Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 5 (3.2.1893)
- Date
- 1893-02-03
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 5 Mir«. [3. Fekrnar 1893. X Iahrgaug.) ' Centrslorgan für die gesammten Interesten des Iudenthums. K. k. Postsxarrassenamt Elraringdrrkrhr Nr. 81V.S76. Nedarlion und Administration: Wien l. Ärsn; Josrfs-Nuai Nr. 8. Telephon-Nr. 6535. -H-- EigenLhümer: Reichsralhs-Adgeordneter Dr. Ktoch. ——- Erscheint jeden Freitag. Man sdonnirt bri allen PostnustaHrn des In- und Auslandes. Bezugspreis: Halbjährig 4 fl. Einzelexemplare 25 kr.! Anzeigen: Die 4mal gespaltete I PetttzeUe 12 fc. ft ■■■ - -==* Inhalt: Leitartikel: Internationale Strömungen. — Eine Mahnung zum Volkssrieden. — Abgeordneter Dr. Emil Byk gegen den Prinzen Liechtenstein. — Die Jndenfrage int preußischen Abgeordnetenhause. — Wie heben wir den religiösen Sinn unserer Mädchen und Frauen. — Eorrespondenzen: Wien, Marienbad, Oedenburg, Tanten, Moskau, Wilna, London, Malta. New-Uork, St. Louis. — Vermischtes: Wien, Vöslau bei Wien, Prag, Budapest, Krakau, Suczawa, Berlin, Breslau, Beuthen, Lublinitz, Posen, Glogan. — Feuilleton: Meschuge Hoschel. — Ein Gebet Josefs II. — Wochenkalender. — Briefkasten. — Inserate. Internationale Strömungen. Seit Jahren hat sich neben dem Worte „rothe Internationale" auch die Bezeichnung „goldene Internationale" in den Organen der conservativen und der reactionären Parteien eingebürgert. Das ist ein modernes Gedanken-Cliche, welches ein für allemal den untrennbaren Zusammenhang der idealen und materiellen Interessen aller Juden des Erdballs feststellen soll. Dieser Zusammenhang besteht unleugbar, nur ist es eine bewußte Heuchelei, denselben bei den Juden allein zu betonen. Er besteht unter allen Culturvölkern der Erde und die Vertreter ein und derselben Weltanschauung fühlen sich zu einer engen Solidarität verbunden, mögen sie diese Anschauung in Oesterreich,. Deutschland oder Frankreich, in Europa, Asien oder Amerika zur Geltung bringen. Nirgends aber tritt uns diese innige Verbindung so deutlich und greifbar gegenüber, als bei den reactionären und rückschrittlichen Parteien oder Ländern, weil unter denselben eine große, feinverzweigte Organisation vorhanden ist, welche den Vertretern des fortschrittlichen Princips mangelt. Das Wort von der „schwarzen Internationale" ist tausendfach mehr berechtigt als jenes von der „goldenen", denn gerade der Feudalismus ist eine internationale Macht, die überall mit den gleichen Waffen kämpft. Ein flagrantes Beispiel hiefür bieten die Wechselbeziehungen der conservativen Parteien in Deuffchland und in Oesterreich zu einander. Vor kurzem noch hat sich zwischen den Conservativen und den Antisemiten in Oesterreich ein scharfer Gegensatz bemerkbar gemacht. Seit dem Linzer Katholikentage hat dieser Gegensatz zu heftigen Auseinandersetzungen geführt und man sprach in beiden Lagern von einer „Scheidung der Geister". Da vollzog sich im Reiche draußen ein überraschendes Ereigniß. — Die conservative Partei vollzog mit fliegenden Fahnen ihre Bereinigung mit den Antisemiten. Mit der werkthätigen Unterstützung der Conservativen wurde Ahlwardt in den Reichstag gewählt und die Judenhetze als ein wirksames und volksthümliches Agitationsmittel gegen die freisinnigen Grundsätze ernannt. Die Rückwirkung dieses Ereignisses auf unsere österreichischen Verhältnisse war sofort bemerkbar. Der eben erst entbrannte Zwist zwischen der feudalclericalen und der antisemitischen Partei war im Nu beigelegt und der nunmehr vereinigten Kämpfer bemächtigte sich ein. erhöhtes Krastgefühl und verstärkte Kampflust. Die Reaction erhebt wieder mächtig ihr Haupt.' Es ist interessant, das Eindringen des reactionären Geistes aus allen Gebieten des öffentlichen Lebens zu verfolgen. Er macht sich aus wirth- ' schaftlichem Gebiete durch die Absicht geltend, das Zunftwesen auch auf die sogenannten kaufntännischen Betriebe zu übertragen, er offenbart sich auf culturellem Gebiete durch die Beschränkung der freien Lehre und der freien Forschung, ja er zeigt sich sogar in der Verminderung der parlamentarischen Redefreiheit und in der Bedrohung der parlamentarischen Immunität. Die „christlich-sociale" und die clerical - feudale Partei, welche bisher getrennt marschirt find,haben fich wieder gefunden. Ihr gemeinsames Ziel ist die consessionelle Schule,und es soll auf Schleichwegen erreicht werden. Die Frage des Schulgebetes ist der Punkt, wo die reactionären Hebel angesetzt werden. Das Reichs-Bolksschulgesetz soll bestehen bleiben, aber seines Inhaltes beraubt werden. Durch administrative Verordnungen und durch Verfügungen der Kirchenbehörden will man die Confessionalität der Schule zwar nicht de jure, aber äs facto statuiren. Es ist dies dieselbe Methode, durch welche es der Reaction gelungen ist, zahlreiche grundgefetzliche Freiheiten im Laufe der Jahre in ihrGegentheil zu verkehren. Und bedenkt man, wie einerseits die Rührigkeit und Siegeszuverficht der reactionären Elemente von Tag zu Tag wächst, und wie andererseits die fortschrittlichen Parteien in ihrer Actionskraft immer mehr erlahmen, dann kann man sich der traurigen Erkenntniß nicht verschließen, daß wir einer Epoche des entschiedenen und schier unaufhaltsamen Rückschrittes entgegengehen. Die Solidarität der Conservativen aller Länder festigt sich, während jene der liberalen Parteien fich in bedenklichster Weise lockert. Und mit Betrübniß muß constatirt werden, daß dieser Thatsache auch solche Parteien kalt und theilnahmslos gegenüberstehen, die bisher in der freien Entwicklung der Völker die einzige Möglichkeit erkannt haben, ihre Hoffnungen zu erfüllen und ihre eigene Freiheit wieder zu erlangen. Der Kampf um die freie Schule wird in der nächsten Zeit fast ausschließlich unser öffentliches Leben beherrschen, die Verfälschung der Gesetze wird weitere Fortschritte machen und unserem gesammten Staats- und Gesellschastsleben den Stempel der Unehrlichkeit und Täuschung aufdrücken. Einem solchen Zustande gegenüber wäre die gesetzliche Statuirung der konfessionellen Schule, durch welche doch die Anstellung einzelner Mischer Lehrer möglich wäre, noch vorzuziehen. Damit würde doch