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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1893-03-03 · 9 (3.3.1893) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
10 (1893)
Issue
9 (3.3.1893)
Date
1893-03-03
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 156 Oestrrreichifche Wochenftlzrist Nr. 9 werden könnte — und ein Armer hat sie gefunden und sich damit genährt, so wird dies dem Verlustträger entlohnt. (Siphre ed. Friedmann 12. 4 b.) Und wenn auch Haman nur böse Absichten gehabt, so lassen die Rabbinen die gute Wirkung nicht unbelohnt. Ueber diese Belohnung will dieser Aufsatz referiren. An der palästinensischen Küste des mittelländischen Meeres, eingezwängt zwischen Benjamin und Jehuda, lag der Landstrich Dan's. Da war ein kleines Städtchen, namens 6ene-Berak. (Josuah 45; 19). Dieses Städtchen war nach der Zerstörung des Reiches durch Titus gerne von den jüdischen Gelehrten ausgesucht. Das Festbuch für das Passahfest erzählt uns von dem Schulpräsidenten Rabbi Eleasar ben Asarja, daß er dort den Festabend hielt — ihm zur Rechten waren R. Elieser und R. Josuah, zur Linken R. Akiba und R. Tarphon — und sie unterhielten sich durch die ganze Nacht über den Auszug aus Egypten. Vielleicht planten sie in dem entlegenen Städtchen, wie wieder die Freiheit aus dem sie bedrückenden römischen Joche zu erlangen wäre. Später hat R. Akiba den Sitz seiner Schule nach diesem Städtchen verlegt. (Sanhedrin 32 b.) Wer hat aber ursprünglich dieses Städtchen zum Sitze der Thora gemacht. Kein anderer als die Abstämmlinge Haman's, (das 96 b. u. Gittin 57 b). Aehnliches trug sich zu mit den Nachkommen Sisra's, Feldherrn des Königs von Chazor. Diese waren Schullehrer in Jerusalem. Eines höhern Lohnes erfreute sich Sanherib, König von Aschur, der die Ruthe des göttlichen Zornes gewesen; die Schulhäupter Schemaja und Abhtalion waren seine Sprößlinge. So geht die Geschichte ihren merkwürdigen Gang; keine gute Wirkung geht unbelohnt verloren, wie keine böse Handlung unbestraft bleibt. Nach diesem Gange der Geschichte dürfte es unsere Nachkommen nicht wundern, wenn die Enkel unserer heutigen Autisemiten, die über Tarnopoler Moral viel zu erzählen wiffen, einst in Tarnopol in Kaftan und Jarmika, in Talith und Tephilin in einem Beth-ha-inidraseh int Studium des Schulchan Aruch sich vertiefen werden. Jedenfalls haben wir Spätern dem Haman das schöne Purimfest zu verdanken. Der Jude ist nüchtern; am Purim soll er. nach dem Talmud, sich ein Räuschchen trinken. Wie viel soll er trinken? Der Talmud sagt, bis er vergessen hat, ob erHaman fluchen oder Mordech tt segnen solle. Der nüchterne Jude empfindet tief beu. Stachel des Feindes, der ihm im Fleische bohrt — er trinke; nicht aber, um zu toben und zu fluchen, nein, tvenn er getrunken hat wird feiir Herz sich erweitern und vergessen, Haman zu fluchen. Die Einführung des Purimfestes, mußte, wie im Buche Esther berichtet wird, erst durch den Machtspruch der Königin beim Volke durchgesetzt werden. (Esther 9, 29.) Das Volk sträubte sich dagegen; weshalb? Ein solches Fest könnte den Haß zwischen den Völkern nähren, gibt der Talmud (Megillah -7 a) als Grund an. Nun hat es die Königin durchgesetzt. Was aber führten die Rabbinen als Pflicht für dieses Fest ein. Die Pflicht, eine eigene Armenkasse unter dem Nameu Maoth Purim oder Magbath Purim in jeder Gemeinde einzuführen, welches Geld nicht mit andern Wohthätigkeitsgeldern vermengt werden darf. Dieses Purimgetd wird jedem, der die Hand darnach ausstreckt, gegeben, ohne Untersuchung seiner Würdigkeit, ohne Rücksicht auf seine Confession. (Baba Mezioh 78b. Jerusch. Megillah 1, 4; Schulchan Aruch 694.) Dies ist semitisches Rachgefühl. M. Friedmann. Die Inden und der Antisemitismus. - Von A na 1 o l e Ler o y B eaulieu?) In einer Reihe von Aufsätzen hat der gelehrte Verfasser die Wurzeln des Antisemitismus bloßzulegen versucht. In der vorliegenden Schrift über „jüdischen Particularismus und jüdischen Cosmopolitismus" behandelt er die Frage der Assimilation der Juden und zeigt wie der oft gehörte Vorwurf, daß die Jrlden unfähig wären gute Patrioten zu werden, zum Theile ein ungerechter ist, während er, wenn den wirklichen Thatsachen entsprechend, nur auf die tausend Hemmnisse zurückgeführt werden muß, welche die Völkerschaften der Gleichberechtigung der Juden entgegensetzt haben. Lassen wir dem Autor das Wort: „.Auch dort, wo die Juden in großer Zahl und am längsten weilten, haben sie niemals ein christliches ') Levue äes äsux Llouäes, 1. Februar 1893. Volk entnationalisirt. Belege dafür sind Polen, Klein-Rußland und Ungarn. Im Gegentheil, in fast allen Staaten haben die Söhne Jacobs die Einwirkung der Eingesessenen erfahren, haben die Sprache, die Gewohnheiten und die Kleidung ihrer christlichen Nachbarn angenommen, so daß sie jetzt noch, nach jahrhundertelanger Verbannung die Kennzeichen der von ihren Vätern bewohnten Länder aufweisen. Woher käme sonst diese Unterscheidung zwischen Aschkenasim und Sephardim, jene Art von historischem Schisma, welches Israel in zwei ungleiche Halsten spaltete? Diese Eintheilung ist mehr arischen als semitischen Ursprungs; sie ist dieMarke,welche dieVölker aufdieNachkommenAbrahams aufgedrückt haben. Deutsche und spanischeJuden waren unter den Söhnen Japhets so vollständig naturalisirt, so daß di se getrennten Brüder sich mit Mühe erkannten, als sie nach tausend Jahren in Folge einer gemeinschaftlichen Vertreibung einander wieder begegneten, und es hat der Angriffe ihrer Gegner bedurft, um in Beiden das Bewußtsein der Solidarität wieder wachzurufen." Der Autor zeigt nun, wie die Sonderheiten der Juden in Kleidung, Sprache und Namen stets auf arischen- oder muselmännischen Ursprung zurückznführen sind. Diese äußeren Merkmale haben sie theils freiwillig, theils gezwungen ihren Nachbarvölkern entlehnt. „Eine Geschichte der Kleidung der Juden dürfte ein merkwürdiges Buch werden und Liebhaber des.Pittoresken reizen. Es fände sich wohl ein reicher Israelit, der die Kosten trägt." Das polnisch-jüdische Costüm war ehemals polnische Nationaltracht, welches die eingewanderten Juden freiwillig anlegten und an dem sie bis zum heutigen Tage festhalten. Andere Trachten waren auferlegt, so ein anders gefärbter Turban in islamitischen Gegenden, so has gelbe Rad, welches das Concil zu Latran 121.5 für alle Juden vorschrieb und welches später durch einen grünen oder rothen Hut ersetzt wurde. Selbst Flauen entgingen nicht dieser Demüthigung. In Italien mußten sie ein gelbes Tuch auf dem Kopfe tragen, in Frankfurt blaue- Bänder an ihre Schleier befestigen. Alle diese Verordnungen hatten nur einen Zweck: die Juden von den Christen zu isoliren. Aehnlich verhält es sich mit der Sprache. Auch hier haben die Inden alsbald so sehr die Sprache ihrer Heimat sich angeeignet, daß sie dieselbe nach jahrhundertelangem Exil noch als lebende Reliquie.ihres einstigen Vaterlandes bewahrten. Dieß gilt besonders^ von den Sephardim, welche bis zum heutigen Tage die stolze Sprache ihres „grausamen Vaterlandes" (Spanien) sprechen,' was sie nicht gehindert hat, Holländer, Engländer oder Franzosen zu werden. „In dem Commentar des berühmten Nascht und in den T o ssa f i sten der Schule zu Champagne hat man die französischen Eigenschaften der Klarheit und des gesunden Menschenverstandes wiederzufinden geglaubt." Obwohl die Juden überall die Sprache der Thora pflegten, haben sie auch stets die Landessprache sich zu eigen gemacht. Nur die östlichen Juden, von Ausnahmsgesetzen bedrückt, haben ihren Jargon bewahrt. Auch hier ist also der Particularismus der Juden auf die Exklusivität der Nationen zurückzuführen. Das gleiche gilt von ihren Namen. Sie haben mit Vorliebe dieselben der Sprache des Landes angepaßt. Ludwig Boerne hieß Loeb Baruch; Karl Marx war früher Mordechai. Selbst Baruch Spinoza hat seinen Vornamen sich in Benedictus umgewandelt, hellenische Juden haben aus Moses Menelos gebildet. Auch hier tritt die Sucht der Juden, sich an ihre Nachbarn anzulehnen,' deutlich hervor. Und um ein Wort von Leon Tolstoi zu gebrauchen, nur Drohungen sind es, welche die Juden bewegen, in das Schneckenhaus der Exclusivität zurückzukriechen. - Der Autor bespricht hierauf den Grad der Assimilation in den einzelnen Ländern. Am fortgeschrittensten findet er dieselbe in Italien. Im Oriente träumen die Juden noch immer die Wiederkehr ins gelobte Land. Dem scharfen Blicke des Verfassers ist die Bewegung zur Colonisation Palästinas nicht entgangen. Von -einer solchen verspricht er sich aber im besten Falle nur eine partielle Lösung der Judenftage. Er hofft, daß die Emancipation überall zu einer vollständigen wird, und daß

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