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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1893-02-10 · 6 (10.2.1893) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
10 (1893)
Issue
6 (10.2.1893)
Date
1893-02-10
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seile 96 Nr. 6 Oesterreichifche Wochenschrift Wir setzten niemals voraus, daß die liberale Partei der Juden wegen sich erhitzen werde. Mit der Berufung auf Aufklärung, Humanität und Staatsgrundgesetze werden wir die liberale Partei auch nicht behelligen. Das war in der Zeit Mühlfeld's und Giskra's denkbar, in der Zeit der naiven Idealisten. Jetzt, das wissen wir, erfreut sich die liberale Partei einer staatsmännisch vornehmen Führung, ernst wie eine wirkliche Regierung, diplomatisch und klug, wie es einer Herrscherin geziemt. Aber wir meinten, daß das eigenste Interesse es der liberalen Partei zur Pflicht mache, die Ausmerzung des Antisemitismus zu beschleunigen. Bei der historischen Kritik der Vorgänge, welche für die Regierungsperiode des Grafen Taaffe Wichtigkeit haben, wird immer staatsmännisch vornehm das Anwachsen des Antisemitismus ignorirt. Und doch fällt diese Erscheinung überaus stark in's Gewicht bei der Beurtheilung alles dessen, was Regierung und Parteien gethan haben. Im leidenschaftlichen Kampfe gegen das Ministerium Taaffe vergaß es der Liberalismus, sich selber zu schützen. Er sah nur den Feind auf der Ministerbank; für die Feinde auf der' Straße, für die Feinde im Volke hatte er kein Auge. Siegfried und Gustav Adolf, beide hatten den Feind zur Begleitung, der sie nach glücklicher Jagd oder in der glücklichen Schlacht tödten sollte. Und als die liberale Partei sich dem Ministerium Taaffe näherte, staatsmännisch vornehm und staatsmännisch besonnen, wie sich das von selber versteht, da vergaß der Liberalismus neuerdings des Selbstschutzes. Er dachte daran, die Macht im Parlamente zu gewinnen, nicht daran, sich auch der Macht im Volke zu versichern. Und jetzt in der neuesten durch das Regierungsprogramm bezeichneten Phase versäumt es die liberale Partei neuerdings einer Anregung Folge zu geben, die ihr als das Willkommenste hätte erscheinen müssen. Das Programm des Grafen Taaffe enthält keinen neuen Gedanken und konnte keinen neuen Gedanken enthalten. Es war nicht zu erwarten, daß Graf Taaffe seine Ueberzeugungen und Principien wechseln werde. Die Resolution der liberalen Partei spricht mit staatsmännischer Mäßigung und Besonnenheit es aus, daß eine aus der Mitte dieses Clubs hervorgehende Regierung auch kein Programm hätte, welches gegenüber dem Programm vom 4. Februar wesentliche Verschiedenheiten ausweisen würde. Die Plener'sche Resolution nimmt freilich Anstoß an den Borbehaltenzu Gunsten der Executive; aber wenn man selber Minister ist, denkt man über diese Dinge ganz anders. In der Resolution wird das Moment des böhmischen Ausgleiches betont, aber bei dem gegenwärtigen Zustande in Böhmen ist das Wort Ausgleich eine Ironie. Endlich spricht die Resolution auch von der Freiheit der Schule; aber die Freiheit des Unterrichts und der Wissenschaft ist verloren, wenn man nicht mit dem Antisemitismus fertig zu werden vermag. Die liberale Partei hat in ihrer Resolution an Alles gedacht, nur eine energische Forderung in Bezug auf den Antisemitismus wurde vermieden. Sie hatte sich über das Programm zu äußern, das zum ersten Mal von so hoher Stelle ein Versprechen enthält, welches jeder wahrhaft Liberale mit innigstem Danke aufnehmen müßte: „Unser staatliches Leben erheischt jedoch nicht bloß die thunlichste Vermeidung nationaler Streitpunkte, sondern auch ein friedliches Verhältniß der einzelnen Confeffionen, Gesellschaftsklassen und Staatsbürger unter einanler. Die Regierung wird daher religiöse Ueberzeugungen stets achten und schätzen und Verhetzungen jeder Art mit Entschiedenheit entgegentreten." Die liberale Partei hat es versäumt, in dieser Frage die Initiative zu ergreifen. Aber es war wenigstens zu erwarten, daß sie die Anregung der Regierung mit Eifer aufgreifen und den einzigen neuen Punkt des Programmes sich aneignen werde. Sie hat auch dies bisher nicht gethan. Und doch ist das ganze Bestreben des Antisemitismus darauf gerichtet, die liberale Partei zu zerstören und sich an ihre Stelle zu setzen. Auf die Juden schlägt man und den Liberalismus meint man. Der Antisemitismus ist der Krieg gegen die liberalen Ideen auf dem gesammten Gebiete des Staates und der Gesellschaft. Es handelt sich um die Lebensfrage der Partei und doch vermochte die Partei sich nicht zu einer Kundgebung aufzuschwingen, die dem ernsten Momente entsprochen hätte. Das Regierungsprogramm hat die Sanction des Kaisers empfangen. Der Staat hat Stellung gegen den Antisemitismus genommen. Diese Thatsache gewinnt große Bedeutung und ist geeignet, manche Bedenken zu beschwichtigen. Unter kaiserlicher Sanction hat die Regierung ihr Wort verpfändet, unser öffentliches Leben von diesen häßlichen Schlingpflanzen zu reinigen, den gefährlichen Giftmischern das Handwerk zu legen! Wir blicken empor zur hohen Regierung, von ihrer Weisheit und Energie erwarten wir Erlösung aus einen unerträglich gewordenen Zustand. Wird das verpfändete Wort eingelöst, so wird die österreichische Judenschaft wissen, wem sie dafür den Dank schuldig ist und darnach ihr politisches Verhalten einrichten. Das jüngsteantisemitische Bubenstück in Berlin. Daß zwischen den österreichischen und reichsdeutschen Antisemiten intime Beziehungen und innige Verbindungen bestehen, ist im Laufe der letzten Jahre mehr als einmal klar und offenbar geworden. Wir meinen damit nicht blos jene allgemeine Verbindung, welche durch die Gemeinsamkeit der Tendenzen, die Gleichartigkeit der moralischen Qualitäten und der in Anwendung gebrachten Mittel gegeben ist; es laufen ganz directe politische Fäden zwischen Wien und Berlin und es wird bei einzelnen politischen, wirthschaftlichen und socialen Fragen das Einvernehmen zwischen hier und dort in ganz bestimmter Form, durch ganz bestimmte Persönlichkeiten und zu ganz bestimmten Zwecken gepflogen. Beweis dafür die wiederholten Agitationsreisen Verganis und des Ritters Stampiglius nach Deutschland und die Thatsache, daß sich die hiesige und „christlichsociale Partei" seinerzeit sogar Herrn Ahlwardt aus Berlin verschrieben hatte als es sich darum handelte, im Dienste der deutschen Agrarier gegen die Handelsverträge Stimmung zu machen. Immer und immer wieder tritt die Jntereffen-Solidarität jener Bande, welche in Oesterreich und in Deutschland auf den Umsturz der gesellschaftlichen Ordnung und auf die Unterwühlung des Staatsnnd Rechtsbewußtseins hinarbeitet, deutlich in Erscheinung. Wenn im deutschen Reichstage, die Judenhetzer nach Gebühr gezüchtigt werden, bricht in Wien das „Deutsche Volksblatt" in ein Weh- und Wuthgeschrei ans und Herr Lueger erhebt sich eigens von seinem Krankenlager, um an Herrn Ahlwardt eine Mohrenwäsche vorzunehmen; und wenn die österreichische Negierung ein Programm aufstellt, welches die Rassenhetze verurtheilt, gerathen die Antisemiten jeglicher Schattirung draußen im Reiche in eine gelinde Raserei. Diese Identität der Grundbestrebungen, der Interessen und der Empfindungen muß bei jeder neuen Lumperei, welche in der österreichischen oder in der deutschen Metropole von antisemitischer Seite begangen wird, festgehalten werden. Es scheint, daß die Gemeinheit, die Lüge, das Verbrechen um die Menschen viel festere Bande zu schlingen vermag, als die Anständigkeit, die Ehrlichkeit und Ehrenhaftigkeit. Das jüngste antisemitische Bubenstück liefert dafür einen neuerlichen überzeugenden Beweis. Während der Anwesenheit des russischen Thronfolgers in Berlin, in welcher die gesammtepulitischeWelt ein bedeutsames Anzeichen einer Wiederannäherung zwischen Deutschland und Rußland erblicken wollte, erschien plötzlich ein Extrablatt, welches von zahlreichen Colporteuren stundenlang in den Straßen Berlins ausgerufen wurde. Dieses Extrablatt brachte die Nachricht von einem auf den Czaren verübten Attentate. Man stelle sich die Wirkung dieser Meldung im Zusammenhalte mit der Anwesenheit des russischen Thronfolgers in Berlin vor! In der deutschen Reichshauptstadt herrschte mehrere Stunden hindurch die größte Aufregung. Die Nachricht wurde nach allen Hauptstädten telegraphisch gemeldet. Die Sache fand dann allerdings eine höchst merkwürdige Aufklärung. Es stellte sich heraus, daß der als Verleger des Extrablattes angegebene Oskar Hebel und der Drucker D ittbrenn er (Berlin SW. Lindenstraße 13) zu jener antisemitischen Betrügerbande gehörten, welche durch Broschüren und schwindelhafte Extrablätter die Hetze im Großen betrieben und geschäftsmäß falsche Nachrichten in die Welt setzten, um der deutschen Reichsregierung Verlegenheiten zu bereiten. Auch diesmal war es darauf abgesehen, dem Grafen C a P r i v i aus Rache dafür, daß er im deutschen Reichstage die Antisemiten in ihrem wahren Lichte gezeigt hatte, ein Beiu zu stellen. Während alle Welt die Aussicht auf eine Verständigung zwischen Rußland und Deutschland freudig begrüßte, griff die antisemitische Partei zu einer unerhörten Lüge, um womöglich eine solche Verständigung zu hintertreiben. Sie hat

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