Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 8 (24.2.1893)
- Date
- 1893-02-24
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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'Oix. 8 Vesterreichische Wochenschrift Seite 139 Im Geiste des Prophetenwcrtes, das dem in Babylon weilenden Israel zugerufen wurde: „Fördert das Wohl der Stadt, in die ich euch geführt habe, und betet für sie zu Gott, denn in ihrem Wohle wird euch wohl sein" (Jerem. 29,7) wird im Talmud der Grundsatz aufgestellt und von allen Gesetzeslehrern einmüthig zum Gesetz erhoben: „Das Staatsgesetz hat im staatsbürgerlichen Leben verbindliche Kraft" (Talmud babli, Baba bathra 54d, 55a u. a. O.). Es ist demgemäß religionsgesetzliche Pflicht, mit der Treue gegen die Religion Gehorsam gegen die Gesetze des Staates zu verbinden. Die später aus dem Talmud und der nachtalmudischen Literatur entstandenen Auszüge, wie Jad Hachasaka des R. Moses den Maimon, Schulchan-Aruch des R. Joseph Karo und andere Zusammenstellungen, haben niemals für sich allein, sondern stets nur dann als maßgebend für die Entscheidung gegolten, wenn sie durch das Zurückgehen auf die Quellen ihre Bestätigung erhalten. Die Bezeichnung „Akunr4 bedeutet „Anbeter der Sterne und Sternbilder" und ist selbstverständlich nicht auf die Bekenner der monotheistischen Religionen anzuwenden. Vereinzelnte gegen„^kum" gerichtete Aussprüche im Talmud, Schulchan-Aruch und anderen Schriften sind als der Ausfluß einer durch die Zeitverhältnisse hervorgerufenen Stimmung und als Acte der Nothwehr zu betrachten; sie waren nur gegen diejenigen Heiden gerichtet, welche Ehre, Leben und Eigenthum des Nächsten nicht schonten. Derartige Aussprüche haben, wie schon seit Jahrhunderten die Gesetzeslehrer ausdrücklich erklären, für das Judenthum keine Geltung. Allgemein anerkannt und auch in Zeiten der Verfolgung festgehalten ist der Ausspruch des Talmuds: „Die. Frommen aller Völker sind der ewigen Seligkeit theilhaftig." (Tosesta Sanhedrin 13,2.) Die Sittenlehre des Judenthums erkeunt keinen Ausspruch _ und keine Anschauung an, die dem Nichtjuden gegenüber etwas erlaubt, was dem Juden gegenüber verboten ist. Die Sittenlehre des Judenthums, die seinen Bekennern heilig ist, die in den Schulen gelehrt und von d^u Kanzeln -verkündet wird, gebietet: In jedem Menschen das Ebenbild Gottes zu achten, in Handel und Wandel strengste Wahrhaftigkeit gegen Jedermann zu bethätigen, jedes Gelübde uud Versprechen, welches irgend einem Menschen, sei er Jude oder Nichtjude, geleistet wurde, als unauflöslich und unverbrüchlich treu zu erfüllen, Nächstenliebe gegen Jedermann ohne Unterschied der Abstammung und des Glaubens zu üben, die Gesetze des Vaterlandes in treuer Hingebung zu befolgen, das Wohl des Vaterlandes mit allen Kräften zu fördern und an der geistigen und sittlichen Vervollkommnung der Menschheit mitzuarbeiten. Berlin, im Februar 1893. Wien. Der „Oesterreichische Bolksfreund" meldet unter dem Schlagwort: „Antisemitisches aus dem Polenclub': Im Polenclub haben in letzter Zeit die jüdischen Mitglieder Malheur gehabt. Dr. Byk, jüdischer Advocat aus Lemberg, hatte im Feuer des. Angriffes auf den Prinzen Liechtenstein auch ein paar scharfe Hiebe gegen die Adeligen vom Stapel gelassen und sich darüber beklagt, daß diese noch gewissermaßen vor andern Leuten, also auch vor den israelitischen Mitbürgern „Vorrechte" genössen. Der Mann mußte in öffentlicher Parlamentssitzung abbitten. Herr Dr. Bloch zog sich eine scharfe Zurechtweisung seitens des Grafen T a rn o w s ki (?) zu, weil er christliche und jüdische Moral für gleichwerthig erklärt hatte." Wir wollen demgegenüber blos constatiren, daß die Stellung des Abgeordneten Dr. Bloch im Polenclub nicht derart ist, daß er sich von irgend Jemandem eine „Zurechtweisung" gefallen lassen müßte. Unter den Mitgliedern des Abgeordnetenhauses existirt keines mit dem Namen „Tarnowski". Wien. Während allerwärts bei den Juden für die Verunglückten auf Zante Unterstützungsgelder gesammelt werden, beeilen sich die Griechen in Corfu, wehrlose Juden auf offener Straße zu ermorden. Meldungen aus Triest berichten: „Der jüdische Kaufmann Bellelli, auch in Triest, woselbst er vor Jahren etablirt war, bekannt, ging am 10 d. in Corfu durch eine unbelebte Seitengasse und begegnete dort zweien Griechen, von denen einer einen Revolver in der Hand hielt; derselbe wollte, um Bellelli zu erschrecken, in die Luft schießen, allein sein Genosse rief ihm zu; „Wozu in die Luft schießen, schieße den Juden nieder!" worauf Ersterer abfeuerte. Bellelli sank, ins Herz getroffen, todt nieder. Auch der hiesige „Piccolo" bestätigt diese Nachricht." ' Die Juden iit Griechenland genießen zwar scheinbar alle - bürgerlichen und politischen Freiheiten, Nichtsdestoweniger ist ihre Lage keine beneidenswerthe: man braucht nur an die Vorfälle vom Jahre 189t in Corfu zu erinnern, und man hat den Beweis dafür. Obwohl ni.u Ruhe in Corfu eingetreten ist, hängt doch das Damoklessch'.vert über dem Haupte der Juden. Würde es jemand glauben, daß ein so schreckliches Verbrechen wie der Mord des Judenkindes Rubina Sarda fast zwei Jahre hindurch ungerücht bleiben 'oimte? Ter Grund für diese unfaßbare Thatsache soll in dem Umstände zu suchen sein, daß zu hochgestellte Persönlichkeiten Complicen der Mörder gewesen sind, man also ohne die ersteren zu comproiiiittiren, die letzteren nicht arretieren konnte. Es fällt schwer, das zu glauben — aber es ist leider nur zu wahr! Evrsu ist keine Stadt wie London oder Paris, es hat nur 20.090 Einwohner. Ist es also anznuehmcu, daß ein daselbst begangenes Verbrechen so lange ein Geheimuiß bleiben, daß die Mörder nicht entdeckt werden konnten? Vom Ministerium Delyannis hoffte man viel, weil es sich den Juden etwas freundlicher gegenüberstellte. 0,'s hieß, nmn befürchte nene Unruhen und warte nur erst eine vollständige Bernhigung der aufgeregten Beoolkernng ab. bevor man gegen die Mörder auftrete. Und als zu Anfang des Jahres 1892 einige antisemitische Rädelsführer bestraft wurden, gewährte dies Allen schon eine Art von Genngthnung — aber weiter feint es nicht, die Verhaftung von Rubina Sardas Mörder erwartete man täglich mit Angst und Bangen. Das Cabinet Delyannis fiel, und Herr Tricoupis wurde Ministerpräsident. Er schien den Juden freundlicher gesinnt, aber seine erste Tbat nach seiner Ernennung war die Ernennung des Herrn Georg Theotoki zum Minister des Innern, obwohl dieser sich während der Unruhen in Corfu als erbittertster Gegner der Juden herausgestellt hatte. Etwas später wurden an den jüdischen Mädchen-Schulen in Corfu und Volo sammtliche jüdischen Lehrerinnen entlassen, aber nicht etwa, wie man glauben sollte, aus öcouomischen Gründen, sondern um orthodoxe Christinneit an ihre Stelle zu setzen. Wir wollen Herrn Tricoupis persönlich nicht nahe treten, möglich, daß er von alledem keine Ahnung hat. in jedem Falle hat er eine gewisse Verantwortung zu tragen, wäre er verpflichtet, den Juden in Bezug auf die Mörder der kleinen Rubina Sarda Genugthuung zu geben. Herrn Tricoupis sollen sich bedeutende sinancielle Schwierigkeiten in den Weg stellen und man erzählt, es soll in London eine griechische Anleihe gemacht werden. Vom Standpunkte der Humanität sollte, bevor diese Anleihe bewilligt wird, von Herrn Tricoupis Rechenschaft gefordert werden über seine oder seines Cabinetes Stellung den Juden gegenüber. Es ist bekannt, wie der Credit Griechenlands seit den Unruhen in Corfu sank. Die Gelegenheit wäre also günstig, Herrn Tricoupis auf oben angedeutete Uebelstände aufmerksam zu inachen, besonders, wenn auch jüdische Banquiers die Absicht haben sollten, mit Herrn Tricoupis betreffs Zustandekommen der Anleihe in Verbindung zu treten. Wien. (Jubiläum eines Ministers.) Unser Staatsminister Turban, so schreibt man aus Karlsruhe vom 12. d. M. den „Münchener N. Nachr.", hat im October vorigen Jahres die Vollendung einer zwanzigjährigen Ministerthätigkeit begehen können, und heute ist ein Vierteljahrhundert verflossen, seit Finanzminister Ellstätter an der Spitze der badischen Finanzverwaltung stützt. Moriz Ellstätter wurde im Jahre 1827 in Karlsruhe geboren, schlug die Juristen- Laufbahn ein, wurde 1866 Ministerialrath im Finanzministerium und schon zwei Jahre später Präsident des Finanzministeriums; seit 1871 ist er auch badischer Bevollmächtigter beim Bundesrath. Die weitausschauende Klugheit und strenge Gewissenhaftigkeit seiner Finanzpolitik sind von allen Parteien im Lande anerkannt worden, und es hat in seiner langen ministeriellen Laufbahn nicht an ehrenvollen Kundgebungen der Zufriedenheit von Seite des Landesherrn gefehlt. Die bemerkenswertheste unter diesen Auszeichnungen war wohl die im Jahre-1888 erfolgte Verleihung des Titels Finanzminister, während sonst die Ressortschess in Baden nur den Titel Präsident führen.' Durch eine Urlaubsreise nach Italien hat Finanzminister Ellstätter sich allen Ovationen an seinem Jubiläumstage entzogen. Ellstätter ist der