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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1893-01-27 · 4 (27.1.1893) · page 17

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
10 (1893)
Issue
4 (27.1.1893)
Date
1893-01-27
Page
– (sequence 17)
Language
German
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9h*. 4 Oesterreichrfchr Wochenfthrrst Seite 71 Hand. Ihr stummer und doch so beredter Blick flehte um Vergebung und freundlich lud sie ihn zum Sitzen ein. Er begann zu erzählen, wie man in seinem Hause nichts von dem Verhältnisse der jungen Leute geahnt hatte, wie sich sein Sohn erst heute durch den übereilten Schritt des Mädchens zu einem Geständniß gedrängt gesehen, wie es endlich seinem — des Sprechers— und der Seinigen Vorstellungen und Bitten gelungen sei, die Beiden von unüberlegtem, vielleicht sündhaftem Vorhaben abzuhalten. — „Verzeiheil Sie ihnen Beiden" bat er abermals mit bewegter Stimme. „Es ist ja alles gut geworden und wird es auch bleiben. Er geht schon in den nächsten Tagen fort von hier — er wollte es schon früher — lange vorher — wir konnten nicht finden, was ihn forttreibt und wollten es niemals zugeben. Es ist hart für uns, ihn ziehen zu lassen — o Sie kennen ihn nicht, Sie wissen nicht .... — aber es ist nothwendig — das Beste. So werden sie es Beide am leichtesten überwinden. Die Zeit hilft über alles — und die Ferne niacht vergessen. O, dergleichen Wunden heilen dann schneller, als es die verliebten Leutchen für möglich halten." Er hatte das Letztere lächelnd gesprochen, sichtlich um die eigene Rührung zu verbergen, aber der scherzhafte Ton wollte ihm nicht recht gelingen; durch seine Stimme zitterte es in leisem Klange. Und da er auch aus dem Gesichte der Frau las, wie tief ihr Inneres bewegt war, mochte er wohl befürchten, seine Rührung werde ihn übermannen; er erhob sich plötzlich. „Also ich bringe sie Ihnen, seien Sie nicht hart mit ihr!" brachte er noch mühsam hervor, dann, gegen den Hausherrn gewandt, sprach er laut seinen Gruß nnd verneigte sich darauf gegen die Frau. Diese hatte sich gleichfalls erhoben und schickte sich an, ihn zu geleiten. Einen Augenblick hatte es den Anschein, als ob es der Fabrikant fühlte, wie sein Behüben wider artige Sitte verstoßen. Als wollte er der gesellschaftlichen Form nur halbwegs genügen, hatte er sich umgewandt. Aber da mußte sich's wieder wie Trotz in ihm regen. Seine Stirne zog sich in Falten und er verblieb an dem Platze., Finsteren Blickes starrte er auf die Thür, die. sich hinter dem Gaste und seiner Frau schloß. So verharrte er eine Weile, dann ließ er sich auf einen Sessel nieder. Dumpf vor sich hinbrütend saß er da.' Aber allmählig wandelte sich der Ausdruck seines Auges. Andere Gedanken regten sich hinter diesem Auge. War das ein Jude — dieser würdevolle Greis, aus dessen schlichten teilnahmsvollen Worten, aus dessen offenen treuherzig blickenden Augen ein warmfühlendes Herz gesprochen? War das einer von dem verhaßten Volke, das keiner edleren Regung fähig ist? Wieder faltete sich die Stirn des Mannes zu finsterem Ausdruck. Seine Hand fuhr darüber hin, als wollte sie verjagen, was sich wider seinem Willen hinter dieser Stirn empordrängte. Aber Recht und Vernunft haben eine starke Stimme — die Gedanken ließen sich nicht bannen. Und wieder änderte' sich der Blick des Auges. Es schien, als zögen Bilder aus vergangenen Tagen vor ihm vorüber. Und so war es. Der. Mann gedachte der Zeit, da er noch nicht in diesem seinem eigenen Hause wohnte. Sein Sohn lag ihm in schwerer Krankheit darnieder. Er hatte sich an die Partei, welche die über ihn befindliche Wohnung innehatte, gewandt, dem Lärm de.r Kinder zu wehren. Nur mit Widerstreben hatte er sich zur Bitte bewegen lassen und wenig Erfolg hatte er von seiner Demüthigung erhofft. — Denn, das Volk weiß nichts von Nächstenliebe, hat kein Herz für Fremder Leiden, ja freut sich ihrer sogar und sucht sie zu mehren". — Aber siehe da! In der oberen Wohnnng war es stille geworden. . Und er wußte doch, daß es kein geringes war, jugendlich ausgelassenen Uebermuth zu dämmen und fünf fröhliche, gesunde Knaben im engen Raume der Wohnung zur Ruhe zu verhalten. Und in theilnahmsvoller Weise hatte man sich überdies noch von oben mehrmals um das Befinden des Kranken erkundigt. — „Es ist eine Ausnahme", hatte er sich damals gesagt: „Es war eine Ausnahme" sagte sich der Mann auch jetzt wieder und schüttelte trotzig das Haupt, als wollte er die aufdringlichen, lästigen Gedanken davon abschütteln. Aber aus seiner Brust pochte es in deutlicher Frage: „War's wirklich nur Ausnahme? Und heute — dieser vornehme Greis? — weniger starr und düster war das Auge auf die Thür gerichtet, hinter welcher dieser Greis verschwunden war. In milderem Glanze strahlte es darin. Und nun tauchte sein Blick in noch weiter entlegene Zeit zurück, in die Tage der Kindheit, da er als fünfzehnjähriger Knabe in dem Gymnasium gesessen. In der vierten Classe war es gewesen — er wußte es genau — er hatte mit dieser Classe seine harte, mühselige Studienzeit abgeschlossen. Bor Beginn des Unterrichtes war es gewesen. Er blätterte in einem Bibliotheksbuche, das er zur Rückgabe in die Schule gebracht hatte. Da neigte sich ein blasses Knabengesicht zu ihm hin und warf neugierige Blicke in die während des Blätterns flüchtig auftauchenden Abbildungen. Und' in bescheiden bittendem Tone kam es von dem blassen Knaben: „Lass' mich sehen, Wiesberg!-Aber schon früh war der weiche, jedem. Eindrücke leicht erschlossene Kopf des Kind.s nach dem Willen des Großen geformt worden. Schon früh war in das offene Knabenherz der giftige Same gestreut worden, der später, zum üppig wuchernden Unkraute aufschießend, die Keime der Vernunft und des Rechtes erstickte. Schon früh war es dem jungen Wiesberg gelehrt worden, in dem Juden den Hassenswerthen, Verdächtigen zu sehen und seine Gesellschaft zu fliehen. — Und wie sich nun der blasse Knabe über das Buch neigen wollte, da stieß er — Wiesberg — den verhaßten Mitschüler unter einem höhnenden Schimpfworte zurück. Doch zu heftig und ungestüm war der Stoß gewesen. Die Stirne des thätlich und wörtlich Beleidigten schlug hart auf die Kante der Bank, daß sie dunkelunterlaufend anschwoll und aus einem Hautrisse blutete. Schreck und Furcht vor Strafe kam plötzlich über den Uebelthäter. Aber siehe! Der arg Mißhandelte schrieb dem Professor gegenüber die Schuld seine Verletzung sich selbst, eigener unvorsichtigen Bewegung zu. Und er — der Schuldige — hatte es damals der Feigheit, der Furcht vor dem Stärkeren beigemeffen, was den mißhandelten Knaben zur Lüge bewogen. Aber nun, da ihm dies alles durch den Sinn trieb, mußte er in dieser Lüge Edelsinn erkennen, Edelsinn nnd Hochherzigkeit, deren er selbst sich nicht fähig dünkte. Alle diese Erinnerungen schlugen jetzt über den rauhen Mann zusammen, griffen mächtig in seine Brust und brachen seinen Haß und seine trotzige Kraft. Und es war ein Jude gewesen — dieser edelfinnige Knabe! Und dieser ehrwürdige alte Mann, der ihn vorhin wider seinen Willen so sehr zu bewegen verstanden, daß er sich mehrmals gedrängt gefiihlt hatte, zu ihm hinzutreten — es war ein Jude — ein Jude! Dem Manne wurde es ganz schwül um die Brust bei all den Gedanken, die auf ihn einstürmten. Er sprang auf von dem Stuhle und durchmaß mit großen Schritten das Zimmer, da legte sich eine Hand auf seine Schulter. „Rudolf, ich bitte dich, sei gut mit ihr! Danks unserem Herrgott, daß es so gekommen!" Und da umschloß er das Weib mit seinen Armen. „Ja, Hedwig, ich dank's ihm. Er hat mir das Kind erhalten. Er hat's in mir Licht werden lassen. Ich hab's erkannt: es ist in uns allen Menschen Fehlund Schwäche; aber es steckt auch in jedem sein Gutes. Man muß es nur erkennen wollen. Und die das in ihrem Haß nicht mögen — sie sündigen gegen die Menschheit, gegen den Menschen in sich selbst. Ja, Hedwig, ich dank's unserem Herrgott. Er hat mich vor schwerem Unglück behütet, von sündhaftem Jrrthum befreit." In der harten Brust war es weich geworden. — Dem fünfzigjährigen Manne strömten die Thränen über die Wangen, als er später sein bleiches Mädchen an die Brust schloß. Lange fest hielt er es an die Baterbrust gedrückt. Dann aber ergriff er die Hand des alten Mannes, der ihm die verloren Geglaubte wieder zugeführt. „Freund! Bruder! Ja, Du sollst mir's sein von mm an. Es ist auch mein Gott, der Deine. Er gab mir eine Tochter, daß ich sie glücklich mache. Laß sie auch die Deine sein." — — Es war ein fteudiger Abend, der in dem Hause des Fabrikanten, dem quäl- und sorgenvollen Tage folgte. Seit diesem Abend hatte jene social-politisch gesinnte Partei der Stadt, welche das Himmelsfeuer, das ein Prometheus opferfreudig auf Erden brachte — das Licht edlerer Gesittung, höherer Erkenntnis, selbst nicht davon erleuchtet, auch der übrigen Menschheit vorzuenthalten sucht — seit diesem Abend hatte diese Partei einen ihrer einflußreichen Männer verloren. Mit dem Eifer eines Missionärs wirkte der reiche Fabrikant seit diesem Tage für das Interesse der anderen, von humanen Grundsätzen getragenen Partei, und mit der Beredsamkeit, welche Selbsterlebtes anch der sonst ungewandten Zunge verleiht, erzählte er da und dort einem oder dem anderen seiner ehemaligen Gesinnungsgenossen zu dessen Bekehrung die Geschichte seiner eigenen Wandlung. k' * Ti >

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