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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1893-02-10 · 6 (10.2.1893) · page 15

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
10 (1893)
Issue
6 (10.2.1893)
Date
1893-02-10
Page
– (sequence 15)
Language
German
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Nr. 6 Orsterredtzifche Wochenschrift Seite 109 Sparen bis auf den Knochen. Er war allerdings eine geradezu catonische Natur; seiner Ehrlichkeit konnte niemand nahetreten. Dem Financier in ihm läßt sich in der neueren Geschichte nur die Gestalt des ehemaligen österreichischen Finanzministers Brestel, an die Seite stellen. Auch di Rudini ließe sich mit ihm vergleichen, denn so wie der Bürgermeister Jonas, hielt auch der italienische Premier zn der Politik des Sparens. Jonas war ein Schatzkanzler ersten Ranges. Das Gemeinwesen, das er persönlich in seiner äußeren Erscheinung nicht zunr Besten repräsentirte, blühte in wirthschaftlicher Hinsicht unter ihm. Jonas hatte einen mächtigen Schädel mit strahlender Glatze. Bis zum Abend seines Lebens erhielt er sich frisch, denn er badete bei jedem Wetter im Freien. Im Sommer konnte man ihn zwischen 10 und 11 Uhr in seinem fadenscheinigen, dunkelgrünen Talar und in weißer Weste, einem Erbstücke seiner Väter, zu dem Flusse hinunterschleichen sehen. Es ging durch eine enge Gasse, die sich zwischen einem Fabriksgebäude und dem Klostergarten längs eines Baches hinzog; dann kam man zu einer Allee von uralten, breitästigen Nu'ßbäumen und an Gemüsebeeten vorbei über eine Weide zu dem Fluffe, der sich wie ein breites silbernes Band hinzog, sehnsüchtig des Tages wartend, an welchen! ihn wenigstens kleine Schiffe befahren möchten und er berufen wäre, zwischen Donau und Oder den Verkehr zu vermitteln. Jonas hatte die Gewohnheit, zuerst ein wenig im Kiese auszuruhen, und wenn er genügend abgekühlt war, siel dann Stück um Stück, Hülle um Hülle von seinen Reizen, bis er, wie ihn der Himmel erschaffen, in seiner ursprünglichen Herrlichkeit dastand. Er hatte noch eine paradiesische Zeit mitgemacht, in welcher es gestattet war, ohne Schwimmhose zu baden. Nur die Frauen, die in einer nur einein weitsichtigen Auge erreichbaren Entfernung badeten, hatten, wie es Landessitte war, ein langes Hemd an. Da aber trommelte eines Tages Martin, der Chef der Polizei, auf öffentlichem Platze angesichts des heiligen Florian, der den Nöhrbrunnen der Stadt ziert, die große Neuigkeit aus, es müsse in Zukunft aus Motiven der Sittlichkeit ein Jeder, der öffentlich bade, eine Schwimmhose anlegen. Dagegen bleibe es demjenigen, der ein Wannenbad nehme und so der öffentltchen Meinung entrückt bleibe, auch fürderhin unbenommen, nach Gutdünken mit oder ohne Schwimmhose zu baden. Der Exbürgermeister Jonas, den zwei Generationen obne Schwimmhose in den Fluß tauchen und ohne Schwimmhose wieder emporsteigen gesehen hatten, fühlte in diesem Augenblicke den giftigen Odem einer neuen Zeit über das Städtchen wehen. Sein "Nachfolger im Bürgermeisteramte bildete sich also ein, sittlicher zu sein als er, der alte Jonas, der Namensvetter des Propheten aus dem Stamme Sebulou! Wie dieser, fing auch unser Jonas an zu prophezeien — wenn noch weitere solche Neuerungen platzgriffen, dann würde dem Städtchen ähnliches Unheil widerfahren, wie sein Namensvetter, der Prophet, es der Stadt Ninive im Affyrerlande vorausgesagt. Aber er, der doch früher der oberste Hort des Gesetzes im Orte gewesen, konnte doch nicht, ohne den Borwurf zu wecken, daß er einst Wasser gepredigt habe und nun Wein trinke, das Gesetz umgehen. So besprach er denn die Neuerung mit seiner Gattin Rahel, und diese improvisirte sofort für den Herrn Gemahl, erfinderisch wie sie war, das neue Instrument, dessen er zu seinen Bade-Excursionen bedurfte. Die Sache war sehr einfach — Rahel amputirte die Beine an der Unterhose ihres Jonas, und die Schwimmhose war fertig. Seht ihn also, wie er gleich einem Felsen in der See im Fluffe thront und sich von den Wellen bespülen läßt. Eine weiße Schlafmütze deckt ihm den Kopf und wehrt die Lichtstrahlen, die sich an diesen Mann des gemäßigten Fortschrittes herandrängen, von ihm. Eine ganze Stunde pflegte er so im Wasser zuzubringen. Aber es war eine Stunde ewiger Besorgtheit., ewigen Kampfes. Denn auch die Pferde und Kühe pflegten um diese Zeit an dem „Badeplatze für Männer" in den Fluß getrieben zu tverden, und wenn auch, wie der große Dichter gesagt hat, die Liesel Verstand hat, so ging das doch nicht so weit, daß sie in Demjenigen, der so unbekleidet, so einsam und ohne Gefolge vor sich hinbrütete, den Exbürgermeister Jonas vermuthen konnte. So mußte sich denn dieser manchmal aus seiner eisigen Ruhe aufscheuchen lassen und vor den Thieren flüchten. Und mehr noch als diese störten ihn die Dorffrauen, die in ihrer bunten Tracht, mit Körben beladen, von Neuhof her, dem Orte jenseits des Wassers, kanien und sich von dem groben Fischer, der ^drüben in seiner Hnndshütte hauste und in Mußestunden Stiesel flickte, in dem Kahne an das jenseitige Ufer fahren ließen, um nach dem Städtchen zu gelangen. Die Bäuerinnen schielten nun gern nach den Reizen des Jonas hinüber — er aber, der nie, auch nur in Gedanken, das keusche Band befleckt hatte, das ihn seit Decennien an seine Rabel fesselte, tauchte rasch hinab und blieb so lange unter Wasser, bis die gierigen Augen der bäuerlichen Schönen ib i nicht mehr erreichen konnten. Märtyrer in seiner öffentlichen Wirksamkeit, hatte er auch im Waffer, während dieser einzigen Stunde, die doch imm rhin sie schönste des Tages für ihn war, manchmal namenlos zu dulden. Mit Argusaugen schaute er immer von dem Flusse nach se-nem Kleiderbündel aus, das dort am User im Sande lag. Er lief nämlich Gefahr, daß die Rangen, denen er die Zielscheibe des Scherzes zu sein pflegte, ihm '.rauchen Schabernack spielten, wenn er denselben nicht bei Zeiten abwehrte. Einmal hatten sie ihm schon die Hosen zusammengeknüpft, und nur mit Roth gelang es seiner zarten Hand, die geschickt genug war, die Fäden der städtischen Wirthschaftspolitik zu pinnen, den gordischen Knoten zu lö'en. Ein anderes Mal war es sogar vorgekommen, das er, als er aus dem Fluffe stieg, nur Schuhe und Hut vorfand, während man ihm alle übrigen Habselig feiten fortgetragen hatte. Was blieb ihm übrig, als gute Miene zunr biffen Spie! zu machen? Ringsherum war kein Menscb zu sehen. ... Er legte die Schuhe an die Füße, setzte den Hu-' auf den Kopf, hielt sich die nasse Schlafnlütze als Feigenblatt vor und zappet e in diesem Anzugs bis zu den Nußbäumeu hin, wo er sich in den sattesten Schatten legte, bis er endlich einen bekannten vorübergehen sah, den er als Parlamentär zu seiner Rahel nach dem Ghetto entsandte. Diele war anfangs von der Nachricht des Kleiderraubes dermaßen erschüttert, daß sie sich kaum fassen konnte Aber nach und nach besänftigte sie sich, suchte anders Wäsche und andere Kleider des Gatten hervor und trug selber das Bi'ndel zu den Nußbäumen hin. wo Jonas nun eine bange Stunde, die bangste Stands seines Lebens, lustbadend hingebracht hatte. Es ist klar, daß die Autorität des Jonas durch dieses Ereitzniß gerade nicht gewann. Wenn er schon früher al- Füh e' der Opposition in der Gemeindepolitik nicht glücklich war, so trug das Ungemach, das er in der Beczwa erfahren, nicht dazu bei, ihn in der „Kanzlei" (dem Gemeindehause) zu rehabiliti en. Da er nun, wie alle Propheten, in der Vaterstadt nichts galt, widmete er seinen volkswirthschaftlichen Geist fortan seinen und seiner Familie Interessen. Er besaß viele Lose und studierte stundenlang den „Mercur." Ueberhaupt suchten alle Menschen des Städtchens in der kleinen und großen Lotterie ihr Glück zu machen. Der lahme Hermann, der greise Secretär des Losvereins, hatte den „Mercur" abonnirt, und wie Hephaistos durch den olympischen Himmel, so wankte Hermann auf seinen Krücken von Haus zu Haus, um vor den Besitzern der Lose den „Mercur" auszubreiten. Machte Jonas die kleine Politik der Stadt, so war Carl Biegel der Träger der Staatspolitik, der großen Politik Weit entfernt, dem politischen Lied mit Goethe's Brander ein Pfui auszubringen, lebte und webte er vielmehr ganz in d r zeitgenössischen Staatskunst. — Biegel war der größte Staatsmann des Ghettos, allerdings nicht Staatsmann von Berns. Er.war eine lange, hagere Erscheinung mit großer, etwas griechischer Nase, die geröthet war, wie das ganze stets lächelnde Antlitz und grauen Augen, die von buschigen Brauen beschattet waren." Er trug den Frieden im Herzen, ein blaues Sacktuch und eine Dose mit Schnupftabak in der Tasche und eine beinerne Brille auf der Nase, dann eine Art von Feldmütze ans schwarzen: Tuche aut dem Kopfe, die ihm das Aussehen eines Gardelieutenants lieh. Ein idealer Hauch g'i g von ihm aus, namentlich des Morgens, denn nach der Synagogenandacht pflegte er ein Schnäpschen zu schlürfen. Adel, seine Frau, durfte von diesen geheimen Be-! ziehungen des Gatten zu den Liqueuren, die der Kaufmann Olicher feilbot, nichts wissen. Freilich war es ihm schwer, sie zu täuschen, denn^aus seinem Munde roch sie stets, was vorgegangen war. Sie war klein von Wuchs, geröthet wie der Gatte, eine zierliche, wie aus Filigrarr gearbeitete Persönlichkeit. Sie liebten einander wie Philemon und Baucis. Das hinderte nicht, daß es manchmal Streit im Hause Biegel gab. Ihr berechnendes und sein träu-; merisches Temperament kamen bisweilen hart an einander. Sie j hatten einen kleinen Laden beim Stadtthor. Da verkauften sie

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