Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 8 (24.2.1893)
- Date
- 1893-02-24
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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Nr. 8 Oefierreichischr Wochenschrift Seite 147 ungiltig machen. Sie ist sechzehn Jahre alt, um drei Jahre älter, als mir das Recht dazu von der Thora gegeben ist. Wie wird das nun enden?" So vergingen zwei Jahre. Der Fürst besuchte seinen Hof. juden mehr, als die Geschäfte es erforderten. Der Alte verzehrte sich in Gram und verfluchte sein Glück. Sein einziger Trost war das „Lernen"; aber oft drängte sich ihm inmitten der schwierigsten Stellen, die seinen ganzen Scharfsinn herausforderten, der Gedanke an sein Ester! auf, daß er nicht weiter konnte. So saß er einmal über einen Folianten gebeugt; aber die Buchstaben schwammen ihm vor den Augen, er dachte an sein Kind. „Wie wahr sind doch die Worte unserer Weisen", murmelte er für sich hin; „Wehe dem, dessen Kinder Töchter sind". Da öffnete sich die Thür und ein Fremder trat herein. Es war ein schöner junger Mann, aus dessen Aeußerem Reb Saul einen der Bachurim zu vermuthen glaubte, die um die Erlangung von Hataras von Gelehrten zu Gelehrten ziehen. Und dem war auch so. Der junge Mann stellte sich als Salomon Schor vor und verlangte, von ihm geprüft zu werden, um auch von ihm eine Hatara zu erhalten, wie er solche bereits von anderen Größen Israels besitze. Da Reb Saul für gelehrte Disputationen eben nicht disponirt war, wollte er ihn auf den nächsten Tag bescheiden: der Bachur aber sagte, er sei ein Schüler Reb Mosche Jsserls (Verfasser des Schulchan Aruch) und im Stande, alle vier Bücher des Schulchan Aruch, während er auf einem Fuße stehe, herzusagen. Dieses Selbstbewußtsem imponirte Reb Sau! und er sagte gutmüthig: Ich will es auf eine Probe ankommen lassen, aber ich werde nicht die Ordnung der vier Schulchan Aruch's, sondern umgekehrt mit dem Eben Haezer beginnen, weil ich mich gerade mit diesen einschlägigen Fragen beschäftige. Beantwortet mir also schnell, was die Quintessenz aller Gesetze in Bezug auf die Ehe ist?" „Es steht zwar nicht im Eben Haezer", sagte der Bachur lächelnd, „aber ich habe es überliefert bekommen von einem meiner Lehrer; dem weiblichen Geschlechte gegenüber kann nur der Stock regieren." „Es ist dieser Grundsatz gewiß nicht noch Eurer Meinung, Rabbi?" Und dabei sah der Bachur malitiös auf Reb Saul, der den Stich fühlte, welcher auf seine Nachgiebigkeit und Schwäche gegenüber dem Willen seiner Tochter zielte. — In der That war dieser Bachur der Rächer aller der von Ester! zurückgewiesenen Bachurim und er war nur mit der Absicht, es Reb Saul fühlen zu lassen, zu ihm gekommen. „Ihr habt meine Frage nicht richtig beantwortet", sagte Reb Saul, „ich kann Euch daher keine Hatara geben; aber Eure Kühnheit gefällt mir und ich möchte Euch bei mir behalten. Bleibt in meinem Hause, es wird Euch da besser gehen, wie auf jedem Rabbinatsposten und lernen werdet ihr mehr können, als überall, denn einen solchen Bücherkasten findet Ihr nirgends mehr." Der Bachur willigte ein. Er blieb bei Reb Saul, wurde in dessen finanzielle Geschäfte eingeweiht und erwarb sich auch das vollste Vertrauen des Fürsten Radziwill. Aber noch mehr. Er erwarb sich auch die Liebe Esterls. Das Mädchen hatte ihren fürstlichen Galan kennen gelernt, jeine vielen Abenteuer, von welchen alle Welt sprach, kamen auch ihr zu Ohren, ihre Neigung zu ihm erkaltete und der Fürst selbst war froh, daß es so gekommen und er nunmehr ohne Fessel eine standesgemäße Ehe eingehen könne. Zwischen Reb Saul's schöner Tochter und Salomon Schor stand nur noch der Schwur der Elfteren, keinen Anderen, als einen Fürsten zu heiraten, hinderlich im Wege. Da fing es in Polen zu gähren an. Heinrich Balois, den man zum König gewählt hatte, war, nach kaum fünfmonatlicher Regierung, nach Frankreich zurückgekehrt und es stellte sich die Notwendigkeit heraus, zu einer neuen Königswahl zu schreiten. Das Land war in Parteiungen gespalten. Ein Theil wollte einen heimischen Großen, der andere einen Fremden zum Könige erheben und die Verwirrung war eine schreckliche. Bei einer Wahlbesprechung äußerte einmal der als excentrisch bekannte Fürst Radziwill, er würde rathen, weder einen heimischen Edelmann noch einen fremden Dynasten zu wählen, sondern einen Juden und als den geeignetsten Candidaten fiir die Königswürde schlage er seinen Hofjuden Saul vor, der doch auch wegen seines Reichthumes und Ansehens eine Größe Polens ist. Diese Aeußerung wurde selbstverständlich als Scherz aufgesaßt und gehörig belacht. Als jedoch bald darauf der Reichstag zusämmentrat, um endlich doch zur Königswahl zu schreiten, geschah es, daß jedem der zu wählenden Schlachzizen der Gedanke an Radziwills Hofjuden in den Sinn kam und weil Keiner ausschlaggebend stimmen mochte, waren bei der Abstinimung, ohne daß einer von dem anderen wußte, die Boten Aller auf Reb Saul gefallen . Der Gewählte mußte nach der Verfassung proclamirt und durfte die Wahl nicht annulirt werden. Es standen nur zwei Wege offen, den einmal Gewählten los zu werden: seine Abdankung oder seine wieder unter vielen Formalitäten zu geschehende Absetzung. Reb Saul wollte wenigstens einen Tag die Herrschaft genießen und die erste That seiner königlichen Macht war, sofort mehrere judenfeindliche Gesetze abzuschaffen, die auch von seinen Nachfolgern Batory und Sigismund in. nicht erneuert wurden, und als zweiten und letzten Regierungsact fertigte er für Salomon Schor ein Adelsdiplom aus, wodurch es diesem ermöglicht wurde, Esterl zu heiraten, ohne daß sie ihren Schwur zu brechen brauchte, denn jeder polnische Edelmann war ein Fürst, weil dessen Votum genügend war, ein vor der Majorität beschlossenes Gesetz umzustürzen : dann dankte Reb Saul ab und von seiner Eintagsherrlichkeit blieb ihm nichts, als der Name Wahl, den er von nun an zum Andenken an seine Königswahl als Beinamen führte. Salomon Schor lebte mit seiner Frau glücklich und zufrieden. Von seiner Geschäststhätigkeit zog er sich zurück und ward Rabbiner in lithauisch Brzesk. Sein Adel ist zur Legende geworden, aber sein Werk, „Tebuort Schor" genießt in der Halacha noch heute ein autoritatives Ansehen und sein Name hatte solche Achtung, daß zahlreiche Familien sich denselben beilegten und damit auch als Nachkommen Saul's Wahl's gelten wollten. Wochenkalendrr. Adar 5653. — Feber-März 1893.! Freitag ii; 8!| -; 24 ' E. d. N. 6>> 12 9'" Samstag »I msn | 25 Par. Sachor Sonntag 10 j! 26; Montag ii! 27 j Dienstag j 121 28 j Mittwoch 13 1 Donnerstag 14! 2! Freitag j 15; 3 Briefkasten. M. K. in Eger. Das Gefasel der „Ascher Zeitung" vom 5. Februar offenbart eine Dürre des Gehirns, wie man es blos bei vorgeschrittenen Ariern begegnet. Der deutschnationale Herr K n o tz aus Böhmen, der großmäulige Czechenvertilger candidirt heute unter dem Schutze der Herrn Lueger und Schneider, der intimen Freunde der Jungczechen, um das Mandat in Korneuburg. Mit dem gleichen Rechte, mit welchem sich die Herren, welche die armen christl. Weber bis aufs Blut aussaugen, Anticorruptionisten nennen, mit dem gleichen Rechte nennen sie sich „deutsch-national". Der „Rebbach" ist den Herrschaften die Hauptsache. Fon ölet sagte der alte Arier. C. in Kolomea. Eine Widerlegung der vom Lemberger Prediger versuchten Reinigung ist unnöthig. Nicht an dem guten Willen sondern an der Macht hat es dem löbl. Executivcomite in Lemberg gefehlt, die Schule in Kolomea zu rumireu. Solche Experimente, wie in Stanislau und Boryslaw, tvagte mau in Kolomea nicht, weil man fürchtete sich die Finger zu v erb ren n en, bei einer Musteranstalt, deren Leistungen die jüdische Oefsentlichkeit noch vor der Geburt des Executivcomites laut genug anerkannt hat. Wir wären in der Lage, dem Lemberger Prediger ein in unserer Redaetion erliegendes Protocoll aus Boryslaw vorzulegen, dessen Publicirung ein Schrei der Entrüstung in allen jüdischen Kreisen Hervorrufen würde. Man würde daraus den Beweis haben, für die freche denunciatorische Wuth und Ehrabschneiderei, mit welcher das Talmi-Polenthum gegen jene jüdischen Elemente wüthet, welches in uneigennützigster Weise für die Hebung des Schulwesens Kraft und Zeit einsetzen, und wie man bemüht ist, durch die moralisch verrrerstichsten und sträflichen Mittel jene Männer, in deren Herzen noch ein Funke Liebe zum Judenthume glimmt, ihrer bürgerlichen Ehre zu berauben. Dieses Protocoll werden wir als Antwort gelegentlich der öffentlichen Beurtheilung unterbreiten.