Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 9 (3.3.1893)
- Date
- 1893-03-03
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 160 Oesterreich ische Wochensrizrist Nr. 9 „Wir Italiener", bemerkt der Correspondent, „werden lvegen unserer dunkeln Hautfarbe und der schwarzen Haare in Berlin häufig für Juden gehalten und jeder Gassenbube ruft uns schon das: Jude nach". Ebenso unterläßt es kein echt deutscher Student bei den Bicro rgien auf die Juden in Rede und Sang loszuhauen. Es ist dies ein Beweis für den hohen Grad von Aberglauben, welcher noch so sehr im deutschen Volke wurzelt und das folgende möge diesen Ausspruch noch besser illustriren. Nach jedem Gottesdienste werden die Israeliten, welche aus dem Tempel heraustreten, von dem Pöbel in der unanständigsten Weise beschimpft und verhöhnt und die Behörde sieht diesem Treiben ruhig zu! Dagegen ertragen die Israeliten ihrerseits mit dem größten Gleichmuthe alle die ihnen zugefügten Beleidigungen und zeichnen sich stets durch Fleiß und Eifer als die wackersten Kämpfer des Fortschrittes. Die Regierung kümmert sich sehr wenig um alle diese Vorkommnisse; der Antisemitismus ist ja in Deutschland amtlich gestempelt! Der Jude kann keinen Officiersgrad im Heere erlangen, kann nicht ordentlicher Professor an der Hochschule werden, so sind z. B. hervorragendste Gelehrte, weil sie nicht zu den Bekcnnern Christi gehören oder nicht mit Luther protestiren, nur außerordentliche Professoren, ja meistens blos Docenten. Ebensowenig können Inden es in öffentlichen Aemtern oder in der diplomatischen Carriere zu etwas bringen. Die religiöse Freiheit, von Kaiser Wilhelm erst unlängst bei der Einweihung der Wittenberger Schloßkirche betont, ist trotzdem nur illusorisch; ja als Kaiser Wilhelm noch einfacher Prinz war, besuchte er regelmäßig und mit Vorliebe die antisemitischen Zirkel der Aristokratie. Soweit der Berliner Brief des genannten Blattes. Wir fügen hinzu, daß der „Mattino" ausschließlich von christlichen Redacteuren geschrieben wird und ein vollkommen unabhängiges Journal ist. Raab. 21. Februar. Gestern fand hier die Stadtrepräsentantenwahl statt. In der sogenannten „Wiener-Vorstadt", die circa 7000 Seelen zahlt und zumeist von christlichen Handwerkern und Bauern bewohnt wird, sind 4 Repräsentanten gewählt worden, die meisten Stimmen fielen auf den hiesigen jüdischen Advocaten Carl Tauber, wiewohl unter den Gewählten der evangelische Bischof und der katholische Pfarrer sich befinden. Keiner von Beiden - hatte die große Stimmenzahl, wie Tauber. — Nachdem geheime Abstimmung war, kann von einer Agitation nicht die Rede sein. — Noch inehr. Eine nach Hunderten zählende Menge aus lauter christlichen Handwerkern bestehend, bsgab sich nach vollzogener Wahl zum Wohnhause Tauber's, der unter stürmischen Eljen-Rufen, von den Wählern verlangt, in der Mitte der Wähler erscheinen mußte und für das Vertrauen, das ihm geworden, seinen Wählern in schönen Worten dankte. — Wir Juden aber freuen uns alle hierüber, weil wir sehen, daß unser „kleine Mann", der Handwerker, richtig fi'ihlt und denkt und vielleicht mehr politische Reife besitzt, als die Bewohner von „M argarethe n". — Wann werden Sie uns, löbl. Redaction, aus Wien eine so frohe Botschaft bringen können? — Leipzig. (Gebrandmarkt.) Der antisemitische Scribent Tesdorpf wurde, wie aus Leipzig berichtet wird, wegen eines vom. der „Antisemitischen Correspondenz" veröffentlichten Schmähartikels gegen den Pfarrer Gräbner zu zwei Monaten und acht Tagen Gefäng niß verurtheilt. Der Schmähartikel wird in dem gerichtlichen Urtheile als widerlich und gemein und als eine Schande characterisirt. Die Schreibweise, welche der von den Antisemiten auch als Wanderredner verwendete Tesdorpf cultivirt, ist aber keineswegs eine originelle; sie unterscheidet sich in nichts von der anderer antisemitischer Scribenten. Das gesammte Schriftunwesen, welches von den Rassenhetzern ausgeht, die im Verdächtigen und Verleumden ihre wesentlichste Aufgabe erblicken und vor schamlosen Lügen nicht zurückschrecken, erscheint nun gerichtlich gcbrandmarkt. — Berlin. Der von Dr. Lueger in allen Versammlungen so sehr gefeierte Rentier Ahlwardt sagte in seiner Rede in den Germania-Prachtsälen u. A.: „Spinoza habe die Verdienste eiues Cartesius und anderer zusammengerührt, die jüdische Presse hat sein Verdienst in alle Welt hinausposaunt, und nun ist er der große Mann, und es giebt genug Deutsche, welche sich von diesem Schwindel gefangen nehmen lassen." Hiezu bemerkt das covservative „Fremdenblatt": „Im Namen der Wissenschaft müssen wir diese frivole Zumuthung, als ob ein Geist wie Spinoza'sich mit fremden Federn geschmückt habe, energisch zurückweisen. Entweder hat Herrn Ahlwardt blinder Fanatismus oder absolute Unkenntniß der modernen Philosophie zu dieser gewagten Behauptung verleitet. Zu seiner Ehre nehmen wir das Letztere an." Warum blos das Letztere? Das „Fremdenblatt"' hätte getrost beides annehmen können. Herr Professor Felix Dahn veröffentlicht gegen eine Stelle in einer der letzten Reden des Landtagsabgeordneten Dr. Porsch in der „Schles. Ztg." eine Erklärung. Wogegen sich dieselbe richtet, ist aus der Erklärung selbst zu ersehen. Sie lautet: „Wiederholten Entstellungen meiner Aeußerungen gegenüber erkläre ich: 1) Ich habe gesagt und sage, das; den heidnischen Germanen das scheußliche Laster der Heuchelei fremd war; stand doch keine Prämie daraus; das ward anders durch Auferlegung des Christentums als Zivangsglaube. 2) Ich habe gesagt und sage, daß die Sittlichkeitslehre des germanischen Heidentums höher stand als die Sittlichkeitslehre (nicht der Kirche oder gar Christi, sondern) des christlichen Mitte'alters, wie sie sich thatsächlich gestaltete. Das germanische Heidenthum verlangte die gute Handlung um der Pflicht der Treue und der Ehre willen: die tatsächliche Gestaltung der mittelalterlichen Sittlichkeit verlangte die Befolgung der zehn Gebote (nicht — wie die Kirche lehrte und lehrt, um der Heiligkeit Gottes willen, welche durch die Sunde befleckt wird, sondern) aus tief unsittlicher Berechnung aus die grob sinnlich ausgemalten Freuden des Himmels und ans der erbärmlichen Furcht vor ebenso gras; ausgemalten Qualen der Höll:. Die Folge war eine planmäßig versuchte Bestechung der Heiligen durch Geschenke und andere äußerliche „gute Werke", welches Bestreben gleichfalls unsittlich war. Daß obige Säye wahr sind, weis; jeder, der die Quellen kennt. Das; ich den „Wotansglauben" über das „Christenthum''' gestellt habe, ist eine Unwahrheit. Breslau, den 23. Februar 1893. Felix Dahn." Bukarest, 17. Februar. Während, wie bereits in diesem Blatte berichtet, in den Kammersectionen der antisemitische Antrag auf Ausschließung der Fremden, d. h. der nicht im Besitze des rumänischen Bürgerrechtes befindlichen rumänischen Israeliten vom unentgeltlichen Besuche der Volksschule, durchgefallen ist, sind in eben denselben Sektionen zwei den bekannten Liebhabereien unserer Juden- und Fremdenfresser entsprechende Zusätze zu dem vom Domänen- und Handelsminister vorgelegten Gewerbeschulgesetze angenommen worden. Der erste spricht die Unentgeltlichkeit der staatlichen Gewerbeschulen, zu welchen auch Forst-, Ackerbau- und Handelsschulen gezählt werden, ausschließlich den Rumänen zu, während der zweite zu den im Artikel 58. aufgezählten Bedingungen der Aufnahme den Besitz des rumänischen Bürgerrechtes hinzufügt. Der Domänenminister C a r p ergriff das Wort, um in glänzender, von häufigem Beifall unterbrochener Rede sich gegen . die vorgeschlagene Ausschließung der nicht naturalisirten Juden zu richten. Carp betonte, daß Rumänien seine heutige Cultur fremden Schulen verdanke, und warf die berechtigte Frage auf, was man wohl hier zu Lande dazu sagen würde, wenn der rumänischen Jugend die Schulen des Auslandes verschlossen würden. Was die israelitische Bevölkerung anbelange, so könne der Gefahr ihres etwaigen allzugroßen Einflusses nicht durch Verfolgung, sondern nur durch eine Gewöhnung der Rumänen an ernste Arbeit vorgebeugt werden. Man könne die Juden weder umbringen noch austreiben. Sie tragen alle Staatslasten und die Blutsteuer, ohne daß sie in der Armee avanciren können. Was wolle man noch von ihnen? „Ihr — so fuhr Redner gegen die Nationalliberalen gewendet fort — habt sie verfolgt und in die Donau geworfen, habt aber damit nichts erreicht." Redner will dagegen den Juden das Recht einer Befriedigung ihres Bildungsbedürfnisses in den rumänischen Staatsgewerbeschulen gewahrt wissen, und warnt die Antisemiten, durch ein gegen die Fremden und Juden gerichtetes Votum eine Krise herbeizuführen, aus welcher nur ihre politischen Gegner Bortheil ziehen würden. Man glaubt, daß nach dieser Rede die Kammer die Ausschließungsamendements zu §. 58 ablehnen werdet Warschau, 15. Februar. (Gefangennahme einer Räuberbande — durch Juden.) Der persönliche Muth unserer Glaubensgenossen ist seitens der Judenfeinde, trotz vielfacher Beweise desselben von jeher angezweifelt worden. Besonders hier im heiligen Rußland wird den Juden stets Feigheit vorgeworfen, wiewohl man Gelegenheit hatte, seit dem russisch-türkischen Kriege, wo die jüdischen Soldaten eine geradezu heroische Tapferkeit an den Tag legten, anderen Sinnes zu werden. Nichtsdestoweniger ist der persönliche Muth des Juden