Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 8 (24.2.1893)
- Date
- 1893-02-24
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 8 Oesterreichische Wochenschrift Seite 133 wegung geworden. Er will seine Rache haben und durchsticht den Damm; mag der neue Kanzler dann gegen die Fluthen ankämpfen. Wird die egoistische Wirtschaftspolitik des Fürsten Bismarck oder die ideale Politik des Grafen Caprivi siegen? Graf Caprivi selber sagte, daß die antisemitische Srrömung mit rapider Geschwindigkeit immer stärker auftritt. Der Kanzler sieht eine große Gefahr darin, nicht nur für den Staat, sondern auch für die Gesellschaft, daß die Besitzlosen gegen den Besitz sich rüsten. Ein Sieg der agrarischen Politik würde nach der Ansicht des Grafen Caprivi große Katastrophen für das Deutsche Reich im Gefolge haben. Zwar bemerkte der treffliche Abg. Rickert mit vieler Zuversicht: „Ich kann dem Reichskanzler nur empfehlen: Verfolgen Sie eine volksthümliche Politik, so werden Sie dem Ansturm, der von jener Seite kommt, mit Leichtigkeit zu trotzen vermögen." Aber was ist volksthümlich in unseren Tagen? Der Pessimismus des Grafen Caprivi hat nur allzu große Berechtigung. Es muß vorläufig genügen, daß das Deutsche Reich gegen den Amisemitismus Stellung ninnvt, daß die Leitung des Deutschen Reiches die großen Gefahren des Antisemitismus erkennt und wenn selbst das durch seine nationale Einheit starke Deutschland die zerklüftende Gewalt des Antisemitismus fürchtet, was soll man dort davon denken, wo der Antisemitismus ungescheut mit der Staatspreisgebung und mit den Feinden der Reichseinheit sich verbündet? Das Bild der Zeit, wie es aus der Rede des Grafen Caprivi entgegen stank, macht einen trüben, unheimlichen Eindruck. So weit ist es gekommen, daß dem ermsten wohlwollenden, in seinen Ausdrücken so streng maßhaltenden Kanzler an der Spitze des Deutschen Reiches der Antisemitismus als die Fluth von rapid wachsender Macht erscheint. Wird der Appell an die konservativen Interessen auch nur einigen Erfolg haben? Der Wahnsinn ist entfesselt und grinst höhnend der Vernunft ins Angesicht.' Allzu lange hat man geschont, geduldet und gefördert. Jetzt droht die Gefahr dem Staate über den Kopf zu wachsen. Die Juden? Mit dem Gelde der Juden wird man sich nicht loskaufen. Die entfesselten Fluthen werden rächend hinweggehen über die Häupter der Antisemiten, ob sie hoch oder nieder gestellt sind, ob sie dunkler Herkunft sind oder vornehmen Geschlechtern angehören. Dann kann man den Vers dichten: „Was Einer glaubt, ist einerlei, doch der Besitz ist vogelfrei." „Zur Entstehungsgeschichte der allerersten Chewra-Kadischa." (Vortrag des Herrn Dr. Adolf Schmiedl, Rabbiner!) Verehrte Damen und Herren! Ich muß vor allem um Vergebung bitten, daß ich heute vielleicht ein zu ernstes Thema gewählt habe. Vielleicht wird es mir aber gelingen, ein ganz neues Licht auszubreiten über folgende Momente: Wann, wo und wodurch, d. i., durch welches hochwichtige historische Ereignis ist eigentlich die allererste Chewra-Kadischa entstanden und wie ein Cosmopolit überall heimisch und überall eines solch' hohen Ansehens theilhaftig geworden, daß bis auf den heutigen Tag in jeder Gemeinde Israels die Chewra-Kadischa als die Krone aller übrigen Vereine unbestrittene Anerkennung genießt? Warum ich aber gerade heute dieses hochernste. Thema mir ausgewählt habe, ist vielleicht erklärlich. Die große Chewra-Kadischa Wiens ist sowie alles, was in dieser mächtigen Gemeinde entstanden ist, voranleuchtend geworden für alle anderen Gemeinden, ragt durch ihr ehrwürdiges Alter ziemlich hoch in die Geschichte hinauf, da schon im Jahre 1320 Spuren ihres Bestandes nachgewiesen wurden.*) Die Niederschrift ihrer Statuten jedoch datirt erst aus dem Jahre 1764 und besteht aus 40 wohlerwogenen, durch innigste Pietät dictirten Paragraphen. . Und gleich der erste Paragraph enthält die Bestimmung, daß alljährlich der 7. Tag des Monates Adar einen hochfeierlichen Gedenktag für die A) G. Wolf. Die irdischen Friedhöfe in Wien. 1879. Chewra-Kadischa für ewige Zeiten bilden solle. Nun kehrt eben in der Woche, an deren Beginn wir heute stehen, dieser alljährliche Gedenktag'wieder, undtdas regte in mir den Gedanken an, heute zwei, das Wesen der Chewra-Kadischa berührende Fragen zu ventiliren. Meine erste Frage betrifft den Namen, die hochehrende Bezeichnung Chewra-Kadischa, die ausschließlich diesem Verein zutheil geworden, „der heilige Verein". Nach den Begriffen des Judenthums, nach der Lehre und dem Geiste der Thora, versteht man unter „heilig" alles, was sittlich gut, was edel und human ist, was den Namen Jude in Gottes und der Menschen Augen wahrhaft hebt und ehrt. Das bezeichnen wir mit dem Ausdruck: Liänaeb dasebem. Nun frageich: Streben nicht alle die zahlreichen Gemeinden, streben sie nicht insgesammt nur das sittlich Gute, Edle und Humane, Menschen- und Gottgefällige an? Wenn wir bedürftigen, hilflosen Mitmenschen das drückende Lebenslos zu erleichtern streben, wenn wir verwaisten Kindern ein schützendes Asyl zu gründen suchen, wenn wir Unterrichtsstätten für die Jugend gründen, darinnen Thora und Wissenschaft gelehrt wird, wenn wir die ehrlich nährende Arbeit in unseren jüdischen Kreisen zu fördern und zu verbreiten uns die Aufgabe stellen, ist das nicht etwa heilig? Wie kommt es nun, daß gerade dem einen Vereine diese hochehrende Bezeichnung geworden ist? Es gibt wohl eine triftige Antwort auf diese Frage: Man sagt, nur jene Werke sind wahrhaft gut und edel, die man in reinster Selbstlosigkeit, ohne Erwartung eines Dankes, einer Gegenleistung, nur uni des Guten willen übt, nur solche Werke tragen das Gepräge des Guten und Edlen. Aber nur die Liebeswerke, die man den aus unserer Mitte Fortziehenden, den für immer Scheidenden erweist, werden in wahrer Selbstlosigkeit ohne Aussicht auf Dank und Gegenleistung geübt, der Todte liegt mit geschlossenen Lippen vor uns, von ihm ist kein Dank, keine Gegenleistung zu erwarten, und darum wurde auch auf die milden Werke dieser Art das schönste Wort der Bibel angewendet, das Wort: Emes, eüeseä gebet «wes. Es sind milde Werke in Wahrheit und ich möchte sogar behaupten, daß das Wort Emeg das man auf diese Werke anwendet, in ganz besonderer Bedeutung gewählt wurde und zwar in acrostischem Sinne, d. h., die 3 Buchstaben des Wortes Emes sind die Anfangsbuchstaben der 3 Worte: Enau mezape taschlum Man erwartet gar keinen Dank, keine Gegenleistung bei dem Guten, das wir unseren Mitmenschen erweisen. Selbst wenn der Empfänger noch so dürftig im Augenblick vor uns steht, kann doch eine Zeit kommen, wo er doch im Stande sein wird, uns eine Gegenleistung zu erweisen, nach dem Spruche der Schrift: „Schicke Dein Brot über Wasser, nach Tagen kannst Du es ja wieder finden." Allein die Antwort befriedigt nicht ganz, sie deckt sich nicht mit unserer Frage. Von dem Todten können wir keinen Dank erwarten, aber auch keinen Undank, beim Lebenden ist das niemals ausgeschloffen und was verbittert ein menschliches Gemüth mehr, als Liebe zu säen und Undank zu ernten? Wenn man nun in dieser Beziehung trübe Erfahrungen gemacht hat, und dennoch mit der ganzen Wärme und Glut wieder bereit ist, das Gute zu üben, ist das nicht Selbstlosigkeit im höchsten und edelsten Grade? Und so bleibt denn die Frage aufrecht: Warum war denn diesem einen Verein das auszeichnende Epitheton, ein „heiliger Verein" geworden? Es muß da ein historisches Moment mitgewirkt haben. Welches ist nun dieses? — Meine zweite Frage betrifft das Wann, in welcher Periode unserer Geschichte ist die Chewra-Kadischa zum ersten Mal ins Leben getreten? Aus den ältesten Urkunden entnehmen wir deutlich, daß in biblischer Zeit immer nur die allernächsten Verwandten diese heilige letzte Menschenpflicht auf sich nahmen, daß der erste Patriarch mit eigener Hand die treue Lebensgefährtin in der Höhle Machpela bestattete. Als Abraham seine Augen schloß, erzählt die Bibel, kamen seine Söhne Jsak und Jsmael und bestatteten den Vater in der Mutter Erde. Als Jsak starb, wurde er vrn seinen eigenen Söhnen bestattet. Jacob erzählt seinem Sohne Josef, daß seine inniggeliebte Rahel, als sie aus dem Leben schied, von ihm selbst in der Mutter Erde gebettet wurde. Und als Jacob starb, führten ihn die Söhne aus Egypten hinauf nach Kanaan und bestatteten ihn in der Höhle Machpela. Also immer sind es die Blutsverwandten, die dieses heilige Geschäft verrichten. Eine einzige Ausnahme macht Josef in Egypten. Nicht die eigenen Kinder haben den Vater bestattet, sondern 210 Jahre nach seinem Tode geschah dies von unserem heiligen