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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1893-03-03 · 9 (3.3.1893) · page 5

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
10 (1893)
Issue
9 (3.3.1893)
Date
1893-03-03
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 9 Orsterreützifche Wochenschrift Seite 155 Ich werde Abstinenzler. Kein Prix soll mich zwingen, dieses miserable Tschecherl wieder zu betreten. Das ist kein Caffeehaus sür Deinen Teutobold. Die Erklärung der deutschen Rabbiner über; den Talmud') hat nicht den Beifall eines Theiles der freisinnigen Presse gefunden. Mir liegt über dieselbe eine Aeußerung der „Berliner Presse" vom 16. Februar vor. Dieses Blatt meint, „auf solche Weise überzeuge man weder die Gegner aus dem Lager der Rohling, Stöcker, Ahlwardt u. s. w., noch bessere man etwas." Wer kann hoffen, jene Leute zu überzeugen! Ob aber die Rabbiner mit ihrer Erklärung etwas bessern, bleibe dahin gestellt. Fragen muß ich aber: Was hätten sie denn thun sollen? Darauf gibt das genannte Blatt Antwort. Es fordert aber theils, was niemand wollen kann, theils, was längst (und offenbar ohne „etwas zu bessern") geschehen ist. Es erklärt: „So lange der Talmud als solcher überhaupt noch besteht und gelehrt wird, wie auch beispielsweise auf der „Hochschule des Judenthums", wird die tendenziöse Ausnutzung seines Inhalts nicht aufhören." Soll darum eine Lehranstalt für die Wissenschaft des Judenthums aufhören, ihren Zöglingen den Talmud zu interpretiren? Jnterpretirt nicht an jeder juristischen Facultät ein Professor das römische Recht, aus dessen Quellen der früheren und der späteren Zeit? Jnterpretirt man nicht die Religionsschriften des Brahmanismus und Buddhismus, und die jüdischen Geistlichen sollten nicht den Talmud lesen lernen? Fragt doch den Herrn Professor Strack, was er wohl antworten würde. Ich vermuthe, daß die „B. P." den Nachdruck auf „den Talmud als solchen" gelegt habe. Was ist denn der Talmud „als solcher?" Das müssen doch die Rabbiner am besten wissen. Nun haben sie sich darüber erklärt. Die „B. P." aber meint, „der Talmud habe für das heutige Judenthum nur noch die Bedeutung einer historischen Reliquie." Werden historische Reliquien in den Rumpelkasten geworfen? Ist Plato und Spinoza u. s. w. etwas anderes als eine Reliquie? Vielleicht sind diese Philosophen ehrwürdigere Reliquien als der Talmud, aber der Talmud ist immerhin ein großes Stück der jüdischen Geschichte. Die Juden haben nicht die geringste Ursache, sich des Talmuds zu schämen, folglich haben sie die Pflicht, den Talmud vor Beschimpfung zu schützen. 'Die „B. P." verlangt, daß die Juden erklären, „die heutige jüdische Generation habe mit den Lehren des Talmuds nichts mehr gemein." Nichts? gar nichts? Und wenn nun im Talmud steht: „Was Du nicht willst, daß mau Dir thue, das thue auch Deinem Nächsten nicht" — haben wir Juden, habt Ihr Christen, das mit dem Talmud nicht gemein? Und wie manche schöne Erzählung oder Parabel hat Herder, hat Krummacher, hat Voltaire aus dem Talmud! Ihr Christen (nehmt es nicht übel) wißt aber gerade so wenig wie die allerallermeisten der heute lebenden Juden, was Ihr dem Talmud zu danken habt. Darum wird der Talmud auf der „Hochschule des Judenthums" gelehrt. Also den Talmud streichen ist unmöglich. — Außer dieser negativen Forderung aber stellt die :,B. P." auch eine positive. „Die jüdischen Gemeinden Deutschlands sollten sich auf eine allgemeine Sittenlehre einigen, sie sollten dafür sorgen, daß diese Sittenlehre ihrem Religionsunterricht zu Grunde gelegt werde und öffentlich erklären: So und nicht anders lauten die Grundsätze, auf denen das Judenthum basirt." Das ist seit den Zeiten Esras, seit der Mitte des 5. Jahrhunderts ante Ch. geschehen. In den Synagogen ward zu allen Zeiten gepredigt und zwar auf Grundlage eines Bibeltextes. Seit dem Anfänge unseres Jahrhunderts sind mehr als 100 Lehrbücher der jüdischen Religion erschienen. In jedem derselben steht dieselbe allgemeine Sittenlehre, wie die Bibel sie bietet. Noch mehr. Mit der Unterschrift sämmtlicher jüdischer Rabbiner und sämmtlicher Juristen jüdischer Religion Deutsch' lands in angesehener Stellung sind fünfzehn Grundsätze der jüdischen Ethik in einer halben Million Abdrücken oder noch darüber, veröffentlicht worden' dieselben sind auch jüdischen Gebetbüchern, jüdischen Religionslehren beigegeben worden, und *) Aus den Berliner „Mittheilungen des Abwehr-Vereines^. Herr Professor Gizycki hat denselben auch in seinem System der Ethik eine ehrenvolle Stellung angewiesen. Man klagt über die Prahlerei der Juden. Was dieselben aber Gutes thun, bleibt unbekannt, und — so stehen leider die Dinge — muß geheim gehalten werden. Denn Gutes thun heißt: Schlechtes wegschaffen. Wenn der Vorstand des deutschisraelitischen Gemeindebundes andeutet, was er thut, so wird das für gewisse Leute eine Quelle zur Belehrung über die Fehler der Juden, und es wird damit gewuchert. Es gibt eben Wucher der mannigfachsten Art. Zum Schluß: Ich beklage den Antisemitismus tief, mich indeß kümmert er nicht. Die Juden werden fortfahren, unbekümmert um Antisemitismus, nach Kräften Gutes zu verbreiten unter Juden und Christen. Prof. Steinthal. Haman's Enkel oder Semitische Rachq. Gewiß glaubt der Leser, aus der Ueberschrift zu errathen, daß dieser Aufsatz unfern lieben Antisemiten gewidmet sei und sie als „Haman's Enkel" darstellen will. Weit gefehlt! Ein Theologe sprach über die Nützlichkeit des Ungeziefers und pries dasselbe als Wächter der Reinlichkeit; kaum läßt es sich verspüren, als schon die Hausfrau erinnert wird, eine größere Reinigung vorzunehmen, was sie nach den Gesetzen der Trägheit sonst unterlassen hätte. Die Entfernung und Vernichtung aller sonstigen gefährlichen Krankheitsstoffe sind die wohlthätigen Folgen einer solchen Reinigung, und so erweist sich das Ungeziefer, wenn auch nur indirekt, als Förderer unserer Gesundheit und unseres Wohlbefindens. Ich sagte darum „unsere lieben Antisemiten;" denn auch sie bilden die äußere Anregung Israels, in seinem Hanse Umschau zu halten. Ach, die Mitglieder desselben wurden schon ganz lässig, kümmerten sich um alles in der Welt, nur nicht um das eigene Heim, ja, mancher mochte seiner beinahe schon vergessen haben — da kamen die Antisemiten, sie an ihr eigen Haus zu erinnern und nun beginnt man. sich im eigenen Hauswesen umzusehen. Und wenn das Judenthum sich von dem lebenszerstörenden Jndifferentismus zu befreien beginnt, so haben die Antisemiten mit nicht geringem Antheil dazu beigetragen. Der Agadist Rabbi Abba-bar-Kahana machte folgende Bemerkung: Die Uebergabe des Ringes, durch welchen Ahasverus dem Haman alle Macht einräumte, hatte eine größere Wirkung als achtundvierzigPropheten und Prophetinnen zu Stande bringen konnten. Denn alle diese Propheten der heiligen Schrift haben Israel nicht gebessert und zur inneren Ein- und Umkehr gebracht; hingegen die Gewalt Haman's hat dieses zu Stande gebracht." (Megillah 14 a.) Dieser Haman galt und gilt als der größte Feind der Juden; aber auch für das Dasein eines solchen Wütherich finden die Rabbinen eine Rechffertigung in der göttlichen Weltordnung: Er ist ein Werkzeug in der Hand Gottes; nach den Worten des Spruchdichters: „Alles schuf der Ewige zu seiner Bestimmung, und auch den Frevler für den Tag des Unheils. (Sprüche 16, 4.) Von Sanherib sagt Jesaja: „Weh über Aschnr, Ruthe meines Zornes, ein Stock ist in seiner Hand mein Grimm; gegen ein göttliches Volk lasse ich ihn los und gegen das' Volk meines Grimmes entbiete ich ihn." (Jesaias 1 o; 5, 6). Und ebenso war Haman berufen zu seiner Bestimmung, ihn zu entbieten gegen Israel, es zur Kräftigung und Befestigung zu wecken. Zu Ezechiel kamen die Aeltesten mit dem Plane, sich mit den Völkern zu assimiliren und in dieselben aufzugehen. Da sagt er: „Und was ihr Euch in den Sinn kommen lasset, das soll nicht geschehen, daß ihr sprechet: Wir wollendem wie die Völker, wie die Geschlechter der Länder u. s. w. So wahr ich lebe, ist der Spruch Gottes, des Herrn, daß ich mit'starker Hand und mit ausgestrecktem Arm und mit überströmendem Grimme über Euch regieren will." (Ezechiel 20, 32, 33.) Der Talmud bietet die Erklärung hiezu: „Wenn Israel sich nicht zu Gott bekehret, da bestellt er einen harten Regenten über sie, wie Haman." (Sanhedrin 97 b.) Nun wird aber nach der rabbinischen Lehre jedes Thun von guter Wirkung, auch wenn diese nicht beabsichtigt war, belohnt. Verliert Jemand eine Münze — die aber kein Kennzeichen hat, durch welches der Fund verkündet

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