Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 6 (10.2.1893)
- Date
- 1893-02-10
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 6 Oesterreichische Wochenschrift Seite 101 Dienst mannigfacher Wissenschaften gestellt, um aus dem Korne der Forschung Mehl für das Volk zu ziehen, und in bahnbrechender-Weise gezeigt, wie man die Goldbarren der gelehrten Forschung in Münze für den kleinen Mann und für den täglichen Bedarf umsetzen kann. Und nur für unsere Schätze sollte es unter uns keine Münzmeister und keine Wardeine geben? Es giebt der verheißungsvollen Ansätze in unserem Schriftthume ge- 'nug, man hat sie nur verkümmern und hinwelken lassen. Eine Litteratur, hinter der kein Volk steht, ist dem Untergange verfallen; ein Schristthum in partibus geht der Auflösung unrettbar entgegen. Aber wie der Niese der Sage, verjüngt und erhebt sich ein Schriftthum, wenn es wieder den Mutterboden ' berührt und unter den Füßen fühlt; die Ernten des Geistes erblühen nur auf dem Felde eines Volksherzens. Um mit dem, was die Wissenschaft für die Erzielung religiöser Gesinnung und Festigkeit unter uns leisten könnte, zu beginnen, so müßte es eine Geschichte des Judenthums und der jüdischen Litteratur von wuhrer und edler Volksthümlichkeit geben, Darstellungen des Ganzen und Ausführungen einzelner Theile, sachlich zuverlässig und mit dem Reize anziehender Form geschmückt, nahrhaft und bildend, wahr und beredt, belehrend und erhebend zugleich. Wie unsere Zeit auf anderen Gebieten den Bildschmuck in der Litteratur zu Hülse nimmt und alle Künste der Nachbildung in ihre Dienste zieht, um das erklärende Wort durch das anschauliche Bild zu unterstützen, grüße geschichtliche Sammelwerke und selbst Litteraturgeschichten illustrirt erscheinen, um alle Denkmäler und Reliquien, alle Heroen und geschichtlichen Erscheinungen eines Volkes oder einer Litteratur der Anschauung der Lesenden zu vermitteln und ihren Herzen näher zu bringen, so müßten für das Volk bestimmte Bücher über unsere Geschichte und unser Schriftthum mit den Bildern alles dessen sich erfüllen, was die Pietät oder der Zufall aus vergangenen Zeiten aus unsere Gegenwart herübergerettet hat. Wie Wenige unter unseren Gebildeten selbst haben eine Vorstellung davon, welch eine reiche und hochentwickelte Kunstthätigkeit in den Zeiten der 'handschriftlichen Bücherverbreitung unter uns geblüht hat, welche Wunder zeichnender und schreibender Kunstfertigkeit in den Handschriftenschätzen europäischer Bibliotheken sich erhalten, aus welch kostbar miniirten und bildergeschmückten Andachtsbüchern imsere Altvorderen gebetet haben. Welch ein lebensvolles ungeahntes Material zur Geschichte jüdischen Lebens und jüdischer Sitten ließe sich zum Schmucke geschichtlicher Darstellung aus Quellen heranbringen, in denen es heute verloren ist, Bilder der hervorragendsten Erscheinungen unserer Geschichte und Litteratur, die besonders in neueren Jahrhunderten häusig mit Sicherheit nachzuweisen sind, völlig aber auch in früheren nicht fehlen, Bilder der ältesten Andachtsstätten und Friedhöfe, ehrwürdige Zeugen aus leidensreichen Tagen. Bild und Wort, Anschauung und Darstellung würden durch ihr Jneinandergreifen solche Werke zu Hausbüchern der jüdischen Familien, zum festen Schatze jüdischer Büchereien machen. Dasselbe, was hier für größere Zeiträume und Gesannutdarstellungen gefordert wurde, gilt auch für die Bearbeitung einzelner Geschichtsabschnitte und Lebensläufe. Ganz besonders ist von der biographischen Litteratur, von der wirklich volksthümlichen Zeichnung erhabener jüdischer Characterbilder ein erziehlicher Einfluß auf das Gemüth der Jugend zu erwarten. Die großen Persönlichkeiten unserer Geschichte müßten zu einem Eigenthume, zum lebensvollen und thatenweckenden Besitze unseres Volkes erhoben werden, wie andere Nationen und Sitteraturen in der Erweckung ihrer Heroen längst eine ihrer dringendsten und lohnendsten Aufgaben erkannt haben. Oeffentliche Preise müßten für solche Leistungen in unserem Schriftthume ausgeschrieben werden, die weitere Verbreitung solcher Schöpfungen belohnen. Dichter und Denker, Rabbiner und Männer der That harren unter uns dieses Auferstehungsrufes, um Segen zu stiften über' das Grab hinaus und im Tode noch Saaten des Lebens auszustreuen. Aber auch die Schätze der Religion, des Glaubens wie der frommen Uebung, des Cultus wie des Ritus, müßte eine volksthümliche Wissenschaft dem Verständnisse und dem Herzen des Volkes näher bringen. Bücher über die großen Grundlehren und Glaubenswahrheiten des Judenthums, über die Geschichte seiner Gedanken und leitenden Anschauungen, den Tieft sinn seiner Gesetze und Bestimmungen, die Entwicklung seinergottesdienstlichen Einrichtungen, seiner Gebete und spnagogalen Gesänge, der öffentlichen und der häuslichen Andacht, müßten durch Weckung geschichtlicher Einsicht und Hebung des öffentlichen Bewußtseins das Geläufige verklären, das Vertraute adeln, die bleierne Hülle der Gewohnheit durchbrechen und den reinen Kern von Institutionen und Bräuchen in neuem Glanze erstrahlen lassen. Ich kann mir ein Buch über das große Symbolum unserer Gemeinschaft, über unser „Höre Israel" denken und ein anderes über das Kaddifchgebet, Bücher über unsere Feste, über die Sederfeier und ihre Geschichte, über unsere geschichtlichen Gedenk- und Festtage, über die Verfassung unserer Gemeinden und ihre Entwickelung, über unsere Vereine und ihre Liebeswerke, über Jerusalem im Alterthum und im Mittelalter, über die Geschichte seiner Pilger, eine religiöse, aber auch Religiosität weckende Litteratur, ein Schriftthum im Sinne der Schrift, erhellend und erwärmend, Einsichten fördernd und Entschlüsse weckend, Saaten alles Guten, volksthümlich, .weil Jedem Etwas bringend, Besitzthümer für die Gemeinschaft. Große Theile dieser Aufgaben sind bereits versucht und in Angriff genommen worden. Es gilt, das Gelungene und Brauchbare von dem Verfehlten und Werthlosen zu scheiden, Arbeiten, die vergessen oder nicht genügend beachtet im literarischen Winkel, in Zeitschriften oder älteren Sammelwerken verborgen ruhen, aus dem Verstecke hervorzuholen und unter das Volk zu bringen. Um nur an Einem Beispiele 311 zeigen, wie selbst Bücher, die wahren Nutzen stiften können, unter uns vergessen worden sind, will ich auf das Bibelwerk des 1855 verstorbenen Rabbiners von Liechtenstadt in Böhmen, Salomon Sachs, verweisen, das einer neuen Ausgabe vollauf würdig wäre. Neben der ernsten Muse der durch Wissenschaft gepflegten Erhebung soll aber auch dem jüdischen Hause die heitere nicht fehlen, die Unterhaltung durch die schöne Litteratur. Hier haben wir auch bereits auf ein reiches Erbe aus der Vergangenheit hinzublicken. Die Kenntniß dessen, was begnadete Dichter aus unserer Mitte, wahre Schatzgräber unseres Volksgemüthes, wie Edelmetall wirklicher dem jüdischen Leben entnommener Poesie heraufgefördert haben, müßte allgemein verbreitet, durch die billigsten und schönsten Mittel zugänglich gemacht und in die jüdische Familie eingeführt werden. Gemeindebibliotheken müßten es sich allerorten angelegen sein lassen, diese Bücher dem jüdischen Hause zuzuführen. Aber auch, was die Poesie aller Völker und aller Zungen zur Verherrlichung des Judenthums und zum Zeugniß des Antheils hervorgebracht hat, den alle Orte und alle Zeiten an dieser weltgeschichtlichen Erscheinung genommen haben, sollte gesammelt, gesichtet, so weit es nöthig ist, übersetzt und der Aneiserung und Begeisterung der Jugend, vorzüglich der für die Stimmen der Dichtung so empfänglichen weiblichen Jugend, dienstbar gemacht werden. Es fehlt nicht an Sammlungen solcher Art, Blumenlesen, Anthologieen, in denen ein überreicher Stoff werthvollster Art zusammengetragen ist, aber die Verbreitung, die solche Schätze erst aufschließt und zu einem öffentlichen Besitzthume erhebt, fehlt ihnen sammt und sonders. Eine Welt frommer Sagen aus der jüdischen Geschichte und dem jüdischen Gemeindeleben harrt noch der Bearbeitung wie Dornröschen des Er-weckers. Ein würziger und kräftiger Duft, der Erdgeruch der Jahrhunderte, haftet diesen Erzählungen an, der selbst aus mißlungenen Bearbeitungen yervorschlägt, vollends aber sich erst erschließen würde, wenn die Poesie eines congenialen Dichters diesen Zeugen einer untergegangenen Welt gleichsam die Zunge lösen wird. Es wäre unnütz und vorwitzig, einer lebensvoll erblühenden Litteratur die Wege weisen, die Aufgaben zumessen zu wollen. Alles kommt darauf an, ein Publikum zu erziehen, den Durst nach den erquickenden Spenden des Schriftthums zu