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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1893-02-03 · 5 (3.2.1893) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
10 (1893)
Issue
5 (3.2.1893)
Date
1893-02-03
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 5 Oefirrrerchische Wochenschrift Seite 77 und unsere Zeit: Thun, Golnchowski, Stremayr, Jirecek wollten dasselbe. Ich glaube, daß ich kein weiteres Argument anzuzuführen brauche, als daß vier Männer so verschiedener Parteistellung sich für eine solche Frage einsetzten, um zu beweisen, daß diese Anstalt gewiß ein Bedürfnis ist. Und sie ist es in der That! Bedenken Sie, daß das bürgerliche Gesetz und das jüngste Gesetz über die Regelung der äußeren Rechtsverhältnisse, bei dessen Berathung übrigens das Abgeordnetenhaus auch eine Resolution gefaßt hat, es sei eine solche Lehranstalt ins Leben zu rufen — bedenken Sie, daß diese Gesetze von qualificirten Rabbinern sprechen, denen sie Pflichten auferlegen, und daß es keine Anstalt im ganzen Staate gibt, wo man diese Qualification erlangen soll! Die Gemeinden, welche qualificirte, das ist gebildete Rabbiner haben wollen, müssen sie aus Preußen herholen. Das entspricht, glaube ich, nicht der Würde des Staates Oesterreich. Wenn ich vom Auslande sprechen will, so existiren solche Anstalten bei einer geringeren Anzahl von Juden in Frankreich früher zwei: in Paris und Metz — jetzt besteht bloß die in Paris — in Deutschland drei, und zwar in Berlin zwei und eine in Breslau; in Amsterdam ist eine solche Anstalt, und jüngst hat erst Ungarn in Pest eine solche Anstalt errichtet. Also ich glaube, daß über die Nothwendigkeit der Errichtung einer solchen Anstalt zu sprechen wirklich überflüssige Mühe wäre. Es entsteht nun die Frage, ob die Angelegenheit richtig und gut gelöst würde in der Weise, wie es die hohe Regierung plant, indem sie schon vom nächsten Schuljahre an beabsichtigt, daß in Wien diese Anstalt errichtet werde. Ich verkenne nicht, daß das maßgebende Motiv vielleicht die große Munificenz war, die sich bethätigt und den Grundstock zur Erhaltung durch Botirung eines Betrages von 15.000 fl. jährlich geleistet hat, so daß der Staat in die Lage kommt, nur eine verhältnismäßig geringe Subvention zu geben. Aber wenn ich vom Standpunkte meines Landes spreche, und ich sage mit Nachdruck: meines Landes, nicht bloß meiner Glaubensgenossenschaft, sondern der öffentlichen Meinung und Vertretung meines ganzen Land.es, so muß ich sagen, daß wir uns eine andere Lösung gewünscht hätten (So ist esl), daß wir gewünscht hätten, daß die kaiserliche Entschließung aus dem Jahre 1860, aus der Zeit des Grafen Goluchowski, Fleisch und Blut geworden und eine solche Anstalt im Lande entstanden wäre. Wir haben die allergrößte Anzahl Juden, gegen 800.000, und haben daher ein Anrecht, daß die Candidaten nicht erst zu einer Hochschule anderswohin fahren sollen. Wir haben übrigens den Wunsch, daß Rabbiner, das ist die künftigen Führer, Lehrer, Seelsorger unserer Jugend, im Heimatlande im Zusammenhänge mit dem nationalen Geiste aufwachsen (Zustimmung seitens der Parteigenossen), und daß sie namentlich in der Nationalsprache jene Fertigkeit erlangen, um der heutigen Generation, welche, aus der jetzigen Schule hervorgehend, schon diese Sprache als ihre Muttersprache betrachtet, auch in dieser Sprache geistlichen Beistand leisten zu können. (Sehr gut! seitens der Parteigenossen.) Aus diesem Grunde hätten wir eine andere Lösung gewünscht und wir erblicken nur ein Surrogat darin, daß in dem Lehrplane dieser Anstalt — und dieß auch erst über Einfluß aus unserem Lande — der Pflege der polnischen, böhmischen und auch anderer Landessprachen, insoweit es nöthig sein sollte, Berücksichtigung finden soll. Es ist das ein Surrogat, aber ich möchte, daß es nicht bloß auf dem Papier bleiben soll und daß wenigstens für jene Zeit, wo die Ausgestaltung — von welcher ich noch einige Worte sprechen werde — nicht stattfinden sollte, die Zöglinge aus Galizien nicht außer Contact mit der Heimatssprache kommen und nicht verlernen sollen, was sie denn doch schon aus den galizischen Mittelschulen mitbringen. Ich möchte noch die Frage der Ausgestaltung dieser Schule besprechen und da möchte ich auf eine wichtige Frage verweisen, nämlich die Frage des Religionsunterrichtes an den Mittel- und Volksschulen. Er ist vorgeschrieben, so gut für unsere Confession wie für die anderen, und wir sind dazu verpflichtet, als Religionsgenossenschaft die Religionslehrer zu präsentiren, wenn auch nicht mehr, und dies unter gewissen Modalitäten, zu bezahlen. Nun muß es doch auch für diese Stellen Gelegenheit geben, wo die Lehrer die Oualification erlangen, und leider sei es gesagt, daß in ganz Oesterreich keine Lehranstalt besteht, wo derartige Lehrer herangebildet werden können. Diesen Mangel haben der pädagogische Verein unseres Landes, der galizische Landtag, der Gemeinderath von Lemberg und andere autonome Körperschaften wiederholt betont und insbesondere hervorgehoben, daß die Errichtung einer solchen Lehranstalt, sowie die Errichtung eines Rabbinerseminars für unser Land eine Nothwendigkeit sei. Wenn wir mit der Thatsache rechnen müssen, daß wegen der Munificenz einer einzelnen Gemeinde eine Lehranstalt in Wien im nächsten Schuljahre erstehen wird, so möchten wir doch sehr bitten, daß die Ausgestaltung eines Proseminars und einer Lehrer-Borbereitungsschule in unserem Lande wenigstens als nächster Zielpunkt der Unterrichtsverwaltung gelten soll. In dieser Hoffnung, daß eine Berücksichtigung unserer Landessprache im Seminar in Wien stattfinden und dasselbe demnächst eine Ergänzung durch ein Proseminar im Lande finden wird, habe ich die Ehre zu erklären, daß wir mit Vergnügen für die betreffende Post des Budgets stimmen werden. Ich möchte aber noch, und ich halte mich dazu für verpflichtet, einige Worte vom Standpunkte meiner Glaubensgenossenschaft hinzufügen. Die Geschichte des jüdischen Stammes ist gewiß beispiellos traurig, und ich könnte sagen, daß ein jedes Blatt derselben von Blut und Thränen getränkt ist; die Lichtpunkte und Sonnenstrahlen sind wahrhaft selten, und wir sind für den kleinsten derselben empfänglich und dankbar. Und so muß ich es zunächst als Pflicht erachten, die Dankbarkeit gegenüber der hohen Unterrichtsverwaltung auszusprechen, daß sie in einer solchen Zeit die Frage angeregt und muthig einen Schritt ans dem dornenvollen Pfade der Realisirung der Gleichberechtigung gemacht hat. Wir sind sehr dankbar dafür und erblicken darin einen kleinen Schritt nach, vorwärts zur Realisirung der Gleichberechtigung. Da möchte ich dem verehrten Abgeordneten für Hernals, der gestern gesprochen und von der Präponderanz und Herrschaft der Juden erzählt hat, doch einige Worte sagen. Wir sind es ja gewohnt, daß bei jeder Angelegenheit die Juden herhalten müssen, und ich möchte fast an das Wort Goethes erinnern: „Wo die Begriffe fehlen, stellt ein Wort zur rechten Zeit sich ein" — wo die Begriffe fehlen, muß der Jude sich einstellen in diesem hohen Hause. Es gibt eine Partei, die eine Debatte ohne Juden gar nicht vertragen kann, und von dieser Partei ist speciell in dieser Budgetdebatte, wie Sie sich erinnern, bei fast allen Capiteln, bis auf das Landesvertheidigungsministerium — vielleicht habe ich es da überhört — die Judenfrage behandelt worden, und so auch gestern. Der sehr verehrte Herr Abgeordnete für Hernals will seiner christlich-religiösen Ueberzeugung Ausdruck geben, und das wird ihm gewiß niemand verargen, es werden ihm gewiß Millionen gläubiger christlicher Herzen entgegenschlagen, und man kann, von welchem Standpunkt man immer die öffentlichen Angelegenheiten beurtheilt, es begreifen, daß ein gläubiger Christ für die Satzungen seines Glaubens, für christlich-religiöse Erziehung eintritt. Aber ich frage: Bedarf es bei dieser Argumentirung, bedarf es zu dieser Beweisführung der hämischen Bemerkungen gegen die Juden? Steht die christliche Nächstenliebe, die man predigen und verbreiten will, in einem solchen Zusammenhänge mit der Frage des Hasses gegen andere, daß man, um zu beweisen, daß in den Schulen christliche Erziehung nöthig sei, Fußtritte „einigen kleinen Juden" gibt, wie sich dieser Herr Abgeordnete ausdrückte? Von 14.000 jüdischen Schulkindern in Wien sagte der fürstliche Redner, man möge „einige kleine Juden" während des Unterrichtes hinausführen und wieder hereinführen. Meine Herren! Es ist das sehr viel, wenn man gegen Vorrechte zu Felde zieht. Ich möchte sagen, der fürstliche Herr Redner beobachtet das noblesse obllZe und will eine gewisse Popularität, nach welcher er in manchen Wiener Vororten buhlt, auf gutem Wege erlangen, wenn er gegen die Vorrechte jener Classe gesprochen hätte, die historische Vorrechte hatte und die heute noch im staatlichen Leben politische und sociale Vorrechte tatsächlich hat. (Abgeordneter Dr. Kronawetter: Leider!) Aber er sprach von den Vorrechten der Juden, der Juden, die bis vor kurzer Zeit eine Pariastellnng einnahmen und bis heute um die Gleichberechtigung mühsam kämpfen, in socialer und politischer Beziehung. Bon Vorrechten dieser Classe zu sprechen, das ist eine taktische Spitzfindigkeit, das ist ein Kunstgriff, den diese Herren gebrauchen, denn sie können das Kind doch nicht beim Namen nennen. Nun, wenn sie heute auftreten und sagen würden: wir sind gegen die Gleichberechtigung — Gottlob, die Bildung ist

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