Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 8 (24.2.1893)
- Date
- 1893-02-24
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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8»*> 8- Wie». 24. Februar 18SS. X. Jahrgang. ' Centralorgan für die gesammten Interessen des Iudenthums. - - ■■; K. k. Pofltzim rnssrnamt Clearingverkehr L!r. 810.076. Redaclion imd Administration: Wien l. Franx Josrss-Nnar Nr. 3. Telepbon-Nr. 6535. -—-#- Eigenlhümer: Reichsraths-Adgeordnrler Dr. KLoch. -- Erscheint jeden Freitag. - - — Man abonnier bei allen Postanstallen dr» In- und Auslandes. Bezugspreis: Halbjährig 4 Einzelexemplare 25 fr. Anzeigen: Die 4mal gespaltete Petitzeile 12 fr. Inhalt: Leitartikel: Seelenwandernng. — Bor der Sintflut. — „Zur Entstehungsgeschichte der allerersten Chewia-Kadischa". — lieber die Ehre nach jüdischem Rechte. — Baron Hirsch-Stistung. — Erklärung der Rabbiner Deutschlands. — Corresp ondenzen: Wien, Marienbad, Troppau, Przeimftl, Budapest, Berlin, Chemnitz, London, Magnesia, Salonichi. — Vermischtes: Wien, Baden, Tlmüp, Kojetein, Proßnitz, Stuhlweißcnbnrg, Czernowitz, Focsani, Leipzig. Berlin, Trier, London, Constantinopel. — Feuilleton: Saul Wahl. — Wochen kalender. — Briefkasten. -- Inserate. Seelenwandernng. In den Büchern, die sich mit den thatsächlichen Erscheinungen der Seelenwandernng beschäftigen, ist von einer Anzahl von bedeutenden Persönlichkeiten genau angegeben, was sie vor Jahrhunderten oder Jahrtausenden unter einem bestimmten Namen vorstellten. Die Statistiker der Seelenwandernng sehen nun sorgfältig darauf, daß der Character in den verschiedenen Fncarnationen sich unverletzt und unverändert behaupte; die Seele kann noch so oft sich in eine neue Körperforni einkleiden, kann nicht nur vom Thier zum Menschen, sondern auch von einer niederen Rasse zu einer höheren aufsteigen, das moralische Ich darf davon nicht berührt werden. Das muß auch Jedem einlenchten, denn ohne die Summe von Charactereigenschaften, welche das moralische Ich repräsentirt, würde man ja gar nicht wissen, welche wandernde Seele man vor sich hat. Bei uns in Europa genügt ein amtlich bekräftigtes Zeugniß unter irgend .einer Form, um die Identität der Person festzustellen. Man ist beispielsweise fest überzeugt, daß Dr. Alfred Knotz, der jetzt in Korneuburg, Stockerau und Ober-Hollabrunn für den niederösterreichischen Landtag candidirt, sei derselbige Alfted Knotz, der einstens von Leipa in Böhmen aus Oesterreich deutschnational ans den Angeln heben wollte. Der Dr. Alfred Knotz, wenn er in Korneuburg seine edle Gestalt im Spiegel beschaut, ist in derselben Meinung befangen: „Ich bin der Knotz, ruft er, der leibhaftige Knotz; wer will es bezweifeln?" Und doch wird es schwer, sich in einen solchen Knotz hineinzudenken. In der Zeit der scharfen Tonart verglich der wackere Dr. Knotz Oesterreich mit einem „ausgebrannten Franziskerl"; ba§ ist ein nichtssagendes, sinnloses Gleichniß und man kann gar nicht begreifen, wie ein Mensch mit gesunden Sinnen sich eines solchen Gleichnisses bedienen kann. Da wissen unsere Fiaker auf dem Bocke sich viel besser auszudrücken und sie haben kein Doctordiplom und candidiren nicht in Korneuburg, Stockerau und Ober-Hollabrunn. Es gibt aber ausgebrannte Menschen, denen der Spiritus verraucht ist und die Seele sich in ein Häuflein Asche verwandelt hat. Hat denn Dr. Knotz gar keine Veranlassung als Verlustträger sich nach seinem moralischen Ich zu erkundigen. Fragt er sich denn nicht, welche Rolle er spielt und in welcher Weise er das deutschnationale Princip compromittirt? Es ist ein Jammer, so etwas mit anzusehen und die Abgeordnetenwahl in Korneuburg, Stockerau und Ober-Hollabrunn zeigt uns, wie tief das moralische Niveau der antisemitischen Partei gesunken ist. Denken wir uns, Dr. Knotz würde in einer Wählerversammlung wegen Gesinnungswechsels interpellirt werden. Er wäre wegen der Antwort gewiß nicht in Verlegenheit. „Kennen Sie den Hirsch?" würde er den Interpellanten andonnern. „Welchen Hirsch?" „Nun den Hirsch im Walde; er wechselt alljährlich sein Geweih und sollte ich, der Advocat Dr. Alfred Knotz nicht - dasselbe Recht haben wie ein Spießer oder Gabler? „Meine Herren", würde Dr. Knotz, zu den Wählern gewendet, fortfahren, „was thut der Capitän eines Schiffes; er richtet die Segel nach dem Winde. Das thue ich auch; der Wind in Böhmen hat eine andere Richtung als der Wind in Ober-Hollabrunn. Der Mechaniker hat einen Blasebalg und damit macht er den Wind und zwar recht viel Wind. Was ist denn mehr werth, Ihr Herren Wähler, Ihr Interesse oder meine Ueberzeugung? Wenn ich jemals eine Ucberzeugung gehabt hätte und wäre es die allerschönste Ueberzeugung gewesen, ich würde sie hingeben,um JhrJnteresse zu schützen. Meine Herren, was ist denn Ueberzeugungstreue? Eine jüdische Erfindung. Diese Juden haben immerdieselbeThora.denselbenTalmud, denselben SchulchanAruch. (Frenetischer Beifall.) Das ist Grund genug für uns, die Ueberzeugungstreue zu perhorresciren. Ich bewerbe mich nm Ihr Vertrauen. Sie werden die Wahl nicht bereuen: kommt es zu einem Scandal im Landtag, wird man auch meinen Namen nennen." (Beifall nnd Händeklatschen.) Gewiß, man darf Dr. Knotz im Landtage nicht vermissen; er vervollständigt die Collection der antisemitischen Porträts. Ist es. die Schuld des Dr. Knotz, daß die Schlagworte wechseln und ihm, wie vielen andern Zeitgenossen die Gabe in die Wiege gelegt, sich die Schlagworte des Tages rasch aneignen und sie mit gebührender Kraft wiederholen zu können. Solche Menschen leben nur von Schlagworten des Momentes, erzielen damit ihre Wirkung und werden dadurch jeder weiteren Denkarbeit überhoben. DieStudentenverbindungen'auf den Universitäten, die Festversammlungen der Turner- und Gesangsvereine, die Vereinssitzungen u. s. w., diese Institutionen in langer Reihe sind der Pflege des Schlagwortes gewidmet. Und wenn man erst so viel getrunken hat, um die Urgermanen zu beschämen, dann haben diese Schlagworte eine außerordentliche Kraft und sie füllen das Gehirn gleichzeitig mit den Geistern des Alkohols. Diese Beredsamkeit wird in das Parlament hineingetragen und so glaubte Dr. Knotz wirklich als Erfinder der scharfen Tonart den österreichischen Staat von Grund aus zu erschüttern. Damals reiste Dr. Geßmann in Böhmen herum, um den Dr. Knotz zu bekämpfen, derselbe Dr. Geßmann, der heute für Knotz agitirt. Damals im Jahre 1885 hielt Dr. Knotz in Wien im Gafthause „zum grünen Jäger" eine Rede, in welcher er in Bezug auf Dr. Lueger sagte: „Ganz Deutschböhmen schaut erwartungsvoll auf Sie, thun Sie sich nicht die Schmach an, einen Mann zu wählen, den alle Parteien ausgespieen haben". Und heute istDr. Knotz selber ein antisemitischer Candidat, ist ein Schützling des Dr. Lueger und Geßmann, Pattai und Schneider sind eifrigst bemüht, seine Wahl zu fördern. Auch der deutschnationale Dr. Steiuwender hat ein offenes Herz für den Dr. Knotz und findet diese Candidatur vereinbar mit seinen moralischen Empfindungen. Der ehemalige fanatische Vertreter der Deutschböhmen begibt fick als Ueberläufer in das Lager einer Partei, die mit Herrn Basaty intime Berührungspunkte unterhält. Die Christlich-Socialen bringen es in Einklang mit ihrer österreichischen Gesinnung, einen Mann auf den Schild zu heben, der in der Anfeindung österreichischen Gefühls bis zur äußersten Grenze gegangen ist. Und während