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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1893-02-10 · 6 (10.2.1893) · page 16

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
10 (1893)
Issue
6 (10.2.1893)
Date
1893-02-10
Page
– (sequence 16)
Language
German
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Seite 110 Oeftrrreichrsche Wochenschrifl 0tr. 6 Semmel, das Stück zu l'/r Kreuzern, Salz, Zündhölzcheu, Lebkuchen, Kukurutz, Hülsenfrt'chte und getrocknetes Obst. Wenn möglich, ließ er die Frau Alles machen, während er sein tiefes, schwärmerisches Auge durch die Brille in das Zeitungsblatt bohrte, um die Ereignisse des Tages an sich vorübergehen zu lassen. — Saß man gerade nicht im Laden, so gab es Arbeit genug auch im Hause. Adel betrieb auch Hausindustrie. Sie bereitete den besten Käse im Orte. Mährend die Gattin mit aller Begeisterung ihrem Berufe lebte, hatte er nur Sinn für Höheres, und das Krämerhandwerk langweilte ihn. War er allein im Laden, so richtete er in seiner Zerstreutheit allerlei Unheil an. Auf einer schwarzen Tafel kreidete mau die Schuldner an. Biegel nun vergaß manchmal in seiner kaufmännischen Harmlosigkeit den, der „soll", in den ihm eigei'.thümlichen ffchnörkelndeu Schriftzeichen festzuhalten. Wenn nun Adel von ihrem Gange zurückkam, und den Gemahl ftagte, ob und an wen er etwas auf Borg abgesetzt habe, da bekam sie die Antwort: „Ich glaube — ja — an die Frau mit dem rothgeblumten K-Pftuche." Der rvthgeblumteu Kopftücher gab es aber viele im Städtchen und im Laude Mähren. Haus Biege! ist so während der vielen, vielen Jahre, in welchen es Handel trieb, um manches Stück Geld gekommen. Auch falsche Münze mußte der Mann in Abwesenheit der Gattin über sich ergehen lassen, denn er war sehr kurzsichtig und das beutete mancher Schelm ans. Er nahm sich zwar die Mühe, die Augen in die Zeitung zu vergraben, aber Geldstücken widmete er keine zu große Aufmerksamkeit. Er hatte sich seine eigene Philosophie gemacht, unb sie lautete: Falsches Geld ist falsch — aber echtes Gold nicht weniger falsch. Er war durch und durch ein Idealist. Das Leben würde ihnl werthlos erschienen sein, hätten ihn nicht die großen Gestalten der Zeit aus der Enge seiner Krämerei über sich selbst, über seinen Beruf, über die kleine Stadt hinausgehoben. Er drehte die Düte und füllte si: mit Salz — sein Geist aber war beim grünen Tische auf dem Congresse zu Berlin. Ihre Lieblinge stattet die Natur auch im Aeußeren mit den Zeichen der Hoheit aus. Es war nur ein Zufall der Geburt, daß Biegel in"dem Städtchen 3k\ die Düte ltnnb und daß Gortschakoff und Waddington in Berlin Jntriguen wanden. Wahrlich, Biegel's majestätische Erscheinung würde den Berliner Congreß nur geziert haben. — Und fehlle es denn dem Städtchen überhaupt an historischen Figuren? Saul Heil, eine der lebendigsten und stattlichsten Gestalten des Ortes, hatte die Schlacht von Novara mitgewonnen. Denn ihm mit noch drei anderen Gefährten war es gegönnt, dem alten Vater Radetzky im fteien Felde die Landkarte zu halten. Hätte der Marfchall nicht die Karte studirt, hätte Saul sie nicht mit patriotischer Ausdauer an einem Ende gehalten — wer weiß, wie der Ausgang der Schlacht gewesen wäre, die den sardinischen König Carl Albert die Krone gekostet hat? Freilich die Weltgeschichte, die nur immer die Großen nennt, hat den Namen des Saul Heil, der ein Mitarbeiter Radetzky's war, redlich vergessen. Das gereicht der Geschichte, die undankbar ist, zu Schanden, nicht dem Vater Heil, der ein bescheidener Mann und doch nicht der Geringste im Gefolge des großen Schlachthelden war Wenn Saul den Radetzkymarsch hörte, da war es, als ob ihm ein Fluidum persönlichster und doch historischer Erinnerungen durch den alten Körper rieselte. Das Herz fing an, ihm im Leibe zu tanzen, und vor ihm standen Vater Radetzky und die Kriegsgefährten der großen Jahre. Es war ein gewaltiges, von der Vorsehung selber ausgedachtes Zusammentreffen, daß man in dem Augenblicke, als dann endlich Saul Heil, der todte Invalide, in das Grab gesenkt wurde, zufällig von dem dem Friedhofe nahen „Eiskeller" den Radetzkymarsch spielen hörte. Ja, die böhmischen Musikanten hielten sogar den Marsch mit einer ungewohnten Verve, und da auch gerade die Sonne iestlich von dem Himmel Mährens strahlte, ward Saul in einer eines großen Kriegers würdigen Weise bestattet. » Und Saul war nicht der einzige lebendige Zeuge von den Kämpfen und Siegen in Italien. Auch Michael, der Bademeister und der alte Hermann, der Glaser, Trafikant, Todtengräber und Bildhauer — der universellste Mann der Gemeinde — hatten von den Wällen Veronas den Feind ruhmvoll abgewehrt und so die bedrohte Monarchie retten geholfen. Biegel mochte wohl manchmal voll edlen Neides auf diese bedeutenden Männer schauen, welche die Fahnen der habsburgischen Monarchie über die Alpen getragen hatten. Biegel allerdings war leider dienstuntauglich erklärt wurden: er war nämlich in seiner Jugend Tag und Nacht über den heiligen Büchern gesessen und hatte sich die Augen zugrunde gerichtet. So kannte er die Fremde nur vom Hörensagen und aus den politischen Studien, die er trieb, wenn er im Laden die Zeitung las. Keiner im Orte gebrauchte so viele Fremdworte, wie er. Freilich nicht seiner staatsmännischen Weisheit, sondern dem Fleiße seiner Gattin Adel war es zu danken, daß er sich eine „Prämisse" der Communal-Lose und noch andere Prämissen anschaffen konnte. Und von diesem Tage au interessirte er sich für das Treiben der Commune an der Seine. Er sprach den Fluß, an welchem Paris liegt, ganz so wie das kroiwmeu xosss88ivnm „seine" aus. Gern behandelte er, die Orientale, die orientalische Frage — er tadelte die geheimen „Compressen", die zwischen England und der Türkei gegen Rußland geschmiedet worden. „In dieser Sache", sagte er empathisch, „ist ganz Europa comprimirt." Er batte viel Geist, wenn ec ihn auch nicht mit Effect flackern, sondern wie die Flamme eines Oellämpchens ruhig leuchten ließ. Auch der Entrüstung gab er nur in gemessenen Worten Ausdruck. Er pflegte aus einem runden Holzschächtelchen heraus, das er in der Tasche trug. Pfefferminzplätzchen zu essen. ' Das brennende und doch kühlende Aroma derselben that ihm unendlich wohl. Da sagte er einmal mit Rücksicht auf das Vordringen desCzars in Asien—und er betonte ein jedes Wort: „Wie ich von diesen „Prominzen" eine nach der andern langsam in mir auflöse, so verschlingt der Czar eine Provinz nach der andern." Auch die neuesten technischen Versuche gingen ihm nahe. Er erwartete Großes von den Versuchen mit „compromittirter Luft". Als den bedeutendsten Mann der Zeit feierte er Deak, den Schöpfer des Ausgleichs und der ungarischen Autonomie. Seiner Verehrung für diesen Weisen gab er in den innigsten Worten Ausdruck. Geradezu ein Meisterwerk politischen Scharfsinns schien ihm die Schaffung der Delegationen zu sein. Der Name Deak war in sein Herz geschrieben. Er hauchte ihn vor sich hin, wenn er im Laden in kalten Wintertagen die Hände über dem Kohlenbecken hielt — er rief ihn in die Nacht hinaus, wenn er an milderen Sommerabenden mit den Stammes- und Gesinnungsgenossen in der Vorhalle des Gotteshauses stand und des Erscheinens der Sterne wartete, deren Aufgang ein Zeichen zum Beginne der religiösen Andacht war. Er sprach nie öffentlich — aber in kleinen Conventikeln entfaltete er seinen staatsmännischen Geist. Er hatte. einmal daran gedacht, dem Weisen der ungarischen Nation ein sichtbares Zeichen seiner Verehrung in Gestalt eines Tiegels mit Käse eigenster Marke zu senden. Das aber darf er ohne Mitwissen Adel's, die das Scepter des Hauses führte, nicht thun. Da er nun bei seiner Gattin, die eine durchaus unpolitisch angelegte Natur war, kein Verständniß für diesen seinen Plan fand, so mußte er ihn, wenn auch unwillig, aufgeben. Biegel war von Natur derart beschaffen, daß ihn nicht erst „die große Knust", sondern auch schon die kleine Kunst rasen machte. Es ging ihm, dem Dilettanten der Politik, wie manchem Berufspolitiker. Die Politik hatte ihm die Freude an der Kunst vergällt. Anders geartet war Simon Mott. Dieser lebte ganz für die Musik. Er strafte das Wort Lügen „Gute Leute und schlechte Musikanten"—denn er war ein guter Mensch und ein guter Musikant dabei ein vielbewunderter Mann. Er hatte nie eine Note studirt, nie ein Conservatorium besucht, und doch schien es, wenn er in die Saiten seiner Fidel griff, als ob er dem Zuhörer in das Herz griffe. Ist er der Nachfolger des Psalmisten oder der Paganini seines Heimathslandes und wo hat er diese göttlichen Töne erlauscht? Scho» sein diabolisches Aeußeres verräth seinen Genius. Seht ihn mit seinem etwas zur Seite geneigten Kopfe, der, wie Gewaltiges ihn ihm auch nistet, doch edle Milde auf dem Grunde einer von persönlichen und den allgemeinen Leiden des Stammes dem er angehört, aufgewühlten Seele ahnen läßt. Pechschwarzes Haar umrahmt ihm das Haupt — pechschwarz ist sein Schnurbart. So stellen wir uns Paganini vor. Aber ihm ist Musik nicht Beruf wie dem genuesischen Hexenmeister, sondern Liebhaberei. Sein Beruf ist ein sehr geringer. Er ist „Dorfgeher". Mit einem schweren Packe auf demRücken geht er von Dorf zu Dorf, und wenn die Ernte gut gewesen, ist er auch sicher, da und dort ein Kopftuch oder drei Ellen Zeug abzusetzen. Er ist ein Liebling aller Bäuerinnen; in das Herz von Alt und Jung hat er sich hineingefiedelt und gern gibt man ihm, wenn der Hagel gerade nicht die Saaten und die Hoffnungen

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