Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 4 (27.1.1893)
- Date
- 1893-01-27
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
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Seüe 70 OrsteMützifitze Wochenstchrifi Nr. 4 er sei ein Meister im Biolinspiel, wiewohl sein eigentlicher Beruf die Malerkunst wäre. Sie erzählte, wie sie ihn dann noch oftmals im Hause einer Freundin getroffen, gemeinsam mit ihm Musik betrieben hatte, wie er sie zuweilen auf dem Heimwege b^leitet und . . — die glühenden Wangen zuletzt in die Hände bergend, brach sie plötzlich ab. ... „Und so hat der wilde dunkelbraune Falke dort mein sanftes blondes Täubchen gehascht", ergänzte die Mutter lächelnd. „Du. scheues, furchtsames Täubchen! Und Du hieltest es so lange geheim vor mir! Geheim vor der Mutter! Geheim — weshalb, Minna? Ist er arm? Wir sind's nicht. Und auch er ist's nicht, kann's nicht sein. Er ist ein Künstler. Ich erkenne es an den Bildern — an Deinem — es ist zum Sprechen — ein Kunstwerk. Bring ihn getrost.... aber .... mein Gott . . .! Minna. . .!" Sie hielt erschreckt inne. Ein krampfhaftest Schluchzen brach aus der Brust des Mädchens und machte es an allen Gliedern erbeben. „Mutter! — er ist ein Jude". Tonlos war's — ein Hauch. Aber die Frau zuckte zusammen wie unter einem Donnerworte. „Ein . .! O mein Gott! — ein Jude! — Unglückliche! Bergiß es! — O Gott, sage vor ihm nichts — vor dem Vater! Ich bitte Dich — Du weißt... Um Gottes Willen, schweige von ihm!" Da warf das Mädchen den Kopf zurück. „Schweigen! Dulden!" sagte sie herben, bitteren Tones. Und plötzlich erhob sie sich. Hochaufgerichtet stand sie da. Wie mit einem Schlage hatte sich der Ausdruck ihrer Züge geändert. Aus ihrem Auge, eben noch voll Thränen, blitzte es auf. Wer es verstanden hätte, aus diesem jäh aufblitzenden Auge zu lesen! Es war ein willeusstarker Gedanke, der daraus sprach. — :- Und dieser Gedanke — in der Stille und Einsamkeit der Nachtstunden reiste er zum festen Entschlüsse: Nuir, da es die Mutter wußte, sollte auch er, der Vater — alle Welt sollte dann erfahren, wem sie liebte und daß sie ihn lieben werde — immer, immer, und daß sie von ihm nicht lassen werde — sie fühlte es: nicht lassen könne. Und mußte sie es denn! Könnte sie ihm nicht folgen in die weite Welt! Er wollte ja fort — weit — über's Mecr — ihretwegen. Heute, unerwartet hatte er ihr's mitgetheilt. Noch klangen ihr seine Worte in den Ohren, wie er ihr zugeredet: Liebe Minna, es kann nicht werden, wie ich es gehofft, da ich Dich kennen lernte, o, so gerne gehofft habe. Es ist eine Schranke zwischen uns; wir können nicht hinüber. Laß uns nicht wie arme Schwächlinge unsere Herzen zermartern. Wir sind jung, wir haben beide eine gute Trösterin: unsere Kunst. Da verwindet man leicht. Du wirst vergessen — Dein Glück findest — und ich — auch ich — man muß sein Heil versuchen — was kann die Zukunst nicht alles bergen! Und wenn nicht — man muß stark sein, muß sich fügen, muß entsagen können. Nur der Schwache verzweifelt. Sieh', ich verliere so weit mehr als Du. Dir bleiben die Eltern, der Bruder, Freunde — meiner wartet die kalte Fremde. Aber dennoch . . . Das Leben ist hart — man muß entsagen, muß sich fügen können." Das alles und noch ähnliches hatte er ihr gesagt — in scheinbarer Ruhe. Aber in seiner Brust mußte es gestürmt haben. Seine seltsam abgebrochene Rede, das leise Beben seiner Stimme, und daß er sich in seinen Worten zuweilen wiederholte, das alles hatte ihr's verrathen. Doch er wollte ihr nicht unmännlich, wollte ihr starkmüthig erscheinen. Und da hatte es sich wie Stolz in ihr geregt. Sie wollte nicht schwächer sein als er. Sie hatte sich gefügt. — Aber nun — mit jedem Herzschlag fühlte sie es, daß sie ihm angehörte, daß sie ohne ihm nicht zu leben vermöchte. Ja, er war ein Mann, stark und stolz; aber sie war nur ein schwaches, demüthiges, liebendes Mädchen. Doch war es denn auch wirklich Schwäche in ihr, was sie an ihm so sesthalten ließ! War es nicht vielmehr Stärke! — Diese Männer! Verzichten, entsagen — da meinen sie das Größte gethan! Und Entsagen ist doch leicht! Aber kämpfen für sein Glück, es erringen. O, er sollte sehen, daß ihre Liebe stärker sei als die seine, stark genug, um zu kämpfen, zu erringen! Und warum sollte sie denn auch entsagen! Weil es um sie herum Menschen gab, die nichts von jenem großen Gefühl der Liebe wußten, das alle Menschen zu umfassen vermag; weil es Menschen gab, die unstei waren, sich nicht aus den schmählichen Banden ungerechten B.orurtheils, aus den Banden blinden Hasses loszuringen vermochten! Nein, sie wollte sich deshalb ihr Glück nicht zerstören laffen — sie wollte nicht schweigen. Und sie schwieg nicht. Eine stürmische Frühstücksstunde war es, welche dieser schlaflosen Nacht folgte. Höhnisches, schneidendes Auflachen war die Antwort des Vaters. Worte voll Spott und Hohn, harte, rauhe, zornige-Worte, wie er sie sein Kind noch niemals hatte hören lassen, fielen, aus seinem Munde und machten das Mädchen am ganzen Leibe erbeben. Und unter einem , dieser Worte zuckte das jungfräuliche Wesen zusammen. Ihr schönes Antlitz erbleichte bis zum Tode. Dann aber leuchtete ' es in dem schwarzblauen Auge wieder in dem seltsamen Blitzen auf, das einen plötzlichen Entschluß ankündigt. Als die Thür krachend hinter dem harten Vater in's Schloß fiel, schloß die Mutter ihr Kind unter Thränen an die Brust. Aber weder sie, noch der Vater ahnten etwas von dem Entschlüsse, der die Seele ihres Kindes erfüllte. Am. Morgen des nächsten Tages war das Mädchen aus dem Hause verschwunden. In ihrem Zimmer fand man ein Schreiben — Worte des Dankes für die Pfleger ihrer Kindheit, aber auch Worte fester Entschlossenheit. Sie wisse es, was sie thue, verstoße gegen Herkommen und Sitte, gegen die Pflicht des Kindes. Aber eine höhere Pflicht zwinge ihr dies Thun auf, die Pflicht, auf die Stimme des Herzens zu hören, auf die Stimme, die mächtig sei wie ein Ruf Gottes. Sie würde ein Opfer bringen, das der Himmel nicht annähme, wenn sie nicht dem Drange ihres Herzens folgte. Den Augenblick kindlichen Gehorsams müßte sie mit einem langen trostlosen, elenden Leben bezahlen. Und das Bewußtsein, sie selbst, durch ihre Schwäche, habe es verschuldet, daß ihr kein Glück erblühe, müßte sie Niederdrücken. Die Eltern mögen ihr vergeben, sie habe lange gerungen mit den Wünschen ihres Herzens, aber sie könne nicht anders, um nichtigen Vorurtheils willen dürfe sie sich ihr Lebensglück nicht zerstören lassen. Bestürzung und Aufregung füllte das Haus des reichen Fabrikanten. In lautlosem Schmerze rang seine Gattin die Hände. Er selbst ging umher wie ein Verlorener, bleich, aber finster, verschlossen, mit fest zusammengepreßten Lippen, als wollte er mit Gewalt von ihnen zurückhalten, was sich aus seiner Seele empordrängte. Nur ab und zu entrang sich ihm ein kurzes höhnendes, zorniges Wort. Doch man konnte es seinein Tone anmerke'n: es kam nicht aus dem Innern; die Lippen sprachen es nur gezwungen, die Stimme der Brust zu übertönen. Der stille Jammer der Frau,. die lauten, rückhaltlosen Anklagen des Sohnes, die Vorwürfe der eigenen Mutter — das alles schnitt dem Manne in's Herz. Noch mehr aber drückten ihm die in der eigenen Brust hämmernden Selbstanklagen. Er war zu hart, zu rauh gewesen gegen das Mädchen. Und sie war doch nur ein unglückliches, unschuldiges, verführtes Mädchen. Sie hatte ein Recht, gehabt, aus dem Hause zu fliehen. Seine harten, unväterlichen Worte hatten sie aller ihrer Verpflichtung gegen ihn enthoben. Ja, er allein hatte sie fortgetrieben aus dem Hause, vielleicht in's Elend . . . vielleicht ... er wagte es gar nicht auszudenken. Denn jetzt erst hatte er die Art seines Mädchens erkannt. Sie war eine jener stillen ernsten Naturen, die, entgegengesetzt zu den heiteren, auch zum Aeußersten entschlossen sind, die ganz allein einer ganzen Welt zu trotzen vermögen.. Und er hatte dieses Mädchen gereizt zum Widerstande durch harte, schwer beleidigende Worte. Solche Gedanken durchwühlten die Brust des. Mannes. So ging der qualvolle Tag zu Ende. Von dem Mädchen fand sich keine Spur. Da ließ sich zur späten Abendstunde ein Mann melden; er bringe Kunde von der Entschwundenen. Es war eine hohe, ehrwürdige Greisengestalt, die in das Zimmer trat. . „Ich komme von Ihrer Tochter— für sie bitten" — es war des Alten erstes Wort. istit Doppelschrei der Freude gab ihm Antwort. O zürnen Sie ihr nicht!" fuhr der Greis fort. „Sie ist ein armes, thörichtes Mädchen, ein empfindliches, vorschnelles Künstlerherz — und auch er — tragen Sie es auch ihm nicht nach — er ist ein Unglücklicher — er wußte nichts um den Schritt ihrer Tochter — verzeihen Sie auch meinem Sohne —!" „Ihr Sohn!" fiel ihm der Fabrikant in's Wort und seine Brauen zogen sich finster zusammen, „also .... dachte ich's doch ... der Bube, der Entführer! — und Sie . . .°‘ Aber auf den flehenden Ruf und Blick seiner Frau brach er plötzlich ab. Doch aus seinem Auge sprach Zorn und Grimm. Dann wandte er sich mit mißächtlicher Geberde weg und trat, dem Gaue den Rücken kehrend, an das Fenster. Der freudige Glanz, der vorhin des Alten - Gesicht durchleuchtet hatte, war gewichen. Eine Weile stand er schweigend da, gesenkten Blickes. Aber die Frau des Hauses ergriff ihn an der