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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1893-02-24 · 8 (24.2.1893) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
10 (1893)
Issue
8 (24.2.1893)
Date
1893-02-24
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 132 Oxsterreichischr Wochenschrift Nr. 6 Lueger in Korneuburg den Dr. Knotz beschützt, ist der Mechaniker Schneider nach Prag gereist, um einen antisemitischen Freund Vaschaty's zur Bewerbung um das durch den Tod des Abg. Trojan freigewordene Reichsrathsmandat zu veranlassen. Wie steht es denn mtt der österreichischen Gesinnung der Christlich- Socialen, wenn sie ein Bündniß mit den Jungczechen und die Candidatur des Knotz gleichzeitig möglich macht? Deutschböhmen hat diesen Obergermanen „ausgespieen" er flüchtet sich unter den Schutz der Freunde Vaschaty's und er will es unternehmen, im Vereine mit Ernst Schneider die — corrupte Moral der Juden zu bekämpfen. Der „christlich sociale" Dr. Knotz als Eideshelfer Schneider's und Lueger's ist/eine köstliche Figur würdig blos einer Partei der politischen Prostitution. So weit geht die Gier nach einem Landtagsmandat, daß alle Scham dabei verschwindet. Dr. Knotz hat in Böhmen und im Reichsrathe Schiffbruch gelitten; der Erfinder der scharfen Tonart war bald genug innerlich ausgebrannt. Den Städten Korneuburg, Oberhollabrunn und Stockerau aber wird zugemuthet, durch ihre Wahl den Träger antiösterreichischer Ideen und der nackten Gesinnungslosigkeit zu einem Triumphe zu verhelfen. Und wenn die Wähler darauf eingehen, dann zeigen sich nur die vergiftenden Wirkungen des Antisemitismus, dann sehen wir den Dr. Knotz vervielfältigt durch die Zahl seiner Wähler, ein Massenbild der Ausgebrannten. Der Antisemitismus hat aus freien Stücken mit eigener Hand dieses häßliche Bild von sich entworfen; er selber hat es zur Schau gestellt in Korneuburg, Oberhollabrunn und Stockerau. Vor der Sintfluth. Die Rede, welche der deutsche Reichskanzler Graf C aprivi in der Sitzung des deutschen Reichstages am 17. Februar gehalten hat, ist von ernster Bedeutung. Die Rede zeichnet sich nicht aus durch rhetorischen Glanz, nicht durch die Macht der Bilder und nicht durch die Gewalt der Leidenschaft. Es ist eine ganz einfache und schlichte Rede, so etwa wie wenn ein ehrlicher, aufrichtiger, hochgesinnter Mann sprichtz treu in seinem Wandel vor Gott und den Menschen. Aber die Rede ist ein Zeugniß wider die Gegenwart und ein Zmgniß für die Augen der Zukunft. Wird die Gefahr, von der die Gegenwart bedroht ist, siegreich bekämpft, dann wird man dem Kanzler den Ruhm nicht streitig machen können, daß er um Deutschland sich ein großes Verdienst erworben hat. Sind aber die elementaren Gewalten nicht mehr zu bändigen, dann wird man wenigstens wissen, daß die warnende Stimme nicht fehlte, um das Verderben abzuwehren. Das' ist eine schwere Zeit, wo die Staatsmänner zu Propheten werden und wo man, wenn die Glocken ertönen, nicht mehr weiß, ob es das Frühläuten ist oder das Abendläuten. Nachdem die Abwehr des Antisemitismus den Schwerpunkt der Rede bildet, ist es selbstverständlich, daß wir derselben nicht gleichgiltig gegenüber stehen. Allein der Kanzler spricht nicht mit der Berufung auf das Princip der Gleichberechtigung oder mit Berufung auf eine Humanitätsidee, als Vertheidiger der Juden, sondern eingedenk der Pflichten seines Amtes im Interesse des deutschen Reiches und der deutschen Nation. „Deutschland über Alles" — das singen heuchlerisch die Antisemiten; „Deutschland über Alles" ist jetzt auch die Parole in der Abwehr des Antisemitismus. Der Kanzler selber hat über die Veranlassung seiner Rede sich mit aller Deutlichkeit geäußert. Die Debatte, sagte er, habe eine große Tragweite mit Rücksicht aus die Versammlung der Agrarier, die am nächsten Tage in Berlin statt hatte und mit Rücksicht auf den Ton, der in der Debatte angeschlagen wurde. Es versammelten sich in Berlin etwa zwei Tausend Landwirthe und diese agrarische Bewegung hat gleichzeitig einen stark reactionären und einen stark antisemitischen Character. Es unterliegt keinem Zweifel, daß manche Landwirthe von dem Kampfe um's Dasein stark mirgenommen werden. Aber was haben die Juden, was hat das Judenthum damit zu schaffen. Ist die Concurrenz in den agrarischen Productcn ein Werk der Juden, sind für den Mangel an Arbeitskräften, für die höheren Lohnansprüche etwa die Juden verantwortlich zu machen. Man spricht von Capitalismus; abgesehen davon, daß der Capitalismus in den großartigen wirthschaftlichen Schöpfungen der Gegenwart seine Wurzeln hat und durchaus in keinem causalen Zusammenhänge mit dem Judenthum steht, ist es gewiß, daß die Landwirtschaft aus dem Geldstrome dieses Capitalismus mit vollen Eimern schöpft. Von den Ländem der Welt producirt Deutschland das größte Quantum an Zucker. Die Production ist größtentheils in den Händen der Landwirthe, der Ertrag summirt sich aus Hunderte von Millionen. Das ist viel mehr, als früher die ganze Landwirthschaft in Deutschland getragen hat. Glaubt man, daß der entsprechende Zuckerconsum möglich wäre, ohne die Fülle des entsprechenden Capitals? Man denke ferner an die Spirituserzeugung, an die ertragreichere Ausnützung von Wald, Wiese und Teich, Die Großgrundbesitzer sind in Wahrheit die Könige des Jahrhunderts. Ihr Besitz wächst von Jahr zu Jahr und ihr bewegliches Capital wird kaum geschmälert, wenn sie die Felder der Agrarier ankaufen, der Bauern, die gegenüber den Betriebsmitteln, welche den Latifundien zur Verfügung stehen, nicht die Concurrenz halten können. Aber undankbar und unersättlich sind die Agrarier auch Antisemiten, weil sie das Bürgerthum zerklüften und Niederdrücken wollen, die Alleinherrschaft ihrer Jmeressenpolitik im Staate erstreben, weil sie die Gesetzgebung des Staates, hauptsächlich auch die Zollgesetze umgestaltet sehen möchten in ein Großprioilegium für den Latisundienbesitz und weil der Antisemitismus ihnen Hilfskräfte zur Verfügung stellt, die noch weniger kosten als Knecht und Magd und als die Taglöhner auf den Feldern. Armes Volk, das freiwillig Frohndienste leistet, damit man ihn die Ketten schmiede und ein eisernes Joch. Der Antisemitismus ist eine revolutionäre Bewegung.' Die Agrarier haben, obgleich sie sich conservativ nennen, sich dieser Bewegung angeschlossen. Die Schleußen werden aufgezogen; die Fluth bricht herein. „Ich fürchte, sagt Graf Caprivi, diejenigen, welche die Schleußen aufziehen, werden sie nicht wieder schließen können." Das bewegliche Capital verflüchtigt sich in Nichts, sobald die Sicherheit des Besitzes eine Störung erleidet. Womit will man denn das Volk befriedigen, dessen Begierden man gereizt hat? Mit den Mitteln, die in Spanien verwendbar waren, kann man das deutsche Volk in unserer Zeit denn doch nicht bändigen. Haben die Latifundrenbesitzer die Arche Noä in Bereitschaft, um sich mit ihrem Viehstande aus der Fluth zu retten? Sie werden die Bewegung, die sie wachgcrufen, nicht beherrschen können. Das sagte Graf Caprivi und das haben wir allerdings schon oft genug ausgesprochen. Die Warnung ist nicht neu; aber neu ist und dazu von größter Wichtigkeit, daß von entscheidender Stelle aus erklärt wird, daß die antisemitische Bewegung „vielfach die Grenzen überschreitet, die mit dem Staatswohl vereinbar sind." Graf Caprivi hat den Antisemitismus als eine Gefahr für Deutschland erklärt und damit hat das Deutsche Reich Stellung gegen den Antisemitismus genommen. Das ist gewiß von großer Bedeutung; aber von wirklicher Zuversicht fühlen wir uns deswegen noch keineswegs erfüllt. Ist der Staat noch mächtig genug, um der Bewegung Einhalt zu gebieten? Fürst Bismarck, der alte Kanzler, hat wiederholt über die Juden gesprochen und zuweilen in recht freundlichem Sinne. Aber ein kräftiges Wort zur Abwehr des Antisemitismus hat er niemals geflindcn. Graf Caprivi ist nicht freigebig mit schönen Redensarten; dafür aber bekämpft er den Antisemitismus mit dem Muthe einer redlichen Ueberzeugung. Mit deutlicher persönlicher Beziehung betonte Graf Caprivi, daß er nicht einen Strohhalm fein eigen nenne; Fürst Bismarck aber ist Grundbesitzer und zählt zu den Reichen des Landes. Der neue Kanzler betonte die idealen Aufgaben des Staates, der alte Kanzler vergaß auch an der Spitze des Staates nicht, daß er Landwirth sei und der ganze Stand der Landwirthe hatte den Nutzen davon. Auf dem Tage der Agrarier wurde dem Fürsten Bismarck ein Hoch gebracht, während die Partei den neuen Kanzler zu stürzen sucht. Fürst Bismarck ist der Kyffhäuser der reactionär-antisemitischen Be-

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