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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1893-02-17 · 7 (17.2.1893) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
10 (1893)
Issue
7 (17.2.1893)
Date
1893-02-17
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 116 Oesterreichifchr Wochrnschrtst Nr. 7 Nun merken die lieben Germanen, daß auch sie dem gleichen Geschick verfallen. Inden Ostseeprovinzen ist imLaufevon kaum Jahresfrist nicht allein die Unterrichtssprache, sondern und auch die bewährten Lehrkräfte ausgemerzt und durch unfähige russische sogenannte Professoren ersetzt worden. Die ganze deutsche Bevölkerung dieser Provinzen, welche nach lutherischem Bekenntniß erzogen ist, wird in absehbarer Zeit, folgend nicht dem innerenTriebe, sondern der Noth- Wendigkeit, der griechisch-orthodoxen russischen Kirche einverleibt sein. Die Deutschen besitzen auch sonst im Czarenreichewichtige Positionen aus dem Gebiete der Industrie. Der Russe ist eben a priori Ackerbauer, die Industrie ruht vorzugsweise auf den Schultern des Deutschen, vielleicht auch noch des Polen; die Besitzer und Leiter großer industrieller Unternehmungen sind zumeist Deutsche, wo nicht, und wenigstens die Werkmeister, Werkführer und Borarbeiter Deutsche. Die äußerst zahlreichen Tuchfabriken, Woll- und Seidenspinnereien, beispielsweise Gouvernement Grodno, die Papierfabriken im Gouvernement Kielce sind ausschließlich in den Händen von Deutschen. Der Russe versteht diese Industrien einfach nicht oder hat mindestens kein Interesse daran. Diese deutschen Industriellen werden nunmehr russische Nationalität und Kirche annehmen müssen. Der causale Zusammenhang zwischen der deutschen Judenhetze und der russischen Deutschenhetze ist für Jeden, dessen Blick nicht an der Oberfläche der Dinge haften bleibt, sondern in die Gründe der Erscheinungen bringt, mit plastischer Klarheit sichtbar; beide ziehen Nahrung aus demselben Sumpfboden, treiben die gleichen geistigen Blürhen und Früchte; die Barbarei entfesselter Leidenschaften der Selbstsucht und des Neides hier wie dort, die nationalen Schlagworte sind die gleichen Mittel für dieselben Ziele hier wie dort. Der antisemitische Deutschnationalismus ist nichts als das Russenthum in germanischem Gewand, nicht das edle Russenthum des Grafen Tolstoi, sondern das barbarische, raubsüchtige, habgierige Russenthum, welches, um unerkannt zu bleiben, sich in germanische Phrasen cinhüllt. Iudr und Handwerker. Der Handwerker in unserer vielbewegten, von socialen und öconomischen Fragen wundgepeitschten Zeit, der ehrenhafte Repräsentant des Kleingewerbestandes, durchlebt den großen Göthe'schen Roman mit einer dritten Fortsetzung, allerdings ohne die Freiheit, derer sich die unsterblichen Gestalten des Dichters erfreuen. Erst kommen die Lehrjahre des späteren Meisters, da wird der Knabe gehärtet und geschult, wie das Handwerk cs verlangt; dann kommen Meisters Wanderjahre und der sreigesprochene Lehrling, der Geselle, kann, wie einst die griechischen Weisen, aus der Wanderschaft Erfahrungen und Kenntnisse sammeln und jetzt hat er das Recht, sich ein Haus zu gründen, selbstständig sich sein Glück zu erobern. Nach dem Zunstgebrauche macht er sein Meisterstück, erhält den Meisterbrief und nun beginnen Meisters Leidensjahre. Jetzt, wenn die Sorge mit ihm das Morgengebet ver-richtet und Nachts ihm beim Schlaftrunk Gesellschaft leistet, jetzt versteht er erst das Lied des Harfner: „Wer nie sein Drod mit Thräncn aß, wer nie die langen kummervollen Nächte auf seinem Bette weinend saß, der kennt euch nicht, ihr himmlischen Mächte". Und die Noth der Zeit kennt keinen Unterschied der Religion und Rasse; sie klopft an die Thüre des Juden an wie an die Thüre des Christen und wenn das ineinandcrgeschobene Doppeldreieck, der Schild Davids, bei Juden und Christen gegen Hexen und Geister schützt, so ist doch noch kein Talisman erfunden, um der Noth den Eintritt zu wehren. Wenn man aber gerecht ist, wird man zugeben müssen daß gerade dem jüdischen Handwerker ein hartes Los gefallen ist. Der Arbeiter ist entschieden im Vortheile gegen den Handwerker. Der Jude, der in den Reihen des vierten Standes steht, der jüdische Arbeiter kann wohl auch hie und da aus antisemitische Feindseligkeiten stoßen; aber die socialistische Bewegung in ihrer Totalität, wie sie von der ungeheueren Mehrheit der Arbeiter verstanden, von den namhaften Führern beherrscht und geleitet wird, hat sich frei vom Antisemitismus gehalten und aus dem socialistischen Vereine sind zahlreiche Kundgebungen gegen den Antisemitismus hervorgegangen. Hier hat die Beredsamkeit von antisemitischen Aristokraten und Advokaten, von antisemitischen Geistlichen und Fabrikanten elendiglich Schiffbruch gelitten; hier haben alle Versührungskünste sich unwirksam erwiesen. Der jüdische Arbeiter kann ruhig in den socialistischen Versammlungen das Wort ergreifen, er ist mit jedem anderen Arbeiter gleichgestellt und gleichberechtigt. Die gewaltige Armee in Blousen und Schurzfell, welche dem Jahrhundert der Maschinen das Gepräge gegeben, den Erdkreis rn eiserne Reifen schlägt, wie der Böttcher ein Faß, diese ungeheuere Majorität ist vorurtheilsloser und gerechter als die vornehmen und gelehrten Stände. Der Qualm der Fabriken vermochte den gesunden Menschenverstand nicht zu ersticken, der in den duftigen Salons glänzender Paläste und selbst in den stolzen Räumen der Universitäten nicht immer geduldet wird. Und der jüdische Arbeiter kann auch eine Befriedigung darin finden — siehe den Vortrag von Theodor Herzka in einer der letzten Nummern der „Wochenschrift" — daß die socialistische Bewegung den Geist der socialen Gesetze der Juden wiederspiegelt. Wenn ein Jude aus Palästina zweitausend Jahre geschlafen hätte, und auf dem einfachen Wege der Seelenwanderung heute in Europa oder Amerika zu neuem Leben erwachen würde, so hätte die socialistische Bewegung sür ihn nichts Ueberraschendes und er könnte, gestützt auf die Lehren, die er empfangen, sofort in einer socialistischen Versammlung eine Rede halten. Es ist daher ein Widerspruch in sich, eine Behauptung, die durch ihren eigenen Inhalt sich aufhebt, wenn man christlich-social gegen das Judenthum hetzt, während doch gerade vom Judenthum aus die historische Continuität in der Entwickelung socialistischer Ideen mit größter Sicherheit sich verfolgen läßt. Der jüdische Arbeiter kann als Jude fühlen, kann sogar ein orthodoxer Jude sein und kann doch innerhalb der socialen Bewegung allen seinen Idealen treu bleiben. Sein Religionsgesetz bewahrt ihn nnr vor Gewaltthätigkeiten und vor anarchischen Verirrungen. Ganz andern Bedingungen unterliegt der Handwerker. Sein Beruf bringt ihn in den drei Metamorphosen seines Daseins als' Lehrling, Geselle und Meister mit jenen Schichten in Berührung, wo die geistige Erbschaft des Mittelalters in gutem und schlechtem Sinne am treuesten bewahrt wird. Der vierte Stand ist der des Jahrhunderts; frei von Dünkel und Vorurtheilen läßt er die Wahrheit des Jahrhunderts aus sich ernwirken. Der dritte Stand wurzelt im Mittelalter; das Licht des Tages fällt ihnr trübe und gebrochen zu durch Butzenscheiben, über welche die Spinne der Zeit ihre Gewebe gezogen hat. Der dritte Stand ist nach den Elementen, aus denen er sich zusammengesetzt, ist in seiner Jrrteressensphäre, in seinen Bestrebungen und Hoffnungen nicht genau abgegrenzt und er vermag sich über seine Aufgaben und Daseinsbedingungen nicht genau zu orientiren. Wir reden vom dritten Stand der Städte, vom kleinen Handwerker. Der Bauer ist Herr und Besitzer; ein Theil der Erde ist sein Eigenthum. Ersteht frei und unabhängig in seinem Rechte und wenn er gegen Verschuldung sich zu schützen weiß, kann ihm Niemand was anthun. Was aber ist der kleine Handwerker? Die Mauern und Privilegien der Städte sind gefallen, die schützende Macht der Zünfte ist zerstört; seine Kundschaft ist kein sicher umfriedeter Acker und er kann keine Marksteine aufrichten, um seine Kundschaft zu vertheidigen. Die socialistische Bewegung ist dem Individualismus feindlich, der den dritten Stand kennzeichnet; die gewaltigen öconomischen Strömungen der Gegenwart fluthen vernichtend hinweg über das Kleinleben des Handwerkerstandes. Mit Millionen von Rädern arbeitet das Maschinenwesen unserer Zeit, um das Handwerk zu zermalmen. Capitalismus, Großindustrie und selbst der erfindungsreiche Geist des Jahrhunderts haben ihm den Krieg erklärt. Der Bauer hat dem Fortschritte der Zeit seine Freiheit zu danken, der Handwerker nur höhere Ziffern im Steuer» bogen. Der Jude wurde zum Handwerk gerade zu jener Zeit geladen,- wo alle öcöüomischen uttd socialen Probleme der

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