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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1893-02-24 · 8 (24.2.1893) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
10 (1893)
Issue
8 (24.2.1893)
Date
1893-02-24
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 136 Oesterrekhifche Wochenschrift Nr. 8 Ueber die Ehre nach jüdischem Rechte. Bortrag von Dr. Jacques Fischer, Rechtsconsulent und Venheidiger in Strafsachen, gehalten im Verein „Oesterr. Israel. Union." Die clafsische national-öconomische Schule führt alle großen Ereignisse und Handlungen der Geschichte in ihren Absichten und Zwecken auf die Magenfrage zurück. So hat man denn auch versucht, die neuartigen Bestrebungen, welche unter dem Sammelnamen Antisemitismus dke Sümpfe unseres Vaterlandes erfüllen, lediglich auf national-öconomische Ursachen zurückzuführen. Unser geehrter Herr Bürgermeister-Stellvertreter Dr. Grübl hat von dieser Stelle aus vor einigen Tagen den Antisemitismus als jene Krankheit in unserenr politischen und socialen Leben definirt, „welche in der Anfeindung der Mitbürger besteht und glaubt, daß, wenn man der einen Classe von Mitbürgern etwas wegnimmt, wenn man sie angreift, wenn man ihre Concurrenz zu beseitigen sucht, man damit das eigene Vermögen vermehrt und sich eine bessere Existenz verschaffen kann." Ich halte diese Definition, so zutreffend sie in manchen Punkten ist, für nicht erschöpfend; mir scheint eines der wesentlichsten Begriffsmomente zu fehlen. Ich meine nicht, wie der geniale Schöpfer des Freiland vor einigen Wochen hier aus geführt hat, daß der Antisemitismus vornehmlich darauf beruhe, „daß in ihm ein gut Stück Widerwillen gegen die Herrschaftsgelüste und Intoleranz der christlichen Hierarchie stecke." Diesem geistvollen Paradoxon unseres hochzuverehrenden Glaubensgenossen, des berühmten Nationalöconomen, möchte ich als Hauptursache der unmenschlichen Bewegung den Haß und die Verachtung entgegenstellen, welche seit Jahrtausenden in der nichtjüdischen Bevölkerung gegen unser armes Volk genährt wird. Gewiß Neid und Habsucht, die niedrigsten Jnstincte haben an dieser Bewegung ihr gut Theil. Allein erklärlich ist ihre Intensität nur dadurch, daß die Feinde unseres Volkes d ie Ehre desselben und jedes einzelnen Bekenners unserer Lehre systematisch besudelten und daß diese Verachtung von den christlichen Mitbürgern mit der Muttermilch eingesogcn und durch Unterricht — insbesondere durch den Religionsunterricht — und Erziehung fortgenährt wird. Es ist gewiß eine göttliche Fügung gewesen, immerhin bleibt es aber eine auffällige Erscheinung, daß gerade der jüdische Prophet Jona durchs Los dazu bestimmt wurde, in's Wasser geworfen zu werden, wobei der ungenießbare Jude, (Heiterkeit) — wie Schönerer, den armen Wallfisch bedauernd bemerken würde — leider ohne besonderen Schaden davonkam. Aus nationalöconomische Ursachen war aber dieser antisemitisch angehauchte Mordversuch ebensowenig zurückzuführen, wie die Judenverfolgungen im alten Rom. Im Mittelalter allerdings nach den Kreuzzügen, die Gut und Blut des Abendlandes nach dem Oriente gebracht hatten, als Europa in den Ruf ausbrach: „Hierosolyma est perdita!“, da boten die Anfangsbuchstaben dieses Rufes „Hep!" das Signal, um über die Juden herzufallen und ihr Vermögen mit Beschlag zu belegen. Diese Art der Bethätiguug des Antisemitismus beruhte auf national-öconomischen Momenten, oder — um mich mehr juristisch auszudrücken — sie war der reine Raub. (Heiterkeit.) Von diesen Zeiten an bethättgt sich aber der Antisemitismus durch gewerbsmäßiges Ehrabschneiden, hiebei thun sich besonders die Priester der christlichen Kirchen hervor, die Liebe auf den Lippen, die Herrschsucht und den Haß im Herzen! (Beifall). Der berühmte Augustinermönch Abraham a Sancta Clara, dessen witzige Predigten uns erhalten blieben, war einer der grausamsten und verlogensten Verfolger der Anhänger unserer Lehre. Er nennt uns „neidhafte, boshafte, schalkhafte, sündhafte Juden, gottlose, heillose, treulose, gewissenlose Hebräer", verdächtigt in offener Anschuldigung die Juden, daß sie an der zuerst in der Wiener Leopoldstadt ausgebrochenen Pest von 1679 schuldttagen, „zumalen es bekannt ist, daß dergleichen pestilentzische Seuch, durch die bösen Feind', durch die Juden und auch durch die Hexen verursacht worden." Wie Abraham a Sancta Clara die Kanzel mißbrauchte, um die gläubigen Zuhörer zum Haß und zur Verachtung gegen unser Volk auszureizen, geht wohl am klarsten aus der Darstellung hervor, welcher sein begeisterter Biograph Th. von Karajan über eine gegen die Juden gerichtete Predigt gibt. Karajan sagt: „Der sonst nirgends fteche Abraham trägt sogar kein Bedenken, sich öffentlich einer entschiedenen Unverschämtheit zu rühmen, weil es nur' einen verhaßten Hebräer gilt; er erzählt, daß er, über den Donaustrudel fahrend, unter den ängstlich sich bekreuzenden Reisenden des Schiffes auch einen Juden bemerkt habe, der in seiner Angst dasselbe that, worauf ihm Abraham versicherte, er werde nicht ersaufen, aus Ursach: „Was an den Galgen gehört, findet in der Donau kein Grab." Abraham beschuldigt die Juden ferner in offenbar verläumderischer Weise, daß sie alle Tage mehrmals beten, Gott wolle die Christen vertilgen durch Pest, Hunger und Krieg. Damit verbreitet cr die Beschuldigung weiter, daß nach den Lehren unseres Glaubens der Jude verpflichtet sei, den Nichtjuden als seinen Feind zu betrachten und zu behandeln. Die offenbare Erlogenheit dieser Behauptung ergibt sich klar, wenn man die Vorschrift des 3. B. M. Cap. 19. V. 33 in Bettacht zieht, welche lautet: „Wenn sich bei Dir ein Fremdling aufhält in Eurem Lande, sollt Ihr ihn nicht drücken; wie der Eingeborene unter Euch soll der Fremdling sein, der sich bei Euch aufhält und liebe ihn, wie Dich selbst. Denn Fremdlinge ward Ihr selbst im Lande Aegypten." Und im 24. Cap'tel B. 22 heißt es gleichfalls wörtttch: „Ein Recht soll bei Euch sein; der Fremdling sei wie der Eingeborene." Man bedenke, daß die Schmähungen und Beleidigungen von dem Priester auf der Kanzel geäußert und von der gläubigen Menge ausgenommen und weiterverbreitet wurden. Man bedenke, daß Abraham die herben Worte gegen unser Volk in Wien zn einer Zeit aussprach, als der Türke, Tod und Vernichtung der gesammten. Christenheit drohend, vor den Thoren der Stadt stand! (Zustimmung). Hand in Hand mit der Zumuthung des oämw geueris bumani, des Hasses gegen unsere christlichen Mitbürger, geht die unseelige, wahnwitzige Blutbeschuldigung, deren Richtigkeit in der neuesten Zeit von einem katholischen Priester mit heiligem Ernste und mit dem Anerbieten, sie beschwören zu wollen, behauptet worden ist. Das Verdienst des Abg. Dr. Bloch, diese Beschuldigung auf Grnnd eingehender wissenschaftlicher Darlegungen vollständig widerlegt zu haben, wird unsterblich in unserem Dankesgefühle sortleben. Allein ist es nothwendig, zur Vernichtung dieser dreisten Lüge in die verborgenen Schätze der hebräischen Literatur einzudringen? Genügt nicht ein Blick auf die Grundgesetze unserer Lehre, welche in den fünf Büchern. Moses niedergelegt ist? Zu wiederholten Malen verbietet das Gesetz der Juden unter Androhung der strengsten Strafen den Genuß von Blut jeglicher Art. Im 3. Buch Moses Cap. 17 heißt es wörtlich: „Niemand von Euch soll Blut verzehren und auch der Fremdling, der sich in Eurer Mitte aufhält, soll nicht Blut genieren". Wer es verzehrt, soll ausgerottet werden!" Und ist denn nicht jene semitische Religion, welche wir Christenthum nennen, aus unserer Lehre und unseren Gesetzen hervorgegangen? Und würde sich Jemand finden, der den Schöpfern des christlichen Religionsgedankens, die ja Juden waren, im Ernste zumuthen könnte, daß sie vor der Einführung der neuen Lehre dem Blutrituale ergeben waren? Nichtsdestoweniger erbot sich Canonicus Rohling zu beschwören daß die Juden zu rituellen Zwecken — das heißt, zur Ausübung ihrer Religionsgebräuche — Christenblut benöthigen. Bevor Rohling einen solchen Eid ablegt, möchte ich ihm jene eindringliche Eides- und Meineidserinnerung Vorhalten, welche, die jüdischen Richter einen Zeugen vor dessen Beeidigung entgegenzuhalten verpflichtet waren, sie lautet: „Wisse, die ganze Welt erbebte, als Gott auf Sinai sprach, Du sollst den Namen Gottes Deines Herrn nicht bei einer Unwahrheit aussprechen. Keine Sünde ahndet Gott so schwer, als den Meineid. Die Strafe trifft nicht nur den Meineidigen selbst, sondern auch seine Kinder und Lieblinge. Gegen einen anderen Sünder ist Gott langmüthig und wartet mit der Strafe, ob er sich nicht vielleicht noch bessern werde. Aber gegen den Meineidigen ist Gott unversöhnlich und straft ihn sofort. Feuer und Wasser zerstören nicht soviel als der falsche Eid. Und nun schwöre!" Was bei Gelegenheit des christlichen Religionsunterrichtes Alles gethan wird, um uns Juden herabzusetzen und verächtlich zu machen, möge Gott den Herren Katecheten verzeihen! Die entsetzlichste Tendenz des Antisemitismus scheint mir darin gelegen, daß er es mit großem Erfolge versucht, uns die Ehre zu rauben. Die eigene Behauptung der freien sittlichen Persönlichkeit und Würde bildet die innere Ehre; die von der Gesellschaft freier Mitwesen anerkannte und geachtete sittliche Würde ist die sogenannte äußere Ehre. Beide zusammen geben uns den Begriff der Ehre. Ohne diese Ehre kann kein Einzelner kann kein Volk sich moralisch entwickeln und glücklich werden. Kann derjenige, der stets wie ein unwürdiges Wesen verachtet und behandelt wird, zu einem ihn über das Thier erhebenden

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