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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1893-03-03 · 9 (3.3.1893) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
10 (1893)
Issue
9 (3.3.1893)
Date
1893-03-03
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 152 Oesterreichifche Wochrnsrhrist Nr. 9 Hauer, Bruno Bauer u. s. w. u. s. w.) und der die Lehren des Christcnthums nicht zur Wahrheit werden läßt. Die am rothen Meere erkaufte Freiheit ist längst verloren, die Herrlichkeiten des den Vätern verheißenen Landes sind längst verschwunden. Was sollen uns die Erinnerungen der Geschichte? Die Freiheit, die wir trotz des Hasses und der Verfolgung, uns Tag für Tag erringen, die Rettung aus der Bedrängniß, die der Beistand Gottes uns stets von Neuem zn Theil werden läßt, das sind die Wunder, die ein Fest verdienen und so ist Purim mitten aus dem wirklichen Leben geboren nnd so mag am Purim auch die Lebensfluth höher schäumen als an anderen Tagen. „Ihre Gesetze und Gebräuche sind anders als die Gesetze und Ge« bräuche aller Nationen und die' Gesetze des Königs (des Staates) befolgen sie nicht;" so sprach Haman in den Zeiten des Perserreichs, so sprechen seine Jünger noch heute. Aus diesem Gegensätze und aus seiner periodischen Ueberwindung hatte Israel den Muth ein Fest zu gestalten. Die Juden, sie konnten in Wahrheit an diesem Feste von sich sagen: „Wir tanzen auf einem Vulkan." Wo wäre jemals ein so lebenswahres Fest, so greifbar in seinen Grundgedanken und^einer Bedeutung geschaffen worden, wie dieses Purimfest? Ist es nicht erfreulich, daß das Judenthnm den Gedanken dieses Festes gesunden hat? Und alle Lust des Festes sagt doch nichts anderes, als daß wir erfüllt von dem Bewußtsein unseres guten Rechtes muthig allen Gefahren iirs Gesicht schauen. Und daher gilt auch der Satz: „Wenn alle Feste vergehen, Purim wird nicht vergehen". Die anderen Feste preisen die Wunder Gottes; Purim preist das Wunder, das Israel vollbracht hat, durch den treuen Glauben an seinen Gott. Eine Geschichte von mehr als zwei Jahrtausenden spiegelt in diesem Feste sich wieder, nicht ein vereinzeltes Ereigniß. „Vergiß nicht!" Noch bevor die Menschen des Schreibens kundig wären, hatten sie Denkmäler, um wichtige Dinge dem Gedächtniß der Nachkommen zu bewahren. Ein Steinhaufen mußte nöthigenfalls ausreichen als Zeugniß eines Bundesvertrages; ein vor die Hütte gepflanzter Baum bezeichnet den Häuptlingsrang und diente statt Wappen und Diplom. Die Juden in der Wüste trugen ihr Denkmal mit sich, das Stiftszelt und die Bundeslade; die Juden bei der Wanderschaft durch die Jahrtausende haben viel großartigere Denkmäler in ihrer Verwahrung, die heiligen Bücher. „Vergiß nicht"; man hat leider doch vergessen. Man vergaß der kleinen Erinnerungszeichen im täglichen Leben, man vergaß des Sabbaths, man war stolz darauf, nicht hebräisch lesen zu können und lächelte über die Folianten, die man vom Vater geerbt hatte. Sie standen verstaubt in einer Rumpelkammer und daneben lag die Pergamentrolle mit der schönen Geschichte von der Esther. Es herrschte ein wahrer Fanatismus im Vergessen und der Jude war fest überzeugt, daß, wenn er selber sich nicht mehr als Jude fühle, auch für die Anderen jeder Unterschied aufhören müsse, der den Bürger vom Bürger zu trennen vermag. Man glaubte mit einem Worte an die Macht der Aufklärung und des Fortschrittes, man glaubte, daß der Zeitgeist nur ein Genius des Lichtes sei und man war in diesem neuen Glauben so stark, daß man für den alten Glauben keinen Raum mehr hatte. Doch plötzlich, man vermochte diese ftemdartige Erscheinung Anfangs gar nicht zu fassen, war Haman wieder erstanden, der leibhaftige Sohn des Amalek. Er erscheint mit einem neuen Namen, als Antisemit; aber sonst hat er nichts von dem vergessen, was er seit Jahrtausenden vorgebracht hat. Und Haman, das ist die Ironie dieser ganzen jammerhaften Bewegung, ist ein Sohn des Amalek, der Antisemit ist selber ein — Semite, wohnt wenigstens in den Zellen Sems vermöge der Bibel, die ihm zum Religionsfundamente geworden ist. Der Beruf der Zeit wäre es gewesen, das Andenken Amaleks auszulöschen. Die Völker Europas hätten alle Ursache, sich der Judenverfolgungen zu schämen, welche mit blutiger Schrift die Capitel der Jahrhunderte füllen. Namenlos aber ist die Schande, daß man zn diesem welthistorischen Verbrechen sich von Neuem bekennt und es als Parteifahne aufhißt. Und so ist Purim noch heute, was es immer war, die Erinnerung an einen permanenten Zustand. Es kommt der Tag, kommt und verscheucht alles Dunkle und Zweideutige; es kehrt die Nacht zurück _ und man hört vom Thurm das Hohnlachen des finstern Gespenstes. Die „Megillah" erzählt uns nichts von den persischen Studentenverbindungen und Burschenschaften. Wir möchten behaupten, daß Haman eine, griechische Akademie in Kleinasien besucht und dort sich seine Weisheit und seinen Judenhaß gesammelt hatte. Ist es der Jünger der Wissenschaft in unseren Tagen würdig, sich diesem Treiben gefangen zu geben? Muß die schöne Jugendzeit durch ein Bekenntniß entweiht, das zu Wahrheit und Recht in so schroffem Gegensätze steht und das eine gesunde lebensfrohe Anschauung nicht aufkommen läßt? Der orthodoxe Jude, der vielleicht nichts hat als die Weisheit seiner Vorfahren, er glaubt, daß das Andenken Amaleks, die Erinnerung an Haß und Feindseligkeit verschwinden werde. Ihr aber ruft diesem Juden zu: „Vergiß nicht", daß wir seit uralten Zeiten ungerecht, unduldsam und grausam waren; vergiß nicht, die alten Lügen und Verleumdungen, wir haben, sie noch heute in Bereitschaft. Es ist der zwölfte- Monat des jüdischen Jahres; der Frühling sendet seine Boten, es grünen Libanon und Carmel. „Vergiß nicht!" ruft der Antisemitismus: es gilt dir eine hohe Mission, die Bertheidigung des Rechtes, die Vertheidigung der gesellschaftlichen Ordnung und der Civilisation. Der Antisemitismus selber entwirft das Programm deiner Ehrung und er gibt dich dir selber zurück. Besteige das Roß und umkleide dich mit dem Purpurgewand, werde mächtig in allen Mitteln des Fortschritts und glaube an ihre siegreiche Kraft — und das Recht wird in den Straßen der Welt seinen Triumphzug halten, wie einst Mordochai in den Straßen Schuschäns. Vom antisemitischen Kriegsschauplätze. Der Antisemitismus hat in den letzten Tagen eine Reihe empfindlicher Niederlagen erlitten. Wir folgen dem Ereignisse, ohne voreilige Schlüsse aus demselben zu ziehen. Langwierig wie der Proceß der geistigen Verseuchung eines ganzen Volkes, ist auch der Proceß der Wiedergesundung. Es treten 'Hemmungen und Rückfälle ein und auch das Zusammentreffen mehrfacher günstiger Symptome kann nur einem vorübergehenden Zufalle zu danken sein. Die Geistespest, welche gegenwärtig im Herzen unseres Welttheiles wühlt, setzt sich aus den mannigfachsten Compouenten zusammen, sie ist das Resultat nationaler, politischer und wirthschaftlicher Stimmungen. Nur ein einziges Moment ist der Bewegung an jedem Punkte gemeinsam, das der Lüge und des Betruges. Lüge und Betrug in Form von Selbsttäuschung und von Täuschung Anderer — das ist das Grundwesen des Antisemitismus in Oesterreich, wie in Deutschland. Dieser Grundcharacter aber erheischt Vorsicht in der Beurtheilung der Folgewirkungen einzelner Siege und einzelner Niederlagen. Wo die Ehrlichkeit der Empfindung nnd Gesinnung fehlt, ist auch die Wahrheit oft nur eine stumpfe Waffe. Die Betrogenen können aufgeklärt werden, die Betrüger aber werden ihr nichtswürdiges Handwerk nur um so eifriger fortsetzen und in der blöden Masse immer wieder neue Anhänger finden. Und darum knüpfen wir an die gewaltigen Schläge, welche die Juden - hetze in den letzten Tagen erlitten hat, keine übertriebenen Hoffnungen. Wir verzeichnen die Thatsachen, wir schreiben eine Kriegs-Chronik, aber wir hüten uns, jubelnde Siegesbulletins in die Welt zu senden. Vor drei Monaten noch hat der Antisemitismus im Deutschen Reiche eine scheinbare Verstärkung erfahren. Die conservative Partei ist mit fliegenden Fahnen in sein Lager übergegangen und die Wahl des Rectors Ahlwardt in den Reichstag war die Folge dieser Coalition. Mit dem Uebertritte der Conservativen ist der reine Raffen-Antisemitismus, der in Deutschland seine eigentliche Zucht- und Pflanzstätte hatte, zu einer vorwiegend politischen Bewegung umgewandelt worden. Ob diese Metamorphose der Judenhetze zum Vortheile gereicht, ist heute noch eine offene Frage. Wir für unseren bescheidenen Theil sind der Ansicht, daß die Verrückung des Kampfzieles die Position der Bekenner des Humanitätsgedankens erheblich gefestigt hat. Eine große politische Partei aber, wie die conservative, in deren Mitte sich auch zahlreiche anständige und ehrliche Elemente befinden, kann sich nicht unter das schmähliche Joch eines Stöcker begeben, ohne ihr Ansehen zu schmälern und ftüher oder später der Spaltung anheimzufallen. Die jüngsten Vorgänge im deutschen Reichstage rechtfertigen diese Annahme und sind ein böser Anfang für die conservativ-antisemitische Coalition. Die erstem Niederlage, welche sich dieselbe geholt, hat Herr Stöcker selbst verschuldet. Er hat eine Stelle aus dem Tacitus citirt, welche eine überaus gehässige und vollkommen unwahre Anklage gegen die Christen erhebt. Herr Stöcker aber hat diese Stelle auf die Juden bezogen. Die moralischen

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