Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 8 (24.2.1893)
- Date
- 1893-02-24
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 134 Oesterreichifchr Wochenschrift Nr. 8 Lehrer Moses. Er war kein Blutsverwandter, sondern nur ein Stammesgenoffe. Auch in nachbiblischer Zeit ist die biblische Sitte erhalten worden. In dem apokryphischen Buche Makkabi I., 2,70 wird erzählt, daß, als Mathias, der Vater der Makkabäer, starb, die fünf Söhne den Vater bestatteten. Und im talmudischen Tractat Semachot, darin alte Ueberlieferungen zufammengetragen sind, wird mitgetheilt von dem Lehrer Rabbi Elieser ben Zadok, daß er, der Sohn, auf Befehl seines Vaters, denselben selbst in die Erde bestattet hat. Und bei der Zähigkeit, mit der in unserem Stamme immer an ererbten pietätvollen Sitten festgehalten wird, entsteht die Frage: Wie ist plötzlich diese alte Sitte in den Hintergrund getreten und einem Vereine übergeben worden? Ich muß hier bemerken, daß in der „O österreichischen Wochenschrift", redig. von Dr. Bloch, 1892, Nr. 46 und 48 zwei Aufsätze von namhaften Gelehrten erschienen, die den Nachweis erbringen wollten, daß schon vor Zerstörung des Heiligchums in Jerusalem eine Chewra-Kadischa bestanden hat, u. zw. erweisen sie dies aus einer Stelle in dem obgenannten Talmudischen Tractat Semachot: Rabbi Elieser ben Zadok führt an, daß es in Jerusalem Vereine gegeben hat, die ihre ganze Tageszeit mit heiligen Verpflichtungen ausgefüllt haben. Bald giengen sie in Häuser hin wo Freudenfeste gefeiert wurden, bald in Trauerhäuser. Hier kann ich nicht meine Gründe anführen, warum man daraus nicht schließen kann, daß es schon damals solche Vereine gegeben habe, ich bemerke nur, im Sanhedrin wird angeführt, daß es früher 2 Arten von obersten Gerichtshöfen gegeben hat, einer aus 71 Mitgliedern hatte seinen Sitz in der Hauptstadt. Gerichtshöfe von 23 Mitgliedern bestanden auch in größeren Provinzstädten des Landes. An solchen mußten 120 Functionäre existiren, die mit heiligen Dingen sich beschäftigen. Aller Scharfsinn wird nun angewendet, um diese 120 Functionäre zusammenzubringen. So werden 3, 6 aufgezählt 10 Männer, die von allen Geschäften frei, nur die Aufgabe hatten, früh und abends das Gotteshaus zu besuchen, u. s. w. Warum wird nicht eine Chewra-Kadischa aufgeführt? Man hat eben in jener Zeit noch gar keinen Begriff von einer Chewra- Kadischa gehabt. Bevor ich an meinen Gegenstand heranttete, um ein großes historisches Moment anzuführen, wodurch die Chewra- Kadischa entstanden ist, gestatten Sie mir, Ihnen in knappen Zügen eine geschichtliche Parallele vorzuführen. .Die Weltgeschichte ist thatsächlich das Weltgericht. Mit unparteiischer Gerechtigkeit zeigt ihr Finger in allen Ereignissen Licht und Schatten; so erzählt sie, daß man schon im hohen Alterthume den Segen von fest geschlossenen Vereinen erkannt hat, da nur durch das Zusammenwirken von gleichgesinnten Männern, die innig gesellt, ein und dasselbe Ziel vor Augen haben, große Resultate zu erzielen sind. Die Geschichte zeigt uns aber dabei das Merkwürdige, daß alle diese Vereine in geheimnißvollster Dunkelheit entstanden waren; sie hatten sich mit Geheimthuerei umgeben, als hätten sie gefürchtet, mit ihren Zwecken vor die Oeffentlichkeit zu treten. "So hat der große Weltweise Pythagoras schon 540 Jahre vor unserer Zeittechnung ebenfalls einen großen Verein gegründet, aber noch heute ist sprichwörtlich bekannt „das pythagoreische Stillschweigen". Alle Eintretenden mußten zuerst eine lange Prüfungszeit bestehen, ehe man sie einweihte in die Mysterien des Bundes, die sie nie und nimmer verrathen durften. Jede Pflanze aber bedarf zu ihrem Gedeihen der Strahlen des Lichtes und auch jedes Menschenwerk. Die Heimlichkeit läßt kein gutes Werk gedeihen. Der große Bund des Pythagoras bestand einige Jahre und nahm dann ein klägliches Ende. Daran war die Heimlichkeit Schuld. Lessing führt in seinem Buche „Nathan der Weise" einen Templer an, den er im edelsten Lichte zeichnet. Die Geschichte ist luierfjittfidj, sie erzählt uns, daß die Tempelritter- (oder Tempelbrüder) ihren Bund in ein geheimnisvolles Dunkel gehüllt hatten, dessen Mysterien noch heute unbekannt sind. Eine ganze Literattlr hat sich damit beschäftigt, den Geheimbund der Templer zu enthüllen, so auch der berühmte österreichische Geschichtschreiber Hammer von Purgstall. Das eine steht fest: Man hat unter dem Zipfel dieses geheimnißvollen Mantels schwere Verbrechen entdeckt, schreiende Habsucht und C ittenentartung, so daß der Verein schließlich ein Ende mit Schrecken nahm. Wem ist nicht die Verbindung des Mittelalters bekannt, welche man die Vehmgerichte nannte, und mit welch' grausigem Dunkel sich dieselbe umgab? Die Menschheit athmete auf, als dieser grausenvolle Bund endlich vom Schauplatze verschwand. Und erst jener große mächtige Verein, der mit den Maschen seines geheimnißvoll gewobenen Netzes die ganze Gesellschaft umspann, wie mit unsichtbaren Händen in alle Ereignisse eingriff, überall Macht und Einfluß zu gewinnen wußte, dessen Wahlspruch war: „Der Zweck heiligt die Mittel."? Und selbst jene großartige Verbindung, die von edleren Zwecken ausging, von menschlichen Tendenzen, die also das Visir hätte lüften und an die Oeffentlichkeit tteten können, sie huldigte dennoch dem Geiste der Zeit und schmückte sich mit geheimnisvollen Muren, ich meine die Freimaurerei. Wenn wir nach diesem kurzen geschichtlichen Ueberblick uns dem Judenthum zuwenden, so sehen wir, daß auch hier schon im hohen Alterthum, zur Zeit des Propheten Jeremias der Segen geschlossener Vereine erkannt war und der Gedanke, daß nur durch das Zusammenwirken gleichgesinnter Männer, die alle nur das eine Ziel erstreben, große Zwecke zu erreichen sind, wurde zur That. Ich kann als Beleg anführen die Bereinigung der sog. Lokerim, der Anselme Knesses hagdauloh, der Peruschim, aber von Geheimthuerei, von Lichtscheu, mysteriösem Zusammenthun kann die Geschichte auch nicht ein Wort bezeugen. Im Judenthum hatte man im Gegentheil immer die Oeffentlichkeit gepriesen. Hiob spricht in einer poetischen Schilderung von jenen die das Lichte fürchten, die sich verbergen vör den Strahlen der Sonne, während das Gute, das Rechne das Licht liebt, die Sonne freudig begrüßt, muthig an die Oeffentlichkeit tritt. Daß dies gerade in's Judenthum sich eingelebt hat, beweist sogar ein im Munde des Volkes lebendes Sprichwort, das noch heute existirt. Man sagt: An einem Sot ist keine Brocho. Ich möchte sagen, die Thora warnt uns vor jeder Heimlichkeit: das Geheime ist für Gott. Die Oeffentlichkeit ist für uns und unsere Kinder bis in ewige Zeiten. Das Judenthum hat nur das Rechte und Gute gewollt; warum sollte es Heimlichkeiten aufsuchen? Es kann muthig an die Oeffentlichkeit treten, alle Augen dürfen und sollen es sehen; und wie wunderschön hat dies eine Midraschische Allegorie gezeigt! Es wird erzählt: Am Neujahrstage, am Tage des Gerichts tritt der officielle Ankläger, der Soton, vor den göttlichen Thron mit der schweren Klage, daß wir undankbar sind und die vorgezeichneten Wege verlassen haben. Da wird ihm der Bescheid, man könne seiner Klage keine Folge geben, es wäre denn, daß er seine Klage durch Zeugen erhärten könnte. Der Satan entfernt sich, kömmt aber bald wilder und bringt thatsächlich einen Zeugen mit sich, u. zw. keinen. Geringeren als die Sonne. Da wird ihm wieder der Bescheid, die Aussage eines Zeugen habe nach dem Lehrsätze der Thora keine Beweiskraft. Er müsse demnach noch einen zweiten Zeugen anführen. Da entfernt sich der Ankläger und kommt bald wieder zurück, diesmal aber allein. Ja, sagt er, er habe den Mond als Zeugen mit sich bringen wollen, war aber nicht imstande, ihn aufzufinden, denn am Neujahrstage ist eben Neumond, und da ist die silberne Sichel am Himmel nicht sichtbar. Da wird das göttliche Berdict verkündet: daß die Sonne die Anklage bestätigen kann, ist freilich schlimm, sehr schlimm, aber was der Mensch den Muth hat, vor den Augen der Sonne zu thun, ist nicht halb so schlimm, als womit er sich versteckt unter Heimlichkeiten, so daß nur der Mond, der schweigsame Wächter der Nacht, es mit ansehen kann. Und dennoch bin ich imstande, aus dem Judenthum einen Verein anzuführen, der in tiefster Heimlichkeit in's Leben getreten ist, sich nicht wagen durfte an das Licht der Sonne, sondern nur unter dem tiefsten Mantel der Nacht seine Wirksamkeit entfalten konnte, so daß nur der Mond Zeuge seiner Thätigkeit war und dieser Verein ist es eben, der den Gegenstand meines heutigen Vortrages bildet, es ist eben die allererste und allerälteste Chewra-Kadischa im Judenthum. Geehrteste Damen und Herren! Als ich das erstemal die Ehre hatte, hier zu sprechen, da zeigte ich die Großartigkeit der Thora darin, daß selbst die kindlich einfachsten, die schlichtesten Erzählungen der Bibel neben dem tiefen sittlichen Kern zugleich von einer wahrhaft classisch-dramatischen Schönheit erfüllt sind. Ich könnte dies auch an unserer Geschichte Nachweisen, namentlich an der der letzten 2000 Jahre. Diese ist wohl eine lange Kette von Leiden, eine Märtyrergeschichte, aber dennoch ist ein Glanz der Verklärung über sie ausgebreitet. Es ist eine Geschichte von Helden und Heldinnen, von sittlicher Größe und Hoheit, so daß man sagen könnte, auf jedem Blatte dieser 2000jährigen Geschichte könnte ein großer Dichter Stoffe für herrliche Dramen finden. Die Literaturgeschichte behauptet, daß das alte Griechenland darum noch heute vor den Augen der Nachwelt so bewunderungswürdig dasteht, weil seine drei großen dramatischen Dichter ihre Stoffe dem griechischen Volksthum