Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 8 (24.2.1893)
- Date
- 1893-02-24
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
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Seite 146 Oesterreichischr Wochrnschrist Nr-. 8 London, Anfangs Februar. Rev. Dr. Chotzner, der zwölf Jahre lang am Hurrow-Eollege thätig war, erhielt jüngst eine Einladung von der Belfast er Gemeinde, wo er ehedem längere Zeit als Geistlicher gewirkt hatte, seinen früheren Posten wieder anzutreten. Dr. Chotzner wird die Pflichten seines ehemaligen Amtes in Belfast gegen Ostern auf's neue übernehmen. London. Die russisch-jüdische Freibibliothek, von Herrn S. Slevontsky gegründet, wurde vor Kurzem eröffnet. Ihr Zweck ist, die geistige Entwicklung der großen Maffe russischer Flüchtlinge zu fördern und zu heben. Die Bibliothek enthält Zeitschriften, Sammelwerke und Bücher in russischer, deutscher, englischer und anderen Sprachen. Bon Zeit zu Zeit sollen auch Vorträge gehalten werden und werden die Glaubensgenossen aufgefordert, durch Beiträge an Büchern, physikalischen Apparaten (zur Benutzung bei den Vorträgen) u. s. w. das Unternehmen zu unterstützen. Constantiuopel, 10. Febxuar. Se. Majestät der Sultan hat dem früheren Botschafter der Vereinigten Staaten von Nordamerika, Herrn S. Straus, den Osmanje Orden I. Classe mit Brillanten verliehen und ihm diehohe Auszeichnung durch ein sehr ehrenvolles Handschreiben zur Kenntniß gebracht. Herr Straus erfreute sich bekanntlich des ganzen Vertrauens des Grvßherrn, zu dessen bewährtesten Berathern er zählte. Feuilleton. Saul Wahl. Historische Erzählung aus dem XVI. Jahrhundert. Von Heinrich Hammer. An einem trüben December-Nachmittage des Jahres 1569 schritt ein junger Mann in der alten Universitätsstadt Padua von dem düsteren Akademiegebäude kommend über den Prato della Balle, ohne den denselben umgebenden Statuen die geringste Aufmerksamkeit zu schenken, einer Seitengasse zu, die in das Ghetto führte. Obwohl sein.Typus wie seine Tracht den Fremdländer verriethen und der Italiener auf alles ein scharfes Auge hat, wurde er von den Vorübergehenden nicht beachtet. Er war eben nur ein Student und es studirten damals in Padua die verschiedensten Nationalitäten, speciell viele Ungarn und Polen, denn in die deutschen Universitäten hatte schon der Geist der jungen Reformation einige Verwirrung gebracht, daß strenggläubige Eltern davor zurücffchreckten, ihre Söhne ihnen anzuvertrauen. Der junge Mann hätte jedoch -wegen seines krankhaften Aussehens die Aufmerksamkeit ans sich lenken müssen, wenn der Italiener nicht durch die vielen Bettler in allen Gestalten vor den Pforten der Kirchen gleichgiltig gegen das Elend wäre. In der Judengaffe angelangt, fragte unser junger Mann nach der Wohnung des Rabbiners. Den Rabbinatssitz von Padua nahm damals der in der rabbinischen Literatur unter dem Namen „Mehuram von Padua" bekannte Gelehrte Rabbi Meier ein. Vor diesen geführt, trug ihm der junge Mann die Bitte vor, ihm ein kleines Darlehen zu verschaffen, damit er in seine Heimat nach Polen reisen könne. Er sei ein Student an der hiesigen Universität und obzwar Christ, kenne er aus seinem Heimatlande die Tugenden der Juden, besonders ihre Barmherzigkeit. Dem Rabbiner wyr eine solche Bitte von einem Andersgläubigen nichts seltenes und er hatte sie stets nach Kräften erfüllt: aber diesmal zögerte er, denn er erkannte in dem Gesichte des jungen Mannes die Symptome einer bald ausbrechenden, schweren Krankheit, und wollte ihn in diesem Zustande nicht noch den Gefahren einer langwierigen und beschwerlichen Reise aussetzen lassen. „Wo denken sie hin?", sagte der Rabbi in väterlichem Tone zu ihm. „In dieser Jahreszeit über die Alpen! Und jenseits derselben ist gewiß auch nicht Alles so in Ordnung, um ungehindert die Reise fortsetzen zu können, denn ich sehe im Geiste dort das Herannahen eines langjährigen Kriegsgewitters. Sie aber, junger Mann, bedürfen vor allem Ruhe und Pflege. Bleiben Sie hier, Sie sollen diese in meinem Hause finden." Der Student, der sich sehr leidend fühlte, nahm mit Freuden dieses Anerbieten an. Und wirklich entwickelte sich bei ihm in einigen Tagen eine gefährliche Krankheit, die in den meisten Fällen mit dem Tode endet. Der Rabbi, der, wie damals fast alle Rabbiner auch Arzneiwiffenschaft betrieb,, wendete seine ganze Sorgfalt seinem kranken Gaste zu, durchwachte ganze Nächte an seinem Bette und die Krisis ging glücklich vorüber. Bei der genauen Befolgung der diätetischen Vorschriften und der würzigen Luft Italiens dauerte die Reconvalescenzzeit nicht lange und der junge Mann war nach einigen Wochen wieder ganz hergestellt. Als er nun zum Abschiede rüstete und der Rabbi ihn noch mit einem Zehrgeld versah, damit er in seine Heimat zurückkehren könne, entdeckte sich der junge Mann seinem Wohlthäter. „Ich bin ein Prinz", sagte er, „Der Sohn des polnischen Fürsten Radziwill. Mein Vater sandte mich reich mit Geld aüsgestattet an die hiesige Universität, aber ich verschwendete es auf die leichtsinnigste Weise, ruinirte mich geistig und physisch, nur Eurer Güte und Weisheit, Rabbi, verdanke ich mein Leben und meine geistige Wiedergeburt. Sagt, womit ich Euch danken kann! Als Erbe eines der größten und einflußreichsten Adelsgeschlechter Polens vermag ich viel." „Was ich Ihnen gethan habe", antwortete der Rabbi „habe ich als Mensch dem Menschen gethan, ohne dabei auf Dank zu hoffen; wenn sie sich jedoch zu Dank verpflichtet fühlen, so machen Sie Ihren Einfluß zu Gunsten meiner Glaubensgenossen in ihrem Vaterlande geltend. Selbst die edle polnische Nation ist voller Vorurtheile gegen die Juden. Streben Sie ihre Menschenwürde zur Anerkennung zu bringen und ihnen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Das Reisegeld, welches ich Ihnen gebe, wollen Sie nicht mir, sondern meinem Enkel Namens Saul zurückerstatten, der vor vielen Jahren nach Polen zog,' um bei den dortigen Gelehrten sein talmudisches Wissen zu bereichern, und sich in Brzesk in Lithauen verheiratete, wo er in ärmlichen Verhältnissen leben soll. Nun reisen Sie glücklich!" Bewegt bat der Prinz noch um den Segen und beugte sein Haupt, auf welches der greise Rabbi-die zitternden Hände legte, den Priestersegen leise murmelnd. Die Reise des Prinzen dauerte mehrere Wochen, und als er in Polen anlangte, hörte er von dem inzwischen erfolgten Tode seines Vaters. Der junge Mann, der noch vor wenig Monden bei einem Juden in der Fremde um eine Unterstützung bettette/'sah sich auf einmal als einen der reichsten Gutsbesitzer seines Vaterlandes. Der junge Fürst ward sich dieser Wandlung bewußt, und seine erste That war, daß er einen Juden Namens Saul, der aus Italien stammte und in Brzesk -verheirathet war, aufsuchen ließ und ihm mehrere einträgliche Geschäfte übergab. Nach einiger Zeit machte er denselben zu seinem Factor und zum Leiter aller seiner finanziellen Angelegenheiten. Der bislang Tag und Nacht dem Talmudstudium beflissene- Reb Saul fand sich zwar nicht sobald in seiner neuen Stellung als Kauf- und Finanzmann zurecht, aber Frau und Kinder thaten ihr Möglichstes, ihn darin zu unterstützen und er rechtfertigte das Vertrauen des jungen Fürsten. Vornehmlich war es die älteste Tochter Reb Saul's, Namens Esterl, die mit ihrem scharfen Verstand ihrem Vater in seinen ^Geschäftsoperationen Rathschläge gab, die immer zu günstigen Resultaten führten. Aber das Mädchen war nicht nur klug, sondern auch schön, der Typus einer „Zionstochter", wie sie zu allen Zeiten von Dichtern besungen wurden. Was Wunder, daß auch der junge Fürst Radzitvill, der etwas excentrischer Natur war, an diesem Juwel seines Hosjuden Gefallen fand und zu diesem Judenmädchen, gerade weil es unerreichbar war,'mehr Neigung fühlte, als zu den Töchtern seines Volkes, unter denen er nach Belieben wählen konnte. Nichts mehr als natürlich war es, daß auch das fünfzehnjährige Mädchen den Abstand ztvischen ihr und dem Fürsten vergaß und sich in ihn verliebte; als sie aber doch zur Besinnung kam und die Kluft bemerkte, die ztvischen ihnen beiden gähnte und ihr Herz besiegen wollte, dem Geliebten traute, der rhr in seinem Leichtsinn zusagte, er werde um ihretwillen heimlich Jude werden. Lange konnte Reb Saul dieses Verhältniß nicht verboten bleiben. Er wurde von Freunden und Bekannten darauf aufmerksam gemacht, und um Schlimmeres zu verhüten, trachtete er, seine Tochter so schnell als möglich zu verheirathen, aber sie schlug Jeden, der ihr angetragen wurde, aus. Auf einen Vorwurf von ihrem Vater schwur sie einmal in ihrer Erregtheit, Niemand Andern, als einen polnischen Fürsten zu heiraten. Der in seiner Casuistik ganz verlorene Reb Saul seufzte und sagte sich: „Wehe mir, ich kann diesen Schwur nicht mehr