Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 7 (17.2.1893)
- Date
- 1893-02-17
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 7 Österreichische Wochenschrift Seite 11?k genossen beziehe. Line Polemik können wir uns sparen, denn Hüdemanns Feder hat in scharfen Zügen diesen Jrrthum klarzustellen begonnen. Wir können Nöldeke auch nicht ganz zugeben, daß der Cosmopolitismus erst durch Mischung hellenischer und orientalischer Joeen Kraft gewinnen konnte. Nöldeke sagt: „Der völlige Sieg des Monotheismus ist allerdings nicht in geschichtlicher Zeit bei den Israeliten erfolgt, aber auch bei den anderen semitischen Völkern zeigen sich starke Ansätze dazu." „Der Geist der indogermanischen Völker . . , . entbehrt der gewaltigen Energie, welche den Glauben an Gottes Einheit erzeugte, nicht als Resultat wissenschaftlichen Nachdenkens, sondern als moralische Forderung, die keinen Widerspruch duldete. Mit diesem Glauben, dessen Kraft die Welt unterworfen bat, ist nothwendig eine große Gewaltsamkeit und Ausschließlichkeit verbunden". . . , „Ein hoher Ehrentitel des Alten Testamentes ist es,. daß es inmitten unzüchtigen Götterdienstes alle solche Unsittlichkeit aus der Verehrung seines Gottes streng verbannt." „Aus dem Alten Testamente weht uns fast durchweg ein rein sittlicher Geist entgegen, das Bestreben, sich die Gottheit in ethischer Vollendung zu denken." An denjenigen Stellen, wo Nöldeke häßliche Züge hervorhebt, trifft die Zeichnung doch zumeist die den Israeliten stammverwandten semitischen Völker; so beispielsweise, was den Fanatis mus betrifft. Wohl ist es nicht zu leugnen, daß die Erstarkung religiöser Formeln bei vielen Eiferern eine unschöne Härte verursacht hat, die der Intoleranz ähnlich wird oder die Unduldsamkeit selbst ist; die geschichtlich erklärliche Zerkleinerung der ursprünglich großgedachten Religion führte bei vielen zum Verluste dieses großen Grundgedankens, wie der geniale Plan eines kühnen Baumeisters durch kleinliches Schnörkelwerk verwischt und erdrückt wird. Aber gar häufig finden wir die Erscheinung, daß die Uebung jeder noch so kleinen religiösen Satzung tief empfunden wird und ethisch begründet ist. Man kann nicht verlangen, daß alle Bekenner eines Glaubens die historische Entwickelung seiner Vorschriften kennen; mau muß es achten, wenn die Bekenner treu sind in der Erfüllung derselben; man muß aber unbedingt fordern, daß vor das Bekenntnis die Menschlichkeit gesetzt uud zuerst nach dem Menschen im Menschen und dann erst nach seinem Bekenntnisse gefragt werde. Der Fanatismus ist ein natürliches Product des Glaubenskampfes, der überhitzten Glaubensliebe oder der — Beschränktheit. — Von bösem Fanatismus nun war das Judenthum zu allen Zeiten vollkommen frei. Hat es Fanatiker gegeben, dann waren sie es sicherlich nicht durch das Judenthum, sondern trotz demselben. Was wir aber zur Chäracteristik der Antisemiten zu sagen hätten, wäre, anschließend an die aus Nöldekes Arbeit angeführten Worte, Folgendes: Die Antisemiten haben sich niemals die Mühe gegeben, die Semiten kenney zu lernen: schon die Wahl des fraglichen Ehrentitels „Antisemit" ist ein Zeichen großer Oberflächlichkeit und auch ärmlicher Geschmacklosigkeit. Es ist vielleicht naiv/zu glauben, daß ruhige Gelassenheit und kalte Beweisführung die gewiß durch berechnete Schlechtigkeit aufgehetzten Judenhaffer zu Vernunft bringen könnten: diese Naivität entspringt aber dem noch unverlorenen Glauben an die Besserungsfähigkeit halbverlorener Menschen. Es ist doch schrecklich zu sehen, wie vernunftbegabte Menschen sich mit Bewußtsein in Lügennetze einspinnen, und fast mitleidsvoll muß man die Fäulnis des gewiß vorhandenen sittlichen Kernes wahrnehmen. Wie können die Hetzapostel diesen Raub an der Moral verantworten? Die ernste, bedenkliche Frage muß gestellt werden und wir harren der ernsten Antwort: Haben die Antisemiten einen Character? Nur den einen Satz aus Nöldeke's Arbeit bitten wir unsere geehrten Feinde einigermaßen zu erwägen: „Müssen wirnun auch urtheilen, daß die Begabung der Semiten in mancher Hinsicht einseitig ist, so wäre es doch entschieden ungerecht, ihnen den Anspruch aus eine der höchsten Stellen unter den menschlichen Rassen abzusprechen. Nicolsburg. Dr. D. Feuchtwang. Die Pflege Der hebräischen Sprache in der Gegenwart. I. Es gibt viele, ja sehr viele Inden, die die hebräische Sprache zu den „tobten" rechnen und ihr alle Existenzberechtigung in der Gegenwart kurzweg absprechen. Höchstens gestatten sie ihr, ein kümmerliches Dasein als liturgische Sprache in den Gotteshäusern — etwa wie das Kirchenlaiein beim katholischen Gottesdienste — zu führen; sonst aber ist ihr Reich nicht von dieser Welt. Manche gehen noch weiter und behaupten, die Sprache der „alten Hebräer" dürfe gegenwärtig nur als Studienobject für Theologen und Orientalisten zu gebrauchen sein, und da doch nicht alle Juden Theologen oder Orientalisten sind und folglich kein Hebräisch lernen und verstehen müssen — so könne sie auch als Gebetsprache nicht mehr bestehen, weil es doch höchst ungeziemend wäre, sich mit dem lieben Herrgott in einer Sprache zu unterhalten, die dem Sprechenden völlig unverständlich ist. Zwar läßt sich gegen die letztere Schlußfolgerung gar Vieles einwenden, und man muß nicht gerade ein Sophist sein, um den Satz umzudrehen und den entgegengesetzten Schluß zu ziehen: Da Hebräisch von je die liturgische Sprache der Juden mar, so müssen auch die gegenwärtigen Juden diese Sprache lernen, um ihre Gebete zu verstehen. Aber ich beabsichtige durchaus nicht eine Apologie der hebr. Sprache zu schreiben, um ihr diejenigen Synagogen wieder zu eröffnen, aus denen sie aus übertriebenem „Europäismus" so pietätlos verbannt wurde. Die „Verstoßene" ist, Gottlob, durchaus nicht obdachlos; ihr „Ansiedelungsrayon" dehnt sich immer weiter und weiter aus, die Synagogen genügen ihr schon lange nicht mehr, das Vegetiren als liturgische Sprache sagt dieser „Scheintodten" gar nicht mehr zu, sie will leben und stei athmen als Literalursprache — und ihr Wille geschieht. Zweck dieses Artikel-Cyelus ist. über die immer reger werdend« Thätigkeit auf dem Gebiete des hebr. Schriftthums in der Gegenwart, referirend und recensirend zu berichten. Natürlich können diese kritischen Berichte sich nur mit den Hauptströmungen des zeitgenössischen hebr. Schriftthums beschäftigen und höchstens die Hauptwerke derjenigen Schriftsteller kurz besprechen, welche durch ihre belletristische oder publicistische Thätigkeit sich in hervorragender Weise um die Pflege der hebr. Sprache verdient gemakyt haben. — Die Ueberschrift dieser Artikel ist vielleicht nicht sehr glücklich gewählt; sie könnte zu der Voraussetzung verleiten, es handle sich hier um Besprechung lediglich philosophischer Werke, was, wie aus Obigem zu ersehen, durchaus nicht meine Absicht ist. Ich wollte aber die Sache nicht beim richtiger Namen nennen, und hütete mich wohl, den so nahe liegenden Titel „Briefe über die zeitgenössische hebr. Literatur" an die Spitze dieser Berichte zu setzen, um nicht die Gourmandise der Leser unnützerweise zu erregen . . . Die höheren Genüsse, welche der moderne Culturmensch von einer „Literatur" zu erwarten berechtigt ist, kann ihm die im Werden begriffene moderne hebr. Literatur leider noch nicht bieten. Deswegen bezeichne ich die Thätigkeit der hebr. Schriftsteller, die sich auf fast allen Gebieten der Literatur, und manchmal mit großem Erfolge, versuchen, nur als „die Pflege der hebr. Sprache". Besser daß die Erwartungen der Leser übertroffen werden, als daß sie hinter der Wirklichkeit Zurückbleiben. Doch bevor ich meine Berichterstattung beginne, muß, ich eine kleine, aber sehr nothwendige Bemerkung vvrausschicken. Es ist eine ziemlich weit verbreitete Ansicht unter den westeuropäischen Juden, daß^eie hebräisch Schreibenden und noch mehr die hebräisch Lesenden, nur deshalb diese Sprache pflegen, weil sie eben keine andere verstehen und auch sonst aller Bildung baar sind. Diese Voraussetzung ist eine völlig irrige, insofern sie sich auf die Gegenwart bezieht. Ja, in der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts, wo die hebräische Schriftstellerei n u r als Mittel zu Elementar- Bildungszwecken für die ausschließlich talmudstudierende Jugend gebraucht war, da war's ganz natürlich, daß das Lesepublicum zum größten Theil aus „halb-asiatischen" Elementen zusammengesetzt war. Denn man schrieb ja eben nur für jene Elemente. Jetzt aber ist das Verhältniß ein ganz anderes. Umstände, die hier nicht näher gezeichnet werden können, brachten unter den i n t e l l i g e n t e st e n K l a s s e n der russischen Judenschaft eine geistige Revolution hervor, die. neben anderen realisirbaren und unrealisirbaren Idealen, auch die Wiederbelebung der hebr. Sprache anstrebte. Mit bewundernswürdigem Eifer legten sich die „höheren" Jünglinge auf das Studium der „todten" Sprache, die sie entweder nie gekannt oder längst vergessen hatten. Und je mehr sie sich in die Schönheiten dieser alten, ewig jungen Sprache des allen, ewig jungen Volkes vertieften, und je zugänglicher ihnen die wunderbaren Schätze des hebr. Schriftthums aller Zeiten geworden, desto mehr kamen sie zur Ueberzeugung daß die Sprache der „alten Hebräer" n i e „gestorben" war, und desto beharrlicher bestanden sie aus ihrer Forderung, die hebr. Sprache auch in der Gegenwart sorteristiren zu lassen, in"der Weise, wie sie seit zwei Jahrtausenden, fast ohne Unterbrechung lebt, nämlich als Schriftsprache. — Das ist in Kürze die Genesis der neue st e n hebr. Literatur, und daraus folgt, daß die a c t i v e n (schreibenden) und passiven (lesenden) Pfleger derselben gerade der höhern Intelligenz angehören — guaä erat demonstrandnm. Ich beginne meine Referate mit einer Revue der hebräischen Journalistik-, "sind doch Tages- und Wochenblätter die geeignetsten und wirksamsten Mittel, eine Schriftsprache zu pflegen, zu erhallen und auch zu bereichern — und der Bereicherung ist die hebräische Sprache sehr bedürftig: Besitzen wir ja von dieser, einst wahrscheinlich sehr wurzelreichen Sprache, nur den relativ geringen Wörterschatz der Bibel. -