Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 9 (3.3.1893)
- Date
- 1893-03-03
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3020846-3020954-3020963--02183-3026260- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 9 Orstrrreichischr Wochenschrift Seite 153 Qualifikationen Stöcker's sind durch seinen bekannten Falscheid genügend beleuchtet worden. Während Herr Stöcker als Fälscher und Ignorant im Lateinischen überführt wurde, züchtigte der Abgeordnete Rickert den Theologieprofessor Ecker als Fälscher und Ignoranten im Talmud. Dieser Herr Ecker gehört bekanntlich zu den anrüchigen Autoritäten des wissenschaftlichen Antisemitismus und bildet mit Rohling und Brimann das schmutzige Dreigestirne der Talmud - Ausdeuter und -Ausbeuter. Er hat einen „Juden Katechismus" unter seinem Namen veröffentlicht, der nichts anderes als ein wörtlicher Abdruck des „Judenspiegels" von Brimann Justus ist. In der letzten Antisemitendebatte im Deutschen Reichstage hat sich Herr Stöcker auf diesen Professor Ecker als Autorität berufen. Darauf citirte der Abgeordnete Rickert aus den Acten des Processes Rohling contra Bloch ein Gutachteil des Wiener Theologieprofessors G. Bickell, einer anerkannten Celebrität auf dem Gebiete der talmudischen Literatur, in welchem gegen Ecker der vernichtende Vorwurf erhoben, daß er kein Wort vom Talmud verstehe. In diesem Gutachten Bickell's heißt es wörtlich: „Zwar macht sich heutzutage der Schwindel gelehrter Jndustrkeritter gerade hier wegen der Schwierigkeit der Controle besonders breit. Sn hat kürzlich in Münster ein strebsamer Privatdozent, leider Priester, welcher gar nichts vom Talmud versteht, sich in einem ähnlichen Prozesse als Sachverständiger aufgedrängt und dann zur Bestätigung seines Gutachtens von einem bekehrten Juden, ein von talmudisch-rabbinischer Gelehrsamkeit überströmendes Buch schreiben lassen, welches er als sein eigenes veröffentlicht hat, um daraufhin Professor zu werden." Das hier wiedergegebene Gutachten Bickell's ist in dem Buche „Acten und Gutachten zum Prozesse Rohling-Bloch" abgedruckt.. Durch die meisterhafte Rede Rickert's gelangt es nun zur allgemeinen Kenntniß, und damit ist Herr Ecker in den Angen der ganzen gebildeten Welt gerichtet. Es muß hier der ungeheure Werth constatirt werden, welchen die Acten des Processes Rohling- Bloch für alle Zukunft, für die Behandlung der Judenfrage besitzen. Sie sind ein unerschöpfliches Material, aus welchem immer wieder die schärfsten und gewichtigsten Waffen zur Bekämpfung antisemitischer Verlegenheit geholt werden, und die ganze unermeßliche Bedeutung des Prozesses gegen Rohling erweist sich immer von Neuem aus dem Umstande, daß die besten Geister der ganzen civilisirten Welt auf das dabei gesammelte Material sich stützen, wenn es gilt, den antisemitischen Hetzern und Wühlern die Maske wissenschaftlicher Autorität vom Antlitz zu reißen. Zwei weitere Niederlagen hat die antisemitische Partei in Deutschland mit dem Durchfall ihrer Reichstagscandidaten Paasch und Hertwig erlitten. Besonders lehrreich ist die Candidätur des Letzteren in Liegnitz. Er hat eine beschämend geringe Stimmenzahl auf sich vereinigt, obgleich seine Anhänger einen solchen Spectakel machten, daß der erste freisinnige Candidat wegen des „unleidlichen Terrorismus", der auf die Wähler ausgeübt wurde, zurückgetreten. So treibt es die Bande überall. Sie schimpft und poltert, als ob zehntausend Teufel der Hölle entsprungen wären, um die Wähler einzuschüchtern. Schließlich kommt man dahinter, daß sie kaum über eine Handvoll Anhänger verfügt. Genau nach denselben Muster haben unsere Antisemiten bei der Landtagswahl im Städtebezirke Korneuburg-Stockerau- Oberhöllabrunn gearbeitet. Noch am Wahltage schrieb Herr Vergant in seinem Schandblatte: „Die Siegeszuversicht, welche die Liberalen in den letzten Wahlen bezüglich ihres Kandidaten an den Tag legten, wich in den letzten 48 Stunden vor der Wahl plötzlich einer argen Niedergeschlagenheit (!!) und Besorg - niß." Und am Fuße des Artikels, in welchem Herr Vergani den Mund so voll genommen hatte, erschien eine Depesche mit der fetten Ueberschrift: „Czedik — gewählt" und mußte der Sollenzer Urgermane constatiren, daß der liberale Candidat mit einer Mehrheit von 192 Stimmen gesiegt hatte. Empfindlicher für sie ist noch die Niederlage im n.-ö. Landtage, wo alle Skandale die Thatsache nicht zu verhüllen vermochten, daß die Herrschaften in eine Sackgasse gerathen sind, aus der sie keinen Ausweg finden. Und um das Maß des Unheils voll zu machen, hat auch der Oelgötze. des nationalen Antisemitismus, der den ersten politischen Anstoß zur niitteleuropäischen Jndenhetze gegeben hat, Fürst Bismarck, dieser Tage mit einem nicht mißzuverstehenden Act bewiesen, daß er von dem eklen Gewürm, welches unter feinem Namen im Staube wühlt, nichts wissen will. Er hat sich als Freund des eben verstorbenen jüdischen Bankiers Gerson Bleichröder bekannt, desselben Bleichröder, dem die deutschen Antisemiten mit ihrem fanatischen Hasse, mit allem Schimpf und Unglimpf verfolgten selbst an der Bahre! Fürst Bismarck, der Freund des Juden Bleichröder — wo bleibt die Raffentheorie Schönerer's, der sich mit dem Reichshunde Tyras -in die Ehre theilte, den Staub von den Stiefeln des großen Mannes zu lecken? Es ist eine trübselige Wochenschau, welche sich da für die antisemitische Bewegung dies- und jenseits der deutschen Reichsgrenzen ergibt. Bei der Betrachtung der einzelnen Vorgänge drängt sich uns noch eine besondere Wahrnehmung auf. Die Judenhetze in Deutschland empfängt ihr charakteristisches Merkmal durch die Talmud frage. Die Lehren des Talmud und Schulchan-Aruch sind im deutschen Reichstage unausgesetzt Gegenstand eingehendes Erörterungen, in zahlreichen Brochüren und Flugschriften wird der wahre und angebliche Inhalt des Talmud besprochen. Der österreichische Antisemitismus schweigt über den Talmud und in unserem Parlamente hüten sich Antisemiten und Clericale wohl, sich auf dieses gefährliche Gebiet zu begeben. Der Grund hiefiir ist leicht zu errathen. Das gebrannte Kind fürchtet das Feuer. In mehreren Sitzungen hindurch stand die Tälmud-Frage aus der Tagesordnung des deutschen Reichstages, lvährend die Oesterreichischen Antisemiten jede Berührung dieses Themas ängstlich vermeiden — um Dr. Bloch nicht zu einer Antwort zu provoziren, deren Beschaffenheit aus dem Prozeß Rohling abzuschätzen ist. F. Tentobold über Abstinenz nnd andere Dummheiten. Schreibebriefe des deutsch-nationalen Studenten. VIII. Wien, Ende Februar 1893. Lieber Cnmpan Pumpo! Du wünschest, daß ich zur Feder greife, um Dir meine leider nur allzu unmaßgeblichen Ansichten über die neuesten politischen Ereignisse zu Papier zu bringen. Ich beeile mich, Deinem Ersuchen zu entsprechen, obwohl es mich ein gewisses Opfer kostet, mein dolce far mente — ach, weit mehr mente als dolce — für wenige Augenblicke zu unterbrechen. Ich bin, Du weißt es, ein Körper — und was für einer dazu! — und als solcher den Gesetzen der Trägheit mehr als alle anderen unterworfen. Es ist mir Bedürfniß, in der einmal angenommenen Lage möglichst lange zu verharren, namentlich, wenn ich am Marmortische meines Stammcafes sitze, die Ellenbogen anfgestemmt, und durch das Fenster die Vorübergehenden mustere. Ich sehe da auch so manches Räthselhaft-, Geheimnißvolle- Unerklärliche — z. B. Studenten, die, die Bücher unter dem Arm, in's Colleg wallen — hie und da auch einen judenliberalen Gemeinderath, der in die Sitzung strömt — sollte man das für möglich halten? Was hat denn ein Student in einem Colleg zu thun? Kann er sich denn anderswo nicht geradeso langweilen? Und ein gewählter Stadtvater erst, der in's Rathhaus eilt — bei Lueger! Der Mann muß nicht bei Sinnen sein. Es ist ja logisch nnd haarscharf bewiesen worden, daß Pflichtversäumniß des Gemeinderathes erste und heiligste Pflicht ist, die einzige, welche er nicht versäumen darf. Ich bin mit den antisemitischen Gemeinderäthen ganz und rückhaltslos einverstanden. Auch ich treibe ja schon feit ungezählten Semestern Abstinenz-Politik. Mit welchem Erfolge? o frage nicht, Pumpo, meiner Seele. Doch die von Lueger Angeführten gehen noch iveiter in ihren Forderungen, als ich je gewagt hätte, zu gehen. Ich habe nie verlangt, daß in meiner Abwesenheit überhaupt kein Colleg gelesen werden dürfe — aber ich sehe das Berechtigte des Verlangens vollinhaltlich ein. Ob sie was ausrichten werden, die Wackeren, ist mehr als fraglich. Der gußeiserne Bürgermeister läßt sich nicht spotten — Prix fix! armer Doktor Lueger, Du willst keinen Richter-über Dir erkennen und bedenkst nicht den alten Spruch: Wer einem Andern ein Grübl gräbt, der fällt selbst hinein. . . . Wien geht entschieden zurück, seit die Antisemiten aufgehört baben, Gemeindestubenhocker zu sein. Dem Wassermangel hätten sie längst abgeholfen — sie hätten es nicht hergeleitet, was gar keine Kunst ist, nein sie hätten es — gemacht! Das ist mehr und schwieriger, aber für meine Partei eine Kleinigkeit. .R VS--