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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1893-02-17 · 7 (17.2.1893) · page 13

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
10 (1893)
Issue
7 (17.2.1893)
Date
1893-02-17
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Nr. 7 Oesterreichifche Wochenschrift Seite 137 Feuilleton. Reb Nimza. Es ist über fünfzig Jahre her, daß ich ihn kennen lernte, und er war damals schon ein starker Fünfziger; die Geschichte, die ich von ihm erzähle, trug sich also noch im vorigen Jahrhundert zu und wird heute Niemanden mehr compromittiren. Ich bin zu dieser Geschichte, welche in der Gasse selbst, wie ein Mysterium, nur wenig Eingeweihten bekannt war, durch einen mir besonders eigenen wissenschaftlichen Triebe, Namen zu studiren und sie in eine Beziehung zu dem Character ihrer Träger zu bringen, gekommen. Reb Nimza hatte gar nichts an sich, worin er sich von Seinesgleichen unterschieden hätte. Er war ganz der Typus eines jüdischen Hausirers, mit dem de- und wehmuthsvollem Gesichtsausdruck, welchen man damals als Rasseneigenthümlichkeit bezeichnete. Es fiel mir an ihm jedoch, als man einmal zufällig von ihm sprach, der Name aus. „Nimza" ist kein jüdischer Personenname. Seine etymologische Bedeutung, „ein Gefundener" ließ mich sofort ein Geheimniß in der Geschichte seines Trägers ahnen, wonach ich zu forschen begann, bis ich es endlich nach einiger Zeit von dem alten Notar, welcher die lebendige Matrikel der Gemeinde war, erfuhr. Ich gebe in Folgendem seine etwas breite Erzählung. Jokel und Koppele, Vater und Sohn, waren zwei Flickschuster, welche in einem Häuschen auf dem Schloßberge einen sogenannten Laden, richtiger „Loch", bewohnten. Dem Jokel las man seine sechzig Jahre von der Stirne ab. Koppele zählte ungefähr achtzehn. Beide schlecht und recht, aber ein wenig ungeschliffen, liebten sich gegenseitig auf ihre Weise und vereinten ihre Zärtlichkeit auf eine Katze, die mit Koppele etwa in gleichem Alter stand und noch seine Mutter kannte, die schon lange, lange Jahre auf dem „guten Ort" draußen gebettet lag. Jokel Schuster war ein Ignorant, der das „Ungepünktelte" nicht lesen konnte, nicht einmal mit der Brille, aber er ging Früh Md Abends in die „Schül", war Mitglied einer Schiur- Chebra und voll Ehrfurcht vor jedem Talmudgelehrten. Koppele hatte aber bis zu seinem fünfzehnten Jahre „gelernt", zeigte jedoch keine großen Geistesgaben und griff zum Handwerke, bei dem er nicht wenig stolz auf sein Wissen seinem Vater gegenüber war. — In einer späten Winternachmittagsstunde, nach der Heimkehr vom Abendgebete, saßen Vater und Sohn im Dunkeln und waren an der Rechnung, wie viel Ellen Schusterdraht es wohl brauche, um die Stiefel für die ganze Jeschiwah zusammenzunähen. Koppele hielt ein Knie mit den Händen; Jokel stocherte mit dem kleinen Finger im linken Ohr herum, wie er zu thuu pflegte, wenn er über etwas nachdachte. Plötzlich trat in einen Mantel gewickelt ein Mann ein, vielleicht ein „Jurat", denn es war gerade Landtag in Preßburg; er fragte nach einem Geldverleiher. „Kennst Du einen Geldverleiher im Hause?" fragte Jokel den Sohn. „Geldverleiher?" wiederholte der Junge und senkte nachdenklich den Kopf. „Es giebt einen Talmudgelehrten hier". „Ein Talmudgelehrter ist kein Geldverleiher", murmelte der Unbekannte, suchte tastend den Ausgang und ging mit großem Geräusch wieder fort. Koppele, auf das unterbrochene Gespräch zurückkommend, fuhr fort: „Nehmen wir an, um viel zu sagen, es brauche zu einem Stiefel vier Ellen" ... „Gut! Die Jeschiwah, wie viel zählt denn die Jeschiwah?" „Sagen wir sechshundert Bachurim". „Sechshundert mit zwei Füßen Jeder". „Also . . ." Koppele haschte nach dem andern Knie und schloß ein Auge; so viel Schusterdraht aber ließ sich nicht fassen. Jokel wollte indeß das Lämpchen anzünden, um seine zwölshundert Stiefel besser zu sehen. In diesem Augenblicke hörte man ganz in der Nähe etwas wie ein leises, klagendes Meckern, so daß unsere Schuster zusammenfuhren. „Hast Du gehört, Koppele?" „Ja ich Hab' etwas gehört". „Ist das die Katze?" „Die Katze?" „Jst's hier in der Stube?" „Sieh doch, dort, etwas Weißes!" „Schau nach!" „Ich fürcht' mich". „Was! was . . . ." Jokel kam ganz aus dem Concepte und tappte auf dem Tisch herum nach dem Feuerzeug. „Es ist ein kleines Kind!" schrie der Junge, der sich nach der Thür voraewaat. „Lebt's?" „Ich glaube, es weint ja". „Weh, der Schekon im Mantel ..." Jokel begann es vor den Ohren zu sausen. „Zünde doch die Lampe an!" „Der Schekon ..." „Mach' doch rasch!" „Der Schekon . . ." Jokel vermochte vor Schrecken nicht die Lampe anzuzünden. Endlich fand er ein Kerzenstümpfchen, das brannte er au und näherte sich Koppele, der auf seinem Schemel saß, ein Etwas auf den Knieen; er rückte sich die Brillen zurecht und hielt das Licht vor . . . „Lemaan Haschem!" schrie er, als er das Kissen sah, aus dem das Köpfchen herausragte. „Ein schönes Kind. Der Goj wird wieder kommen es zu holen". „Was fällt Dir ein?" schrie der Alte verzweiflungsooll, „da steckt ein Risches dahinter. Ein Bilbel will man den Juden zuwerfen. Aber halt's doch g'rad, es weint . . ." Wirklich fing das arme Dingchen an zu weinen und Koppele machte die Bemerkung, daß die Brille des Alten es erschreckt hätte. „Jst's ein Knab' oder ein Mädel?" „Was weiß ich", sagte Koppele. „Dummian! „Er machte sich um das Kind zu schaffen, rang dann ein um das andere Mal die Hände und rief: „Ein Jüngel ist's! Man will uns Juden ein Bilbel zuwersen." Wie von einem rettenden Gedanken erfaßt, legte er sein schwarzes Käppchen ab, setzte den Hut aus und sagte: „Ich komme bald zurück; mach' die Thür zu". „Wohin gehst Du?" „In den Palffyhof zum Verwalter; ich muß es anzeigen." Koppele, allein zu Hause geblieben mit dem Kinde auf den Knieen, blickte um sich her und fühlte zum ersten Mal die Sorge einer großen Verantwortlichkeit, umsomehr, als das Würmchen ununterbrochen weinte. Er versuchte, es auf den Knieen hüpfen zu lassen, nahm es auf den Arm. lief mit ihm im Kreise im Zimmer herum, klopfte an die Thür, klapperte mit den Ahlen, ließ das Licht auf- und niedertanzen und verschwinden. Nichts half. Endlich schob er mit den Füßen die zwei Schemel zusammen, breitete seinen Rock darüber und machte auf diese Weise eine Art Bettchen, worauf er das Kind in seinen Kisschen langsam legte. Das Kind weinte und schrie in allen Tonarten. Da stieß er in seiner Angst an ein Bein das Tisches, das Licht stürzte um und er stand plötzlich im Finstern. Das Kind schwieg mit einem Male und es folgte eine Stille, so besorgniserregend, daß den armen Jungen kalte Schauer durchliefen und ihm die Haare zu Berge stiegen. ..Ist es gestorben?" fragte er sich. „Habeich es gedrückt, ohne es zu merken? Oder gar erstickt?" Koppele zitterte am ganzen Leibe, so hatte es ihm noch nie das Herz zusammengezogen. Er hatte das Licht wieder angezündet, kauerte neben dem Bettchen hin und sah, daß das Kind die Augen wohl geschlossen hatte, aber die Lippen leise bewegte; das Gesichtchen war voll Thränen, die er leicht mit der Spitze des Zeigefingers wegzuwischen versuchte. Und wie er so, den Kopf zwischen die Hände gepreßt, kauernd das Kind betrachtete, gerieth er in ein Jrrsal von Gedanken, die ihm durchaus neu waren, aus denen er sich nicht herausfinden konnte. „Wenn dieses Würmlein da mein wäre? . . . Wie könnte es denn mein sein? . . Wo würde ich's hergenommen haben?" Seine Gedanken blieben bei Rachele stehen, einem armen schönen Mädchen in der Nachbarschaft, für das er schon lange glühte. Er dachte an sie einen Augenblick, fühlte aber die Wärme des Blutes nach oben steigen, und als er merkte, daß er roth ward, beugte er das Gesicht übU das Bettchen, ganz dicht über jenes Gesichtchen, und den Mund geöffnet über den kleinen Mündchen, athmete er den leisen Hauch des Kindes.

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