Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 7 (17.2.1893)
- Date
- 1893-02-17
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 7 Oeflrrrrichifchr Wochenschrift freite 121 Sonn- und Feiertagen Erholung und Zerstreuung in den judenreinen Gefilden von Sievering, Grinzing, Nußdorf rc., wohin er mit Kind und Kegel pilgert. Dorr, beim Heurigen, läßt er sich weltvergessen von den so beliebten „Quartetten" die neuesten Wiener Lieder aufspielen, bei denen ihm das Herz im Leibe lacht und er in die rechte Stimmung des „Berkauft's mei' G'wand, i bin im Himmel" versetzt wird. Daß aber diese wirklich schönen und echt wienerischen Weisen zumeist von Juden und Judenliberalen verfaßt sind, scheinen die Herren Antisemiten nicht zu wissen oder nicht wissen zu wollen, denn sonst würden sie gewiß nicht gar so begeistert mit in den Chorus einstimmen, wenn Krakau er's so populäre Lieder: „Mein Liebchen wohnt am Donanstrand" oder „I bin a Weaner Schusterbua", oder Pick's „Fiakerlied" u. a. vorgetragen werden. Wenn auch diese Lieder keinen besonders dichterischen Werth haben, so ist doch damit erwiesen, daß der Wiener Jude, den die Antisemiten als Fremdling betrachtet wissen wollen, mit Leib und Seele Wiener ist und in Gefühlen für Wien schwelgt, welche die verrohten Antisemiten gar nicht haben können. Um Lieder zu verfassen, die so ergreifen, gehört vor Allem ein „weiches Herz". „Dort wo Lieder wohnen, laß dich nieder, Böse Menschen haben keine Lieder" sagt der Dichter; aber auch patriotischer Sinn gehört dazu, denn alle diese Lieder athmen schwärmerische Liebe zu Oesterreich und der Kaiserstadt an der schönen blauen Donau. Dieses Herz und diese Liebe geht den Antisemiten, ab, darum gibt es auch keine antisemitischen Liederdichter und Juden müssen in die Saiten greifen, um in den verthicrten Antisemitenherzen ein menschlich Rühren zu wecken. Mähr.-Schöriberg. Wie die arische Sittlichkeit aussieht, die man uns als Muster aufstellt, zeigt folgendes Faktum. das sich in dem nahegelegenen Hermesdorf zutrug. Ein gewisser Blaschke kam zufällig zu einer Rauferei zwischen den beiden Insassen G r a n i ch und Friedrich und trat bei der gerichtlichen Verhandlung dieses Falles als Zeuge auf. Die Gegner söhnten sich aus und wurden nun dem Blaschke seind. Vorige Woche lockten sie ihn in ein Wirthshaus, packten ihn dort, der Eine riß ihm den Mund auf und der Andere goß ihm eine Flüssigkeit ein, bis er tobt liegen blieb. Der dritte im Bunde, der Wirth, trieb noch seinen Spott mit der Leiche und drückte ihr eine Kerze in die Hand, eine religiöse Zeremonie verhöhnend. Alle drei Betheiligten sind bemittelte Grundbesitzer. Klagenfurt, 12. Februar 1893. Zur Illustration der durchaus nicht angenehmen Lage, in der sich die hier seßhaften Juden befinden, will ich Ihnen einige Daten liefern, die die Vorfälle der letzten Zeit betreffen. Vielleicht finden Sie Raum und Gelegcnhe't, dieselben in entsprechender Weise in Ihrem geschätzten Blatte zu veröffentlichen. Herr Max Stößl, ein reicher jüdischer Lederhändler, derzeit Vorsteher des hiesigen israelitischen Cultusvereines, kam jüngst beim hiesigen Gemeinderath um seine Zuständigkeit nach Klagenfurt — er ist jetzt ungarischer Staatsbürger — ein. Er hätte diesen Schritt gewff. nicht gethau, wäre er nicht von Gemeinderäthen dazu animirt worden und hätten nicht neun der Herren Stadtväter ihm ihr Ehrenwort verpfändet, für ihn stimmen zu wollen. Das Resultat der Abstimmung ergab, trotzdem nicht alle 20 Gemeinderäthe versammelt waren, daß das Ansuchen des Herrn Stößl in vertraulicher Sitzung abgelehnt wurde, was nicht so sehr überrascht hätte, wenn nicht ein hiesiges antisemitisch, s Schundblättchen schon am Sitzungstage zu berichten gewußt hätte, daß das Gesuch des Herrn S. einstimmig abgelehnt worden sei. Es ist mir nicht bekannt, ob noch sonstwo die raffinirte Judenhetze so „tief" gesunken ist, wie hier. Frühzeitig, schon in der Kinderbewahranstalt, macht man 3—4jährige Kinder darauf aufmerksam, daß es in ihrer Mitte. „Jüdlach's" gebe; die armen jüdischen Kleinen in der Kinderbewahranstalt wurden von ihrer „Lehrerin" — wie man sie hier heißt „Tante" — so gequält und so gehetzt, daß sie nur mit Widerstreben und weinend in die Schule geführt werden konnten. Ein Lehrer'der hiesigen (Uebungs-) Volksschule, — Gugl sein Name — ruft seine Schüler (jüdischer Confession) in der 1. Classe immer nur „Jüd", „Jeiteles" und „Judenbub", fragt sie immer, ob „Zwiebeln" gut schmecken und ob sie fleißig „Knobeln" essen. Eine Bürgerschullehrerin erklärte einer Schülerin die am Samstag nicht schreibt, sie werde sie schon Mores lehren, sie werde nächstens gerne am Schabbes schreiben. In der letzten Sitzung des Gemeinderathes wurde e-'ne Petition der landwirthschaftlichen Gesellschaft zur Verlesung gebracht des Inhaltes, das Schächten der Juden möge in der neuen Schlachthausordnung verboten werden. Bei der „stramm antisemitischen" Gesinnung unserer wohllöblichen Herren Gemeinderäthe wäre es keineswegs auffallend, wenn sie in der nächsten «Dienstags-) Sitzung auch beschließen würde l, daß nicht nur das „Schächten nach jüdischem Ritus" verboten sei, sondern auch sämmtliche Juden Klagensurts (mit Zurücklassung ihres Vermögens natürlich) binnen 24 Stunden das Weichbild der Landeshauptstadt zu verlassen haben. Pettau. Auch in Südsteiermark, wo das Deutschthum sich der Slovenen zu erwehren hat und die wenigen Juden, die da wohnen, im Lager der Deutschen stehen und opsermülhig für dieselben kämpfen, gewinnt der deutschnationale Antisemitismus täglich mehr Raum. Zum Zwecke der Erbauung eines deutschen Vereinshauses in Pettau haben deutsche Pettauer verschiedener Parteifarbe sich zusammengefunden und eine Sammlung eingeleitet mit der ausdrücklichen Erklärung, daß dieses Hans ein für alle Deutschen ohne jeden Unterschied zugängliches Heim werde. In der That haben auch Juden und freisinnige Deutsche Beiträge geleistet. In einer am 14. Deeember 1892 stattgehabten Versammlung, welche zu dem Beyufe einberufen war, einen Verein unter dem Namen „Deutsches Bereinshaus" zu gründen und diesem neuen Vereine die Fortsetzung des bis jetzt von Einzelnen betriebenen Unternehmens zu übertragen, hat jedoch eine größere Zahl der Erschienenen Satzungen angenommen, durch welche den Juden der Eintritt in das zu erbauende Deutsche Vereins- Haus verwehrt werden soll. Bei nur einiger Ehrenhaftigkeit hätten diese Herren mit ihrem Beschlüsse gleichzeitig aussprechen müssen, daß denjenigen Beitragleistern, die mit diesem intoleranten Beschlüsse nicht einverstanden sind, die geleisteten Beiträge zurückerstattet werden; denn es ist erstens ungerecht, Beiträge, die für einen bestimmten Zweck unter genauen Bedingungen geleistet wurden, zurückzubehalten, wenn gegen diese Bedingungen vorgegangen wird; und selbst, wenn die mit den neuen Bedingungen unzufriedenen Beitragsleister ihre schon geleisteten Beiträge nicht reclamiren, ist es nichts weniger als nobel, vom Gegner Geschenke anzunehmen. Aber was fragen Antisemiten nach Grundsätzen der Ehre und des Rechts? Erst in dieser Versammlung in der Minderheit gebliebene Liberale mußten in einem Rundschreiben ihre Gesinnungsgenossen aufmerksam machen, daß sie ihre Beiträge für das zu erbauende deutsche Vereinshaus zurückfordern können, nachdem die ursprüngliche Bedingung, daß es ein Haus für alle Deutschen ohne Unterschied des Glaubensbekenntnisses werde, nicht eingehalten wird. Ist dieser deutsch nationale Antisemitismus nicht eine Ironie aus die bislang den deutschen Charakter bezeichnende Rechtschaffenheit und Treue? Berlin, im Januar. Ein hiesiges Blatt bringt die nachfolgende Erzählung von dem Wohlthätigkeitssinn eines Berliner Glaubensgenossen zur Veröffentlichung. Bei einem vielbeschäftigten Kaufmann, der neben seiner Erwerbsthätigkeit als Ehrenamt die Verwaltung von Wohlthätigkeits-Anstalten der hiesigen jüdischen Gemeinde seit Jahren übernommen hat, ließ sich dieser Tage ein alter Herr melden, als sich der Geschäftsmann gerade zu einem dringenden Ansgang anschickte. In aller Eile richtete der Kaufmann seinen Blick auf den Ankömmling, dessen schlichter Anzug einen Unterstützungsbedürftigen zu verrathen schien, und ziemlich kurz lautete die Frage nach seinem Begehr. Schüchtern bemerkte der alte Herr, er habe eine Wohltlätigkeitsspende vor. „Wie viel wollen Sie geben?" — klang es im Geschästston zurück — „vielleicht dreißig Mark? — „Nein, ich hatte mir mehr vorgesetzt! — „Nun, fün zig, hundert Mark, — oder stiften Sie doch ein Bett, das kostet 300 Mark." — „Ich hatte mir eine bestimmte Summe vorgesttzt und habe sie auch zur Stelle. Es sind — Hunderttausend Mark." — Ter erstaunte Kaufmann hatte Plötzlich Zeit und gebrauchte sie auch, um die Sprache wieder zu gewinnen. Er hieß dcn seltenen Wohlthäter Platz nehmen und setzte ihm auseinander, daß er zur Annahme einer so bedeutenden Schenkung nicht ohne Weiteres befugt sei, daß dazu erst die Genehmigung nachgesucht werden müsse, daß eine Eingabe nothwendig sei. „Dann beeilen Sie die Schritte nach Möglichkeit", bemerkte schlicht der Vertröstete, „ich fühle, daß ich schwächer werde und möchte die Freude, die ich mir bereiten will, selbst genießen." Der Vorsteher versprach thunlichste Beschleunigung, und in der That ist die Genehmigung zur Annahme der großherzigen Stiftung bereits nachgesucht. Der Spender ist ein Rentier, der in der Potsdamer Straße wohnt, sehr einfach