Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 8 (24.2.1893)
- Date
- 1893-02-24
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 8 Orsterrrichifitzr Wochrnfchrrst Seite 135 entnahmen und sich durch die Schönheiten ihrer Dichtungen ein Glanz über das ganze Volk webte. Könnten wir nicht auch dasselbe von unserem Volksthum sagen? Hätten wir in unserer Mitte nicht nur große, sondern auch für ihr Volk begeisterte Dichter, welche Dramen könnten sie aus unserer Mitte schöpfen! Ich will Ihnen einen schlagenden Beleg anführen. Unter den drei großen dramatischen Poeten des alten Griechenland war der berühmteste Sophocles, und unter seinen sieben Dramen steht oben an das bekannte Drama „Antigone". Den Inhalt kennen Sie alle. Aber gestatten Sie mir dennoch denselben in Kurzem auseinanderzusetzen. Kreon, der König der griechischen Stadt Theben, war ein echter Tyrannos wie ihn die Griechen so häufig hatten. Er wollte seinen glühenden Rachedurst an einem vor den Mauern gefallenen Feinde noch nach dem Tode stillen und ließ verkünden, daß Niemand es wage, den gefallenen Helden zu bestatten. Sein Leichnam solle, was bei den Griechen der höchste Schimpf war, den Hunden und Vögeln zum Fräße überlassen werden. Ganz Griechenland erbebte bei diesem grausen Edict, aber Niemand wagte dem Befehl Widerstand zu bieten. Da erhebt sich die Schwester des gefallenen Helden, Antigone, und trotzdem freundliche Stimmen sie warnen, den Zorn des königlichen Wütherichs zu reizen, tritt sie muthvoll hin und bestattet den Bruder in die Erde, und erhält auch thatsächlich dafür die schreckliche Strafe: sie wird lebendig in die Erde begraben. Nun hören Sie einen geschichtlichen Vergleich damit aus unserer Geschichte. Im Jahre 70 ist Jerusalem zerstört worden: 62 Iah e später, im Jahre 132 unserer Zeitrechnung hatte der wohl besiegte, aber nicht erloschene Heldenmuty neuerdings sich erhoben, um mit dem Schwerte in der Hand das unerträgliche römische Joch von sich abzuschütteln und das verlorene Erbe der Väter zurückzuerobern. Es entstand ein Ringen zwischen Rom und Judaea, wie es beispiellos in der Geschichte ist. Zwei Jahre hindurch schien der römische Koloß verloren,. endlich im dritten Jahre hatte Rom seinen berühmtesten Feldherrn I. Severus mit dem kräftigsten Heere entsendet und den Aufstand erdrückt. Dio Cassius, ein griechischer- Schriftsteller erzählt, daß eine halbe Million jüdischer Krieger auf dem Schlachtfelde aufgethürmt lagen. Da erhebt sich Hadrian, ein zweiter Kreon; er wollte nicht nur an den Ueberlebenden, sondern auch an den Gefallenen seinen Rachedurst stillen und erließ das Edict, daß die aufgethürmten Leichen unbegraben liegen bleiben müssen als schreckende Warnung, daß die Ueberlebenden nie wieder wagen, sich von dem römischen Joch zu befreien. Ob vielleicht die Atmosphäre vergiftet wurde durch das Leicheng'ft, darum kümmerten sich die edlen Machthaber nicht. Der berühmte Geschichtsschreiber Graetz' mit seinem instinctiv geschärften Forscherblick behauptet, das apokryphische Buch Tobit, sei in jener Zeit verfaßt worden. Ein frommer Mann, Tobit erblindete durch einen unglücklichen Zufall, und kein Arzt konnte ihm das verlorene Augenlicht wieder geben. Da kehrte bei ihm in Menschengestalt der Engel Rafael ein und schenkte ihm wieder das Licht der Augen, fügte aber hinzu, das sei der Lohn für eine edle That, die er mit Aufopferung seines Lebens geübt. Ein König hatte nämlich jedem zum Tode verurtheilt, der die Leichen bestatte. Tobit aber hatte sein Leben aufs Spiel gesetzt und die Leichen bestattet, und das sei der Lohn des Himmels gewesen. Nun meint Graetz, die Geschichte sei von einem frommen Manne verfaßt und unter das Volk vertheilt worden, um die Besseren anzuregen, mit Gefahr ihres Lebens die aufgethürmten Leichen zu bestatten. Ich glaube aber, diese Anfeuerung war gar nicht nöthig. In jener Zeit, wo man für das kleinste Gebot der Thora im Stande war, das Leben zu opfern, wo man sich förmlich drängte, den Märtyrertod zu erleiden, hatten sich gewiß Hunderte frommer Männer gefunden, die ihr Leben in die Schanze schlagen wollten. Konnten sie den Anblick ertragen, daß so viele Helden, die für ihr Theuerstes ihr Leben geopfert, dem Fräße wilder Thiere preisgegeben sein sollten? Gewiß hatten sich Hunderte von Männern zu einem heiligen Bund vereinigt, um mit Aufopferung ihres Lebens die heilige Pflicht zu erfüllen, und das war die erste Chewra- Kadischa; im Jahre 135 unserer Zeitrechnung, vor 1758 Jahren war dieser erste Verein entstanden. Man nannte ihn „Chewra- Kadischa". Das „Kadischa" ist ein terwlnns teelmiens. In unserer Sprache wird derjenige, der für seine religiöse Ueberzeugung den Tod erleidet,- ein Heiliger genannt. Noch heute gibt es israelitische Familien, in deren Namen sich das ausprägt, z. B. in meiner früheren Gemeinde Proßnitz gibt es eine Familie Back; in einem Memoire habe ich gelesen, daß dieses die Anfangsbuchstaben sind von Bene Kodousch. In Paris starb in diesem Jahre ein großer jüdischer Gelehrter, Senior Sachs. In einer Selbstbiographie gibt er an, daß sein Name Sachs das Ehrenmal seiner Blutzeugenschaft trägt. Der ganze Verein hat sein Leben hingeopfert für die heilige Sache der Bestattung; es war ein Verein von Märtyrern. Und ich möchte behaupten, jener feierliche Spruch, den man noch heute ausruft bei Bestattungen: Zdoko tazil mimoves ist in jener Zeit entstanden. Heute verstehen wir unter Zdoko Almosen, das war damals nicht. Zdoko bedeutet eine That die man mit Aufopferung übt. Während sie nun hinzogen unter dem Mantel der Nacht mit ihrer traurigen Bürde auf dem Rücken, jeden Augenblick gefaßt, daß ein römischer Aufpasser sie erblickt, riefen sie sich zu: Zdoko tazil mimoves, Die edle That wird uns beschirmen vor dem Tode. Dieser durch das großartige historische Ereignis hervorgegangene Verein bekam durch eben diese That einen solchen Nimbus, daß vor ihm die biblische Sitte, nach der die Blutsverwandten diese Pflicht auf sich zu nehmen hatten-, zurücktrat, und die Pflicht diesem Verein überließ, der Chewra-Kadischa, dem Verein von Märtyrern. Nun, Gottlob, das Martyrium ist zu Ende, von dem Gott, von dem wir sagen, daß er die Zeiten ändert, von dem wollen wir hoffen, es wird kein Märtyrerthum mehr nöthig sein. Aber der große Verein in hiesiger Gemeinde führt noch immer mit Recht den Namen Chewra-Kadischa, nicht nur der Reminiscenz wegen, sondern noch aus einem anderen Grunde. Denn dieser Verein dehnt seine segensreiche Wirkung nach zwei Richtungen aus. er steht zwischen den Lebenden und Todten, er ist nicht nur ein Bestatter der Todten, sondern er niacht auch die Todten lebendig. Wer den Armen, den Kranken, den Hilflosen beglückt, der belebt einen Todten. Und der 8 1 in den Statuten, der anführt, daß der 7. Tag des Monats Adar ein Gedenktag sein soll für die Chewra Kadischa, hat volles Recht, denn ich habe schon erwähnt, in biblischer Zeit war Moses der erste, der zwar nicht blutsverwandt, dennoch diese heilige Menschenpflicht geübt hat gegen Josef in einer Zeit, wo er selbst zwischen den Lebenden und Todten stand. Welche große Pflicht hat er in jenem Momente des Exodus, wo er ein ganzes Volk zum Volke machen sollte! Und dennoch dachte er an die Pflicht gegen den Todten. Merkwürdig ist aber, daß in dem Monat Adar, der doch eigentlich ein Freudenmonat ist, von dem man sagt, daß, wenn er beginnt, Freude für uns anfängt, daß gerade in diesem Monate der Tod unseren großen Lehrer Moses trifft. Die Thora sagt, nachdem er sein Auge im Todesschlas zugedrückt hatte, beweinten ihn die Söhne Israels 30 Tage lang, dann aber nahmen die Tage des Weinens, des Trauerns ein Ende für immer. Was will die Thora damit sagen? Wir sollen also nicht mehr trauern um den Tod des Moses? Hat er es nicht mehr verdient, daß man ewig Trauer um ihn trage? Aber nein, die Thora will sagen, nachdem der erste Schmerz gemildert war, fragten sie sich, begehen wir nicht eine Versündigung, daß wir Moses wie einen Todten betrauern? Ist er denn wirklich todt? Steht er nicht lebend in uns? Spricht, redet er nicht zu uns durch seine ewig lebende Thora? Wie, Moses, von dem wir sagen, daß er uns die Thora der Wahrheit gegeben und dadurch ewiges Leben uns eingepflanzt hat. er sollte nicht ewig leben? Darum hörten sie auf, um ihn zu trauern; und ist es heute etwa anders? Lebt Moses etwa nicht unter uns? Der Moses, der nicht nur die reinste Gottesidee in die Welt gebracht hat, sondern auch die reinste Menschenliebe, der nicht nur gesagt hat: „Du sollst Deinen Nächsten lieben, wie Dich selbst", sondern auch: „Du sollst den Fremdling lieben wie Dich selbst", der 46 Mal in seiner Thora immer wiederholt, wir sollen den Fremdling lieben, ihn nicht bedrücken, ihn nicht kränken, nicht beleidigen durch Wort oder That, er lebt unter uns, darum erfüllt sich auch das Wort: riEfä -28 TIQ '/Ö1 ibm „Wenn Moses seine Hand unter uns erhebt, dann ist Israel stark." Darum ist der Monat mit Recht noch immer ein Freudenmonat, und die große Verkündigung, die uns dieser Monat bringt, wird sich noch an uns bestätigen: „Bei den Juden herrscht Licht und Freude und Ehre!"