Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 5 (3.2.1893)
- Date
- 1893-02-03
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 76 OrsterreichiM? Wochenschrift Nr. 5 ein klarer Zustand geschaffen und wenigstens der administrativen Willkür, deren Ende nicht abzusehen ist, ein Riegel vorgeschoben. Leider hat es auch dazu keine Aussicht- DerSchritt.der preußischen Conservativen hat bei uns verheerend gewirkt und wir sehen Parteien dem Antisemitismus..sich nähern/„die^man stets als die strengsten Gegner desselben anzusehen gewohnt war. Bon Deutschland hat die Seuche ihren Ausgang genommen, von dort kam auch jetzt der neue Impuls. Hoffen wir, daßchie-Ereignisse,, welche sich in Preußen vorbereiten, auch eine Gesundung des europäischen Geistes herbeiführen. Eine Mahnung pt Volksfrieden. In unserer von den widerwärtigsten Kämpfen erfüllten Zeit gewährt der Anblick eines Menschen, der sich einen naiven Idealismus des Herzens und des Verstandes — wenn man so sagen darf — bewahrt hat, einen um so erhebenderen Genuß. Zu diesen beglückten und beglückenden Sterblichen gehört der Freiherr von Löhneysen, der lange Zeit den Posten eines General-Hofintendanten beim Prinz-Regenten Albrecht in Braunschweig bekleidete. Aus reinstem Herzenstrieb ohne eine sonstige Veranlassung, als seine Gewissensnöthigung, hat er „vom positiv-christlichen Standpunkte" aus, das jedem christlichen und menschlichen Empfinden widerstrebende Treiben der Judenhetzer einer ebenso gründlichen als ruhigen Prüfung unterzogen. „Antisemitismus und Nächstenliebe" (Berlin, Hermann Walther) nennt der in des Wortes eigentlichster Bedeutung edle Freiherr v. Löhneysen seine Schrift, der man ihres Inhaltes und ihres ruhigen Tones wegen die weiteste Verbreitung wünschen mag. Wer dieses Schriftcheu mit Aufmerksamkeit durchlieft, wird sich der nachhaltigen Wirkung nicht entziehen können. Es mahnt, wie ein getreuer Eckardt, vor den entsetzlichen Folgen des religiösen^ Fanatismus, der vor dritthalbhundert Jahren Deutschland fast in eine Einöde verwandelte. Man hielt das Wiederaustreten desselben für unmöglich, da blieb es dem Ende des neunzehnten Jahrhunderts Vorbehalten, ihn zu verlebendigen. Vernehmlich genug für Alle, die nur hören und sehen wollen, erhebt der religiöse Fanatismus sein Haupt. Mit frommen, einschmeichelnden Worten sucht er die Gebildeten zu bethören, mit demagogischen Worten die große Menge zu entzünden. Schon ist die Brandfackel des Religionshasses, wie Manche wähnen, des Raffenhasses, in unser deutsches Volk geworfen. Das Feuer brennt schon, es ist noch ein kleines Feuer, allein hüten wir uns wohl, halten wir die Augen weit offen,. damit das kleine Feuer nicht weiter und lveiter um sich greift, bis es in lichter Lohe unser deutsches Land sengend und brennend verheert, bis socialer und religiöser Wahn sich die Hand reichen, unser Volk zu verderben, seinen Untergang zu besiegeln. „Die Geschichte aller Zeiten zeigt genugsam, lvie der religiöse Fanatismus fast der schlimmste von allen ist, mit lvelcher unheimlichen Schnelligkeit er wächst, die Geister verwirrend und bethörend, wie ihm auch sonst nüchterne und patriotische Männer zum Opfer fallen, bis der Tag kommt, wo sie mit Grauen erleben, daß der Geist, dem sie folgten und welchen sie riefen, ein Geist des Abgrundes ist." Er erinnert die Antisemiten, um ihnen zum Bewußtsein zu bringen, wohin ihr Treiben führen muß. an Spanien, wo . heute die Wunden noch nicht vernarbt sind, welche religiöser Fanatismus und Rassenhaß vor Jahrhunderten durch die Vertreibung von Mauren und Juden geschlagen haben. Er inacht darauf aufmerksam, daß „nirgends in den Büchern der Geschichte seit den Tagen der Zerstörung Jerusalems ein einziges Volk auf weitem Erdenrunde gefunden werden kann, welchem die Vertreibung oder Unterdrückung der Inden zum Heil gereicht hätte, daß es infolgedessen zu größerer, dauernder Blüthe sich entwickelt hätte. Die Geschichte scheint mir vielmehr das gerade Gegentheil zu beweisen." Der Freiherr v. Löhneysen erinnert an die vielfachen, geschichtlich beglaubigten Gräuel, welche christliche Priester im Namen der Religion angerichtet haben. „Diese blutgetränktem Blätter der Geschichte der christlichen Kirche bleiben für alle Zeiten eine entsetzliche, durch nichts zu verwischende Schmach." Soll man deshalb das Christenthum, die Religion der Nächstenliebe, dafür verantwortlich machen? Soll man den Anhängern Kalvins die von dem Genfer Reformator angeordnete Verbrennung des „Ketzers" Michael Servat vom 27. Oktober. 1553 nachtragen? So stagt der Verfasser. Aehnlich ist es mit den Juden der Fall. Soll man die Gesammtheit derselben um der Unthaten Einzelner willen büßen lassen? „Auch die jüdische Religion fordert die Nächstenliebe" sagt der echt fromme und bibelkundige Freiherr v. Löhneysen, und wer sich von diesem dem Jndenthum wie dem Christenthum gemeinsamen obersten Sittdkei8gefetzMfferpt> der ist ebenso wenig ein wahrer Christ wie ein echter Jude. Ruhig, aber entschieden, mild und ernst, aber dabei scharf und einschneidend redet er den unchristlichen Antisemiten ins Gewissen. Bor Allem aber ist er von einem Stayrme, der. wedM von. jüdischer Herkunft ist, noch durch Geschäftsinteressen irgend welcher Art eine Veranlassung hat, sich in den heftig entbrannten Tagesstreit zu mischen. Ihm ist es allein um die Verhinderung des Weiterumsichgreifens jener unserVM vergiftenden antisemiüschen Hetze zu thun. Möge ihm dieses menschenfreundliche Streben gelingen- Abgeordneter Dr. Emil Vyk gegen den Prinzen Liechtenstein. (Aus dem stenographischen Protocoll des Reichsrathes.) Ich habe außer dieser Frage noch eine Angelegenheit zu besprechen, welche für mich hochwichtig ist und, ich muß es anerkennen, von den Vertretern meines Landes in gleicher Weise für eine hochwichtige gehalten wird. Es ist das die Frage der Errichtung einer israelitischen theologischen Lehranstalt für unser Land, oder, wie die Regierung jetzt die Frage lösen will, für den Staat. Die Frage ist durchaus keine neue. Sie bedarf, wie so viele Sachen in Oesterreich, eine gute Weile, bis sie vorwärts kommt. Sie begann die erste amtliche Behandlung zu erfahren unter Kaiser Josef und Maria Theresia. Der erste amtliche Bericht über die Errichtung einer solchen Lehranstalt, der eigentlich im ganzen und großen das ausspricht, was auch heute noch für eine solche Anstalt zu wünschen wäre, datirt aus dem Jahre 1792 vom Statthaltereirathe, oder, wie es damals gelautet hat, Mittelrathe aus Prag, Franz Rieger. Seit der Zeit steht die Errichtung einer solchen Anstalt, ich möchte sagen, auf der Tagesordnung der österreichischen Verwaltung Man vergaß im Drange der napoleonischen Kriege selbstverständlich daran. Seit den Zwanziger-Jahren dieses Jahrhunderts kam die Frage wieder aufs Tapet unter Kaiser Franz; in den Dreißiger-Jahren erging sogar eine Verordnung und es wurde für kurze Zeit in Padua eine solche Anstalt errichtet. In den Vierziger-Jahren wollte man sie in Böhmen errichten und die Organisation war schon beinahe fertig. Das Jahr 1848 hat aber den Schwamm darüber gedrückt. ' Unter dem Grafen Thun zu Beginn der Fünfziger-Jahre lebt die Frage wieder auf. Der Unterrichtsminister Graf Thun beruft eine Enquete, diese spricht sich für die Nothwendigkeit aus, ein jüdisches Seminarium für Oesterreich zu activiren, die Verhandlungen gehen schleppend, die Sache wird nicht activirt. Im Jahre 1860 wird die Sache vom Staatsminister Goluchowski ausgenommen, der von der Verwaltung Galiziens kommend, große Vertrautheit mit den jüdischen Verhältnissen mitbringt und eine Allerhöchste Entschließung, die ich vor mir habe, vom 4. Juli 1860 erwirkt, womit die Errichtung einer solchen Lehranstalt für Galizien angeordnet wurde. Im Jahre 1862 wurde infolge dessen eine Enquete von der galizischen Statthalterei berufen; die dazwischen getretenen traurigen Ereignisse in Galizien, der Belagerungszustand, die militärischen Statthalter bringen die Frage ins Vergessen, die Anstalt wird nicht activirt. Die Frage taucht im Jahre 1870 wieder auf, wo Stremayr einen allerunterthänigsten Vortrag an Seine Majestät erstattet, im Grunde dessen eine kaiserliche Entschließung im Jahre 1870 erfließt, womit die Entscheidung getroffen wird, es solle eine solche Anstalt für die österreichischen Länder errichtet werden. Es werden durch einige Jahre seit 1870 ins Staatsbudget je einige Tausend Gulden eingestellt, aber die Anstalt wird nicht activirt. Der Minister Jirecek interessirt sich lebhaft für die Frage, beruft Fachmänner, bespricht die Organisation, erleidet aber das Los aller österreichischen Minister, daß er geht, ohne manche Frage, darunter auch. diese, zu Ende gebracht zu haben. 4 So sehen Sie, meine Herren, den Verlauf dieser Sache, der vielleicht die Staatsnothwendigkeit besser begründet und motivirt» als alle meine Beredsamkeit es vermöchte. Das Oesterreichs, des vorigen-Jahrhunderts, des Kaisers Josef und der Kaiserin Maria Theresia, das Oesterreich des Kaisers Franz