Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 9 (3.3.1893)
- Date
- 1893-03-03
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Nr. 9 Wir«. 3. Marx 1893. X. Jahrgang. " * Centralorgan für die gesammten Interessen des Iudenthums. Eigenrhümee: Reichsraths-Avgeordrreler vr. KLoch -- K. h. Postspaiiaistns'nt Clrsringvrrkrtzr Ile. 810.Ü76. Aedgrlion und AdniirUstraNon: I. Äranx Josefs-Nnsi Ar. 8. Telephon-Nr. 6535. Man adonnirt bei allen Postsnfialten des In- und Auslandes. Bezugspreis: Halbjährig 4 fl. Einzelexemplare 25 kr. «nzeigrn: Die 4mal gespaltete Petttzeile 12 kr. Inhalt: Leitartikel: Vergiß nicht. — Vom antisemitischen Kriegsschauplätze. — Teutabold über Abstinenz und andere Dummheiten. — Die Erklärung der deutschen Rabbiner über den Talmud. — Hamans Enkel oder Semitische Rache. — Die Inden und der Antisemitismus. — Die Folgen des öslerr. Erbfolgekrieges sür die Inden Kremsiers. — Eorrespondenzen: Wien. Teplitz, Triest, Raab, Leipzig, Berlin, Bukarest, Warschau, London. Vermischtes: Wien, Brüx, Bndweis, Belovar, Proßnitz, Lemberg, Svetia, Mähr. Weißkirchen, Teschen, Bistritz, Bleichrode, Münstereifel, Paris, London, Amsterdam, Rom, Petersburg, Moskau, Bukarest, Chicago, Jerusalem. — Feuilleton: Minister Bonghi über die Juden. — Der unbekannte Rabbi. — Ein jüdisches Proletarierweib. — Wochenkalender. — Briefkasten. — Inserate. Vergiß nicht. An diesem Tage, am Purimfeste, waren sie wie verwandelt. Die Schlösser aus Messing an dem schweren Talmudfolianten, der den Tractat „Megillah" enthält, waren seit dem Neumond täglich oft auf- und zugemacht worden und selbst die Frauen des Hauses wußten, daß die alten sonst so feierlichen Rabbinen des Orients für das Purimfest eine heitere, lebensfrohe Stimmung zu schaffen suchten. Eine Frau steht ja auch im Mittelpunkt des Festes. Tod und Leben hing an der Audienz, welche die durch die Gunst des Königs ausgezeichnete Esther von dem gewaltigen und unberechenbaren Beherrscher des persischen Weltreichs verlangte; Tod und Leben für die Bittstellerin und für ihre Nation, die Juden. Und die Frau, die den schweren Gang thun mußte, vor dem Helden zurückgebebt wären, bereitete sich durch Fasten vor auf den entscheidungsvollen Moment. Zur Erinnerung daran wurde ein Fasttag eingesetzt, das Fasten der Esther, ein Denkmal daran, daß das Judenthum seine edlen Frauen zu schätzen und zu ehren wußte, bevor es noch im Abendlande in die Schule gegangen war. Und wer würde ohne Rührung unserer Frauen gedenken, wie sie noch vor einen halben Jahrhundert ihrer Pflichten walteten, als die Judenhäuser noch eng waren, der Geist aber großdenkend und die Herzen weit. Am Fasten der Esther aber entwickelten die weiblichen Mitglieder des Hauses eine fieberhafte Thätigkeit. Beim Schneeschlagen durfte selbst der Talmudbochur Mitwirken, wenn er das Geschick dazu hatte. Sie waren Kochkünstlerinnen ersten Ranges, beziehungsweise Zuckerbäckerinnen, entsprechend den unerreichten Traditionen der Provence und als hätten sie alle das dicke Kochbuch des Alexander Dumas im Kopfe. Borräthe wurden aufgehäuft wie bei reichen Bauern für das Kirchweihfest und Purim hatte seinen besonderen Speisezettel; wer sollte das nicht wissen? An diesem Tage, am Purimfeste war Alles anders, alles umgewandelt. Sie, die sonst so nüchtern, die jedes Ueberschreiten des strengen Maaßes im Sinnengenuße schon als Sünde ansahen, an diesem Tage durften sie sich den Genüssen der Tafel in aller Freiheit hingeben und es wurde ihnen das sogar warm empfohlen. Um jeden Mißverständnisse zuvor zu kommen, sei bemerkt, daß die strengste Sittlichkeit auch das Gesetz dieses Tages war; es handelt sich nur um ein Sich gehenlassen in erlaubten Genüssen. Aber der orthodoxe Jude war doch weit ungebundener als sonst im ganzen Jahr und diese Ungebundenheit wurde gerade so hoch geschätzt wie sonst die Askese. An -diesem Tage hatten die Juden ihre Saturnalien und ihren Carneval. Und nichts war heilig an diesem Tage, nicht einmal der Talmud, nicht der hochgelehrte Rabbiner und sogar nicht das Haupt der Gemeinde mit seiner prunkhaften 'Gemahlin. Armer Mardachai, arme Esther; in den dramatischen Versuchen, an denen man sich ergötzte, wurde auf ihre persische Heimath nicht die geringste Rücksicht genommen. Man ließ sie in der Cömödie komische Rollen spielen und den Humor hatte man immer bei der Hand, in der kleinsten Dorfschenke, wie in den obersten Regionen der Gesellschaft. Die Satyre kannte an diesem Tage keine Schonung; die Schwächen aller Gemeindeautoritäten wurden rücksichtslos ausgebeutet und die Verspotteten mußten ihren inneren Aerger verbergen und mitlachen. Am Purim war eben Alles erlaubt. Auch die Dialectik des Talmuds fiel der Satyre anheim. Geschenke wurden den Freunden geschickt und milde Gaben den Armen. Die Kinder des Hauses wetteiferten, um den Armen die Gaben zuzutragen. Die Satyre war für die Reichen, die Zeichen der Freundschaft wechselte man mit den Gleichgestellten, das milde Herz und die offene Hand hatte man für die Armen. So war es Gebrauch in Israel. Alles war lustig au diesem Tage, Alle waren sorgenfrei, nur der Bochur nicht, der die Ehre hatte, heute mit den talmudbefliffenen Rosch Hakohol an einer Tafel zu speisen. Der Rosch Hakohol (Gemeindevorstand) war unermüdlich in Fragen und der Bochur sollte für Alles eine geistreiche Antwort in Bereitschaft haben. Das Fasten der Esther war ihm lieber als die ganze Küche des Rosch Hakohol, wenn er an die unlösbaren Räthsel des Tages dachte. „Sagt mir lieber Bochur, warum fehlen denn am Purim alle Gebräuche und Vorschriften, die sonst einen Festtag kennzeichnen und wo ist denn die hinlänglich starke Autorität für den Ursprung des Purimfestes?" Sagt mir lieber Bochur: „Mit welchem Rechte behauptet der Talmud, alle Festtage werden aufhören, aber Purim wird nicht aufhören?" Sagt mir lieber Bochur, da heißt es: „Verlöschen sollst du das Andenken Amaleks" und dann heißt es wieder „Vergiß nicht, was Amalek dir gethan hat;" wie wollt Ihr diesen Widerspruch lösen? Und so konnte der Rosch Hakohol noch lange weiter ftagen und der Bochur zerbrach sich vergeblick» den Kopf, um eine zutreffende Antwort zu finden. Plötzlich kam ein Licht; der Bochur erinnerte sich, daß Haman ein Sprößling Anialeks war, sein heimtückischer Ueberfall war der erste Gruß des Judenhasses, und nun rief er, froh wie ein Archimedes sich selber zu: „Ich Hab' es gefunden." . Die biblischen Feste hängen zusammen mit der Geschichte des jüdischen Volkes, mit seinen staatlichen Einrichtungen und sind sogar verwachsen mit der Natur des Landes, in welchem dieses Volk staatlich lebte. Was sollen uns die größesten Aehren, die Palmen, die Laubhütten, die goldenen Früchte vom Baume Hadar? Grüße sind sie an die Vergangenheit; Symbole der Sehnsucht nach dem verlorenen Paradies, Channuka sogar hat den Bestand des Tempels zur Voraussetzung. Sollen wir nur in der Geschichte leben, die Vergangenheit zurückträumen? Und man las ja unsere Geschichte und man ist seit Jahrtausenden bemüht, uns das Leben ereignisreich zu gestalten. Und wenn wir in aller Bescheidenheit ein verborgenes Dasein suchten und mit Verzichtleistung auf jeden Lebensglanz um Duldung bettelten, hat man uns zum Zielpunkte großer Aktionen gemacht. Haman und Amalek, die Verkörperungen des ewigen Judenhasses, dieser ewige Antisemit ist es, der nicht zur Ruhe kommt, und dieser ewige Antisemit ist es auch, der dem Christus die Rast vor der Thüre verweigert, (siehe Dühring, Schoppen-