Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 7 (17.2.1893)
- Date
- 1893-02-17
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 118 Oesterreichifthr Wochenschrift Nr. 7 Lande und Deinen Thoren sind. An demselben Tage sollst Du ihm seinen Lohn geben und es soll die Sonne nicht darüber untergehen; denn arm ist er und sehnt sich seine Seele danach, damit er nicht rufe über Dich zu Gott und eine Sünde an Dich komme." Gewiß gelten diese Vorschriften auch gegenüber dem kleinen Handwerker; gewiß wäre ihm pünktliches rasches Zahlen eine Erleichterung im Lebenskämpfe. Die Quelle der socialen Vorschriften der Bibel ist eben das Mitleid und die Nächstenliebe. Aber der Kampf ums Dasein löst sich nicht in so sanfter Weise und die Noth des Mittelstandes bleibt eine offene Frage an die Zukunft. Aus dem St.mpfen der Maschinen, aus dem Donner der rollenden Eisenbahnzüge, aus den grellen Strahlen des electrischen Lichtes, aus den Stimmen des Telephonspricht gewaltig und deutlich die Offenbarung zu uns, daß die Welt unaufhaltsam dem Staatssocialismus entgegenschreitet. Wird das Handwerk sich in seinem Individualismus behaupten können? Wird nicht der Staat der einzige Gutsherr, der einzige Fabriksherr und der einzige Meister sein und werden nicht Alle in seiner Arbeit stehen? Trotz aller Noch und aller Sünden unserer Zeit ist jenes Glück nicht zu ersehnen, welches die Freiheit auelöschen würde und nahezu die Freude am Dasein. Keiner braucht mehr den Anderen zu beneiden, aber nichts in der Welt wäre auch noch neidenswerth. Vielleicht siegt der gute Genius der Menschheit, vielleicht kann die Individualität sich behaupten, vielleicht kommt auch für den Mittelstand wieder eine bessere Zeit. Wir haben Wunden bloßgelegt, haben die Aufmerksamkeit auf die Noch des jüdischen Handwerkers gelenkt; wir appelliren an das Mitleid und an die Nächstenliebe. Das Judenthum hat stets das Handwerk geehrt. Als größtes Beispiel mag Spinoza angeführt werden, der durch Brillenschleifen sich sein ßefien verdiente. Die Philosophen haben Spinoza anerkannt, die größten Denker bekannten sich zu seinen Lehren; die Glasschleifer aber/ würden auch heute in Spinoza den Juden sehen. Auf diese Art wird allerdings das innerste Wesen des Antisemitismus aufgedeckt. Der jüdische Handwerker wird von seinen Berufsgenossen umso mehr gehaßt werden, je fleißiger, sparsamer, nüchterner und leistungsfähiger er sich erweise. Was man auch sagen mag, man haßt an dem Juden nuv die guten Eigenschaften und man bekämpft die unwillkürlichen Empfindungen der Achtung dadurch, daß man die größte Erbitterung zur Schau trägt. Kein anderer Stand har daran so schwer zu tragen, wie der jüdische Handwerker. Und jetzt ziehe man den Vergleich. In der Mitte des Handwerks ist der Antisemitismus mit allen seinen Auswüchsen, während der jüdische Handwerker, weil er im Volke steht und mit dem Volke zusammenlebt, in der Abwehr des Vorurthcils und der Verbreitung gesunder Anschauungen die größte Wirkung auszuüben vermag. Die Thätigkeit in dieser reinmenschlichen Sphäre wird dem jüdischen Handwerker aufgezwungen; nichts destoweniger hebt sie ihn in seinem Beruf. Und daher ist es eine Aufgabe der Juden in der Gegenwart, dem Handwerk trotz aller Hemmnisse treu zu bleiben, und ist es eine heilige Pflicht die Pstege des Handwerks unter den Juden nach Kräften zu fördern und zu schützen. Der berühmte polnische Alterthumsforscher und Historiker Joses Szujski nimmt in seinen gesammelten Werken sSer^a I, Tom VI. Auf. läge vom Jahre 1888, Druckerei des „Czas" in Krakau) Veranlaffung, an verschiedenen Stellen sich auch gelegentlich über die Literatur der Juden und diese selbst auszusprechen. Seite 220. „Wer von uns wurde nicht auf dem Boden der biblischen Geschichte erzogen? Wem von uns haben die Gestalten des Moses, Simson, David, Salomon und der Propheten nicht die Einbildungskraft ausgefüllt? Wer von uns hat nicht aus dieser Quelle die edelsten Eingebungen, die geläutertsten Ideen für das ganze Leben geschöpft? Welche Lehre hat ihm mit gleicher Leichtigkeit so viele Geistesnahrung zugeführt, wie die Erzählung von der Geschichte der Hebräer, welche sich unserer Fantasie wie die Volkssage anschmiegt, die durch ihre Größe, wie ein riesiger Palast überrascht, den wir in unserer frühen Jugend angeschaut und der vermöge seiner Mächtigkeit für immer in unserer jugendlichen Fantasie sich eingeprägt?" „Alle sind wir bei dieser Bibelgeschichte auferzogen worden, wie bei einer Mutier;' aber wie undankbare Kinder gehen wir ihr weit aus dem Wege,-sobald wir einiges Wissen, etwas Fachkenntnisse erlangt, nähern uns ihr weder im weltlichen Thun, noch in Gotteserinnerung, werden für diese große Nährerin unserer Jugend gleichgiltig, uneingedenk der Pfade, die sie in unserem Geiste geebnet, wo sie uns hingeleitet und was sie uns zu jener Zeit eröffnet hat, als unsere geistige Zukunft noch schwankte". „Das alte Judenreich hat uns mehr zu erzählen, als Rom und Griechenland; seine geistige Entwicklung kann uns eine mächtigere Geistesstütze sein, als die Geschichte sämmtlicher Nationen der Erde." Seite 222 .„Alle Völker des Orients schließen sich gegenseitig ab; keines jedoch hat sich so einheitlich bewahrt, keines hat so sehr der Berechnung der Jahrhunderte, der Wandlungen des Schicksals, der Unglücksfälle und der Bedrängniß gespottet, keines so viel erlebt und erduldet, wie das jüdische. Das ist blos die Oberfläche des Räthsels, unter welcher ein Schwierigeres, innerlich sich birgt." Seite 227 .„Kein Glaube des Alterthums besitzt auch nur annäherungsweise diese Voraussicht im Beginnen, im Ziele und in den Mitteln." Seite 228 .„Selbst der stolze eivis Romauus hatte nicht jenes Selbstbewußtsein, welches der Hebräer gehabt hat, denn es fehlte ihm das Gefühl seiner geistigen hervorragenden Ausnahmsstellung unter den Nationen." Seite 568. „Nun kommen wir zu jenem alleinstehenden Volke des Erdballs, welches trotz des Zerstreutseins auf der ganzen Welt, trotz der verschiedensten Existenzbedingungen, überall seine scharf ausgeprägte Individualität beibehielt und welches im Mangel eines wirklichen Vaterlandes eine Welt mit sich führte, die verschlossen und frei von fremde» Einflüssen war. Mit dem Niederbruch des Reiches Israel und Juda wurden schon im weiten Alterthume ein großer Theil der Juden auf der Welt zerstreut, mit der Zerstörung Jerusalems zur Zeit des Titus und Vespasianus wurden sie auch von ihrem Hauptherde weggejagt. Und dennoch erhielten sich an ihnen trotz der Verbannung die Aspirationen vergangener Zeiten, die Hoffnung die Heimat wiederzufinden, die Utopie einer Zukünftsmacht, die Erinnerung an eine schon vergangene und der verachtete und verfolgte Jude hörte nicht auf, sich für ein Mitglied eines auserwählten Volkes zu betrachten." Seite 576 -- .„Es schadet nicht zu erinnern, daß die Judensrage heute zu einer der allerwichtigsteu Aufgaben der christlichen, insbesondere der polnischen Civilisatiou geworden, und daß zu ihrer Erledigung nur ein Weg ethisch ist und zum Ziele führt — und das ist der Weg der Liebe." A. Loria. „Zur Charakteristik der Semiten" betitelt sich das erste Capitel in einem Buche Theodor Nöldeke's „Orientalische Skizzen." Bon einem Manne, wie Nöldeke, erwartet man stets eine Leistung allerersten Ranges. Wer auf dem Gebiete ernster Wissenschaft mit geradezu ästhetischer Vollendung arbeitet und scharfblickend in die tiefsten Geheimnisse der Sprachen einzudringen vermag, der. besitzt ein hellsehendes Auge und einen empfindsamen Sinn für Schönes und Häßliches. Es gibt augenblicklich keinen größeren Kenner der Sprachen und Geschichte der Semiten, als Nöldeke es ist. Sein Name blieb von der unsauberen Lange der Semitenhasser nicht verschont und er ist erst jüngst durch den Lantener Proceß wieder viel genannt worden. Es ist eigentlich recht traurig, daß man solch' stille Arbeiter aus den heiligen Gefilden der Wissenschaft in die profane Oeffentlichkeit zwingt; aber es thut andererseits wohl, b£it frischen, kernigen Ton unverrückter Lebensweisheit und die gesunden Worte eines erleuchteten Denkers zu vernehmen, gegenüber den Unkenrufen versunipfter Schwachköpfe und unehrlicher Nachbeter. In dem genannten Capitel geht Nöldeke in seiner tiefgründenden Weise den Spuren semitischen Geistes nach. Sein Urtheil fällt nicht immer günstig aus und unter Anderem ist auch er von dem entschiedenen Jrrthnme befangen, daß sich das Gebot der Nächstenliebe im Alten Testamente nur auf den Volks-