Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 6 (10.2.1893)
- Date
- 1893-02-10
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 6 Orsterreichifchr Wochenschrift Seite 97 damit ganz direct einen Act des Landesverrates vollbracht, denn eine Störung der sich anbahnenden freundlichen Beziehungen zwischen Rußland und Di utschland könnte nur dem unversöhnlichen Feinde des deutschen Reiches, Frankreich, zu Gute kommen. Der Gaunerstreich der Herren Hebel und D i t t b r e litt er ist von der Berliner antisemitischen „Staatsbürgerztg." vertheidigt worden. Man kann also nicht von der That zweier einzelner Hallunken, sondern man muß von einer Action der .Gesammtpartei sprechen. Die Bedeutung dieser Action erhelltauch aus dem Umstande, daß ein Prinz des königlichen Hauses und der Staatssecretär im Auswärtigen Amte, Herr v. Marsch a l l, sofort bei dem russisch-ni Botschafter erschienen und ihre Entschuldigungen vorbrachten. Wenige Tage nun, nachdem sich dieser unerhörte Vorgang in der deutschen Reichshauptstadt abspielte, erschien ini hiesigen „Deutschen Volksblatt" ein Artikel mit der Ueberschrift: „Ein Börsenmanöver", in welchem ausgeführt wurde, daß die Juden Feinde Rußlands seien, daß ihnen der Besuch des russischen Thronfolgers am deutschen Kaiserhofe unangenehm sei und daß die „jüdische Presse" die Möglichkeit einer Wiederanknüpfung freundschaftlicher Beziehungen zwischen Rußland und Deutschland leugnete. Herr Vergani erklärte diese angebliche Haltung der „Presse" sowie der „Neuen Freien Presse" als ein Börsenmanöver. Zur Zeit, als dieser Artikel im „Deutschen Bolksblait" erschien, hatte der Ehrenmann in der linken Bahngasse von dem Schurkenstreich seiner Berliner Parteigenossen schon längst Kenntniß. Und trotzdem schrieb er den Juden aufs Kerbholz, was eine wohlüberlegte, planmäßige Büberei der antisemitischen Partei in Deutschland war. Bedenkt man den innigen Contact, der zwischen den Wiener und Berliner Antisemiten unausgesetzt gepflogen wird, so wird man über diese schamlose Niedertracht erst das richtige Unheil gewinnen. Auf der einen Seite arbeitet die antisemitische Partei den französischen Panamarittern in die Hände, auf der anderen Seite verdächtigt sie die Juden, daß sie eine Annäherung Rußlands an den Dreibund nicht wünschen, weil ihre Börse-Interessen darunter leiden würden. Solche Dinge behauptet dasselbe Blatt, welches wiederholt den russischen Botschafter in Paris, Baron Mohrenheim, als „Judenstämmling" hingestellt und von den Juden in Constantinopel erklärt hat, daß sie gegen den Dreibund wühlen. Die antisemitische Lumpenbande in Wien ist jener in Berlin vollkommen würdig. Hier wie dort wird mit den heiligsten Interessen des Staates und der Bevölkerung Verrath getrieben. Dabei aber haben diese Jammerseelen nicht einmal so viel Verstand, um ihre Lügen wenigstens auf einen kurzen Tag mit einander in Uebereinstimmung zu bringen. Der bekannte „dumme Kerl von Wien" wird es Herrn Verganj allerdings aufs Wort glauben, daß die Annäherung zwischen Rußland und Deutschland durch ein Börsenmanöver der Wiener Juden hintertrieben wurde. Aber selbst diesem „dummen Kerl" wird Herr Vergani nicht weiß machen können, daß auch das antisemitische Berliner „Extrablatt", welches die falsche Nachricht vom Attentat auf den Zaren brachte, ein jüdisches Börsenmanöver war. „Wehrt Euch!" Ein Mahnruf an die Inden. Unter dem Titel „Wehrt Euch!" ist soeben eine Broschüre (Verlag von S. Fischer, Berlin) von F. Simon erschienen, welche es den angegriffenen Juden zur Pflicht macht, sich der antisemitischen Angriffe auf Schritt und Tritt mit allen erlaubten Mitteln zu erwehren. Der Verfasser erblickt in deni Antisemitismus unserer Zeit so etwas wie eine Bolkskrankheit, welche in der „Neidpest" ihren Ausdruck gefunden hat und wie eine Art ansteckender Krankheit sinnverwirrend auf die Massen wirkt. Nur diese Annahme macht es erklärlich, so glaubt der Verfasser, daß Menschen, wie Herr Paasch mit seinen Behauptungen, der deutsche Gesandte in Peking, Herr von Brandt, habe ihn vergiftet und sein, des heimtückisch Getödteten, blutiges Hemde in cinerSynagoge als Trophäe aufhängen wollen, bei den Antisemiten zu einer führenden Stellung gelangen konnte. Nur eine gewisse geistige Umnachtung der Massen Habe einem Menschen, wie Ahlwardt zu einem Sitze im deutschen Reichstag verhelfen können. Zu dieser Broschüre hat Frau Bertha von Suttner, geborene GräfinKiusky,die unermüdliche Wortführerin der Friedensbewegung, eine sehr bemerkenswerthe Vorrede in Form eines offenen Briefes an den Verfasser geschrieben. Es heißt da unter Anderem: „Die Nichtjuden haben von der Verbohrtheit, von der Ausdehnung, von der Unheildrohung der antisemitischen'Gesinnungen auch mehr zu sehen und zu hören bekommen als die Semiten; denn bisher galt es als eine Art Anstandsregel, daß in Gegenwart von Juden die Bewegung nicht erwähnt wurde, — das bloße Wort „Jude", die Sitte verdrängte es aus dem geselligen Umgang, und die Censur strich cs aus den Drucksachen. Und darum kam es bei dem anwachsenden Gezischel in gewissen Kreisen nicht zu einem gleich lauten Widerspruch in den anderen Kreisen, aber heute ist das Gezische! schon daran, zu wildem Lärm zu werden, heute ist der Antisemitismus ganz salon-, zeitungs-, parlamentsfähig geworden. Es ist wahrlich an der Zeit, d..ß auch das Abwehrwort zum Abwehrschrei sich erhebe, daß überall offen, ehrlich, muthig (ob nun Juden dabei sind oder nicht, ob man nun selber Jude ist oder nicht) im Privat- und im öffentlichen Verkehre, in der Presse, von der Volksvertretung und vor dem Throne das beleidigte Menschenrecht sich geltend mache. Wir alle — ich meine die Gesellschaft — brauchen es, daß kein Recht gefährdet werde, und wer sich das seine verkürzen läßt, sei es aus Demuth, aus Angst oder aus Geringschätzung, der verkürzt die Gemeinschaft. Diese kann aus ihrer Mitte kein Talent, kein großes Herz, keinen großen Geist entbehren, welche etwa — weil sie zufällig in einer verfolgten Classe aufgetaucht — unterdrückt werden oder sich selbst scheu zurückziehen. Keine Bevorrechtung soll es geben, keinen Schutz gegen gerechte Strafe für individuelle Vergehen. Darum ist's ja lächerlich, in den Gegnern des Antisemitismus Philosemiten oder Antiarier zu sehen. Verbrecherische Juden, man sperre sie ein; zuwidere Juden, man meide sie; protzige Juden, man lache sie aus; Juden, welche sich etwa zusammenthäten als „antiarische Partei" mit der offen verkündeten Absicht, alle Christen zu beschimpfen, zu schädigen, ihnen allen Lebensunterhalt zu entziehen, ihnen von vornherein jede Tugend abzusprechen, sie unausgesetzt zu kränken und zu demüthigen. nun, das wäre freilich ein Häuslein böser und bornirter Juden! . . . die würden sicherlich dem Gesetz verfallen, und wir Alle wären solchen Semiten gegenüber ausnahmslos anti. . . . Nein, ein entschlossen zorniges „Ich duld' es nicht!", ein „Zur Verantwortung ziehen" bei jeder, auch der geringsten Rechtsverletzung bis zur letzten und bis zur höchsten Instanz ist, wenn irgendwo, hier zwingende Nothwendigkeit. Noch bietet das Gesetz ausgiebigen Schutz. Die Verfolger und die Verfolgten aber handeln so, als wäre die von den Ersteren angestrebte Rechtlosigkeit d-r Juden schon eine Thatsache. So kann sie es.werden: ein Paragraph, der nicht benutzt wird, stirbt ab, ein einreißender Brauch verlangt und erreicht seine Eintragung in das Gesetzbuch. Die Hauptsache ist: Allem Meinungskampf muß — im Namen der Vernunft und im Namen des Gesetzes — das vor diesen beiden unhaltbare Terrain „Jude oder Nichtjude" entzogen werden. Keiner, dem die vage Beschuldigung entgegengeschleudert worden: „Du bist ein Jude", soll dies überhören, sondern den Anschuldiger an die Wand drücken: „Ja das bin ich, gerade so, wie Du ein Christ bist . . und was weiter? Was wirfst Du mir sonst vor? Das soll untersucht und geprüft werden." Ist die Frage einmal so gestellt, so kann sie nicht mehr auf dem engen Gebiete der antisemitischen Doctrinen ausgetragen werden, und die Unzahl Derer, die sich der Bewegung aus verschiedenen außerhalb liegenden Gründen angeschlosien haben, werden sich von ihr zurückziehen. Denn gar Wenige werden sich mit dem Endziele der antisemitischen Agitation — der Vernichtung aller Juden — offen einverstanden erklären. Tausende von gutgesinnten und geistvollen Menschen, die heulendem Antisemitismus hinneigen, weil sie in demselben nur eine Bertheidigung des Conservatismus gegen unbestimmte Umsturzgefahren sehen, würden sich von dieser Bewegung schaudernd lossagen, wenn sie erkannt hätten, daß ihr einziger Enderfolg weiter nichts ergeben könnte als die Niederwerfung und Ausrottung — nicht von socialen Schäden oder verpönten Doctrinen, denn diese wurzeln außerhalb — sondern von einer Gruppe unglücklicher Nebenmenschen. Unglücklich . . Biele sind es in unseren Landen schon heute, obwohl ihre Rechtlosigkeit nicht schon — wie etwa in Rußland — erklärt worden ist. Und wenn sie ihn auch in Stolz und Trotz verbergen. ihr Schmerz mag darum nicht minder zornig und bitter sein." „Nur ein kleines Bildchen als Beispiel. Wir wohnten einst bei einem jüdischen Ehepaar. Der Gatte war in einem Bankhaus beschäftigt, aber der knappe Gehalt genügte nicht zum Auskommen, daher vermietheten Herr und Freu Meyer einen Theil ihrer Wohnung. Sie hatten einen einzigen Knaben. Ein wunderhübsches, talentirtes, liebevolles Kind. Ich hatte oft Gelegenheit, das Familienleben dieser Leute zu beobachten: Es war ein musterhaftes; der kleine Leopold war der Stolz und das Glück der sonst in lehr beschränkten und zurückgezogenen Verhältnissen lebenden Eltern. Ich war oft anwesend, wenn der Kleine aus der Schule heimkam; selig war das Kind, wenn es wieder gute Zeugnisse bringen konnte: „Ach, ich bin so glücklich!" rief er einmal. „Warum?", fragten wir. „Daß ich auf der Welt bin, es ist so schön aus der Welt, und weil icksis weit bringen werde, ich bin wieder der Erste gewesen heute!" Eines anderen Tages kam er gedrückt nach Hause; nicht daß er ein schlechtes Zeugniß hatte. „Was ist Dir denn geschehen, Junge, Du siehst ja ganz verstört aus?" Da schluchzte er auf ... .