Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 7 (17.2.1893)
- Date
- 1893-02-17
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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m. v & Jahrgang I ♦ itk Wen, 17. iduniu* 18v3. Centralorgan für die gesammten Interessen des Iudenthums. -^- Eigenlhümer: Keichsraths-Abgeordnetrr Dp. Bloch. -- Erscheint jeden Freitag. Mim adonnirt bei allen PogLNfinllerr des In- und Auslandes. Bezugspreis: Halbjährig t fl. Einzelexemplare 25 kr. «nzeigrn: Die 4mal gespaltete Petttzeile 12 kr. Ä - - - -> .. K. k. Postsxarraflenamt Clearingverkehr Nr. 810.S76. Nedaction und Administration: I. Franz Ivsess-Nnai Nr. 3. Telephon>Nr. 6535. Inhalt: Leitartikel: Die Rückseite der Medaille. — Jude und Handwerker. — Ter berühmte polnische Alterthumsforscher und Historiker Josef Szujski. — Zur Charakteristik der Semiten. — Die Pflege der hebräischen Sprache in der Gegenwart. — Correspondenzen: Wien, Mähr.-Schvnberg, Klagenfurt, Pettan, Berlin, Aus Nord-Amerika, Magdeburg, München, Breslau, Paris, Rom. Palermo, London. — Vermischtes: Wien, Floridsdorf, Baden, Ischl, Olmich, Krakau, Graz, Prag, Svetla, Brody, Bielip, Teschen, Stampfen, Budapest, Stuhlweistenburg, Berlin, Mannheim, Worms, Baden, Stuttgart, Posen, Riesa, Rom, Paris, Amsterdam, Petersburg, London, Jerusalem. — Feuilleton: Reb Nimza. — Wochenkalender. — Briefkasten. -- Inserate. ^aBsassüi^MiiüiaiSBBaain-iT—,—ran—-- Dir Rückseite der Medaille. Die antisemitischen Organe in Deutschland und Oesterreich, welche bis nun die russische Regierungspolitik in Bezug auf die Juden als Ausfluß höchster Staatsweisheit gepriesen und den eigenen Regierungen zur gelegentlichen Nachahmung eindringlichst empfohlen haben, sind jetzt, da die russische Negierung darangeht, dieselbe politische Weisheit auch gegen die Deutschen in Rußland in Anwendung zu bringen, sehr schlimm auf Rußland zu sprechen. Man feierte den Czaren als es hieß, er habe eine persönliche Abneigung selbst gegen getaufte Juden, die er aus seiner Nähe verbannt, nunmehr ist man entrüstet, weil ein kaiserl. Ukas die Städte Dorpat und Dünaburg ihres deutschen Namens entklüdet und der Russificirung der deutschen Ostseeprovinzen den letzten Stempel aufdrückt. Seit Jahren haben wir an dieser Stelle durch zahllose Thatsachen den Nachweis erbracht, daß die durch den Antisemitismus erzeugte und unablässig genährte nationale Intoleranz eine völlige Vernichtung des Deutschthums, jener zahllosen blühenden deutschen Colonien in allen außerdeutschen Staaten zur traurigen Consequenz haben muß und der Gang der historischen Ereignisse rechtfertigt vollkommen die Voraussagungen. Die judenhetzerische Agitation hat thatsächlich den nationalen Bffitzstand des deutschen Volkes in fremden Gemarkungen tödtlich getroffen. Die Fremdenhetze in Deutschland, die öffentlichen Angriffe der „staatserhaltenden Conservativen" gegen die bürgerliche Position der Juden, hat in „nationalen" Kreisen Rußlands Beherzigung gesunden und mit strenger Logik wendet man die neuen Lehrsätze an, nicht gegen die rückengebeugten Söhne Jacobs, sondern auch gegen die rassenstolzen Germanen selber. Wie in Petersburg alle Deutschen aus den einflußreichen Stellungen verdrängt wurden, zu welchen sie durch Begabung, Fleiß und Tüchtigkeit aufgestiegen waren, so griff auch die brutale Ausschließlichkeit des Panslavismus nach den Ostseeprovinzen hinüber, um dort alles selbstständige Leben mit Gewalt .zu ersticken. Ueber die Schule erging, wie immer, zuerst das Unheil; sie wurde der russischen Unterrichtssprache ausgeliefert. Dann kam der Gottesdienst an die Reihe: die russische Liturgie zog in die Kirchen ein. Die strammen lutherischen Pastoren wehrten sich und protestirten; aber man schickte sie, wenn sie fest blieben, in das Innere Rußlands oder nach Sibirien. Unheimlich rasch vollzog sich die Wandlung, und heute gleichen die russischen Ostseeprovinzen einem Friedhofe; das Deutschthum merkt man nur noch an den Leichensteinen, unter welchen es begraben ist. Die Russificirung Dorpats, seiner Universität und seines Namens bezeichnet das Ende dieses Vernichtungsprocesses. Und die Antisemitenhetze in Deutschland und Oesterreich hat dem Deutschthum überdies auch das Recht benommen, über die russische Gewaltthätigkeit und Willkür Klage zu führen. Was in Deutschland als „nationales Gebot" von maßgebenden Parteien laut gefordert wird, darf Rußland nicht als Barbarei verschmähen. Die germanischen Judenhasser in Deutschland und Oesterreich klatschten Beifall und riefen tausendkehlig „Bravo", als man den russischen Juden, als „verdächtig des Nihilismus", den Zugang zum Universitätsstudium immer mehr erschwerte, man pries die Staatsweisheit der russischen Politik, welche „echt national" waltet. Nun wird auch der deutschen Hochschule von Dorpat ganz in derselben Art der Nihilismus aus das Kerbholz geschrieben, und unter dem Vorwände, daß den studentischen Umsturzbestrebungen ein Ende gemacht werden müßte, wurden die Katheder mit russischen Professoren besetzt. Das war das traurige Ende und nun waltet der Tschinownik auch auf den Trümmern des Ostseedeutschthums, welches unaufhaltsam verröchelt. Die russische Unterrichtspolitik hatte sonst den vollen Beifall germanischer Antisemiten. Unter allen Völkerschichten des Czarenreiches ist die so unwürdig behandelte jüdische Bevölkerung bisher die einzige, welche keine Analphabeten aufzuweisen hat. Seiner Schulbildung allein verdankt der russische Jude, daß er trotz der Knechtschaft, in der er zu leben verurtheilt ist, sich gewandt in jede Lebenslage zu schicken versteht. Wegen seiner Sprachkenntnisse — er spricht außer hebräisch, fast durchgehends russisch, polnisch und deutsch — ist er für den Frenrden geradezu unschätzbar. Er ernährt sich auch nicht blos von Handel, Schneiderei und anderen leichten Handwerken, er ist auch Maurer, Zimmerer, Erdarbeiter, Schlosser, ja sogar Schmied und dabei ein tüchtiger Arbeiter. Dem Verkehrsleben gehört er als Chauffeegelderheber, als Steinklopfer — ein unendlich schweres Brod — und als Droschkenkutscher an und kommt in letzterer Eigenschaft nur dann in Verlegenheit, wenn er sich Freitag Nachmittags für eine Fahrt über Land engagirt und der Passagier über Sonnenuntergang auszubleiben gedenkt — für den Sabbath hat jeder jüdische Droschkenkutscher einen christlichen Vertreter. Dieser Bevölkerungstheil soll also nach antisemitischem Recept geradezu verdummt werden. Er wird sich aber nicht verdummen lassen; denn je stärker der Druck, desto erfindungsreicher ist der Gedrückte.