Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 6 (10.2.1893)
- Date
- 1893-02-10
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 98 Oesterreichifchr Wochenfchrist Nr. 6 Genug, ich schreibe hier keine Novelle. Was das Kind erzählte, man kann sich's ja denken. Es kommt wohl alle Tage vor; Der Sohn eines strammen Antisemiten, selber faul und rauflustig, höhnte und hänselte den fleißigen Kameraden: „Judenbub, zu was plagst Du Dich? Wirst doch Dein lebenlang nichts erreichen, bist ja n u r einer von der Semitenbandc!" Das Weh, das in des kleinen Erzählers Stimme zitterte, das staunende Weh darüber, daß cs ihm nichts nützen soll, wenn er brav und fleißig war, das beschämte, herzzerreißende Weh der Eltern — sie tauschten nur einen Blick, das alles werde ich nicht vergessen; zum wenigsten den eigenen Schmerz, der mir bei dieser Scene durch die Seele schnitt. „So gehen Sic doch augenblicklich zum Schnldirector", wandte ich mich an den Pater „verlangen Sie"-— Er aber schüttelte den Kopf. „Wozu? Pergebens!" Nein, cs wäre nicht vergebens, sagte mir mein Gefühl. Aber ich tvußte es ja: Das stumme Ertragen der Unbill war ja allgemeiner Brauch, und so begnügte auch ich mich damit, nur bitter aufzuscufzcn und das weinende Kind in meine Arme zu schließen: „Warte nur, Poldi, bis Du groß bist, werdet Ihr keine so schlimmen Feinde mehr haben." Diese Prophezeiung blieb in doppelter Weise unerfüllt. Poldi ist gar nicht groß geworden; ich erfuhr später, daß er mit 14 Jahren gestorben wor, und die Feinde sind schlimmer als je. Aber nicht länger sollen ihre Schläge unparirt bleiben, denn die Losung ist nun ausgegebeu: „Wehrt Euch!" Das sind tapfere Worte, welcye einem guten Kopfe und einem für alles Recht begeisterten Herzen entstammen. Emen ähnlichen Gedanken hat der unsterbliche Rechtsgelehrte Jhering schon früher, freilich bei einer ganz anderen Gelegenheit und aus einem ganz anderen Gesichtspunkte, vertreten. Er hat den Gedanken verfochten, daß man an keiner Stelle, lveder im öffentlichen noch im privaten Leben, irgend ein Unrecht dulden oder es schweigend hinnehmen sollte, denn darunter leide eben das Rechtsgefühl. Die edle Frau und der scharfsinnige juristische Denker hier begegnen sich einander, indem sie Beide dazu auffordern, die Gleichgiltigkeit gegen jedlvedes geschehenes Unrecht, von dem sie Kenntniß erlangt, aufzugeben und, etwa wie Jhering sagte, den „Kampf ums Recht" mit allen Mitteln aufzunehmen und durchzufechten. Der eindringliche Ruf: „Wehrt Euch!" zieht sich durch das ganze Werkchen und characterisirt es als eine Kampfschrift in des Wortes bester Bedeutung. „Das banale Wort „nichts gefallen lassen" — so ruft der Verfasser aus — wächst Angesichts der Umstände, die uns umdrängen, zu einer Lebensnolhwendigkcit empor. Gerade diejenigen, die sich „Arier" und „Christen" nennen, üben ja selber nicht die Vorschrift derchristlichen Ättenlehre; - „Wenn Du einen Schlag auf die rechte Wange bekommst, reiche auch die linke hin." Im Gcaenthcil: Gerade bei den sogenannten „Antisemiten" gilt in höherem Grade als in der jüdischen Anschauung das Wort „Aug' um Aug', Zahn um Zahn". Sic leimen kein höheres Gesetz als die brutale Gewalt, lind das „Haut ihn" ist das Bestimmende ihrer Gesinnung geworden. Solchen Leuten gegenüber gilt die Nothwchr iiub der Satz: „Aus einen Schelmen anderthalbe". — Wer sich von einem Antisemiten eine Beschimpfung seiner Person als Jude gefallen läßt, ohne sie sofort 311 ahnden, begeht ein Unrecht an der Würde seiner,Person und der gesammten Judenheit." Als die stärkste Wehr in dem Verzweiflungskampfe des Judenthums wider die antisemitische Rohheit erklärt der Autor die geistige, welche für jeden Juden die gründliche Kenntniß dre Geschichte seines Volkes sei. „Hier — so ruft der Autor mit vollem Rechte — ist leider gerade in den Kreisen der gebildeten Juden viel nachzuholen und viel zu bessern. Wer die Geschichte der Juden kennt, wird allen Angriffen auf das Judenthum gegenüber gewappnet sein. Wer sie nicht kennt, ivird wie rin schwankendes Rohr im Winde sein." Der Verfasser der in Rede stehenden Flugschrift theilt die Äntisemiteu in drei Classcu ein, in Radau-, Quassel- und Geschästsantiftmiten, und er entwirft von ihnen folgendes Beschreibung: Der Radau-Antisemit beginnt seine Judenfeindschaft damit, daß er an gelvissen öffentlichen Anstalten die Worte „Juden raus" ankritzelt. Diese Sorte von Antisemiten stellt das Gros zu jenen Versammlungen, in welchen die unglaublichsten Behauptungen mit „frenetischem Beifall" ausgenommen werden. * Der Quaffel-Antisemit ist meistens von einer krankhaften Eitelkeit besessen, die ihn förmlich dazu zwingt, sich um jeden Preis „interessant" zu machen. „Er ist ein harmloses Individuum, das im ehrlichen Handel mit Tabak oder Herrenklcideru still dahinlebt. Nie hat ein polirischer Gedanke seines Daseins friedliche Gleichmäßigkeit gestört; da befällt ihn plötzlich der Eitclkeitsbacillus — er will von sich reden machen, seine Bekannten sollen Nespect vor ihm bekomnien. Schleunig hüllt er sich in das Löwenfell des radicalen ÄMisemitismus, mit einer Miene tiefer Weisheit spricht er ihm zwar nicht verständliche, aber furchtbar gebildet klingende Worte: Nationalismus und Patriotismus, Manchesterthum und Socialismus und stolze Freude schwellt sein Herz, wenn er der Genossen Blicke respectvoll auf sich gerichtet sieht. Mit dem Beifall wächst die Krankheit und aus Schnock dem Schreiner wird der Radau-Antisemit, dessen pathologische Anatomie wir oben angeführt haben." Am gediegensten ist das Conterfei, das der Verfasser von den „Geschäfts-Antisemiten" entwirft. Diese sind sammt und sonders „catilinarische Existenzen": Jeder von ihnen hat etwas ans dem Kerbholz. Das „a. D.", das Stigma des Schiffbrnchs, ist bei diesen Menschen zur Norm geworden: Lieutenant a. D., Rector a. D., Prediger a. D.; in ihrer cpnischen Frivolität haben sie „aller Deutschen" daraus gemacht. Diese Eharlatans, welche als Allheilmittel wider jedes politische und sociale liebet die Judenhatz verordnen — für 30 Pfennige gesprochen, für 50 Pfennige geschrieben — haben alle schon die G.richte beschäftigt, der eine in Berlenmdungsprocessen, der Andere in ehrenrührigen Alimentenproccssen, der Dritte wegen sonderbarer Eigenthumsverwechslungen.Ist cs nicht bezeichnend, daß unter den antisemitischen „Führern" kaum ein Einziger sich befindet, der nach bürgerlichen Begriffen integer wäre? Ist dies in einer anderen Partei möglich? Die „Geschäftsantisemiten" aller Schattirnngen sind eben Leute, welche nichts zu verlieren und Alles zn gewinnen haben. Ihre ganze Existenz hängt davon ab, daß der „Antisemitismus" ein einträgliches Geschäft bleibt. Sie leben von den Groschen für den Wahlfvnds, sie lassen sich für ihre hetzerischen Vorträge bezahlen, sie machen mit ihren Hetzschriften, welche die bösen Jnstincte der urtbeilslosen Menge gegen staatliche und gesellschaftliche Ordnung aufrufen, Geschäfte." Treitschke und Stöcker, dreGrlrhrsten dM Antisemitismus. In der Debatte des preußischen Abgeordnetenhauses vom 30. v. M. zitirte der Abg. Stöcker den Tacitus wegen seines Ausspruches über die Juden als das odium generis humani. Der jüngst verstorbene Paulus Cassel, Prediger an der Christus- Kirche, läßt sich darüber in einer im Jahre 1880 „Wider Heinrich von Treitschke" abgefassten Broschüre (Verlag von Friedrich Stahn, Berlin, Wilhelmstr. 122a folgendermaßen aus (Seite 24, Absatz 7): . „In einem freilich muß H. v. Treitschke entschuldigt werden. Er schrieb, wie man ein Feuilleton schreibt, darum war es leicht, daß. er irrte; wenn die Feder so rasch über große Bölkerfragen hinwegeilt, dann sind eben Verwechselungen und Gedächtnißfehler möglich. Es fragt sich nur, ob das in solchen Fällen erlaubt ist, wo jedes Wort eine ganze Volksklasse kränkt und beleidigt. „Eine Kluft, sagt er, zwischen abendländischem und semitischem Wesen hat vor Jahren bestanden, seit Tacitus einst über das odium generis lmmaui klagte." Wie gelehrt das klingt! Aber was ergiebt sich: Jedermann glaubt wahrscheinlich, daß Tacitus von den Juden redet, indem er vom..„odium generis hnmani“, dem Haß des menschlichen Geschlechtes spricht, — aber die Christen sind gemeint (Annal. 15, 44.) Es ist von dem Brande Roms die Rede. Damit Nero von sich den Verdacht der Brandstiftung ableitete, beschuldigte er nicht die Inden, sondern die Christen. Von denen sagt der „gute" Tacitus, „daß sie wegen Schandthaten verhaßt" seien;" deren Religion nennt er einen verabscheuungswürdigen Aberglauben." Von denen sagt er, daß sie nicht sowohl der Brandstiftung überwiesen, sondern wegen ihres Hasses des menschlichen Geschlechtes überwiesen sind. Das urtheilt Tacitus von den Christen, an welche Paulus den Brief an die Römer schreibt, die um der Liebe willen Alles erduldet haben; es sind die, welche das Bild des polnischen Malers Simieradzki als „lebende Fackeln" darsteüt. Tacitus, wie H. v. Tr. meint, „klagt" auch gar nicht, sondern er richtet. Es ist der große Geschichtsschreiber den Christen gegenüber ein unbarmherziger, beschränkter Römer, welcher den Märlyrergeist der Zeugen an der Tiber weder versteht noch würdigt, und in seinem Vorurtheil gegen sie so weit geht, daß er den elenden Nero mehr schont als sie. Also Tacitus „klagt" nicht über das odium generis hnmani der Juden, sondern der Christen — und was doch H. v. Tr. sicher nicht billigt und hoffentlich — da er dem neuen Testament so fern nicht steht — für eine häßliche Verwirrung des Tacitus und seiner Römer hält — aber wie steht es denn nun mit der „Kluft zwischen abendländischem und semitischem Wesen, die sich in diesem odium generis bumani zeigt? — Wäre es eine ungerechte Kluft? Sollte sie nicht bestehen? Was wäre ans dem Christenthum geworden — wenn es zwischen sich und den römischen Sitten und der unter einem