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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1893-03-03 · 9 (3.3.1893) · page 7

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
10 (1893)
Issue
9 (3.3.1893)
Date
1893-03-03
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 9 Oeyrrreichischr Wochrnschrifi Seite 157 Jerusalem den Juden nur das bleibt, was Rom für die Katholiken aller Lander ist. „Wir gehören nicht zu denjenigen, welche glauben, daß Juden oder Jesuiten die Nationalität der Völker, die Unabhängigkeit der Staaten bedrohen. Zu viele Kräfte streiten in der modernen Welt, als daß dieselbe vorn Kahal oder Gesu erobert werden könnte. Ja, in unseren Zeiten des nationalen Exclusivismus ist es gut, Löcher in die Mauern zu bohren, welche die Völker trennen. Dieß ist eine der Aufgaben der Religion. Was auch die Anhänger der Allgewalt des Staates darüber denken mögen, es ist für die Menschheit ein Glück, das dieß doppelte Band der Seelen, das Vaterland und die Religion nicht immer von gleicher Länge ist und das eine sich dort sortsetzt, wo das andere aufhört. Würden die Grenzen der Religionen mit denen der Staaten zusammenfallen, so könnten weder Ideen noch Gefühle dieselben passiren. Hier hat der Dualismus seine gute Seite. Der Patriotismus ist nothwendig local. Die Religion soll international oder supernational sein. Der ursprünglich nationale Character des Judenthums wird durch dessen Zerstreuung aufgehoben werden. Wie der Christianismus, wird auch der Judaismus ein internationaler Cultus werden." Der Autor verwirft die Idee der Ersetzung der Religion durch die Idee der Nationalität, durch den „nationalen Polytheismus". Dieß wäre die Rückkehr zum antiken Staat, zum Cultus von Rom und Augustus, zur Gottmachung eines Cä'ars, wogegen Juden und Christen sich durch das Blut so vieler Märtyrer aufgelehnt haben. „Wenn der Jude, seies durch Erziehung, sei es durch seine Geschichte zum Cosmopolitismus neigt, so wird er dadurch um so geeigneter als Bindeglied zwischen den Völkern zu dienen, wie seine Väter zu Zeiten des alexandrinischen Alterthums oder des arabischen Mittelalters. Er-, dem ein unbesiegbarer Kastengeist zugemuthet wird, hat zuerst die gemeinsame Abstammung aller Menschen proclamirt. Warum, frägt der Talmud, hat es am Anfang nur einen Adam gegeben? Damit alle Menschen denselben Vater hätten und nicht eine Nation zur Anderen sagen könnte: Unsere Vorfahren waren reicher oder mächtiger als die Deinen. Und diese Brüderlichkeit, welche die Bücher Judas in die Wiege des Menschengeschlechtes legten, haben dessen Propheten für die Zukunft verkündigt." Der Autor schließt: „Es widerstrebt mir, zu glauben, daß der Unterschied des Blutes ewige Feindschaft zwischen den Nachkommen des Japhet und des Sem bedeutet: Ich habe das Bewußtsein, mit meinen schwachen Kräften zum Werke der Versöhnung beigetragen zu haben und indem ich es that, glaube ich treu gewesen zu sein, jenem Geiste von Barmherzigkeit und Liebe, welcher uns von den Hügeln Galiläas entgegenweht. Fürwahr, man möchte glauben, einen Weisen zu hören, 'der losgelöst von dieser haßerfüllten Welt Versöhnung und Brüderlichkeit predigt. Aber diese Stimme rührt von einem der größten Kenner zeitgenössischer Zustände, von einem Historiker ersten Ranges und vielseitigen Gelehrten her. Wird sein Ruf ungehört verhallen im Getöse de« Kampfes? N. Die Folgen des öst. Erbfolgekrieges für die Inden Kremsters. In vielfacher, besonders in legislatorischer Hinsicht war der dreißigjährige Krieg fi'r die böhmischen und mährischen Juden, welche um... diese Zeit (27. März 1629 und 8. April 1648) leidliche Privilegien* und Erweiterungen ihrer Rechte erhielten, weniger verhängnißvoll als der österreichische Erbfolgekrieg, der mit dem denkbar grausamsten Gesetze der sogenannten „Familie" endete. Wohl trugen sie in beiden die schwere Last der Kriegsgeißel, vom eigenen Heere die Kriegssteuer, vom fremden die Brandschatzung, von diesem, wie von jenem die gleiche rücksichtslose Ausbeutung. Wohl wurden sie in beiden des verrätherischen *) Aehuliche Befugnisse erhielten auch die Gemeinden Worms und Franksult rm 2. März 1621 und 13. August 1630. (Bergt. G. Wolf's Ferd. II. S. 29. 48. 53.) . Einvernehmens mit den Erbfeinden verdächtigt und für das Mißlingen eines Kriegsplanes, den ein geschwätziger Staatsmann veröffentlicht oder ein ungeschickter Feldherr fehlerhaft ausgeführt haben mag, verantwortlich gemacht. Doch fühlten ie sich zumindestens im ersteren gegen die Rohheit ihrer eigenen Mitbürger unter dem Schutze der Obrigkeit geborgen: im letzteren hingegen wurden sie in ihren abgesonderten Quartieren von innern Feinden überfallen und unter den Augen der lässigen Behörden ausgeraubt. Dieses verschiedene Verhalten der Regierung erklärt sich daraus, daß sie die Schätze der wohlhabenden Juden des 17. Jahrhunderts für sich selbst aufsparen wollte, von den verarmten Ghettobewohnern des 18. Jahrhunderts aber keine Zuflüsse für die erschöpfte Staatskasse erwartete. Während sie daher im 30jährigen Kriege die Schonung der Juden, die zu dessen Kosten freiwillig bedeutende Summen beisteuerten, aus finanziellen Gründen sich angelegen sein ließ, hatte sie im ersten schlesischen Kriege kein Interesse daran, die Gemeinden, welche gleich dem ersten Erpressungsversuch Widerstand, die minderwertige Protection entgegensetzten und dadurch ihre Mittellosigkeit, ihre Schwäche, zeigten, gegen die Wuthausbrüche des Pöbels zu schützen, welcher dazu noch vorgab, die verletzte Majestät des Staates an den Berräthern zu rächen und gewissermaßen den Vertheidiger des beleidigten Vaterlandes, den Patrioten, zu spielen. Dieser sinnlose Wahn, als ob die harmlosen, dem politischen Weltgetriebe fernstehenden Juden es mit deni Feinde hielten, welche Verleumdung int Jahre 1683 unsägliches Elend über die Gemeinde Ung -Brod gebracht hat, nahm auch jetzt bei der für alberne Gerüchte besonders empfänglichen Bauernbevölkerung Mährens eine gefährliche Gestalt an. Und hatten die Juden dieses anfänglich keineswegs für den Krieg so begeisterten Landes durch dessen geographische Lage als das Durchzugsgebiet der kaiserlichen und feindlichen Heere an den allgemeinen Heimsuchungen, welche der Krieg in seinem Gefolge führt, schon genug zu leiden, mußten sie noch zum Uebermaße die Verfolgungen der Bürger, der Feinde aus ihrer eigenen Mitte, geduldig über sich ergehen lassen. Am härtesten aber war wieder wie im 30jährigen Kriege speciell die Gemeinde Kremsier von den Unbillen betroffen und mit einem guten, gesegneten Theile von den bösen Geschicken bedroht, welche das unheilvolle Jahr 1742 in seinem Schoße barg; sie leerte den Unglücksbecher bis zur Neige. Am 2. Februar 1742 brachen die Preußen unter der Führung des Majors Polster in Kremsier ein, entwaffneten die Schloßwache, besetzten das Stadtthor und legten den Bewohnern 53.000 fl. als Contribution auf. Die mit dem Reiche Lraußen in regem Geschäftsverkehre stehenden Juden, welche, um Repressionen zu entgehen, bereitwillig ihren Theil dazu beitrugen, dürften nicht besser und nicht schlechter als die Uebrigen behandelt worden sein, welcher Umstand allein hier zu Lande schon Grund genug zur Beschuldigung gab, daß sie mit dem Könige Friedrich, ihrem Beschützer, hochverrätherische Verbindungen unterhielten. Auch gegen die Gemeinde Nikolsburg, wo die Preußen am 20. Februar 1742 eindrangen und unter Androhung der Plünderung eine Contribution von 30.000 fl. verlangten, tvelche sie dann nach langem Bitten auf 9000 fl. reducirten, wurde das falsche Gerücht verbreitet, daß sie dem Feinde Vorschub leisteten oder gar Spionendienste verrichteten. Dieses leere Geschwätz zum Vorwände nehmend, erließ der commandirende Feldherr in Brünn am 14. März 1742 den Befehl, daß die gesammten Juden Mährens bis zum 20. März 50.000 fl. zusammeuzulegen und abzuliefern hätten, widrigenfalls sie an allen Orten, wo sie in Mähren getroffen werden, geplündert und niedergemacht werden sollen. Da die Preußen den Weg zwischen Brünn und Nikolsburg besetzt hatten, schickte er dieses Patent nach Boskowitz, von wo es trotz des Sabbath's zwei geistesgegenwärtige Männer Jes. Donath und Jac. Koppel über Rausnitz zu Pferde nach Nikolsburg beförderten. Diese dort verspätet (18. März) angelangte Nachricht ries in der Gemeinde große Bestürzung hervor. Uin zunächst Zeit zu gewinnen, wurde beschlossen, in einem Gesuche dem Commandanten därzulegen, daß bei der schlechten Communication, wegen welcher er selbst ja das Patent aus Umwegen nach Nikolsburg schicken mußte, die Frist zur Herbeischaffung solch' einer hohen Summe zu kurz sei und im Vertrauen aus die Kaiserin ihn zu bewegen, den Zahlungstermin um zwei Wochen zu verlängern. Wegen der Unsicherheit der Kaiserstraße wurden zwei Boten mit diesem Memorial aus verschiedenen Landwegen nach

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