Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 6 (10.2.1893)
- Date
- 1893-02-10
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3020846-3020954-3020960--02131-3026205- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 104 Defterreichisttze WochenschrM Nr. 6 deckung Amerikas nach alten jüdischen Geschichtsquellen." Der Vortragende bot eine sehr lehrreiche, von gründlichen Quellenstudien zeugende, geschichtliche Forschung und behandelte sein Thema in so anziehender Weise, daß die Zuhörer seinen Ausführungen mit immer mehr gesteigertem Interesse folgten. Er führte drei Berichte über die Entdeckung Amerika's aus alten jüdischen Werken an. Der erste Bericht aus dem Jahre 1524 von den: in Ferrara lebenden Geografen Abraham Farissol ist dadurch bemerkenswerth, daß er ganz genaue Daten über die Entdeckung der neuen Welt enthält und ausdrücklich Columbus als den Entdecker nennt, was deshalb von Wichtigkeit ist, da in ■ mehreren aus dieserZeit kommenden Berichten vollständiges Dunkel über den ersten Auffinder Amerika's herrscht. In dem zweiten Berichte vom Jahre 1550 von dem Historiker Josef Hakohen wird als Entdecker der neuen Welt der Florentiner Amerigo Vespucci angegeben, des Columbus geschieht keine Erwähnung. Diese Unkenütniß des sonst ganz zuverlässigen Historikers Josef Hakohen ist um so auffallender, da er in Genua, der Vaterstadt des Columbus gelebt hat. Auf Grund eingehender Vergleichung der bezüglichen Geschichtsquellen erklärte Herr Dr. Grün das Auffallende, indem er nachwies, daß im ersten Jahrhunderte nach der Entdeckung Amerika's dem Columbus vielfach der Ruhm seiner großen That streitig gemacht wurde, und daß überhaupt über die Entdeckungen der einzelnen Länder des neuen Welttheiles viele einander widersprechende Angaben sind. Dafür lieferten auch Belege die Mittheilungen über die Entdeckung Amerika's von dem in Prag lebenden Gelehrten David Gans aus dem Jahre 1592, der aus zwei verschiedenen Geschichtsquellen schöpfte, aber nicht entscheidet, welche die richtige ist. Herr Dr. Grün, besprach auch eingehend die Annahme des als Forscher und Kritiker berühmten Asarjah dei Rossi und des Orientalisten Postelle, daß der westliche Welttheil bereits zur Zeit Königs Salomo bekannt gewesen, da das Salomonische Ophir identisch mit dem Goldland Peru ist. Der Vortragende beleuchtete dann noch den Zusammenhang der beiden weltgeschichtlichen Ereigniffe, der Entdeckung Amerika's» und der Vertreibung der Juden aus Spanien und schloß mit Anführung des Schriftverses: „Denn so wie die neuen Himmel und die neue Erde, die ich mache, vor mir bestehen, spricht der Ewige, so werden bestehen euere Nachkommen und euer Name" (Jes. 66, 22.), daß in der von Spanien aufgefundenen neuen Welt das jüdische Volk eine gesicherte Heimstätte gefunden, wo der Name „Israel" in seinem alten Glanze erstrahlt. Die im Saale dichtgedrängten Zuhörer gaben zum Schluffe für den an neuen Ergebnissen reichen, und an Inhalt und Form ausgezeichneten Bortrag ihren Beifall durch lebhaften Applaus kund. Cger. (Des Habichts ehrliche Tugend!) Die Ascher Zeitung, das Organ der dortigen Großindustriellen („Großweber"), weint in ihrer letzten Nummer vom Mittwoch, den 18. JännerKrokodilsthränen, wie das Volk von den Juden (aber nicht von allen) ausgebeutet wird. Diese antisemitische Fabrikanten-Zeitung sieht wohl den Balken im eigenen Auge nicht, aber den Splitter in eines anderen Auge. Wenn sie schon vom Ausbeuten schreibt, warum weint sie über das Ausbeuten der armen Weber nicht? Oder ist das keine Ausbeutung, wenn so ein armer Weber sammt Familie, nämlich Weib und Kinder, in einer Woche kaum 6 fl. sage sechs Gulden verdient? Dafür aber die Meister und Herren des „Großweber" sich 4—5 große Fabriken und in den Großstädten Paläste bauen und kaufen. Warunl schreibt sie nichts darüber, wie die armen Weber gezahlt werden und wie diese leben? Diese verdienen zum L^ben viel zu wenig, zum Sterben viel zu viel! Gehe hin liebe Arierin zu Deinen Herren und Meistern resp. Neffen und weine keine Krokodilsthränen, sondern bitte diese, daß sie das Loos ihrer Mitmenschen verbessern, nicht als Aussaugungsobject, als Arbeitssclaven ausnützen. Weißt Du, gute Arierin, wie die armen Weber in Deiner nächsten Nähe leben??? Früh aus ca. 4 Kaffeebohnen und 1 Loth Cichorien-Kaffee mit Ziegenmilch gemengten Kaffee, dazu ein Brod so schwarz wie Deine Seele (oder Stiefel), Mittag Kartoffeln, wieder ein Stück solches Brod, Abends Erdäpfel-Suppe; damit eine Abwechslung hinein. kommt, so haben diese den .andern Tag Erdäpfel und Abends Karoffelsuppe. Du hast recht, daß Du über die Juden schimpfst, daß diese keinen Character besitzen. Ich stimme mit Dir vollständig überein, denn wenn diese einen Character besitzen würden, so konnten Deine Dir lieben theuren Neffen lange bei den, Juden in Prag, Wien, Pest, Lemberg, Krakau, Tarnopol* warten, ehe diese mit den Ariern aus Asch ein Geschäft machen würden. —k— Saaz, 27. Jänner. (Ein jüdischer Bürger!) Heute Früh ist hier, wie bereits telegraphisch gemeldet, nach längerem schweren Leiden der hiesige Kaufmann und Realitätenbesitzer Herr Jacob L. Kohn, Chef der hiesigen Hopfenfirma I. L. Kohn & Co., Vorstands- und Ehrenmitglied zahlreicher hiesiger Vereine und Corporationen, im Alter von 56 Jahren gestorben. Der Verblichene erfreute sich bis vor wenigen Monaten des besten Wohlseins und war das Urbild eines gesunden, kräftigen Mannes, als welcher er sich auch fühlte, bis im vergangenen Sommer fick bei ihm ein Leiden anzuspinnen begann, von dem .er vergebens Heilung in Carlsbad suchte und welchem er nunmehr auch, trotzdem alle ärztliche Hilfe angewendet worden war, nach monatelangem «Diechthum erlag. Der nun Verewigte stand an der Spitze aller gemeinnützigen. Humanitären'und nationalen Bestrebungen, die von seiner Seite auch stets die werkthätigste Förderung und Unterstützung fanden. So ist, um nur einiges anzuführen, seit Langem °sein Streben darauf gerichtet gewesen, dem hiesigen Hopfenhandel einen seine Interessen wahrnehmenden Vertretungskörper zu schaffen und das^ endlich zustande gekommene und heute in allen wichtigen Fragen mit zu Rathe gezogene Gremium für Hopfen- und Productenhandel, dessen langjähriger Vorsteher der Verblichene gewesen, ist ausschließlich sein Werk. Nicht minder groß sind seine Verdienste um den hiesigen Grünzeugpflanzen-Verein, den er nicht nur auf die Stufe seiner heutigen Bedeutung hob, sondern dem er auch in dem von ihm ins Leben gerufenen und stark dotirten Spar- und Vorschuß-Vereine ein Institut schuf, durch welches den unbemittelten Mitgliedern dieses Vereines stets die nöthigen Geldmittel zum Betriebe ihres Geschäftes kostenfrei zur Verfügung standen. Zahlreich sind die Wohlthaten, die der Verstorbene im Geheimen übte. Was der Verewigte, der sich allezeit als bewährter Parteimann und treue Stütze der deutsch-fortschrittlichen Sache erwies, in nationaler und politischer Hinsicht geleistet, ist den Meisten bekannt. Er war es, dessen Bemühungen es zu danken war, daß in unserer Stadt eine der ersten Ortsgruppen des deutschen Schulvereins entstand, zu deren Gründern er zählte und deren Vorstands-Mitglied er bis heute gewesen. Ebenso war er Gründer und eines der eifrigsten, verdienstvollsten Vorstands-Mitglieder des hiesigen deutsch-politischen Vereines, in welchem seine von Sachkenntniß und politischer Erfahrung zeugenden Anregungen stets willig beherzigt wurden. Die großen Verdienste, die er sich um die deutsche Partei und um die deutsche Sache überhaupt erworben, wurden von der Parteileitung und von der Centrale des deutschen Schülvereins wiederholt in den schmeichelhaftesten Ausdrücken anerkannt. Sein rastloser Eifer und die großen materiellen Opfer, die er insbesondere in den ersten Jahren für den deutschen Schulverein brachte, die Unverdrossenheit, mit der er stets auf die Mehrung der Zahl der Mitglieder und der Einkünfte des deutschen Schulvereins bedacht war, haben ihm die Beinamen „der Schul-Kohn" und „der deutsche Jacob" verschafft, zwei Epitheta, von denen er behauptete, daß sie sein höchster Stolz seien. Der Verewigte besaß auch, wie sich dies von selbst versteht, zahlreiche persönliche Freunde, welche die Nachricht von feinem Ableben, trotzdem dasselbe schon seit längerer Zeit erwartet werden konnte, mächtig erschütterte. Der Grünzeugpflanzen- - Verein, dessen Vorsitzender I. L. Kohn lange Zeit war und dessen Mitglieder in weitaus überwiegender Anzahl Nichtjuden sind, sagten ihren Jahresball infolge Ablebens des geachteten I. L. Kohn ab. Es dürfte fast ein Unicum in unserer Zeit sein, daß Christen infolge Ablebens eines Juden einen Ball absagen. Der Grünzeugpflanzen-Verein umfaßt alle Grundbesitzer. Das Leichenbegängnis, das Sonntag Nachmittag stattfand, gestaltete sich zu einer so imposanten Trauerfeierlichkeit, wie wir eine solche lange Zeit in Saaz nicht erlebt haben. Schon, lange vor 3 Uhr Nachmittag sanimelte sich beim Trauerhause und in den angrenzenden Gaffen eine tausendköpfige Menschenmenge an. Unter denselben bemerkten wir Hrn. Bürgermeister Dr. v. Schönfeld mit den Stadträthen Dr. Ungar und Dr. Broudre, Hrn. k. k. Statthaltercirath Blaschek, Herr k. k. Vezirksrichter Balling mit zahlreichen anderen Beamten, die sämmtlichen hier domcilirenden Officiere der Reserve und des Rnhestandes, die sämmtlichen Mitglieder der hiesigen Schlaraffia, Deputationen der Schlaraffia von Budweis, Komotau, Pilsen, Teplitz, sämmtliche hiesige Advocaten, Doctoren, Professoren, Lehrer, Kaufleute rc. Den Trauer- --