Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 8 (24.2.1893)
- Date
- 1893-02-24
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Nr. 8 Österreichische WochensUzrift Seite 143 -Vereinsorgan „Ertesitv" l>at durch seine fachwissenschaftlichen Artikel einen nicht geringen Antheil an dem tüchtig dnrchgebildeten Schulgeist der Ungar, jüdischen Lehrer. Ein weiteres Verdienst des Verklärten als Vereinspräscs ist die unter seiner Aegide begonnene Ausgabe der Vereins-Zchnlbücher, die nunmehr schon eine stattliche Bibliothek bildet. Im Jahre 1874 lvurde der Pentateuch mit ungarischer Uebersetzung herausgegebeu, der gegenwärtig in nahezu 80.000 Eremplaren verbreitet ist. In rascher Aufeinanderfolge wurden dann ungarische und deutsche Lesebücher und Sprachlehren herausgegeben in einer Anzahl von mehr als 300.000 Exemplaren. Seine letzte Schöpfung, die freilich erst noch im Werden, aber wohl vorbereitet ist, bildet ein Schnlgebctbnch mit ungarischer Uebersetzung. So wurde dieser thatkräftige Mann mitten im besten Schassen abberufen, geachtet von Jedermann und geschätzt von der Huld und Gnade unseres gütigen Herrschers, der ihm im Jahre 1887 das goldene Verdienstkreuz verliehen, Sein Leichenbegängnis fand gestern, Donnerstag den 16. d. 2 Uhr Nachmittags statt. Anwesend wuren Curialrichter v. Szaszy als Präses des Schnlsttthles für den VII. Bezirk; die Schulinspectorrn Karl Beredt) und Josef v. Toth; Der Directionsrath des hauptstädtischen Lehrkörpers, dessen Mitglied der Verstorbene war; viele Direktoren und Professoren verschiedener haupistädtischer Unterrichtsanstalten. Ferner der Vorstand und das Rabbinat der israel. Religionsgemeinde,, die Professoren der Rabbiner- und israel. Lehrerbildungsanstalten, der vollzählige Lehrkörper der israel. Schulen und viele andere. Im Hofe des Trauer- Hanfes widmete Rabbiner und Prediger Dr. Kohn dem Dahingeschiedenen einen ergreifenden Nachruf, worin er seine Verdienste sehrtreffend tvürdigte. Nachrufe hielten noch der Direktor des israelitischen Waisenhauses, Csajagi, im Namen des verwaisten Lehrkörpers Lehrer- Kornfeld, der Provinzlehrer Schön aus Raab und zuletzt einer seiner gewesenen Schüler. Zur Leichenfeier halten viele israel. Provinzgemeindcn und — Lehrkörper Deantationen entsendet, namentlich Raab, Szegedin, Miskolcz, Peczel, Fünfkirchen, Baja, Nensohl, Mezö-Tur und viele andere. Amhgdaltls. Berlin. In seiner Rede im deutschen Reichstage wendete sich der Reichskanzler Graf Caprivi abermals gegen den Antisemitismus. Er sagte: Die Regierung hat die Pflicht, den Besitz zu schützen, den agrarischen, wie den industriellen und kapitalistischen. Jeder soll sein Recht haben, aber auch für die Besitzlosen muß Fürsorge getroffen werden. Schon als ich hier über den Antisemitismus sprach, habe ich angedeutet, daß in diesen Dingen eine gewisse Gefahr liege, nicht blos für den Staat, sondern auch für die Gesellschaft. Was mich besorgt macht, ist die Wahrnehmung, daß diese Strömung rapid und spontan aufschwillt. Diese Bewegung, die in ganz Deutschland eingeleitet ist, überschreitet vielfach schon die mit dem Staatswohl vereinbarlichen Grenzen. (Hört! Hört! links.) Geister werden wachgerufen, bei denen man nicht weiß, ob sie gebannt werden können. (Große Bewegung^ Weiche Garantien haben Sie, fügte der Reichskanzler hinzu, daß dieser Sie treibende Strom, nicht mit anderen Strömen znsammenfließt, die gegen den Besitz und gegen die Staatsordnung gehen? (Anhaltende Bewegung. Lebhafte Zustimmung links.) Ich würde so nicht sprechen, wäre ich nicht überzeugt, daß die jetzt vorgehenden Dinge nach innen wie nach außen eine Bedeutung haben und Gefahren enthalten, von denen, wie ich fürchte, ein großer Theil Derer, welche die Schleußen aufziehen, nicht eine Ahnung hat, wohin die Dinge gehen. Werden Sie (rechts) die Schleußen wieder schließen können? (Bewegung.) Es ist die ernsteste Gefahr, die wir jetzt haben. Bei meiner Bitte oder Warnung möchte ich aber nicht, daß meine Person in Betracht käme. Wäre ich überzeugt, daß ich Deutschland nach innen wie nach außen nicht genügend vertreten kann, so würde keine Stunde vergehen, bis ich mein Abschiedsgesuch eingereicht hätte. Meine Amtsbürde ist schwer, so daß ich den Tag segnen werde, wo sie mir abgenommen wird, aber ich lverde ausharren und in der altpreußischen Weise, in welcher ich erzogen worden bin, meine verfluchte Pflicht und Schuldigkeit zu thun suchen, nicht meinetwillen, sondern um des Kaisers und des Reiches willen. (Anhaltende Bewegung.) Chemnitz, 12. Februar. Wie weit der Antisemitismus in unserer Stadt um sich gegriffen hat, geht daraus hervor, daß es hier Kneipen giebt, in denen Lieder gegen die Juden gesungen werden, lvobei der Wirth als Dirigent fungirt. Eines dieser Locale, der Krug genannt, wird sogar von den sogenannten besseren Ständen besucht, die wahrscheinlich an diesem Gebühren ihren Spaß haben. Hier bekommt jeder Gast beim Eintritt ein Eisenbahnbillet mit der Bezeichnung: „Nach Jerusalem hin, aber nicht zurück" und anderen geschmackvollen Bemerkungen. Wegen Meineids wurde der Antisemit Roth aus Hackenheim vom Schwurgericht in Manheim zu zwei Jahren Zuchthaus verurtheilt. Die Antisemiten werden sich mit Recht dagegen wehren, wenn man sie für die Vergehen Einzelner ihrer Partei verantwortlich machen will. Ist es da nicht ein einfaches Gebot der Gerechtigkeit, wenn die Juden dieselbe Logik auch für sich in Anspruch nehmen? London, 10. Februar. Auch unser Parlament hat nunmehr seine Judendebatte gehabt. Bei der Fortsetzung der Adreßdebatte im Unterhaus brachte gestern James Lowther einen Unterantrag ein, in welchem die Regierung ersucht wird, ein Gesetz zur Beschränkung der Einwanderung mittelloser Ausländer dem Hanse vorzulegen. Bei der Begründung erwähnte er auch des die russischen Ausweisungen veranlaßteu Zugangs jüdischer Arbeiter in Verbindung mit der Choleragefahr, Sir Julian Goldsmid, Baron F. de Rothschild und Mr. Samuel Montagu nahmen Gelegenheit, sich an der Debatte zu betheiligen. Das Amendement des Herrn Lowther lautet wörtlich wie folgt: „. . =. Und dieses Haus bittet Eure Majestät demüthig, gnädigst zu geruhen, anznordnen, daß dem Parlament ein Gesetz vorgelegt werde betreffs Beschränkung der Einwanderung mittelloser Ausländer in das Vereinigte Königreich." Zur Begründung feines Antrages brachte der Redner statistisches und sachliches Material bei und berührte dabei auch die Einwanderung der armen russischen Juden, jedoch nicht ohne ausdrücklich seine Sympathien sür dieselben zu betonen und sich dagegen zu verwahren, als ob er die leiseste Absicht habe, die englischen Juden, die zu den „loyalsten, patriotischesten und wohlthätigsten Unterthanen Ihrer Majestät gehören", zu kränken. Allei" diese Einwanderer seien insofern nne Gefahr, als sie einerseits manche Gewerbe durch billige Arbeit fast ausschließlich betrieben und die englischen Handwerker um ihr Brot brächten, andererseits die Lasten der Steuerzahler erhöhten, auch in sanitärer Beziehung eine Gefahr für die Gesundheitsverhältnisse der Gesammtheit bildeten. Mr. I. H. Wilson suchte das Amendement von einem anderen Standpunkte aus zu unterstützen, indem er eine gelegentliche Aeußerung des Chief- R bbi, daß „England kein Schneidergcwerbe hätte, wenn es nicht die Juden gegründet hätte und daß gerade durch dieses in jüdischen Händen befindliche Gewerbe der englische Arbeiter seine Kleibers billiger kaufen könnte, als vorher", dazu benutze, zu behaupten, daß es besser wäre, wenn das Gewerbe zu Grunde ginge, als daß dadurch englischen Arbeitern das Brot genommen tverde. Namens der Regierung ergriff sodann Premierminister Mr. Gladstone das Wort. Er betonte zunächst betreffs des sanitären Punktes, daß man der jüdischen Nation Gerechtigkeit widerfahren lassen müsse, da es notorisch und über alle Diskussion erhaben sei, daß die Sanitätsverhältniffe dieses Volkes im Allgemeinen so vorzügliche seien, daß ein Vergleich mit den diesbezüglichen Verhältnissen der Nichtjuden zu Gunsten der Juden ausfallen würde. Ueber die Sache sebst müßten genauere Daten und zuverlässigere statistische Zahlen vorliegen, überdies sei es unmöglich, den Ausdruck „destitute aliens- (mittellose Ausländer) scharf zu definiren, Auch möge man sich hüten, derartige Gesetze einzubringen, da aus England sebst viele Tausende eigener Landsleute auswanderten, denen es sehr merkwürdig Vorkommen würde, anderwärts durch Gesetze am Einwandern verhindert zu werden. Der erste der jüdischen Redner, Sir Julian Goldsmid bewies an der Hand von Zahlen, wie wenige solcher „mittelloser Ausländer" den Gemeindelasten zum Opfer fielen, und verwahrte sich dagegen, daß diese Debatte zu einem Angriffe gegen die Juden benutzt werde. Baron F. de Rothschild widerlegte die Behauptung, daß diese wenigen Juden wirklich solchen Einfluß auf ein ganzes Gewerbe hätten, uud appellirte schließlich an das Rechtlichkeits- und Humanitätsgefühl des Hauses, welches nicht zustimmen könne, daß zu Ende des 10. Jahrhunderts heimatlosen Menschen das gastliche England verschlossen würde. Mr. Montagu, der, wie allbekannt, bie Verhältnisse der russischen Juden im eigenen Lande und in England zum Gegenstände allereingehendster Untersuchungen gewacht hat, wendete sich gegen die Behauptung, daß die jüdischen Arbeiter die englischen verdrängen und so die Armut vergrößern. Gerade der Bezirk, welchen er vertrete (Whitechapel), beherberge die meisten Inden, und die Statistik beweise, daß in jenem Stadttheil seit den letzten 10 Jahren, also gerade seit dem Zeitpunkte, wo die Einwanderung zunahm, die Armut abgenommen habe und nicht so groß sei, als in Bezirken Loudon's, wo gar