habe. Und ein solcher Mensch wird nicht würdig befunden, das Bürgerrecht in seiner Heimat zu erlangen! Chicago. Englische Frauen werden sehr zahlreich durch ihte Werke und ihre Arbeiten bei unserer Ausstellung vertretensein: Handarbeiten, Bilder, Bücher rc. alles in separate Abtheilungen eingereiht. Unter den Dichterinnen nun, denen ein verhältnismäßig kleiner Platz eingeräumt wurde, befinden sich zwei Jüdinnen, deren Werke in England große Verbreitung gewonnen haben und zwar Grace Aguilars schöner historischer Roman „The Last Lays of Bruce“ und „Reuden Sachs" von der so jung verstorbenen Amy Levy, die infolge ihres frühzeitigen Todes ihre ausgezeichneten Talente nicht ganz entfalten, die Erwartungen nicht erfüllen konnte, welche ihr berühmtes Erstlingswerk erweckte. Jerusalem. Am 15. Schebat fand die feierliche Installation des neuen Chachom Baschi Rabbi Jacob Saul Eliashar in der großen Synagoge „Kahal Sadol" statt. Die Synagoge war von einer großen Menschenmenge dicht besetzt, unter welcher alle Elasten der jüdischen Bevölkerung aber auch Türken vertreten waren. An der Spitze der letzteren sah man den Dragoman des Gouverneurs Baschadah Effendi. Beim Eintritt in die Synagoge wurde Rabbi Eliashar zum Stirnsitz geleitet, wo der Deputate Rabbi Nissin Baruch ihm die neuen Kleider anlegte, welche einem alten Brauche entsprechend die Gemeinde jedem Oberrabbiner widmet und die Mitra auf das Haupt setzte. Hierauf hielt der Oberrabbiner eine Ansprache, welche einen guten Eindruck machte. Der Chasan recitirte sodann das Gebet für den Sultan Abdul Hamid ll. und machte dem Gouverneur von Jerusalem Ibrahim Haki Pascha und dem Cachom Baschi ein Mischeberech.. Die Schüler der Lemel-Schule sangen den 24. Psalm und Jigdal, womit die Feier schloß. Feuilleton. Minister Bonghi über die Inden. Wer das neunzehnte Jahrhundert darstellen will, wird es nur unter dem Bilde einer Schlange thun können, die sich selbst umschlingt und mit dem Rachen in den Schwanz beißt, so vieles von dem, was es im Anfänge versprach, verleugnet es, nun es zu Ende geht. Wer hätte vor etwa dreißig Jahren gedacht, daß eine Zeit kommen könne, in welcher in allen Kreisen Europas — nachdem man so viel von der Judenemancipation gesprochen und sich derselben als einer großen, von den Philosophen lange ersehnten und geförderten, und schließlich von den Staatsmännern genehmigten in, höchsten Grade liberalen, humanen, heiligen, bürgerlichen Errungenschaft gerühmt hatte — diese Emancipation von vielen beklagt werden würde und in einigen Staaten die Regierungen, weit entfernt die öffentliche Meinung mit sich fortzuschleppen, aus eigener Entschließung oder durch ihnen als vernünftig erscheinende Gründe bestimmt, voll Reue, ihn vor Kurzem verlassen zu haben, auf den früheren Weg zurückkehren würden? Und doch ist es so. Wir Aelteren, denen das Ideal der Gerechtigkeit und des Friedens, welches uns als Jünglinge.fesselte und begeisterte, noch vor der Seele glänzt, sind starr vor Erstaunen, wenn wir ein so unvermuthetes, gehässiges Kriegsgeschrei vernehmen. — Unter den christlichen Nationen lebt eine, die wieder von den Anderen so getrennt, daß sie ihnen förmlich fremd, noch so mit ihnen vereinigt ist, daß sie in keiner Hinsicht sich von ihnen unterschiede. Zum Theil hatte ein ihm eigener, natürlicher Hang, zum Theil eine lange, harte, unheilvolle Reihe von Ereignissen dieses Volk gezwungen, ohne eigenes Ländergebiet zu bleiben und ohne irgendeine staatsrechtliche Grundlage oder/Anerkennung unter den anderen zu leben. Die umfassende, humane Gesinnung, die im letzten Drittel des vorigen und in der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts vorherrschte, trug dazu bei, die Abneigung, welche die Nationen gegen jenen Bruchtheil dieser fremden Nation empfanden, der sich in ihrer Mitte festgesetzt hät'e, abzuschwächen. Allein das nationale Gefühl, das von neuenr erwacht und erstarkt ist, erweckte und verstärkte auch jene Abneigung wieder, und die jüdische Nation, die außerhalb aller anderen und doch außer' keiner derselben dasteht, die mit allen verbunden und trotz alledem eine Gemeinschaft für sich bildet, wird allgemein wieder als eine fremde betrachtet und als solche dem Haß preisgegeben. Eine der hauptsächlichsten Modificationen, die Ende des vorigen Jahrhunderts in der gesellschaftlichen Ordnung Platz griff, war unstreitig die, daß man der Arbeit und der Production freien Lauf ließ. Ein Jeder hätte von da an, ohne Leitstern, ohne Genossen, ohne Einschränkung bloß auf sich selbst vertrauen und alle hätten mit demjenigen wetteifern sollen,, der am meisten vermochte und das Beste leistete. Die jüdische Nation, die einerseits inmitten aller anderen, in der Auflösung begriffenen, eine Confraternität blieb, einer Confraternität überdies, welche über die Grenzen jeder Nation, in deren Mitte sie lebte, hinausging und sich von der einen zur anderen die Hand reichte, war andererseits zu einem friedlichen Kampfe aller gegen alle, wie ihn die Auflösung der alten Ordnungen der Erwerbsthätigkeit vorschrieb, die am besten vorbereitete. Jahrhunderte qualvoller Leiden hatten das Genie dieser Nation geschärft. Gewerbliche Corporationen, in die sie nicht eintreten konnten, gab es nicht mehr. Mit Gewalt dazu gezwungen, ihr Leben lediglich durch armselige schlechtlohnende Gewerbe zu fristen, hatte sie sich darin eine Geschicklichkeit ohne Gleichen angeeignet; beständig bedroht, entweder durch die Volkswuth oder durch die Schlauheit geldbedürftiger Regierungen ihrer Habe beraubt zu werden, hatte sie sich daran gewöhnt, diese Habe verborgen und Zusammen zu halten. Sie durfte, um keinen Neid zu erwecken, nur ein kärgliches Leben führen und so war sie reich und fähig geworden, Geld zu verleihen, mit hohen Zinsen natürlich, wie man es zu verleihen Pflegt, wenn die Sicherheit mangelt, daß man es zurück erhält. Auf diese Weise hatte sie,