Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1893-02-03 · 5 (3.2.1893) · page 16

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
10 (1893)
Issue
5 (3.2.1893)
Date
1893-02-03
Page
– (sequence 16)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
91% known words query
IRI
…/3020846-3020954-3020959--02116-3026189
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Seite 90 Vestrrrerü^sche Woclrenfchrist llir. 5 zur Verlcsmig. Als Unterstützungen für von Fall zu Fall ansuchende Arme wurden 6765 fl., als regelmäßige monatliche Stipendien 2125 fl., als vierteljährige Zinsbeiträge 1067 fl., als Wöchnermnen-Unterstützungen 242 fl. zusammen L0.199 fl. in Baarem vertheilt. — Für die im Waisenhau e befindlichen 54 gänzlich verwaisten Mädchen wurden 3324 fl. 75 kr., sowie für die im Waisenasyl aufgenommenen 45 halbververwaisten Mädchen 2607 fl. 2 kr. und für die the'ls bei ihren A rgehörigen, theils bei Fremden untergebrachter 22 externen Waisen 507 fl., zusammen für 421 Waisenkinder 6438 fl. 77 kr. verausgabt. — In der Bolksküche des Vereins haben in diesen drei Monaten 34,154 Personen gespeist, hievon 10.810 Personen — zumeist Studirende — gänzlich gratis; ab 1. Deccrnbcr außerdem 641 hungernde Schulkinder. Die Ausgaben für die Volksküche betrugen 3577 fl. 6 kr. und insgesammt'fü' alle Verwaltungszweige während der obgenannten drei Mona e 20.214 fl. 83 kr. Diese Ziffern sp echen wohl am deutlichsten für die eminent segensreiche Wirksamkeit dieses Vereins. Krakau den 24. Jänn r. Gestern hat das hiesige Executiv-Comite der Baron Hirsch-Stiftung aus Anlaß der Wahl des Herrn R. v. Gutmann zum Präsidenten des Curatoriums der Baron Hirsch-Stiftung eine Sitzung abgehalten, um seine Genugthuung über diese ausgezeichnete Wahl zum Ausdruck zu bringen, und wurde beschlossen, dem neugewählten Präsidenten welcher sich schon als Präsident der Allianz große Verdienste um die Juden,chast Galiziens erworben, die Glückwünsche des Exccntiv-Comite zu übersenden Suezawa. Von der seitens des hohe". Curato.iums der Hirsch-Stiftung in Wien, herabgklangten Subvention van 1500 fl. Kr die hiesige isr. deutsche Volksschule hat der lobt. Cultusvorstand einen Theilbetrag zur Bekleidung von 80 armen Schülern mit completen Anzügen und Schuhen verwendet. Diese Vertleilnng wurde am 15. d. M. im festlich decorirten Lehrzimmer des neuen Schulgebäudes bei Anwesenheit des Herrn k. k. Oezirkshauvtmannes Dr. Ritter v. Duzinkiewicz, der gesamten Cultusvertretung und zahlreicher Gäste oorgenommen. Be' diesem Anlaffe wies Oberlehrer Fränkl, auf das Bild des Baron Hirsch hindeutend, m einer längeren Ansprache auf das groß.: Verdienst des edlen Spenders um das Judenthum hin. Für das Zustandekommen dieses schönen Wohlthätigkeitsactes fühlt sich oie gefertigte Schulleitung zu Danke verpflichtet dem eblen Phiiautropen Baron Hirsch, dem hohen Curatorinm in Wien und dem wohllöbl. Exccutiv-Comite in Czernowitz, sowie auch der löbl. Cultusvertretung in Suczawa. Berlin, 22. Jänner. Herr Bankdirector Dannen bäum ist zum Hanoelsrichter gewählt worden. Breslau, 18. Jänner. Herrn Rechtsanwalt Dr. I. B er g er ist der Charakter als Justizrath verliehen worden. Benthe», 12. Jänner. Herr Dr. med. Mannheimer l-eging am 1. d. M. sein fünfundzwanzigjähriges Jubiläum als Stadtverordneten-Vorsteh'er. Lubliurtz, 18. Jänner. Die hiesige Chewra-Kadischa feierte am 5. d. M. ihr sechzigjähriges Bestehen. Posen, 18. Jänner. Die Stadtverordneten-Versammlung hat Herrn Justizrath Orgler zu ihrem Vorsteher wiedergewählt. Gloga«, 23. Jänner. Herr Rechtsanwalt Isidor Friedm'.un ist zum Justizrath ernannt worden. Feuilleton. Meschuge Haschet. Er war ein Zeitgenosse und Compatriot Meschuge Hendele's, die von Kompert in seinen Ghettogeschichten verewigt wurde. Die Preßburger-Gasse zählte zu jener Zeit noch mehr als gerade diese zwei Exemplare von Narren, aber Haschel und Hendele waren die hervorragendsten und hatten die größte Begleitung von zahlreichen Kindern hinter sich, wenn sie durch die Gaffe gingen. Diese spottsüchtige Jugend ist eine Specialität im Judenthume von den bösen Buben an, die dem Propheten Elisa nachhcfeit, bis auf den heutigen Tag. Wenn ein Diogenes Unter uns lebte, e würde dasselbe Schicksal wie Meschuge Haschel haben. Im Grunde berühren sich ja die zwei Extreme: der Philosoph und er Narr. Beide leben in ihrem eigenen Gedankenkreise und sind leichgiltig gegen die Außenwelt. Wer hat aber noch je ergründ t, öd die Narren nicht auch aus Grundsatz mit Bewußtsein Narren sind und sich innerlich befriedigt fühlen, wenn die Welt sie auslacht, ihr Spiel mit ihnen treibt, sich vielleicht gar fee ig fühlen, wenn sie gequält werden, wie die Heiligen. In Indien werden auch tatsächlich die Narren wie die Heiligen verehrt. Sind sie doch wenigstens äußerlich gleich. Beide durchbrechen die conventionellen Schranken und kennen nicht die Begriffe von Ehre, Anstand und Wohlleben. Man sagt: Jener aus Stumpfsinn, dieser aus Idealismus; hat aber ein Narr selbst schon sein Seelenleben geschildert? Freilich hält das durch und durch praktische Judenthum auch solche Heilige für Narren. In der Gasse gab es gar selten einen Cretin. Der Cretin wird geboren und der denkende und durchgeistigte Jude konnte keinen Cretin erzeugen; zum Narren wird man aber erst gemacht und jede Gasse hatte ihre Narren, mußte sie haben. Man konnte ja nicht anders die strengen Neligionsformen ungestraft durchbrechen, als wenn man ein Narr wurde. Und je ängstlicher diese Formen geivahrt wurden, desto mehr Narren hatten sie. Das orthodoxe Preßburg zählte daher am meisten. Meschuge Haschel und Meschuge Hendele repräsentirten Gegensätze, wie der lachende und weinende Philosoph. Hendele zeigte immer ein trübseliges Gesicht, fluchte in einem fort und wich womöglich den Leuten aus; Haschel dagegen hatte ein ewiges Lächeln auf dem Gesichte, als ob ganz Preßburg lauter Abderiten wären und er erhaben über ihnen stünde: er ging stolzen Hauptes durch die Gasse, singend und pfeifend und die beiden Hände in den Hosentaschen, als verachtete er das ganze Publikum in der Gasse und als wäre der ihm nachrennende Cortege der lieben Jugend wirklich sein Ehrengefolge. Und Haschel hätte sich, nur umzudrehen gebraucht und bi-., bösen Buben wären nach allen Richtungen zerstoben; denn er war ungeheuer lang und hatte Arme, die hingereicht hätten, die Gasse abzusperren und die Jungens fangen zu können wie wilde Pferde auf der Pußta mit dem Lasso. Ich sehe ihn noch heute vor mir, wie er vom Schloßberg, wo er wohnte, vor der „Schiur-Stuben" vorbei, wo die Bachurim zu jeder Stunde des Tages ihren „Bummel" hielten, bis zum Wächterhäusel, in welchem die löbliche Polizei der Gasse, die aus Chaim Stern und Nochem Frankel bestand, ihren Sitz hatte, herabfchlenderte und nachdem er bei Taub-Resel vor dem Zsigra- Haus seine Einkäufe an Monat-Rettichen oder Salat, je, nach der Saison, gemacht hatte, wieder zurücktänzelle. Er trug immer einen Cylinder, einen enganliegenden Gehrock, dessen Aermel ihm fast nicht weiter als bis zum Ellenbogen reichten, Unaussprechliche, die die halben Waden frei ließen und Sommer- und Winter-Schuhe, die nicht die Knöchel bedeckten, ohne Strümpfe. Ein besonderes Faible hatte er für hohe Vatermörder, von denen er wenigstens ein halbes Dutzend uns einmal trug und die so schwarz wie seine Schuhe waren. Aus seinen Aeußerungen konnte man schließen, was Haschel zum Narren gemacht haben mußte. Er war der Sohn nicht unbemittelter Eltern und machte den Studiengang jedes anderen Preßburger Kindes, das zum Lernen bestimmt war. Aus dem Bacherl wurde ein Bacher. Diese „Studenten" kannte man schon an ihrer Tracht. Die Bachurim- Schneider, die fromme vertrauenswürdige Männer sein mußten, die kein „Schatnes" nähen, eilten immer der Zeit voraus. Für das Barmizwah-Bacherl machten sie Rock und Hosen so lang und weit, daß es dieselben noch zur „Chuppeh" tragen hätte können, und für den ausgewachsenen Bacher wieder in solchen Dimensionen, daß sie sich noch als Ornat eigneten, wenn er dereinst Rabbiner werden sollte. Bacherl und Bacher durften keine anderen als Cylinderhüte tragen, deren Einkaufsquelle bei Schwüle Luzzate war. Dieser hatte sein Lager im Flur des Bornauerischen Hauses und es bestand aus lauter Antiquitäten, die vielleicht einst die Hünenschädel Wiener Fiaker zierten. Für die nur mit Geist gefüllten Köpfe der Bachurim waren natürlich diese Hüte zu groß und sie fielen ihnen immer in den Nacken hinein. Die süße Gewohnheit des Preßburger Mob, jedem Bacher, der sich in den städtischen Parkanlagen zeigte, den Hut einzutreiben, entstand nur wegen dieser unpassenden Hüte; denn es war wirklich possirlich zu sehen, wenn so einem armen Bacherl der eingetriebene Hut bis zur Brust herabsank und die Nase sich in dem Hutfutter verwickelte. Nach einer solchen Heldenthat, die einmal an Haschel in der Promenade ausgeübt wurde, versuchte er durch Einlage von dreifachem dicken Zuckerpapier unter das Schweißleder seinem Hute eine passende Größe zu geben, und er trug ihn nunmehr Mhn zum rechten Ohr geschwungen, wie ein Stutzer. Dazu paßten aber auch nicht inehr die langen Haarbüscheln an den

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.