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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1893-02-10 · 6 (10.2.1893) · page 5

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
10 (1893)
Issue
6 (10.2.1893)
Date
1893-02-10
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 6 Orsterreichisitzr Wochenschrift Seite 99 schwachen Bildungsfirniß furchtbaren moralischen Verderbniß keine Kluft errichtete! Denn mit dem Tadel Juvenals, der über die Sünde spottet, war nichts ausgerichtet, sondern nur mit der Entfernung und Läuterung von ihr. Freilich richtete Paulus eine Kluft auf zwischen seiner Gemeinde und dem Römerthum und „abendländischem" Wesen, wie er es im RömerbriefKap. 1 schildert. Gott sei Dank, daß das „Semitenthum" nach Rom und Europa gekommen ist. Juvenal klagt, daß das Wasser des Orontes alle Sünden Asiens nach Rom und Europa gebracht hat; durch den Apostel ist der Jordan, in dem Johannes der Täufer taufte, in der. Tiber eingeströmt. Europa ist gereinigt worden durch das Semitenthum des Propheten und Apostel in Christo Jesu. Dem Historiker Treitschre ist es wahrscheinlich passirt, daß er die Stelle bei Tacitus 15,44 mit der in den Historien 5,5 verwechselt hat, wo Tacitus von den Juden redet, wo er ihnen einen „Haß gegen alle Anderen" vorwirst. iUfcer wer von uns wird diesen Haß, wie er ihn selbst schildert, nicht billigen! „Sie hassen die Andern", das hieß auf Römisch, sie nehmen nicht Theil an den Gelagen der Römer, sie verachten die Götter (das Heidenthum), sie halten gegen ihre Religivn selbst Bäter und Familie gering. „Sie knieten nicht vor den Bildsäulen, sie beteten nicht die Kaiser an; sie haben keine Bilder zur Verehrung; sie kennen nur einen Gott im Geist. Sie beteten einen Gott an, der ewig, unveränderlich und unvergänglich ist!" — Ich meine, daß, wenn diese Lehren die Kluft sind, welche auch die Juden als Semiten schied, wir gerade so vor ihr stehen; wäre nur in unseren Tagen die Kluft so unübersteiglich, wie sie zwischen dem Gesetze Mosis sammt der Apostolischen Lehre und dem heidnisch.modernen Unzuchtstaumel sein sollte! Unparteiische Briefe aus kntzland. ii. Bekanntlich erließ die gegenwärtige Regierung, vor ca. 7 Jahren, ein Gesetz, nach welchem die Zahl der in die russischen Lehranstalten aufzunehmeuden Juden, durchschnittlich nicht mehr als. 5 Perzent der in dieselben eintretenden christlichen Lernenden, betragen darf. (Die gesetzliche Norm ist je nach den Lehrbezirken verschieden: in einigen nUr 3 Perzent, in anderen 5 Perzent und in manchen auch 10 Perzent. Im Durchschnitte aber ist sie nicht höher als 5 Perzent.) Dieses Gesetz, welches aufs Minutiöseste und mit rücksichtsloser Strenge in sämmtlichen Staats- und Communalschulen, befolgt wird, kann bei oberflächlicher Betrachtung so ziemlich gerecht erscheinen, da die russischen Juden thatsächlich nur 5 Perzent der Gesammtbevölkerung ausmachen. Bei objectiver und genauer Untersuchung stellt sich aber heraus, daß dieses „statistische" Gesetz so gut wie ein vollständiges Bildungsverbot, für unsere jüdische Jugend bedeutet. Denn die erschreckend kleine Zahl von Bildungsstätten im heiligen Rußland einerseits, und die angestammte und gegenwärtig systematisch genährte Bildungsscheu des russischen Volkes andrerseits, die sich bei den Bauern und Kleinstädtern bis zur gänzlichen Schul-Abstinenz steigert, und auch in den größeren Städten eine ungemein laue Schulfrequenz zur Folge hat, — diese traurigen Thatsachen machen einen grausamen Strich durch dieRechnung des oberflächlichen „Statistikers", und redueiren die Zahl der „bildnngsberechtigen" Juden auf ein entsetzlich geringes Minimum. Es genügt nur darauf hiuzuweisen, daß nach der neuesten offiziellen Zusammenstellung, von je Tausend Einwohnern des europäischen Rußlands*) nur dr ei und z wa nz ig eine Schule besuchen, — und man wird leicht berechnen können, daß die „fünfpereentigen" Juden nur Einen von Tausend in die Schule schicken dürfen. Und wenn man noch wüßte was hier zu Lande unter „Schulen" verstanden wird! ... Ja, noch etwas. Die Dorf- und Kirchen sch ulen, die natürlicherweise die größte Frequenz aufzuweisen haben, sind für Judenkinder so gut wie geschlossen, da Juden auf dem Lande unter keinen Umständen wohnen dürfen, und die Kirchenschulen üben selbstverständlich keine besondere Anziehungskraft auf jüdische Eltern aus, obwohl der Obergouverneur des hl. Synods durch seinen jüngsten Erlaß die Aufnahme von Judenkinderu, unter bestimmten Bedingungen, gestattet. Es können also für Juden nur die in Städten gelegenen Lehranstalten in Betracht kommen, und wollen wir an der Hand von officiellen Berichten einige statistische Daten *) Im asiatischen Rußland, z. B. in Ostsibiren, kommen auf 1000 Einwohner 10 Schulbesucher! zur Jllustrirung des „Bildungsdurstes" der russischen Stüdtebevölkerung liefern, um daraus ersehen zu lassen welche ungeahnte Tragweite das „Percent-Gesetz" für die russischen Juden hat, denen angesichts ihrer traurigen Lage, die Bildung eine Lebensbedingnng im weitesten Sinne des Wortes ist. Um die Objectivität zu tvahren, wird unsere „gelehrte Expedition" nur diejenigen Provinzen berühren, welche von der Eultur so ziemlich stark beleckt sind, und wo die Participirung der Juden an dem Schulbesuch sogar auf zehn Perc ent normirt ist. Ich meine nämlich den Kietver Lehrbezirk der die 5 großen Gouvernements: Kiew, Podoliu, Wolinyen, Paltawa, Tschernigow umfaßt, die alle bekanntlich zum „Aiisiedlungsrayon" gehören, und über deren Schul- und Bildungsverhältnisse im Jahre 1890, unlängst im „Journal des russischen Ministeriums der Bolksaufklürung" interessante und ausführliche Daten mitgetheilt worden sind. (Denn die „unparteilichen Briefe" sollen nur unanfechtbare Quellen anführen.) Die genannten 5 Gouvernements, deren Einwohnerzahl zwölf Millionen beträgt, besitzen im Ganzen e i nnnddreißig sogenannte „mittlere" Lehranstalten, und zwar: siebzehn Gymnasien, sieben Realschulen und sieben Progymnasien. (Ich schreibe die Zahlen absichtlich in Buchstaben, damit der verblüffte Leser nicht etwa ein Malice des Druckfehlerteufels voraussetzen soll.) Diese 31 Schulen lunceit im Jahre 1890 von 8806 Lchülern, wovon 892 Juden (etwa 10 Percent), besucht. Nun sind aber in jenen 5 Gouvernements fünfviertel Millionen Juden angesiedelt, und wenn man sie in Familien (a 5 Seelen per Familie) zertheilt, stellt sich heraus daß von je 280 jüdischen Familien nur eine Familie einen Sohn in eine mittlere Lehranstalt schicken darf! Und wenn man noch bedenkt, daß in mancher Gymnasialstadt jener Provinzen die Juden 60—70 Percent der Bevölkerung bilden und von dieser Majorität wird am Anfang eines Schuljahres kein einziger Schüler in die städtische Mittelschule ausgenommen, weil von der christlichen schnlfeindlichen Minorität sich nicht einmal zehn lernbegierige Knaben zum Eintritt gemeldet haben!! O, solche Fälle sind wahrscheinlich nicht selten: trägt sich doch die Schulobrigkeit mancher „jüdischen" Stadt ernstlich mit dem Gedanken um, die einzige örtliche Mittelschule zu schließen ans Mangel au Schülern, da die wenigen Autochthonen ihre Söhne nicht bilden wollen, und die jüdische Mehrheit 6o ipso —nicht bilden d ü rfen. Und wie steht es um die Elementar-Bildnng? Schauderhaft, schauderhaft, sehr schauderhaft! Z. B. »varen unter den ausgehobenen Recruteu des Jahres 1887, nicht weniger als 74 Percent Analphabeten, d. h. solche die nicht einmal zu lesen verstanden. Und bei uns ist ja seit 20 Jahren die allgemeine Wehrpflicht eingeführt, folglich waren unter jenen 74 Percent sämmtliche Bolksclassen und Stände vertreten, nicht blos der Bauernstand. Und dieses Berhältniß hat sich seit 1887 wenig geändert. Denn nach der oben angeführten ministeriellen Quelle, waren im Jahre 1890 sämmtliche Volks-, Dorf- und sonstige Elementarschulen**) des Kiewer Lehrbezirkes von rund 140.000 Schülern (beiderlei Geschlechtes) besucht, also etwa zwölf Elementarschüler auf je tausend Einwohner!! Also denke man sich wie viel Analphabeten es in jenen 5 Gouvernements geben muß! Und wie gesagt, gehören jene Provinzen durchaus nicht zu den „Culturfeindlichen." Unter den 140.000 Elementarschülern waren 4000 Judenkinder. Dieser unverhältnißmüßig kleine Percentsatz (2°9 Perceut) erklärt sich einerseits durch die Ausweisung der Juden aus den Dörfern, und andererseits durch den Umstand daß die Juden dort (wie überall) recht viele eigene Elementarschulen besitzen. Ueber die jüdischen Privat- und Gemeindeschulen werde ich in einem nächsten Artikel ausfiihrlich referiren, ich will aber an dieser Stelle gleich erwähnen, daß das genannte ministerielle Organ sich außerordentlich lobend über die Judenschulen jener Provinzen äußert und sie „musterhaft in jeder Beziehung" nennt. Die traurigsten Folgen hat aber das grausame „Prozentgesetz" für diejenigen jüdischen Jünglinge die sich eine höhere Bildung aneignen wollen. Wenn man bedenkt daß das cvlossale „heilige" Rußland (ca. 110 Millionen Einwohner) nur — risum teneatis amici! — acht Universitäten hat; (die, unter der gegenwärtigen Regierung, in Tomsk errichtete „sibirische" Hochschule zähle ich nicht mit, da sie überhaupt nicht ernst ge- **) In dem größten Theil dieser „Schulen" wird nur Lesen, Schreiben und etwas Arithmetik nothdürstig gelernt.

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