Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 7 (17.2.1893)
- Date
- 1893-02-17
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 7 Vesterreichische Wochenschrift Seite 117 Gegenwart im raschen Keimen begriffen waren. Aus vielen Städten des Mittelalters hatte man die Juden vertrieben und verbannt. Die Zunft war den Juden verschlossen. Dennoch wurde den Juden der Vorwurf gemacht, daß sie das Handwerk verabscheuten. Noch in den Zwanzigerjahren dieses Jahrhunderts wurde dem zunftmäßigen 'Nadlermeister in einer kleinen deutschen Stadt für die Aufnahme eines jüdischen Lehrlings dreitausend Gulden als Lehrgeld vergeblich geboten. Der Meister mußte ablehnen, sonst wäre er von der Zunft ausgeschlossen und die Arbeit ihm entzogen worden. Aber man empfand das Bedürfniß, den Juden eine pädagogische Pflege zu widmen und die Juden selber strebten am eifrigsten danach, ihre Söhne für das Handwerk zrr erziehen. Im Talmud war das Handwerk auf's Wärmste empfohlen, talmndische Autoritäten waren Handwerker und führten den Namen ihres Handwerks als ehrenden Titel. Man höre doch die Meister, die durch diese Schule gegangen sind, man höre die Männer, welche nicht mehr dem Judenthume angehören. Sie werden euch erzählen von den Lehrjahren und Wanderjahren des jüdischen Handwerkers. Denn es ist ein Volk mit starrem Nacken; ohne ein starkes Rückgrat von Widerstandskraft hätte der Jude es in den Werkstätten nicht auszuhalten vermocht. Sie lernten den Judenhaß in seiner Urstätte kennen; aus der goldenen Zeit des Handwerks, wo die Zünfte dem Judenthum verschlossen waren, war der Jrldenhaß als einzige Erbschaft zurückgeblieben. Er wucherte fort, während der Stolz des Handwerks dahinsiechte und die künstlerischen Leistungen des Handwerks rasch in Verfall geriethen. Und heute ist der Jude Handwerker und leidet unter derselben Noth wie das ganze Kleingewerbe. Der jüdische Handwerker hat dieselben Anschauungen, dieselben Bedürfnisse wie seine christlichen Berufsgenossen. Dabei hat er gegen den Antisemitismus in seinem eigenen Stande und außerhalb seines Standes zu kämpfen. Innerhalb der Mauern der Genossenschaft hat er beit Feind und außerhalb derselben. Spricht man daher von der Nothlage des Kleingewerbes, dann ist es zu. bemerken, daß der jüdische Handwerker noch seine besondere Noth hat. und daß ihm der Kampf um's Dasein noch schwerer gemacht ist, als seinen christlichen Berufsgenossen. Und in diesem Sinne gestatten wir uns auf das Bild aus dem Götheschen Romane noch einmal zurückzukommen. Als Hohn auf jede Gleichberechtigung ist seit zehn Jahren ungefähr die Confession in den Inseraten zu einem characteristischen Merkmal geworden. Eine ganz „objective" und „neutrale Zeitung", — objectiv und neutral heißt es in unserer Zeit, wenn man ohne Empfindung für Recht und Unrecht, für Wahrheit und Lüge schonungsvoll den Antisemitismus ignorirt, den Juden gegenüber jede Milde verleugnet — in einer solchen „objektiven" Zeitung könnte man füglich confesfionclle Rubriken für die I serate schaffen. Und wenn es auch nicht angekündigt wird, so haben es Juden, auch solche, die durch seltene Tüchtigkeit in einem Fache und durch die rühmlichsten Eigenschaften sich auszeichnen, es oft genug erfahren, daß bestimmte Fabriken, bestimmte Handelshäuser, bestimmte Anstalten ihnen verschlossen sind. Der jüdische Bewerber ist schon angestellt, man ist überrascht von seinen Leistungen und doch wird ihm plötzlich gekündigt, weil man erfahren hat, daß er ein Jude ist. Diese Erfahrung machen jüdische Eltern schon mit ihren Söhnen, wenn sie dieselben bei einem Handwerker in die Lehre geben wollen. Der Knabe, wird nicht ausgenommen oder wird, wenn er ausgenommen ist, fortgeschickt; denn er ist ein Jude. Der Antisemitismus hält Wache" an den Thüren der Werkstätten und verfolgt die Kinder mit seinem Hasse, die ein ehrliches Gewerbe erlernen wollen. Und dieselben Erfahrungen wird der Jude auch als Geselle machen. In der Lehrzeit und auf der Wanderschaft erlangt er eine genaue Vorstellung, was ihm als Meister und Bürger bevorsteht. Der Haß bäumt sich gegen ihn auf, wenn ihm das erste Werkzeug in die Hand gegeben wird und läßt ihn nicht ruhen bis der Tod ihm das Werkzeug aus der Hand nimmt. Die Wiener Chronik könnte über die, unter jüdischen Kleingewerbetreibenden herrschende Noth weit mehr berichten, als dies in den spärlichen Notizen geschieht, die sich hie und da in die Spalten der Blätter verirren. Man kann sociale Winterlandschasten in den verschiedensten Wiener Bezirken entdecken, welche geeignet sind, auch den Leichtferligsten ernst zu stimmen. Da gibt es Stuben, wo bei zwölf Grade Kälte, das Elend aus allen Winkeln hervor glotzt. Keine Kohle im Ofen, kein Brod im Hause, kein Kleid im Kasten und Stroh in den Bettstätten. Der Meister hat durch Selbstmord sich von aller Noth befreit; die Frau und die Kinder sind zurückgeblieben. In unserer schönen Zeit, wo bei einem einzigen Unternehmen so viele Millionen gestohlen werden, daß im achtzehnten Jahrhunderte ein großer Staat zehn Jahre lang damit seinen Haushalt bestrittenhätte und wo ein einzelner Ingenieur bei diesem gescheiterten Unternehmen gleichsam spielend mehr Millionen verdiente als im achtzehnten Jahrhundert selbst der reichste Bürger überhaupt besessen haben mag, in unserer Zeit, wo die Neichthümer schneller wachsen als die Pflanze, die mit ihrem Schatten den Propheten Jonas erquickte, in unserer Zeit, wo der Arbeiterftavd erstickt ist durch die Macht der Association und er in den socialen Reformen der Gesetzgebung doch einiges Entgegenkommen findet, stößt man im kleinen Handwerke aus Bilder der entsetzlichsten Armuth wie Eugen Sue sie in seinem aus der traurigen Zeit vor 1846 stammenden Romanen sich ausmalt. Der Meister möchte gerne als Geselle arbeiten, wenn ihn nur eine Werkstätte aufnehmen würde. Er hat keine Kunden und kann keine Kunden finden. Wer will ihm Vertrauen schenken und woher soll er die Mittel nehmen, um einer Bestellung zu genügen. So lange das Handwerk den sprichwörtlichen goldenen Boden hatte, war der Jude ausgeschlossen; die Nothlage des Handwerkes darf er theilen, was jedoch keineswegs so aufgefaßt werden darf, daß man ihm Religion und Abstammung verzeihen würde. Als der erste Handwerkertag in Wien stattfand, der sich bekanntlich zu einem Feste des Antisemitismus und der Neaction gestaltete, da hatten auch jüdische Handwerker aus Galizien — im europäischen Osten ist das Handwerk bekanntlich größtentheils durch Juden vertreten — ihre Delegirtcn zu diesem Handwerkertage entsendet. — Diese jüdischen Delcgirten waren echte Handwerker, Meister kleiner Werkstätten, schlicht und ehrlich in Worten und Handlungen, einfach in ihrer Lebensweise und sie waren bereit, mit ihren christlichen Berufsgenossen durch Dick und Dünn zu gehen. Diese jüdischen Delegirtcn aus Galizien brachten einen Antrag ein, der allseitig als berechtigt und zweckentsprechend anerkannt wurde. Aber als ne die Rednertribüne betraten, wurden sie verhöhnt und man ließ sie nicht zu Worte kommen. Sie waren Juden und schon stand das kleine Handwerk mit Verkennung seiner idealen Interessen imDienste des Antisemitismus. Der Neid ist nicht nur unsittlich, er ist auch öconomisch ein schlechter Rathgeber. Der Antisemitismus kann nur die Kauflust einschränken und die Kunden verscheuchen. Der jüdische kleine Handwerker hat nicht die Macht siegreich gegen Haß und Verfolgung anzukämpfen; ihm stehen nicht wie dem großen Geschäftsmanne die mannigfachen Mittel der Reclame zur Verfügung, er kann nicht die Bortheile einer günstigen Conjunctur ausbeuten. Es gibt jüdische Handwerker in kleinen Orten, die viele Jahre sich der größten Achtung erfreuten und die immer ihre Arbeit redlich geleistet haben und die sich nun plötzlich verfolgt und angefeindet sehen. Er ist von allen öffentlichen Arbeiten ausgeschlossen und die Kundschaften bleiben aus, weil sie nicht als „Judenknechte" gelten wollen. Was kann vom Standpunkte des Jndenthums aus für das kleine Handwerk, wir sprechen nicht nur vom jüdischen Kleingewerbe, geschehen? Von einer Seite wird an die Vorschriften der Bibel erinnert: „Du sollst Deinem Nächsten nichts vorenthalten und nichts rauben. Du sollst den Lohn des Taglöhners nicht über die Nacht bei dir behalten bis an den Morgen. (3. Buch Moses 19. 13) Du sollst dem Taglöhner, einem Armen und Dürftigen, den Lohn nicht vorenthalten, sei es einer von Deinen Brüdern oder von den Fremdlingen, die in Deinem